Spiel mit dem Verstehen

„Ich habe keine Eier!“

Dies sei die Überschrift eines kurzen Textes.

Kapitel 1: Die Torte
Miriam will eine Torte backen. Sie schaut in den Kühlschrank. „Mist!“, denkt sie, „da fehlen ja die ganzen Zutaten. Neija, muss ich eben nochmal los.“ Sie nimmt Zettel und Stift und notiert: „Butter, Sahne, Erdbeeren“.
Miriam verlässt das Haus, geht einkaufen und kommt abgehetzt zurück.
„Wo mein Freund bloß wieder steckt …“ Sie schaut auf die Uhr. „Eigentlich viel zu spät zum Torte backen – und müde bin ich auch schon.“
Sie räumt die Zutaten in den Kühlschrank. „Oh nein, jetzt hab ich die Eier vergessen … zu dumm aber auch. Ich leg mir besser den Einkaufszettel hin, damit ich morgen dran denke, die noch zu besorgen. Aber jetzt geh ich erst mal zu Bett.“

Kapitel 2: Der Zettel
Frank eilt nach Hause. Der blöde Stau hatte ihn aufgehalten und er ist über eine Stunde zu spät. Hoffentlich nimmt ihm Miriam das mal nicht krumm. Er schließt auf, vor der Schlafzimmertür stehen Miriams Plüsch-Schafpantoffeln. Sie schläft also schon.
Eine Käsestulle will er sich zum Abendessen machen, aber auf dem Weg zum Kühlschrank entdeckt er einen Zettel auf dem Tisch. „Miriam wird sich bestimmt freuen, wenn ich ihr noch die Sachen kaufe, dann kann sie morgen den Samstag ganz entspannt angehen.“
Frank verlässt das Haus, geht einkaufen und kommt abgehetzt zurück.
Nachdem er Sahne, Butter und Erdbeeren im Kühlschrank hat, isst er ein Brot mit Käse, einem köstlichen Rotschimmelkäse, und geht ebenfalls zu Bett.

Kapitel 3: Das unheilvolle Ende
Der nächste Morgen. Miriam in der Küche, Frank im Bad.
„Ich geh nur schnell los was kaufen, Frank. Ich will eine leckere Torte backen!“ – „Die Sachen hab ich gestern noch für dich gekauft, Schatz. Da bist du überrascht, was?“ – „Schon … aber hast du auch Eier gekauft?“ – „Wie? Ich habe keine Eier! Nur das, was auf dem Zettel stand.“ – „Aber jetzt haben wir doch alles doppelt – und immer noch keine Eier. Ach, Frank!“ – „Ach, Miriam!

Genug der Prosa. Schauen wir etwas genauer hin. Miriam steht für alle Autorinnen und Autoren dieser Welt. Frank für die gesamte Leserschaft. Und was Miriam mit dem Einkaufszettel tatsächlich meint, das weiß auch nur Miriam. Frank hingegen glaubt lediglich zu wissen, was Miriam meint – und er geht los und kauft die falschen Sachen.
Wenn also schon eine einfache Einkaufsliste für derartige Verwirrung sorgt, welch mögliches Wirrwarr birgt ein Zeitungsartikel, welch Katastrophe gar ein ganzer Roman?

Sie ahnen, worauf ich hinaus möchte. Das einzig Gewisse an jedem Text ist, dass er missverstanden werden kann (und werden wird, folgt man Murphys Gesetz). Dieses Missverstehen ist dabei jedoch nicht immer etwas Negatives.
Einerseits sollte man sich als Schreibender durchaus bewusst sein, dass oft gerade das, was man eigentlich sagen wollte, ganz anders verstanden wird (da der Leser keine Gedanken, sondern nur Buchstaben lesen kann). Andererseits bieten sich dadurch auch viele Möglichkeiten. Denn stellen Sie sich den Text vor, der nicht missverstanden werden könnte (Gebrauchsanleitungen sind leider keine solchen Vertreter). Der Autor nähme dem Leser all seine Fantasie. Denn da, wo der Leser etwas nicht weiß, da malt er die schwarzen Buchstaben in seinem Kopf mit Farben zu einem Bild, zu seinem Bild.

Geben Sie also Ihren Lesern die Möglichkeit zu Malen. Schreiben Sie „gespenstiger Nebel“ und nicht „der Nebel war matt und grau, ein bisschen weiß; man meinte nichts zu erkennen in der Ferne, aber hätte man nachgemessen, so hätte man festgestellt, dass man immerhin drei, ja fast vier Meter weit blicken konnte. Auch die Umrisse der Häuser und Bäume waren gut erkennbar, wenn man seine Augen etwas an das Schummrige gewöhnt hatte.“ Ein wahrhaft gespenstiger Textnebel! Schreiben Sie: „Im Mondschein sprang ein Schatten vor uns über die Straße.“ und nicht: „Das Reh sah beinahe aus wie ein Mensch, zwar sprang das Tier schnell über die Fahrbahn, aber man konnte es deutlich erkennen, und das, obwohl es schon recht finster war am Abend.“

Spielen Sie mit dem Leser, lassen Sie ihn im Unklaren. Achten Sie jedoch auch darauf, dass wichtige Stellen nicht völlig dunkel bleiben: „Der Mörder trat hinter sie. Sie küsste ihn. Dann war ihr Freund tot. Doch er lachte.“ Lassen Sie den Leser Gespenster sehen und sagen Sie ihm nicht, dass eigentlich gar nichts in den dunklen Schatten am Waldrand lauert. Legen Sie Miriams Einkaufsliste auf den Tisch, aber gehen Sie danach nicht zu Bett. Ein bisschen Unklarheit ist gut, aber zu viel kostet sie hinterher nur die Torte.

Advertisements

Über Sebastian Schmidt

Ich arbeite als freier Lektor (www.lektorat-textbasis.de) und mag gute Bücher. Vor meiner freiberuflichen Tätigkeit habe ich Germanistik und Philosophie studiert (M. A.) sowie als Bibliotheksangestellter gearbeitet. Neben der Zusammenarbeit mit Autoren und Verlagen liebe ich die Musik. Blogadresse: textbasis.wordpress.com Zeige alle Beiträge von Sebastian Schmidt

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: