Monatsarchiv: Februar 2013

„Papier: Ich liebe dich.“ Warum zum Buch mehr als nur der Text gehört

Das Papier versteckt sich zwar hinter den Buchstaben, ist jedoch für das Buch wie das Mehl für die Brötchen. Und wie jedes Mehl erst seine ganz eigene Semmel macht, so macht auch jedes Papier erst sein Büchlein. Es ist wahr: Oft kauf man sich ein Buch nicht deswegen, da man es auf dessen Papier abgesehen hat, sondern vielmehr, weil man den Inhalt lesen möchte. Wahr ist aber auch, dass wir ein Buch ohne Papier nur in den seltensten Fällen als Buch bezeichnen würden. Ich möchte erstgenannten Vergleich mit der Bäckersstube im Folgenden nicht überstrapazieren, jedoch darf er hier und da gern von Ihnen erinnert werden. Damit herzlich willkommen zum Blogeintrag dieser Woche.

Im Buch „Basiswissen Herstellung für Buchhändler“ von Hans-Heinrich Ruta1 findet sich ein sehr schönes und kompaktes Kapitel über Papierarten und Papierherstellung (vgl. Ruta 2010: S. 83–99). Darauf beziehe ich mich folgend, empfehle jedoch zur Vertiefung, selbst einen Blick in besagtes Buch zu werfen, da hier natürlich nur angeschnitten werden kann, was dort ausgeführt wurde.

Dass für die Herstellung von Papier Holz benötigt wird, ist allgemein bekannt. Weniger bekannt dürfte hingegen sein, dass „50 Prozent des in der Zellstoff- und Papierindustrie eingesetzten Holzes […] aus der Durchforstung von Waldbeständen“ stammt. (ebd. S. 84) Im weiteren Produktionsverlauf entsteht aus diesem Holz entweder Holzschliff oder Zellstoff. Dabei unterscheidet sich Zellstoff vom Holzschliff in der Hauptsache dadurch, dass er kein Lignin (der Stoff, der für die Vergilbung verantwortlich ist) enthält und zu weißerem, saubererem Papier führt. Gemeinsam ist Holzschliff und Zellstoff, dass sie die begehrten Holzfasern enthalten, welche dem Papier seine Reißfestigkeit verleihen. Papier aus Holzschliff wird holzhaltiges und Papier aus Zellstoff holzfreies Papier genannt.

Ein weiterer wichtiger Faktor, um Papiere zu unterscheiden, ist die Beziehung zwischen Produktion und Umwelt bzw. Umweltschutz (nämlich damit man auch in Zukunft den Wald vor lauter Bäume nicht sehen kann; und nicht: wegen keiner Bäume mehr). Eingesetzte Bleichmittel (1), die Verwendung von Altpapier (2) oder das Beziehen von Holz aus nachhaltiger Forstwirtschaft (3) sind Anhaltspunkte zur Unterteilung. Wird im Arbeitsschritt der Zellstoffbleiche auf den Einsatz von schädlichem Chlor und schädlichen Chlorverbindungen verzichtet und stattdessen Sauerstoff und Wasserstoffperoxid eingesetzt, so spricht man von chlorfreiem Papier (1). Recyclingpapier entsteht unter Verwendung von Altpapier und wird dementsprechend als altpapierhaltiges Papier (2) bezeichnet. Kommt das verwendete Holz aus Wäldern, die nach speziellen Richtlinien bewirtschaftete werden, so kann es verschieden zertifiziert werden, beispielsweise nach den strengen FSC– oder den lockereren PEFC-Vorschriften für Nachhaltigkeit (vgl. ebd.: S. 97–99).

Über die erwähnten Punkte hinaus kann das hergestellte Papier in weiteren Arbeitsschritten noch zusätzlich veredelt werden, um zum Beispiel sehr glattes und gleichmäßiges Papier zu erhalten, das sich besonders gut zum Abdrucken hochauflösender Bilder eignet. Auch beeinflusst man durch Zugabe bestimmter Zusatzstoffe die Transparenz des Papiers oder dessen ganz eigene, charakteristische Papierfarbe (von mattgrau über cremegelb bis hin zu glanzweiß). Die Möglichkeiten sind nahezu unbegrenzt (und werden durch einen passenden Papiernamen überdies unterstrichen: „Mondenschein hell“, „Cheesecake“ ect. etc.) Ohne an dieser Stelle weiter ins Detail gehen zu wollen (und ohne alle Unterscheidungsmerkmale genannt zu haben, welche bei Ruta behandelt werden), wird ersichtlich, dass nicht ein Papier dem anderen gleicht.

Wenn man nun eines seiner geliebten Bücher in die Hand nimmt und ganz bewusst auch auf die Wechselwirkung zwischen dem Berührungsgefühl, der Papierfarbe und anderen Papiereigenschaften achtet (die oft im Impressum genannt werden), so fügt man dem Lesegenuss eine weitere Dimension hinzu. Ebenso wie die Schrift und das Layout das Lesen beeinflussen, so beeinflusst auch das verwendete Papier den Eindruck, welchen ein Buch in uns hinterlässt. Damit wird deutlich die Überzeugung unterstrichen, dass die Liebe zum Buch viel mehr ist als die Liebe, beim Lesen nur irgendetwas in der Hand zu halten.

Die Liebe zum Buch ist auch immer die Liebe zu den Details. Dabei spielt es keine Rolle, ob diese Details sich äußern in einer raffinierten Handlung, schönen Worten und Sätzen, einer besonderen Schrift, einem harmonischen Layout oder der Verwendung eines speziellen Papiers. Lesen bedeutet Lieben. Und Bücher kann man nur im Ganzen lieben: als Kunstwerke, die nicht allein vom Inhalt bestimmt werden. Denn dieser braucht das Buch (und sei es auch ein elektronisches) ebenso, wie kein Buch auf seine Wörter verzichten kann. In diesem Sinne: Denken Sie sich ein Brötchen ohne Mehl, und übrig bleibt ein Buch ohne Papier – man mag einfach nicht reinbeißen.

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Quellenangabe:
1 Ruta, Hans-Heinrich: Basiswissen Herstellung für Buchhändler. S. 83–99.
Frankfurt a. M.: Bramann,
2010. – ISBN 987-3-934054-27-1

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Alter Grieche! Aristoteles’ Poetik #1 – Sympathie

Wie im Roman, so im Leben. Manchmal hört oder liest man einen Satz und denkt sich: da steckt viel Wahrheit drin!. Dabei ist es eigentlich unklar, was man mit „Wahrheit“ genau meint. Der Satz passt eben einfach gerade gut. Eventuell denkt man auch an etwas völlig anderes, als das, was der Autor oder Sprecher meinte. Dies schließt direkt an den Beitrag von vorletzter Woche an, wo es ja um die Möglichkeit ging, Texte absichtlich für den Leser offen und mehrdeutig zu lassen. Denn in einem Text steckt nicht nur, was der Autor sagen wollte, sondern vielmehr eine Blaupause für unendlich viele eigene Gedanken.

Auf diese Weise möchte ich mich auch mit der Poetik von Aristoteles beschäftigen (eine Poetik ist dabei ein Werk, welches Hinweise zum richtigen Schreiben gibt). Weder soll eine wissenschaftliche Auseinandersetzung erfolgen, noch soll die Bedeutung des Werkes mit anderen Poetiken verglichen werden. Vielmehr will ich einzelne Sätze herausgreifen und zusammen mit Ihnen ein bisschen über diese nachdenken und ein paar Überlegungen ableiten, welche für das tägliche Schreiben nützlich sein können. Auf diese Weise geraten die Klassiker nicht in Vergessenheit und es entsteht lebhafter, staubfreier Dialog.

Beschäftigen wir uns also heute mit einem kurzen Zitat gleich aus dem Beginn der Poetik.

„Die Nachahmenden ahmen handelnde Menschen nach. Diese sind notwendigerweise entweder gut oder schlecht. Denn die Charaktere fallen fast stets unter eine dieser beiden Kategorien; alle Menschen unterscheiden sich nämlich, was ihren Charakter betrifft, durch Schlechtigkeit und Güte.“1

Die „Nachahmenden“ können wir als die Autoren verstehen, welche in ihren Büchern die Welt nachahmen. Autoren schreiben erfundene Geschichten in eine Welt, die unserer ähnlich ist. In diesen Geschichten kommen Personen vor, die „entweder gut oder schlecht“ sind. Nun möchte man nicht so schwarz-weiß malen und alle Menschen in gute und schlechte einteilen. Sagen wir also: alle Menschen sind unterschiedlich sympathisch. Dazu zählen die Menschen der realen Welt, als auch die Personen in einem Roman. Geht man nun derart mit Aristoteles mit, so unterscheiden sich eben alle Menschen und Romanfiguren dadurch, dass sie unterschiedlich sympathisch sind.

Behalten wir folgende Worte im Hinterkopf: „die Charaktere fallen fast stets unter eine dieser beiden Kategorien“. Also: sympathisch oder unsympathisch. An dieser Stelle können wir aus dem alten Griechenland ins Jetzt zurückkehren. Wuschhh… Denken wir nur daran, wie schnell wir im Alltag unterscheiden können, ob uns jemand sympathisch ist oder ob wir das Gefühl haben „nicht so richtig warm“ zu werden. Dieses Gefühl kennen wir alle. Und da nun auch jede Figur in einem Buch immer etwas mit einem echten Menschen gemeinsam hat (nämlich das, dass wir sie als menschenähnlich erkennen), so finden wir Romanfiguren ebenfalls sympathisch oder unsympathisch.

Für das Schreiben ergibt sich daraus die einfach gesagte Regel: Die Hauptfigur im Buch, das muss auch die Sympathische sein. Nur wenn der Leser ein Interesse an einer Figur entwickelt, so wird er auch weiterlesen. Dabei muss die Figur natürlich kein Saubermann oder eine Heilige sein. Aber der Leser darf nie das Gefühl haben: „Was für eine Idiotin, was für ein Trottel, keine Lust weiterzulesen.“ Da stellt sich natürlich die Frage: Wie macht man das, dass eine Figur dem Leser sympathisch erscheint, auch wenn Sie eigentlich ein Fiesling ist?

Drei Dinge erscheinen mir wichtig: 1. Die Figur braucht ein Motiv, damit Ihr Handeln nachvollziehbar ist. Robin Hood wäre ein einfacher Verbrecher gewesen, wenn nicht seine Taten durch ein besonderes Motiv gerechtfertigt gewesen wären. 2. Die Figur muss Interesse wecken beim Leser. Denn ein Mensch, dessen Wortschatz beschränkt zu sein scheint auf „Hmm“ und „Hmhm“ wird einem kaum sympathisch erscheinen. Wir erfahren nichts über ihn und haben auch keine Lust weiter nachzufragen. Wir sind nicht interessiert, wie es mit ihm weitergeht (und das ist der wahre Tod einer Hauptfigur). 3. Eine Figur muss den Willen besitzen, Schwierigkeiten zu überwinden. Interessant wird ein Charakter, wenn er eine Lösung sucht, um Schwierigkeiten zu beseitigen, die sein Handeln behindern. „Ein Sturm zieht auf, wir müssen runter vom Himalaya, doch oh! ein Besatzungsmitglied ist verschwunden!“ Falsche Antwort: „Hmhm … egal.“ Wahrlich eine spannende Geschichte mit einer starken Hauptfigur …

Sympathisch wird eine Figur also, wenn sie ein starkes Motiv hat, dass ihre Handlungen rechtfertigt, wenn sie eine interessante Geschichte besitzt, von der wir als Leser gern mehr erfahren möchten, und wenn sie interessant reagiert auf Probleme (die eigentlich jeder Autor seinen Hauptfiguren immer in den Weg zu legen scheint). Umgekehrt heißt das, dass eine Hauptfigur auf dem besten Weg ist, unsympathisch zu werden, wenn sie nicht nachvollziehbare Sachen tut, wenn sie maulfaul und uninteressant ist und wenn sie Probleme ignoriert, anstatt sie zu lösen.

Wenngleich dieses Rezept natürlich nicht verbindlich ist, so gibt es doch ein paar Anhaltspunkte, seine Charaktere so zu erschaffen, dass sie gern gelesen werden. Denn das höchste Gut des Autors ist die Neugier des Lesers, mehr über die Hauptfigur erfahren zu wollen und sie bei ihren Entscheidungen begleiten zu können. Dabei ist es mit den Charakteren so, wie es Aristoteles schon geschrieben hat: Wie jeder Mensch gut oder schlecht ist, so sollten es auch die Romanfiguren sein. Zwar verlassen wir die moralische Ebene, wenn wir statt „gut“ und „schlecht“ „sympathisch“ und „unsympathisch“ einsetzen. Doch darin liegt die Chance, auch moderne Geschichten erzählen zu können, wo nicht immer der Böse auch der Unsympathische ist (man denke an Tarantinos Pulp Fiction und die Bodenwelle).

Rundum: Wie jeder Mensch aus Fleisch und Blut sympathisch oder unsympathisch sein kann, so sind es auch Ihre Romanfiguren für Ihre Leser. Deswegen gestalten Sie Figuren mit interessanten Lebensgeschichten, starken Handlungsmotiven und guten Einfällen,  denn es ist im Roman wie im Leben – und das wusste auch schon Aristoteles.
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Buchempfehlung und Quellenangabe:
1Aristoteles: Poetik. S. 7.
Bibliogr. erg. Ausg. Ditzingen: Reclam,
1994. – ISBN 3-15-007828-8


Bild und Beschriftung gruppieren in Word 2010

Update (12.05.2013): Das Problem lässt sich wesentlich einfacher lösen. Simon hat eine elegante Möglichkeit gefunden, hier geht’s zum entsprechenden Kommentar: klick! Vielen Dank!

Wer es schon einmal machen musste, der weiß, dass es trickreich ist: das Gruppieren von Bildern und Beschriftungen in Word 2010.

Geht man den einfachen Weg und rechtsklickt ein Bild, wählt „Beschriftung“ und fügt ebendiese hinzu, dann ist die Beschriftung nicht fest mit dem Bild verbunden und wird beim Seitenwechsel vom Bild getrennt.

Wählt man hingegen die zweite Methode und gruppiert ein Textfeld mit einem Bild, so lässt sich nicht mehr die automatische Zählung der Abbildungen von Word verwenden (die beispielsweise wichtig ist, um Abbildungs‑ und Tabellenverzeichnisse automatisch erstellen zu lassen).

Die Lösung wäre also ein Textfeld und ein Bild zu gruppieren und in dieses Textfeld die automatische Beschriftung der Abbildung einzubinden. Ich habe (das gestehe ich) eher zufällig eine Möglichkeit gefunden, dieses Vorgehen umzusetzen:

  1. Fügen Sie ein Bild ein und ändern Sie die Größe nach Belieben
  2. Fügen Sie ein „Einfaches Textfeld“ ein  und passen Sie die Größe dem Bild an
  3. Positionieren Sie das Textfeld unterhalb des Bildes, entfernen Sie den Textfeldtext
  4. Rechtsklick auf die Textfeldumrandung, Linksklick auf „Form formatieren“
  5. Linkerhand „Linienfarbe“ auswählen, dann rechts auf „Keine Linie“ klicken
  6. Rechtsklicken Sie Ihr Bild und ändern Sie den „Zeilenumbruch“ (egal in welchen)
  7. Strg + Linksklick auf die Bildunterschrift + zweiten Linksklick auf das Bild
  8. Beide Elemente sind markiert. Rechtsklick auf diese Markierung, „Gruppieren“, „Gruppieren“
  9. Rechtsklick auf die erstellte Gruppierung, „Zeilenumbruch“ und „Mit Text in Zeile“ wählen
  10. In das Textfeld klicken
  11. In der Symbolleiste oben den Reiter „Verweise“ öffnen und auf „Beschriftung einfügen“ klicken (NICHT: Rechtsklick, „Beschriftung“!)
  12. Das Formular nach Belieben ausfüllen
  13. Die Beschriftung ist nun im Textfeld, das fest mit dem Bild verbunden ist

Ich bin mir weder sicher, ob das gleiche Ergebnis auf einem anderen Weg erzielt werden kann, noch warum man den Zeilenumbruch erst ändern muss, damit es klappt. Dennoch funktioniert auf diese Weise die Funktion „Beschriftung“ (das heißt es werden die Abbildungen automatisch gezählt und ausgewertet) und die Beschriftung ist so fest mit dem Bild verbunden wie ein Textfeld (und wird nicht auseinandergerissen beim Seitenwechsel).

Ich hoffe, dass Ihnen diese Anleitung bei der Einbindung Ihrer Bilder und Beschriftungen hilft.


Spiel mit dem Verstehen

„Ich habe keine Eier!“

Dies sei die Überschrift eines kurzen Textes.

Kapitel 1: Die Torte
Miriam will eine Torte backen. Sie schaut in den Kühlschrank. „Mist!“, denkt sie, „da fehlen ja die ganzen Zutaten. Neija, muss ich eben nochmal los.“ Sie nimmt Zettel und Stift und notiert: „Butter, Sahne, Erdbeeren“.
Miriam verlässt das Haus, geht einkaufen und kommt abgehetzt zurück.
„Wo mein Freund bloß wieder steckt …“ Sie schaut auf die Uhr. „Eigentlich viel zu spät zum Torte backen – und müde bin ich auch schon.“
Sie räumt die Zutaten in den Kühlschrank. „Oh nein, jetzt hab ich die Eier vergessen … zu dumm aber auch. Ich leg mir besser den Einkaufszettel hin, damit ich morgen dran denke, die noch zu besorgen. Aber jetzt geh ich erst mal zu Bett.“

Kapitel 2: Der Zettel
Frank eilt nach Hause. Der blöde Stau hatte ihn aufgehalten und er ist über eine Stunde zu spät. Hoffentlich nimmt ihm Miriam das mal nicht krumm. Er schließt auf, vor der Schlafzimmertür stehen Miriams Plüsch-Schafpantoffeln. Sie schläft also schon.
Eine Käsestulle will er sich zum Abendessen machen, aber auf dem Weg zum Kühlschrank entdeckt er einen Zettel auf dem Tisch. „Miriam wird sich bestimmt freuen, wenn ich ihr noch die Sachen kaufe, dann kann sie morgen den Samstag ganz entspannt angehen.“
Frank verlässt das Haus, geht einkaufen und kommt abgehetzt zurück.
Nachdem er Sahne, Butter und Erdbeeren im Kühlschrank hat, isst er ein Brot mit Käse, einem köstlichen Rotschimmelkäse, und geht ebenfalls zu Bett.

Kapitel 3: Das unheilvolle Ende
Der nächste Morgen. Miriam in der Küche, Frank im Bad.
„Ich geh nur schnell los was kaufen, Frank. Ich will eine leckere Torte backen!“ – „Die Sachen hab ich gestern noch für dich gekauft, Schatz. Da bist du überrascht, was?“ – „Schon … aber hast du auch Eier gekauft?“ – „Wie? Ich habe keine Eier! Nur das, was auf dem Zettel stand.“ – „Aber jetzt haben wir doch alles doppelt – und immer noch keine Eier. Ach, Frank!“ – „Ach, Miriam!

Genug der Prosa. Schauen wir etwas genauer hin. Miriam steht für alle Autorinnen und Autoren dieser Welt. Frank für die gesamte Leserschaft. Und was Miriam mit dem Einkaufszettel tatsächlich meint, das weiß auch nur Miriam. Frank hingegen glaubt lediglich zu wissen, was Miriam meint – und er geht los und kauft die falschen Sachen.
Wenn also schon eine einfache Einkaufsliste für derartige Verwirrung sorgt, welch mögliches Wirrwarr birgt ein Zeitungsartikel, welch Katastrophe gar ein ganzer Roman?

Sie ahnen, worauf ich hinaus möchte. Das einzig Gewisse an jedem Text ist, dass er missverstanden werden kann (und werden wird, folgt man Murphys Gesetz). Dieses Missverstehen ist dabei jedoch nicht immer etwas Negatives.
Einerseits sollte man sich als Schreibender durchaus bewusst sein, dass oft gerade das, was man eigentlich sagen wollte, ganz anders verstanden wird (da der Leser keine Gedanken, sondern nur Buchstaben lesen kann). Andererseits bieten sich dadurch auch viele Möglichkeiten. Denn stellen Sie sich den Text vor, der nicht missverstanden werden könnte (Gebrauchsanleitungen sind leider keine solchen Vertreter). Der Autor nähme dem Leser all seine Fantasie. Denn da, wo der Leser etwas nicht weiß, da malt er die schwarzen Buchstaben in seinem Kopf mit Farben zu einem Bild, zu seinem Bild.

Geben Sie also Ihren Lesern die Möglichkeit zu Malen. Schreiben Sie „gespenstiger Nebel“ und nicht „der Nebel war matt und grau, ein bisschen weiß; man meinte nichts zu erkennen in der Ferne, aber hätte man nachgemessen, so hätte man festgestellt, dass man immerhin drei, ja fast vier Meter weit blicken konnte. Auch die Umrisse der Häuser und Bäume waren gut erkennbar, wenn man seine Augen etwas an das Schummrige gewöhnt hatte.“ Ein wahrhaft gespenstiger Textnebel! Schreiben Sie: „Im Mondschein sprang ein Schatten vor uns über die Straße.“ und nicht: „Das Reh sah beinahe aus wie ein Mensch, zwar sprang das Tier schnell über die Fahrbahn, aber man konnte es deutlich erkennen, und das, obwohl es schon recht finster war am Abend.“

Spielen Sie mit dem Leser, lassen Sie ihn im Unklaren. Achten Sie jedoch auch darauf, dass wichtige Stellen nicht völlig dunkel bleiben: „Der Mörder trat hinter sie. Sie küsste ihn. Dann war ihr Freund tot. Doch er lachte.“ Lassen Sie den Leser Gespenster sehen und sagen Sie ihm nicht, dass eigentlich gar nichts in den dunklen Schatten am Waldrand lauert. Legen Sie Miriams Einkaufsliste auf den Tisch, aber gehen Sie danach nicht zu Bett. Ein bisschen Unklarheit ist gut, aber zu viel kostet sie hinterher nur die Torte.