Alter Grieche! Aristoteles’ Poetik #1 – Sympathie

Wie im Roman, so im Leben. Manchmal hört oder liest man einen Satz und denkt sich: da steckt viel Wahrheit drin!. Dabei ist es eigentlich unklar, was man mit „Wahrheit“ genau meint. Der Satz passt eben einfach gerade gut. Eventuell denkt man auch an etwas völlig anderes, als das, was der Autor oder Sprecher meinte. Dies schließt direkt an den Beitrag von vorletzter Woche an, wo es ja um die Möglichkeit ging, Texte absichtlich für den Leser offen und mehrdeutig zu lassen. Denn in einem Text steckt nicht nur, was der Autor sagen wollte, sondern vielmehr eine Blaupause für unendlich viele eigene Gedanken.

Auf diese Weise möchte ich mich auch mit der Poetik von Aristoteles beschäftigen (eine Poetik ist dabei ein Werk, welches Hinweise zum richtigen Schreiben gibt). Weder soll eine wissenschaftliche Auseinandersetzung erfolgen, noch soll die Bedeutung des Werkes mit anderen Poetiken verglichen werden. Vielmehr will ich einzelne Sätze herausgreifen und zusammen mit Ihnen ein bisschen über diese nachdenken und ein paar Überlegungen ableiten, welche für das tägliche Schreiben nützlich sein können. Auf diese Weise geraten die Klassiker nicht in Vergessenheit und es entsteht lebhafter, staubfreier Dialog.

Beschäftigen wir uns also heute mit einem kurzen Zitat gleich aus dem Beginn der Poetik.

„Die Nachahmenden ahmen handelnde Menschen nach. Diese sind notwendigerweise entweder gut oder schlecht. Denn die Charaktere fallen fast stets unter eine dieser beiden Kategorien; alle Menschen unterscheiden sich nämlich, was ihren Charakter betrifft, durch Schlechtigkeit und Güte.“1

Die „Nachahmenden“ können wir als die Autoren verstehen, welche in ihren Büchern die Welt nachahmen. Autoren schreiben erfundene Geschichten in eine Welt, die unserer ähnlich ist. In diesen Geschichten kommen Personen vor, die „entweder gut oder schlecht“ sind. Nun möchte man nicht so schwarz-weiß malen und alle Menschen in gute und schlechte einteilen. Sagen wir also: alle Menschen sind unterschiedlich sympathisch. Dazu zählen die Menschen der realen Welt, als auch die Personen in einem Roman. Geht man nun derart mit Aristoteles mit, so unterscheiden sich eben alle Menschen und Romanfiguren dadurch, dass sie unterschiedlich sympathisch sind.

Behalten wir folgende Worte im Hinterkopf: „die Charaktere fallen fast stets unter eine dieser beiden Kategorien“. Also: sympathisch oder unsympathisch. An dieser Stelle können wir aus dem alten Griechenland ins Jetzt zurückkehren. Wuschhh… Denken wir nur daran, wie schnell wir im Alltag unterscheiden können, ob uns jemand sympathisch ist oder ob wir das Gefühl haben „nicht so richtig warm“ zu werden. Dieses Gefühl kennen wir alle. Und da nun auch jede Figur in einem Buch immer etwas mit einem echten Menschen gemeinsam hat (nämlich das, dass wir sie als menschenähnlich erkennen), so finden wir Romanfiguren ebenfalls sympathisch oder unsympathisch.

Für das Schreiben ergibt sich daraus die einfach gesagte Regel: Die Hauptfigur im Buch, das muss auch die Sympathische sein. Nur wenn der Leser ein Interesse an einer Figur entwickelt, so wird er auch weiterlesen. Dabei muss die Figur natürlich kein Saubermann oder eine Heilige sein. Aber der Leser darf nie das Gefühl haben: „Was für eine Idiotin, was für ein Trottel, keine Lust weiterzulesen.“ Da stellt sich natürlich die Frage: Wie macht man das, dass eine Figur dem Leser sympathisch erscheint, auch wenn Sie eigentlich ein Fiesling ist?

Drei Dinge erscheinen mir wichtig: 1. Die Figur braucht ein Motiv, damit Ihr Handeln nachvollziehbar ist. Robin Hood wäre ein einfacher Verbrecher gewesen, wenn nicht seine Taten durch ein besonderes Motiv gerechtfertigt gewesen wären. 2. Die Figur muss Interesse wecken beim Leser. Denn ein Mensch, dessen Wortschatz beschränkt zu sein scheint auf „Hmm“ und „Hmhm“ wird einem kaum sympathisch erscheinen. Wir erfahren nichts über ihn und haben auch keine Lust weiter nachzufragen. Wir sind nicht interessiert, wie es mit ihm weitergeht (und das ist der wahre Tod einer Hauptfigur). 3. Eine Figur muss den Willen besitzen, Schwierigkeiten zu überwinden. Interessant wird ein Charakter, wenn er eine Lösung sucht, um Schwierigkeiten zu beseitigen, die sein Handeln behindern. „Ein Sturm zieht auf, wir müssen runter vom Himalaya, doch oh! ein Besatzungsmitglied ist verschwunden!“ Falsche Antwort: „Hmhm … egal.“ Wahrlich eine spannende Geschichte mit einer starken Hauptfigur …

Sympathisch wird eine Figur also, wenn sie ein starkes Motiv hat, dass ihre Handlungen rechtfertigt, wenn sie eine interessante Geschichte besitzt, von der wir als Leser gern mehr erfahren möchten, und wenn sie interessant reagiert auf Probleme (die eigentlich jeder Autor seinen Hauptfiguren immer in den Weg zu legen scheint). Umgekehrt heißt das, dass eine Hauptfigur auf dem besten Weg ist, unsympathisch zu werden, wenn sie nicht nachvollziehbare Sachen tut, wenn sie maulfaul und uninteressant ist und wenn sie Probleme ignoriert, anstatt sie zu lösen.

Wenngleich dieses Rezept natürlich nicht verbindlich ist, so gibt es doch ein paar Anhaltspunkte, seine Charaktere so zu erschaffen, dass sie gern gelesen werden. Denn das höchste Gut des Autors ist die Neugier des Lesers, mehr über die Hauptfigur erfahren zu wollen und sie bei ihren Entscheidungen begleiten zu können. Dabei ist es mit den Charakteren so, wie es Aristoteles schon geschrieben hat: Wie jeder Mensch gut oder schlecht ist, so sollten es auch die Romanfiguren sein. Zwar verlassen wir die moralische Ebene, wenn wir statt „gut“ und „schlecht“ „sympathisch“ und „unsympathisch“ einsetzen. Doch darin liegt die Chance, auch moderne Geschichten erzählen zu können, wo nicht immer der Böse auch der Unsympathische ist (man denke an Tarantinos Pulp Fiction und die Bodenwelle).

Rundum: Wie jeder Mensch aus Fleisch und Blut sympathisch oder unsympathisch sein kann, so sind es auch Ihre Romanfiguren für Ihre Leser. Deswegen gestalten Sie Figuren mit interessanten Lebensgeschichten, starken Handlungsmotiven und guten Einfällen,  denn es ist im Roman wie im Leben – und das wusste auch schon Aristoteles.
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Buchempfehlung und Quellenangabe:
1Aristoteles: Poetik. S. 7.
Bibliogr. erg. Ausg. Ditzingen: Reclam,
1994. – ISBN 3-15-007828-8

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Über Sebastian Schmidt

Ich arbeite als freier Lektor (www.lektorat-textbasis.de) und mag gute Bücher. Vor meiner freiberuflichen Tätigkeit habe ich Germanistik und Philosophie studiert (M. A.) sowie als Bibliotheksangestellter gearbeitet. Neben der Zusammenarbeit mit Autoren und Verlagen liebe ich die Musik. Blogadresse: textbasis.wordpress.com Zeige alle Beiträge von Sebastian Schmidt

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