Monatsarchiv: März 2013

Matchbox – Die Zusammenkunft, oder: „Autoren finden Verlage finden Autoren“

Eventuell klingt der Titel etwas nach Science Fiction – aber damit hat der Artikel dieses Sonntags gar nichts zu tun. Aufgreifen möchte ich das leidige Thema: Wie finde ich einen Verlag? Oder mit anderen Worten: Warum findet der Verlag mich nicht? Diese Frage ist natürlich nicht neu und auch nicht zum ersten Mal gestellt. Jedoch: die Antworten sind oft gleich und wiederholen sich. Aber die Aktualität der Frage ist unverändert und viele neue Autorinnen und Autoren sind betroffen. Doch genau an dieser Stelle tut sich etwas und ich finde, dass es hier unbedingt vorgestellt sein sollte.

protoTYPE ist eine Initiative von Forum Zukunft und dem Arbeitskreis Elektronisches Publizieren im Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Im protoTYPE-Selbstporträt liest man:

„Nach dem Motto: ‚Schluss mit reden, Zeit zu handeln!‘ bringt protoTYPE Vor-, Quer- und Mitdenker der Branche zusammen. protoTYPE bringt Dinge ins Rollen und führt zusammen, was zusammen gehört: kluge Köpfe und das Potential, die Zukunft neu zu gestalten.“ (klicken Sie hier für die gesamte Selbstbeschreibung)

Und dass das nicht nur gut klingt, sondern auch zu hochinteressanten Ideen führt, wurde dieses Jahr erneut unter Beweis gestellt, indem auf der Leipziger Buchmesse aus allen Ansätzen vier Projekte herauskristallisiert wurden, welche hoffentlich schon bald neuen Wind in die Buchbranche blasen werden. Alle vier Projektprofile finden Sie hier; ich möchte speziell auf das Projekt „Matchbox“ eingehen. Im folgenden Video erklärt Dennis Brunotte, was die Idee hinter Matchbox ist, das auf der Website knackig umschrieben wird mit: „Das Web-Portal, in dem Autoren und Verlage sich finden.

Ich hoffe, dass dies für Ihre Ohren ebenso verlockend und geistreich klingt wie für die meinen. Die besten Einfälle sind die einfachen. So ist es auch hier. „Na klar“, denkt man, „warum gibt es das eigentlich noch nicht?“ Die Vorteile liegen auf der Hand und Herr Brunotte hat sie sympathisch zusammengefasst.

Mit Matchbox soll ein Portal geschaffen werden, das auch neuen und aufstrebenden Autoren die Möglichkeit bietet, ihre Projekte vorzustellen. Durch die Möglichkeit, das gesamte Manuskript einzustellen, fällt E-Mail-Versand und Postversand weg. Zudem finden Autoren eine Plattform, mit der sie gezielt die Flut neuer Bücher umschiffen und wieder mehr Aufmerksamkeit für sich selbst generieren können. Durch E-Publishing und Selbstvertrieb erscheinen immer mehr Bücher auf dem Markt und es ist schwer, das gute vom schlechten Getreide zu trennen. Durch eine passende Selbstdarstellung, eine gekonnte Projektvorstellung und das Netzwerk Matchbox erhöht man seine Chancen aufzufallen um ein Vielfaches; man erreicht schnell die richtige Ziel- beziehungsweise Verlagsgruppe. Ein weiterer Vorteil, den Herr Brunotte herausstellt, ist die Überwindung einer der schwierigsten Hürden für neue Autoren: die fehlenden Beziehungen in die Branche. Diese Beziehungen können durch Matchbox aufgebaut werden.

Dabei endet jedoch die Vision eines zusammenbringenden Netzwerkes zwischen Autoren, Lektoren und Verlagen nicht. Mit der Frage im ersten Abschnitt „Warum findet der Verlag mich nicht?“ habe ich es bereits angedeutet, dass mit Matchbox auch für Lektoren und Verlage eine neue Möglichkeit eröffnet werden kann. Denn wenn Autorenprofil und Projektvorstellung stimmen, dann werden auch Lektoren und Verlage eine solide Grundlage haben, um schnell Entscheidungen zu treffen, ob eine Zusammenarbeit wünschenswert oder ein neuer Titel für das Verlagsprogramm interessant ist. Wenn man darüber schreibt, klingt es so selbstverständlich, dass man sich mehr und mehr wundert, warum noch keiner ein solches Netzwerk entwickelt hat. Aber dies ist lediglich der Beweis für die Genialität des Einfalls.

Auch Leser sollen in das Netzwerk miteinbezogen werden. Die Verbindung von Publikum, Verleger und Autor auf einer Plattform erscheint mir ein gewichtiger Schritt. Man darf gespannt sein, wie diese Zusammenkunft tatsächlich umgesetzt werden wird, jedoch scheint sie gewinnbringend für alle Beteiligten: die Verlage und Lektoren finden schnell Projekte außerhalb ihrer bereits bestehenden Netzwerke; Autoren werden von Verlagen gefunden und umgehen die Hürde fehlender Beziehungen; die Leser dienen gleichzeitig als Indikator für Trends und Ideen und könnten direkt mitgestalten und ihrer Meinung an erster Stelle Gehör verschaffen. Ein Traum, wohlmöglich eine Revolution? Ich hoffe es, denn Matchbox scheint so viel Potenzial für Autoren, Lektoren und Verlage zu bieten, dass nichts davon verschenkt werden sollte!

Ich wünsche dem gesamten Team alles erdenklich Gute bei der Umsetzung, viel Erfolg und den gewünschten Durchschlag – die Weichen sind gestellt, die Lok rollt bereits. Allen anderen protoTYPE-Teams ebenfalls Schaffens- und Durchhaltekraft. Innovation: hoch, hoch, hoch!

Weiterführende Informationen entnehmen Sie bitte dem vollständigen Matchbox Projektprofil.

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[Der lyrische Mittwoch, Folge 1] Sybille Ebner: seidenblume

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

ganz herzlich begrüße ich Sie zum Eröffnungseintrag des lyrischen Mittwochs. Großer Dank gebührt Sybille Ebner vom sinn.wort.spiel Blog, welche bei den Vorbereitungen half. Der erste Text stammt dann auch gleich aus ihrer Feder und wurde bereits zum Literaturwettbewerb 2011 der Akademie Graz zum Thema: „Zeitgenössische Liebesgedichte“ eingereicht.
Ihr Gedicht „seidenblume“ entführt ins Intime, schleicht um einsame Gedanken. Dem Innen eine Sprache geben; kein Reim, dafür das Intensive des Wahren, des Bekannten. Ganz nah, ganz tief drin, zum Anfassen – und dann lieber doch nicht.

seidenblume

kaum wage ich
dich anzusehn
schon ein blick in sehnsucht
könnte zuviel sein
dich zerbrechen
zerreißen
zerstreuen
und am ende wäre ich wieder
allein –
 
lieber werfe ich dir
gar keinen blick zu
lieber verzichte ich
auf jeden kontakt
und sei es nur
eine zarte berührung –
 
am besten wird es sein
ich nehme dich und
stelle dich an einen platz
an dem ich dir nichts
antun kann –
 
ich will dich nicht
verletzen
kleine seidenblume

Textbasis: Vielen Dank für dein Gedicht, Sybille! Ich freue mich, dass du gleich zugesagt und die Aktion auch auf deinem Blog sinn.wort.spiel vorgestellt hast. Du arbeitest als Lektorin und Korrektorin, welche Rolle spielt für dich das Schreiben eigener Texte?
Sybille Ebner: das schreiben eigener texte ist für mich schon sehr lange wie ein ventil. egal wie, egal wo, egal was – und wenn es nur drei worte auf einem aus einem notizbuch herausgerissenen zettel sind. schreiben ist im grunde die essenz dessen, was ich bin. was ich denke. und das ist auch der grund, warum ich anderen helfen möchte, ihre texte zu verbessern und fehler zu eliminieren.
zu lange habe ich ‚für die schublade‘ geschrieben – nun wage ich mich ins kalte wasser und siehe da: schon wird ein gedicht veröffentlicht und ich werde interviewt. danke!

Textbasis: Bitteschön! In einem Kommentar hast du geschrieben, dass du Gedichte liebst. Was zeichnet Gedichte für dich aus, spielt verdichtete Sprache heute überhaupt noch eine Rolle?
Sybille Ebner: natürlich spielt poetische sprache noch eine rolle! (also, für mich zumindest.) in zeiten, wo ‚oida‘ ein subjekt ersetzt, muss es einen gegenpol geben. und den gibt es – auch zeit.genössisch. wer wissen möchte, was ein gedicht für mich auszeichnet, dem sei der ‚panther‘ von r.m.rilke empfohlen.

Textbasis: Auf deinem Blog stellst du derzeit die Artikelfolge „einfach so.“ ein, die mit viel Sprachgefühl von einer einsamen Frau und vom Schaum handelt. Wie lange schreibst du schon, hast du Pläne, angefangene Projekte? Was würdest du gern einmal schreiben?
Sybille Ebner: noch ist die ‚einfach so‘.reihe nicht an ihrem ende angekommen. aber bald. am ende wird der schaum zu einem synonym. zu einem verlorenen traum. (zuviel möchte ich nicht verraten, selber lesen, lang dauert es ja nicht mehr bis zum ende.)
ich schreibe schon, seit ich schreiben kann. ich habe end.los viele pläne, immens viele angefangene projekte, ein ganzes notiz.buch voller ideen.fetzen – und wann immer es die zeit zu.lässt, widme ich mich diesen. etwas, das ich schon seit jahren schreibe, ist die novelle ‚roter regen‘ – mit viel glück bald auf meinem blog nach.zu.lesen.
was ich gerne schreiben würde … das kann ich so nicht beantworten. denn ich schreibe ja, was ich schreiben möchte. zumindest versuche ich das.

Textbasis: Abschließend: Wie kam es zum Gedicht „seidenblume“, was möchtest du den Leserinnen und Lesern verraten, das vielleicht so nicht direkt im Text steht?
Sybille Ebner: ich war auf der suche nach gedanken zur liebe. zeitgenössische liebes.gedichte – das klingt schwer, und ist es auch. schnell wird es kitschig, schnell platt und nichts.sagend.
’seidenblume‘ ist mein versuch, die mauern innerhalb einer beziehung, die uns von.einander trennen, in worte zu fassen. jene mauern, die uns belasten, erdrücken, und uns davon abhalten, glücklich zu sein.

Textbasis: Der Versuch ist dir gelungen. Letzte Worte?
Sybille Ebner: nein, danke, noch keine letzten worte. so weit bin ich noch nicht. 🙂

Textbasis: Vielen Dank für deine Teilnahme am lyrischen Mittwoch, die interessanten Antworten und dein tolles Gedicht. Ich wünsche dir für die Zukunft viel Erfolg, viele eifrige Leser und weiterhin so gute Textideen.
Für mehr großartige Lyrik und Prosa besuchen Sie bitte Sybille Ebners Blog sinn.wort.spiel – es gibt einiges zu entdecken! Bis zum nächsten lyrischen Mittwoch und eine gute Zeit bis dahin.

PS: Wer von Ihnen ebenfalls Lust hat, eines seiner Gedichte hier vorzustellen und ein paar Worte über sich zu sagen, kontaktiere mich bitte per E-Mail. Ich würde mich freuen, von Ihnen zu lesen.


Ankündigung: Der lyrische Mittwoch

Sonnenaufgang

Am Horizont: orangegelbes Rot;
früh am Morgen,
der Wald steht finster
unterm Feuer
und Wolkenwellen wogen heran,
unendlich …
Nah weh’n die ersten Schneeglöckchen,
Gedanken im lauwarmen Wind —
weht er uns fort? Frühling,
Lichtpforten erhellt am Horizont,
Glanz, ein leuchtendes Schimmern,
schon klart der Himmel auf.

Ein etwas anderer Einstieg zu einem etwas anderen Artikel an diesem Sonntag. Ich möchte heute die Gelegenheit nutzen, um ein paar Worte über die Zukunft zu verlieren. Keine Prophezeiungen natürlich und auch keine leeren Versprechen sollen es werden, sondern schon bald wird der Mittwoch lyrisch hier auf dem textbasis.blog.

Innerhalb der nächsten Wochen soll zum sonntäglichen Artikel ein Eintrag am Mittwoch hinzukommen. Dort möchte ich gern jede Woche einen kurzen Text oder ein Gedicht aufstrebender Autoren vorstellen. Überdies soll jede Autorin und jeder Autor die Möglichkeit erhalten, ein paar Worte über sich – und wenn gewünscht auch über den veröffentlichten Text – zu sagen.

Ich stelle mir vor, dass der textbasis.blog in Zukunft nicht nur ein Platz für Theorie und Fachsimpelei über Texterstellung und Textbearbeitung sein wird, sondern auch ein Portal für das Ergebnis aller Theorie: für Textdiamanten von Autorinnen und Autoren. „Mehr Licht“ wünschte sich Goethe angeblich, mehr Lyrik, mehr Leben auf dem Blog wünsche ich mir.

Zur Zeit bin ich noch auf der Suche nach Möglichkeiten, die Idee bestmöglich umzusetzen. Wer Lust und Interesse hat, einen kurzen Text oder ein Gedicht für einen Artikel des lyrischen Mittwochs zur Verfügung zu stellen, kontaktiere mich bitte per E-Mail.

Überdies ist auch eine neue Artikelreihe geplant, welche sich nach und nach mit Überlegungen zum Verfassen von Lyrik beschäftigt; zu sehr habe ich mich hier ausschließlich der Prosa gewidmet bis jetzt. Dies wird sich ändern. Ihnen allen einen schönen Sonntag!


Lektorat: Chancen und Vorteile

Liebe Autorinnen, liebe Autoren,

auf dem textbasis.blog versuche ich, für Sie interessante Artikel zu den Themen Textbearbeitung und Texterstellung zu veröffentlichen. Überdies soll die Reihe „Der lyrische Mittwoch“ Ergebnisse kreativen Schreibens vorstellen und den Blick hinter die Buchstaben und auf die Verfasserinnen und Verfasser freigeben. – Es wäre schön, wenn Sie auf diesen Seiten Inspiration und Motivation fänden, um mit Begeisterung an Ihren eigenen Texten zu feilen. Denn der Weg zu einem wirklich guten Text ist lang und beschwerlich, kostet viel Willenskraft und Lernbereitschaft – doch niemand hat gesagt, dass Sie diesen Weg immer allein gehen müssen.

Die Vorteile eines lektorierten Textes

Oft ist es schwierig, die nötige Distanz zu den eigenen Texten herzustellen, und eines kann kein (Schreib)Training je ändern: Es ist und bleibt Ihr Text; Sie werden ihn nie mit gänzlich fremden Augen lesen können. – An diesem Punkt hilft ein externes Lektorat sehr oft, um Ihren Text nüchtern zu betrachten und gegebenenfalls zu verbessern und aufzuarbeiten. Ein lektorierter Text besitzt wesentlich bessere Chancen verlegt zu werden, da er stilistisch und orthografisch optimiert und den Ansprüchen der Verlage angepasst wurde.

Die Zusammenarbeit mit einem Lektor bietet darüber hinaus einen weiteren Vorteil: Sie profitieren von seinen Branchenkontakten und die Wahrscheinlichkeit, einen passenden Verlag für Ihr Manuskript zu finden, ist deutlich höher. Unverlangt eingesandte Manuskripte liegen bei den Verlagen oft sehr lange, bis sie gesichtet werden (aufgrund der Masse täglicher Zusendungen). Die Empfehlung eines Lektors, der Ihr Manuskript mit all seinen Stärken kennt, verkürzt diese Wartezeit in vielen Fällen erheblich.

Manuskripte einsenden

Ich würde mich freuen, Ihr Manuskript zu lesen und Ihnen bei der Verlagssuche zu helfen, gleich ob Sie einen Fachtext, Gedichte oder einen Roman verfasst haben.

Dazu senden Sie mir bitte die ersten 30 Seiten Ihres Manuskriptes sowie eine Textzusammenfassung (oder Ihr Exposé) an die unten genannte E-Mail-Adresse. Nach Eingang des Manuskriptauszuges nehme ich Kontakt zu Ihnen auf. Danach prüfe ich, ob ein Lektorat Ihres Textes ratsam erscheint oder ob er eventuell schon verlags‑ und druckfertig aufgearbeitet ist. Nach Abschluss dieser Überprüfung melde ich mich erneut bei Ihnen und wir besprechen gemeinsam das weitere Vorgehen. Mit Zusendung Ihres Manuskriptauszuges gehen Sie selbstverständlich keinerlei Verpflichtungen ein,

Bitte senden Sie Ihre Manuskriptauszüge per E-Mail oder über den Postweg an mich. Die Kontaktdaten für alle Zusendungen finden Sie hier.

Ich freue mich auf Ihre Texte und eine vertrauensvolle und fruchtbare Zusammenarbeit.

Mit freundlichen Grüßen
Sebastian Schmidt


Von pfeifenden Schweinen und überlaufenden Fässern

Haben Sie schon einmal von Eheringen aus Gummi gehört? Oder von einer Urkunde auf Küchenkrepp? Hoffentlich nicht – und damit auch diese Woche wieder herzlich willkommen zum Blog am Sonntag.

Es ist nicht sonderlich schwer, sich die genannten Dinge vorzustellen, aber aus gutem Grund sind Gold und Urkundenpapier verbreiteter und geeigneter als Gummi und Krepp. Besitzt etwas Wert, so muss in vielen Fällen auch die Verarbeitung diesen Wert unterstreichen. Das kann man sich bei materiellen Sachen leicht vorstellen, aber auch bei Dingen, die uns nicht als greifbarer Gegenstand vorliegen, gilt dieses Prinzip. Ein Beispiel ist in meinen Augen der Text, welcher edler und wirksamer wird, je weniger er auf Redewendungen und allzu gebräuchliche Fügungen zurückgreift und stattdessen einmaliges Sprachmaterial verwendet. Im heutigen Artikel soll dies an einem Beispiel demonstriert werden; der Beispieltext dazu steht etwas weiter unten.

Um Texte hinsichtlich des Einsatzes von Redewendungen zu verbessern, sind im Wesentlichen drei Schritte nötig. 1. Das Auflisten der Redewendungen, 2. Die Unterscheidung zwischen Figurenrede und Erzählerrede, 3. Das Ersetzen unpassender Redewendungen durch Umformulieren. Dabei möchte ich schon an dieser Stelle herausstellen, dass nicht jedes Vorkommen von Redewendungen ein stilistischer Mangel ist und richtig eingesetzt, sogar ein sehr kunstvolles Gestaltungsmittel sein kann.

Bevor wir uns der Ausführung der drei genannten Punkte widmen, eine letzte Vorbemerkung, warum ich es überhaupt für gewinnbringend halte, dass man in Texten auf ein Übermaß an Redewendungen verzichtet. Dies hat damit zu tun, dass jede Autorin und jeder Autor die Sprache liebt und sie als Werkzeug für seine Kreationen nutzt. Soll ein Text bewundernswert und gut sein, so reicht es oft nicht, auf das schon Vorhandene zurückzugreifen. Denn dies wirkt auf den Leser oft so, als habe man gerade keine Einfälle gehabt oder so: „als fehlten einem die Worte“. Der Einsatz von Redewendungen muss dabei keinesfalls gleich zu schlechten Büchern führen, aber er zeigt zumindest, dass beim Schreiber auf sprachlicher Ebene noch Potenzial zur Verbesserung besteht – und dies ist nicht der schönste Eindruck, den man dem Leser vermitteln möchte, lenkt er doch ab von der eigentlichen Handlung oder dem eigentlichen Inhalt des Buches.

Führen wir also nun die drei genannten Schritte aus. Ich fasse dabei gleich Schritt 1 und 2 zusammen, indem ich zu jeder Redewendung dazuschreibe, ob sie der Figurenrede („die Figur spricht oder denkt“) oder der Erzählerrede („der Erzähler spricht oder denkt“) zuzuschreiben ist. Hier der Beispieltext:

Karl-August stolzierte die Straße entlang und bemerkte keinen Deut, wie er einen Schritt vor den anderen setzte. „Ich glaub mein Schwein pfeift“, dachte er, „ich kann nicht fassen, dass ich mit Sack und Pack rausgeschmissen wurde; das bringt das Fass echt zum Überlaufen.“ Dabei lief gerade alles wie geschmiert und das ständige Haareraufen hatte auch aufgehört. „Ich muss den Stier bei den Hörnern packen, sonst heißt es bald wieder: Pantoffelkino und Papierkrieg“, sagte er zu sich selbst, zähneknirschend, inständig hoffend auf die schnelle Mark.

Schritt 1 und 2: Redewendungen erfassen und zuordnen

  • „stolzierte … entlang“ (Erzählerrede)
  • „keinen Deut“ (Erzählerrede)
  • „einen Schritt vor den anderen setzte“ (Erzählerrede)
  • „Ich glaub mein Schwein pfeift“ (Figurenrede)
  • „Ich kann nicht fassen“ (Figurenrede)
  • „mit Sack und Pack“ (Figurenrede)
  • „rausgeschmissen“ (Figurenrede)
  • „bringt das Fass echt zum Überlaufen“ (Figurenrede)
  • „lief gerade alles wie geschmiert“ (Erzählerrede)
  • „Haareraufen“ (Erzählerrede)
  • „den Stier bei den Hörnern packen“ (Figurenrede)
  • „Pantoffelkino und Papierkrieg“ (Figurenrede)
  • „hoffend auf die schnelle Mark“ (Erzählerrede)

Es ist deutlich erkennbar, dass der Text, absichtlich, mit vielen Redewendungen und Redensarten gefüllt ist. Nicht alle von den aufgeführten sind störend oder unnötig. Doch wie kann man herausfinden, an welcher Stelle man lieber ausbessern sollte? Das ist schwierig und hängt oftmals vom eigenen Stil und vom Stil des Textes ab. Dennoch kann man sich mit einer einfachen Regel aushelfen: Der Erzähler spricht im Normalfall etwas nüchterner als die Figuren. (Ausnahmen von dieser Regel finden sich oft dann, wenn der Erzähler ein Ich-Erzähler ist oder wenn, wie beispielsweise bei Terry Pratchett oft, der Erzähler selbst eine wichtige Figur mit eigenem Charakter ist).

Lassen wir jedoch diese Sonderfälle hier unbeachtet. Ziel ist es ja auch keinesfalls, das künstlerische Schaffen zu limitieren, sondern lediglich den eigenen Stil etwas zu verbessern. Die Idee zu diesem Artikel bekam ich, als ich die Parabel „Das Seil“ von Stefan aus dem Siepen las. Ein Wortkünstler durch und durch, ein Stimmungszauberer, der mit wenigen Worten lebendige und starke Eindrücke vermittelt. Und dennoch kommen in der Figurenrede seiner Personen oft Redewendungen vor. Wie passt das zusammen? Ganz einfach, denn Unvermögen ist es nicht, sondern der bewusste Einsatz von Sprache. Die Hauptpersonen in „Das Seil“ sind Bauern und den harten, einfachen Ton ihrer Sprache fängt aus dem Siepen dadurch ein, dass er bewusst auf einfache Formulierungen zurückgreift, welche den Charakter der sprechenden Personen unterstreichen. Ganz anders der Erzähler, der weiß mit Worten aufzuwarten, die beim Lesen vor Freude lächeln lassen. Das heißt also: In der Figurenrede sind Redewendungen ein durchaus effektives Mittel, wenn sie den Charakter der Person unterstreichen – und das bedeutet, dass man vor allem bei der Erzählerrede ansetzen muss, will man den Stil heben.

Schritt 3: Umformulieren (mit Erklärung)

  • „stolzierte … entlang“ (Erzählerrede) zu „ging … entlang“ (nüchterner, klarer)
  • „keinen Deut“ (Erzählerrede) zu „nicht“ (weniger umgangssprachlich, weniger derb)
  • „einen Schritt vor den anderen setzte“ (Erzählerrede) zu „wie finstere und erleuchtete Fenster langsam an ihm vorbeizogen“ (Perspektivenwechsel, Stimmungsaufbau, sonst zu platt)
  • „Ich glaub mein Schwein pfeift“ (Figurenrede) zu „Potztausend“ oder härter: „Verdammt!“ (ansonsten unschönes Bild, zu bunt für einen Gedanken)
  • „Ich kann nicht fassen (belassen, wenig auffällig und überdies unterstreicht es die „Sprache“ der Hauptperson)
  • „mit Sack und Pack“ (Figurenrede) zu „eiskalt“ (Reim „Sack – Pack“ wirkt unschön, viele andere Varianten möglich, aber „eiskalt“ unterstreicht die Sprache der Hauptperson gut)
  • „rausgeschmissen“ (Figurenrede) (belassen, in diesem Fall typische Sprache der Hauptperson)
  • „bringt das Fass echt zum Überlaufen“ (Figurenrede) zu „damit schwappt nun endgültig das Wasser über den Fassrand“ (kreative, sinngleiche Umformulierung, um das Langweilige der originalen Redewendung zu tilgen)
  • „lief gerade alles wie geschmiert“ (Erzählerrede) zu „war es auf der Arbeit gerade ruhiger geworden“ (distanziertere Ausdrucksweise, auch um den Erzähler vom Sprachstils der Hauptperson abzugrenzen)
  • „Haareraufen“ (Erzählerrede) zu „ewige Streit“ (nüchterner, dem Erzähler angemessener, „Haareraufen“ könnte eventuell die Hauptperson in der Figurenrede verwenden)
  • „den Stier bei den Hörnern packen“ (Figurenrede) zu „endlich mal was hinbekommen“ (ausgeleierte und bildlich unpassende Metapher durch emotionale Figurenrede ersetzen, welche Rückschlüsse auf deren Gefühlsleben zulässt)
  • „Pantoffelkino und Papierkrieg“ (Figurenrede) (belassen, drückt Wortwitz und Kreativität der Hauptperson aus, verleiht ihr einen Anflug von Sympathie durch humoristische Darstellung der zukünftigen Situation)
  • „hoffend auf die schnelle Mark“ (Erzählerrede) (belassen, wirkt als Pointe des Erzählers, der das Geschehen aus seiner Sicht kommentiert und bewusst die Stilebene der Hauptfigur aufgreift. Könnte umformuliert werden, verleiht dem Text in der ursprünglichen Form aber einen eigenen, ungezwungen Klang.)

Für jede Veränderung gibt es natürlich Alternativen, ich möchte hier auch nur Vorschläge zur Verbesserung aufzeigen und keinesfalls Normen vorgeben; diese würden kreatives Schreiben nur einengen. Dennoch hoffe ich, demonstriert zu haben, wie man auf langweilige Standardformulierungen verzichten und seinen Text durch wenige Umformulierungen stärker und eigenständiger machen kann. Setzen wir zum Schluss also die vorgeschlagenen Ersetzungen in den Beispieltext ein. Hier beide Versionen im Vergleich:

Original:

Karl-August stolzierte die Straße entlang und bemerkte keinen Deut, wie er einen Schritt vor den anderen setzte. „Ich glaub mein Schwein pfeift“, dachte er, „ich kann nicht fassen, dass ich mit Sack und Pack rausgeschmissen wurde; das bringt das Fass echt zum Überlaufen.“ Dabei lief gerade alles wie geschmiert und das ständige Haareraufen hatte auch aufgehört. „Ich muss den Stier bei den Hörnern packen, sonst heißt es bald wieder: Pantoffelkino und Papierkrieg“, sagte er zu sich selbst, zähneknirschend, inständig hoffend auf die schnelle Mark.

Umformuliert:

Karl‑August ging die Straße entlang und bemerkte nicht, wie finstere und erleuchtete Fenster langsam an ihm vorbeizogen. „Potztausend“, dachte er, „ich kann nicht fassen, dass ich eiskalt rausgeschmissen wurde; damit schwappt nun endgültig das Wasser über den Fassrand!“ Dabei war es auf der Arbeit gerade ruhiger geworden und der ewige Streit hatte auch aufgehört. „Ich muss endlich mal was hinbekommen, sonst heißt es bald wieder: Pantoffelkino und Papierkrieg“, sagte er zu sich selbst, zähneknirschend, inständig hoffend auf die schnelle Mark.

Wie Karl‑August auf die Mark, so hoffe ich, dass Ihnen dieses kleine Beispiel Lust macht, Ihre eigenen Texte noch weiter zu perfektionieren und durch gekonnten und kreativen Sprachgebrauch lebendigere, unverwechselbare Texte zu schreiben, die neu erfinden, wo andere einfach nur in den Topf des Immergleichen langen. Denn durch unsere alltägliche Sprache greifen wir oft unbemerkt hinein in diesen Topf, aber da Ihre Bücher nicht alltäglich, sondern besonders sein sollen, muss man anpacken und feste Formulierungen aufbrechen zu schöner und einfallsreicher Sprache. Einen Ehering aus Gummi will man seiner Geliebten oder seinem Geliebten schließlich auch nicht unbedingt schenken.