Auf Obwegen. Schreiben wollen, Formulieren können und verstanden werden

Der erste Satz eines Textes wird komponiert; doch er sollte keine Fahrstuhlmusik, sondern ein Wortrockkonzert sein!
Lesen und schaudern Sie zu Beginn, wie man es gerade nicht macht:

„Ob ob „ob“ „wegen“ weniger oft denn „ob“ selbst vorkommt, also ob dem „ob“ seinem Selbst, gleichsam ob dem dem „ob“ ihärentem wegen, demnach quasi doch bloß ob der Existenz „ob“s? Mitnichten.“

Nichts außer Textquark! Und dabei hätte man es so viel schöner sagen können – wenn man es überhaupt sagen wollte. Folgend ein paar Überlegungen zum Schreiben, Formulieren und Verstehen von Texten (und eine Übersetzung der obigen Wortwirren gibt’s auch noch, wenn Sie mögen.)

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1. Schreiben wollen
Im Blogeintrag dieser Woche beziehe ich mich auf das Buch „Deutsch für junge Profis“ von Wolf Schneider. Gleichsam man nicht alle seine Thesen zur Sprache teilen muss, ist und bleibt Herr Schneider doch ein Vorbild für stilsicheres Schreiben. Ein Blick in seine Bücher sei allen Sprachverliebten und Texterschaffenden nachdrücklich ans Herz gelegt.

„Am Anfang steht die Erkenntnis: Ein Text ist nicht schon deshalb gut, weil er (a) korrekt und (b) von mir ist.“ (Schneider 2012: S. 9) Mit diesem Hinweis entlässt uns Schneider zu Anfang in sein Buch – und schon aus diesem Satz kann jeder Schreiber Wichtiges lernen. Auf den Inhalt und auf die Verpackung kommt es an, denn auf „Basis der korrekten Grammatik muss ich eine Kunst erlernen […]“ (ebd.: S. 9).

Aus den Normierungen (den Vorschriften der Sprache) heraus muss ich das Grenzenlose, das Kreative entwickeln. Gleichzeitig muss ich mir bewusst werden, dass deswegen nicht alles, was ich schreibe, auch gut ist. Die Kunst besteht darin, zu sagen: Das Thema ist gut, mein Text bescheiden – Wohlauf denn, neu ans Werk! Die Bereitschaft, das Wort Synapsenaktivitätsresultat zu streichen und stattdessen Geistesblitz zu schreiben, ist ein erster Anfang. Kritisch mit sich selbst sein und nicht für sich, sondern seine Leser den Stift führen – das sollte aller Wörter Anfang sein.

2. Formulieren können
Mit dem guten Willen ist es freilich dann noch nicht getan. Nur weil ich nicht ausschließlich für mich schreiben will, entsteht noch kein guter Text. Wolf Schneider liefert 32 kurze Kapitel, die zum Nachmachen einladen. Doch obgleich ich alle Kapitel empfehle, kann ich hier nicht auf alle eingehen. Deswegen sollen nur ein paar pfiffige Hilfen herausgepickt werden.

Das Wichtigste dabei gleich zum Anfang. Hat der Leser keine Lust weiterzulesen, dann liest er auch nicht weiter. Versuch gescheitert, Text tot. Schneider schreibt: „160 Zeichen oder 10 Sekunden lang haben Sie Zeit den furiosen ersten Satz anzureichern, auszupolstern […] Nach 20 Sekunden oder 350 Zeichen jedenfalls ist alles verloren.“ (Schneider 2012: S.20f.) Heißt: Vieles kann schiefgehen beim Schreiben, aber geht es am Anfang schief, dann ist der Rest auf jeden Fall verloren.

Natürlich gibt es Texte, denen mit furiosen ersten Sätzen nicht gedient ist (Doktorarbeiten, Kondolenzschreiben etc.), das weiß Schneider natürlich auch. Aber der Text, der einen Leser erst gewinnen muss, um gelesen zu werden, der tut gut daran, Wortwirbel und Satzspitzen toben zu lassen. Auf dass diese den Leser mitreisen und antreiben. Konkret: Der „erste Satz“ des Textes ist meist nicht der zuerst geschriebene Satz.

Also weiter. Der Text steht, der erste Satz zündet. Nun heißt es kontrollieren, den eigenen Text erforschen. Man weiß was drin steht, aber oft muss man noch entdecken, wie man es eigentlich geschrieben hat. Und nicht alles, was man findet, ist immer schön. Für konkrete Schreibhilfe: lesen sie Schneider. Zusammengefasst: schreiben Sie klar und prägnant, schreiben Sie verständlich, warten oder tüfteln Sie an guten Ideen. Verwenden Sie wenig Adjektive aber kraftvolle Verben, und meißeln Sie starke Sätze mit starken Substantiven. Erfüllen Sie Erwartungen und schreiben Sie anschaulich.

3. Verstanden werden
Viel gelesen wird viel, das war die These des letzten Blogeintrags. Aber damit viel gelesen wird, muss umso mehr geschrieben worden sein. Denn obschon nicht jeder alles liest, so wird man das Gefühl nicht los, dass jeder alles aufschreibt – denn Schreib-Blogs haben Schreib-Blöcke schon lang ersetzt. Nun ist es natürlich das Ziel von uns allen, gute Texte zu schreiben. Dennoch wird nicht jeder Text gut und viele Texte sind kompliziert und unverständlich. Dann ist es manchmal so, als müsse man die Spiegeltür im Spiegellabyrinth finden: Konzentration und bloß nicht verwirren lassen!

Aber wie das Wetter, so kann man sich nicht immer aussuchen, was man liest. Muss man einen komplizierten, im Mittel mäßigen Text lesen und verstehen, dann gilt es Geduld zu haben. Suchen Sie das Thema des Textes – und wenngleich es der Autor manchmal wohl selbst nicht so genau wusste, fragen Sie: „Was will man mir sagen?“. Bekommen Sie ein Gespür, wo es hingehen soll.

Danach lösen Sie komplizierte Wörter auf. Machen Sie aus der Lapidarmarginalie „Unwichtiges“ und aus der „Produktgewinnoptimierungsmaßnahmendurchsetzung“ die „Preiserhöhung“. Wenn Sie nun lesen, dass die „Produktgewinnoptimierungsmaßnahmendurchsetzung keine Lapidarmarginalie ist“, dann wissen Sie schon, dass „Preiserhöhung nichts Unwichtiges“ ist.

Daraus schlussfolgern Sie, dass das Unternehmen wohl bald schon sein Gewinninteresse auf die Kunden umlegen wird. Schlussendlich verkürzen Sie zu „Alles wird wieder teurer werden“ – und Sie sind am Ende.
(Und weil Sie wissen, wie man einen unverständlichen Text verständlich macht, wissen Sie auch, wie man ihn selbst schreibt, um sofort verstanden zu werden.)

Buchempfehlung und Quellenangabe:
Schneider, Wolf: Deutsch für junge Profis : Wie man gut und lebendig schreibt.
3. Aufl. Reinbek bei Hamburg : Rowohlt,
2012. – ISBN 978-3-49962-629-6

Ende des Beitrags! Wer jetzt noch weiterliest, ist selber schuld und wird schon sehen, was er davon hat.
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4. Die Übersetzung
Her mit dem Satzscheusal vom Anfang! Testen wir das Ganze einmal am Beispiel:

„Ob ob „ob“ „wegen“ weniger oft denn „ob“ selbst vorkommt, also ob dem „ob“ seinem Selbst, gleichsam ob dem dem „ob“ ihärentem wegen, demnach quasi doch bloß ob der Existenz „ob“s? Mitnichten.“

Es geht scheinbar um die Wörter „ob“ und „wegen“. Nun wird gegliedert, aufgelöst und umgeschrieben:

„[Ob]1 [ob]2 [„ob“]3 [„wegen“]4 [weniger oft denn]5 [„ob“ selbst]6 [vorkommt]7, [also ob]8 [dem „ob“ seinem Selbst]9, [gleichsam ob dem]10 [dem „ob“ ihärentem wegen]11, [demnach quasi doch bloß]12 [ob]13 [der Existenz „ob“s]14? [Mitnichten]15.“

„[Ob]1 [wegen]2 [dem Wörtchen „ob“]3 [das Wörtchen „wegen“]4 [weniger oft als]5 [das Wörtchen „ob“ selbst]6 [vorkommt]7, [also wegen]8 [dem „ob“ seinem Selbst]9, [gleichsam wegen dem]10 [dem Wörtchen „ob“ innewohnendem wegen]11, [demnach also doch nur]12 [wegen]13 [der Existenz des Wörtchens „ob“]14? [Nein]15.“

Es sieht schon fast aus wie ein deutscher Satz. Nun noch Ausformulieren und die restlichen Verklausulierungen verständlich machen:

„Kann es sein, dass durch das Vorhandensein des Wörtchens „ob“ das Wörtchen „wegen“ weniger oft genutzt wird als das Wörtchen „ob“? Ein Grund dies anzunehmen liegt in der Beschaffenheit des Wörtchens „ob“. Denn dieses ist mehrdeutig und besitzt ebenfalls die Funktion des Wörtchens „wegen“. Es ist mit ihm bedeutungsgleich, wird es nicht als Konjunktion benutzt („Ich frage mich, ob sie rechtzeitig ankommen wird.“), sondern als Präposition („Sie kam nicht rechtzeitig an ob/wegen des schlechten Wetters.“). Ist es also der Fall, dass allein durch das bloße Vorhandensein des bedeutungsgleichen Wortes „ob“ das Wort „wegen“ seltener benutzt wird? Die Antwort lautet: „Nein“. Denn „ob“ als Präposition hat das Wort „wegen“ keinesfalls verdrängt und kommt sogar seltener vor, da es, laut Duden, gehoben veraltend ist.“

Aha! Darum geht’s also. Aber was will uns der Text sagen? Wir verkürzen:

„Auch wenn die Wörter „ob“ und „wegen“ teilweise bedeutungsgleich sind, so wird „ob“ seltener verwendet“. Oder: „Verwenden Sie „wegen“, denn „ob“ kommt als Präposition aus der Mode.“

Und wenn Sie dann feststellen, dass Sie dies den Lesern eigentlich gar nicht sagen wollen, dann ersparen Sie sich und den Lesern das nächste Mal all die Mühe. Folgen Sie keinen Obwegen, sondern kommen Sie schnell ans Ziel. Haben Sie eine gute Idee, schreiben Sie einen guten Text dazu. Das ist schwer, aber es lohnt sich.

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Über Sebastian Schmidt

Ich arbeite als freier Lektor (www.lektorat-textbasis.de) und mag gute Bücher. Vor meiner freiberuflichen Tätigkeit habe ich Germanistik und Philosophie studiert (M. A.) sowie als Bibliotheksangestellter gearbeitet. Neben der Zusammenarbeit mit Autoren und Verlagen liebe ich die Musik. Blogadresse: textbasis.wordpress.com Zeige alle Beiträge von Sebastian Schmidt

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