Du kanst misch mal lesen! Rechtschreibung und Höflichkeit

hallo zum Blogeintrahg fon die Woche!

Fühlen Sie sich begrüßt? Aber verstanden haben Sie schon, was da oben steht – von daher kann ich mich eigentlich entspannt zurücklehnen.

So einfach liegt die Sache dann wohl doch nicht und ich heiße Sie auch diese Woche wieder herzlich willkommen zum sonntäglichen Blogeintrag hier auf dem textbasis.blog. Heute geht es um korrekte Rechtschreibung und warum es sinnvoll ist, seine Texte zumindest kurz zu überfliegen, nachdem man mit dem Tippen fertig ist.

Stellen Sie sich vor, Sie bekommen eine atemberaubende Gehaltserhöhung und finden folgendes Schreiben dabei:

Seer gehrte Frau Muster, führ ihre dolle Abreit habe ich mich entschloßen Ihnen ab so fort viel mehr Gelt, dobbelt so viel, zu bezahln. Vilen Dank!

Ich meine, man könnte damit leben, dass der Verfasser eventuell noch das Eine oder Andere bezüglich der deutschen Rechtschreibung lernen könnte. Denn ab sofort klingeln die Kassen – und was bedeutet da schon dieser oberflächliche Wisch?
Andererseits ist es in vielen Fällen gerade nicht so, dass es keine Rolle spielt, wie ein Text geschrieben wurde. Die Idee zu diesem Blogeintrag kam mir während des Lesens folgender Textstelle:

The sight of this ill-spelled, badly written document was the final blow; its crudities stung me even more than the message it contained, though this was blunt enough.1 (auf Deutsch: „Der Anblick dieses falsch geschriebenen, schlecht verfassten Schriftstücks war die traurige Krönung; seine Schroffheiten trafen mich mehr als die Botschaft, die es barg, obgleich diese schonungslos genug war.“)

Die Sprecherin ist die Romanfigur Evelyn. Zusammen mit einem Liebesschwindler floh sie vom Anwesen ihres Großvaters. Dieser, sehr verärgert, enterbte Evelyn. Als Alberto, der besagte Liebesschwindler, davon erfährt, lässt er Evelyn mittellos und allein in Italien sitzen; in seinem Abschiedsbrief erwähnt er, dass er sich auf die Suche nach einträglicherer Gesellschaft begeben habe.
Trotz aller Kürze der geschilderten Ereignisse ist die Reaktion Evelyns auf die hinterlassene Nachricht verwunderlich. Die Art und Weise, wie Alberto geschrieben hatte, schmerzt sie mehr als die Botschaft selbst!

Nun haben wir zwei Beispiele: die Gehaltserhöhung und Albertos Botschaft an Evelyn. Im ersten Fall ist die Rechtschreibung vernachlässigbar und Frau Muster freut sich über den Inhalt. Im zweiten Fall vernachlässigt Evelyn den Inhalt und ist erbost über die Rechtschreibung. Denkt man über diese beiden widersprüchlichen Beispiele nach, kommt man schnell zu einer Einsicht: Rechtschreibung ist nicht allein deswegen wichtig, um verstanden zu werden. Sie dient überdies dazu, sich angemessen auszudrücken.

Denn auch wenn etwas grauhenfoll falch geschrieben ist, verstehen wir meist, was gemeint ist (und der Gurnd dfüar ist nihct aeilln, dsas die Bchuastebnolgfe in eienm Wort gar nchit so wchiitg ist). Der Grund ist vielmehr, dass wir uns die Fehler beim Lesen wegdenken, weil wir vom Wort zum Sinn wollen. Unsere Neugier ist einfach zu groß, denn wir wollen erfahren, was da steht. Wir wollen nicht an Rechtschreibfehlern hängenbleiben.
Aber das schiene dann ja doch zu heißen, dass man eigentlich gar nicht richtig schreiben müsse, wenn des Lesers Neugier schon dafür sorgen werde, den Sinn zu finden. (Was dabei nicht immer so leicht für den Leser ist, wenn man beispielsweise statt von Uranvorkommen von Urahnvorkommen spricht).

Doch Vorsicht mit solchen Schlussfolgerungen. Denn egal ist es sicherlich nicht, wie man schreibt. Dies führt uns Evelyns Reaktion deutlich vor Augen. Für sie ist die Nachricht der Dolch; jedoch die Stiche desselben in ihr Herz sind die Fehler und der Unflat des Textstücks! Indem der Schwindler Alberto sich keine Mühe gab, ordentlich zu schreiben, beschmutzte er Evelyn umso mehr. Dass er sich nicht die Zeit genommen hat, ihr wenigstens einen letzten Rest Respekt entgegenzubringen und dass er die Nachricht schrieb wie eine unbedeutende Einkaufsliste, das erschüttert die arme Evelyn – und das ist es auch, was jeden Leser erschüttert: dem Autor nichts zu bedeuten!

Denn der Leser ist nicht so doof, dass er nicht versteht, was da vor ihm steht – und sei es noch so falsch und schrecklich geschrieben. Er wird nur nicht allzu oft so gutherzig sein, die Respektlosigkeit des Autors zu vergeben. Wie man nicht sagt: „Ey, du Bäcker, mach mirn Sack voll Brötchen!“, so schreibt man auch nicht: „kanst du mir bite beim Mahlern helfen Morgen mittag!?mfg“.
Wenn der Leser nicht spürt, dass sich der Autor alle Mühe gibt, kein grober Alberto zu sein, dann wird der Leser nie glücklich frohlocken – und auch nie denken: Das liest sich gut, das hat er schön gesagt, der schreibt toll, den les ich wieder!“

Es reicht demnach nicht, sich nur verständlich zu machen. Der Leser erkennt nahezu immer, was man von ihm will. Es kommt darauf an, dem Leser zu vermitteln: Dafür, dass du meinen Text liest, danke ich dir – und sei es nur dadurch, dass ich mir für dich Mühe gegeben habe beim Schreiben. Der Inhalt mag dann sein wie er will, aber diese Höflichkeit sollte die Voraussetzung jedes Textes sein. Sie ist der Dank dafür, dass ein Leser sich überhaupt Zeit nimmt, meinen Text zu lesen.

Und wenn man sich große Mühe gegeben hat und der Leser das auch spürt, dann macht es auch nichts, wenn sich mal ein Tippfelher einschleicht oder man das ein oder andere Komma falsch gesetzt hat. Denn es kommt nicht darauf an, perfekt zu sein, es kommt darauf an: höflich zu sein. Wer es gut meint, mit dem meint man es auch gut. Wer sich aber gar keine Mühe gibt, von dem wird man schnell denken, dass er nicht nur unhöflich ist, sondern dass er wohl auch gar nicht anders schreiben kann. Dann hatte man zwar immerhin für kurze Zeit überhaupt einen Leser; doch was man dagegen lang haben wird, sind keine Leser.

PS: Deswegen sollte man auch bei dem Schreiben zur obigen Gehaltserhöhung stutzig werden. Ist der Chef nicht in der Lage, ein Mindestmaß an Höflichkeit und richtiger Rechtschreibung aufzubringen, dann wird er wohl auch kaum in der Lage sein abzuschätzen, ob es finanziell überhaupt möglich ist, doppelt so viel Gehalt zu zahlen. Denn lieber etwas weniger Geld über einen sehr langen Zeitraum, als viel Geld über einen ganz, ganz kurzen.

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1 Peters, Elizabeth: Crocodile on the sandbank. In: Peters, Elizabeth: Amelia Peabody Omnibus : Books 1–4. [E-Book]. Kindle Position: 433/23004.
London : Constable & Robinson
2012. – ISBN 978-1-78033-978-8

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Über Sebastian Schmidt

Ich arbeite als freier Lektor (www.lektorat-textbasis.de) und mag gute Bücher. Vor meiner freiberuflichen Tätigkeit habe ich Germanistik und Philosophie studiert (M. A.) sowie als Bibliotheksangestellter gearbeitet. Neben der Zusammenarbeit mit Autoren und Verlagen liebe ich die Musik. Blogadresse: textbasis.wordpress.com Zeige alle Beiträge von Sebastian Schmidt

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