[Nahdenken! #2] Kreativ kopiert, verliert

Über rollende Rubel freut man sich, überrollende Rubel dagegen können schnell wehtun. Herzlich willkommen zum zweiten Artikel in der Kolumne „Nahdenken!“

Es geht um das: Geld. Und es geht um das: Schreiben. Beide fügen sich oftmals nicht in die Verbindung, die man sich wünsch, besonders dann nicht, wenn man selbst Autor ist. Man schreibt zwar, aber das liebe Geld will nicht so richtig. Viele Autoren kennen die Situation und es ist vor allem für Erstveröffentlichungen schwierig, den Absatz zu finden, den man sich erhofft. Es ist schwer dahin zu kommen, dass sich die viele Zeit, die man ins Schreiben gesteckt hat, auszahlt. Das kennen viele und daran lässt sich auch nichts ändern. Der Beruf des Schriftstellers ist einer, der Mut erfordert, aber auch einer, der neben allem Mut immer vom Wohlwollen der Leser und oft von der Veröffentlichung bei einem Verlag abhängt. Doch wie kommt man nun verflixt nochmal dahin, dass sich die Mühe und all das Herzblut endlich lohnen?

Eine Antwort – und das ist gerade diejenige, von der ich abraten möchte – ist das kreative Kopieren von Stoffen, Perspektiven und Trends. Kreativ nenne ich es deswegen, da ich fest davon überzeugt bin, dass jedes Kopieren immer vor dem Hintergrund einer eigenen Vorstellung stattfindet. Meint: Ich lese etwas, es gefällt mir und es ist erfolgreich, ich mach es auch so. Prinzipiell ist dagegen natürlich nichts einzuwenden, denn man plagiiert schließlich nicht, sondern man lässt sich lediglich stark inspirieren. Das ist in Ordnung, aber das kann schnell gefährlich werden.

Denn jeder kennt das Gefühl, wenn man ein Buch ermüdet aus der Hand legt, weil man das Gefühl hat, es so ähnlich schon tausendmal gelesen zu haben. Und wenn das passiert, dann kommt es gar nicht erst dazu, dass der Rubel an Fahrt gewinnt, und dann kommt er auch nie bei einem selbst an. Denn der Widerspruch liegt schon in der Überlegung, die hinter einem solchen Vorgehen steckt: Ich mach es wie andere! Aber wenn ich etwas wie jemand anderes mache, so ist das Ergebnis immer: etwas, das ich mache wie jemand anderes. Das klingt blöd, aber es ist so. Das „ich“ bekommt man nicht weg, man wird nie zum Original, man bleibt der, der nachmacht (wie kreativ auch immer).

Betrachtet man das aus finanzieller Perspektive, dann sieht das folgendermaßen aus: Etwas ist gut und neu und erfolgreich – es bringt viel Geld. Das will man natürlich auch. Wenn man es nachmacht, dann kann es immer noch gut sein (und eventuell auch erfolgreich), aber es wird natürlich nicht zu etwas Neuem. Das liegt ja in der Natur der Sache. Nun ist es aber gerade so, dass die bekanntesten Autoren auch diejenigen sind, von denen man gern etwas nachmachen möchte (denn man findet es ja gerade mit vielen anderen Lesern zusammen gut, deswegen wird es ja erst erfolgreich). Verständlich, aber das kann langfristig doch nicht das Ziel sein, wenn man mit ganzem Herzen schreibt! Man will doch nicht nur den Profit, man will doch auch zu einer Schriftstellerin oder zu einem Schriftsteller werden, von dem die anderen abschreiben wollen!

Natürlich wieder einmal leichter gesagt, als getan. Aber ich denke, dass jeder, der sich dem Schreiben verschrieben hat (Entschuldigung!), dies tut, weil es ein innerer Drang ist und nicht, weil man schnell Geld machen will (dies wäre das wünschenswerte Ergebnis, keine Frage). Doch das schnelle Geld als Autor zu verdienen, ist in etwa so wahrscheinlich, wie das schnelle Geld beim Lottospielen einzuheimsen. Mit einem Unterschied, wohlgemerkt! Beim Lotto stehen die Chancen immer gleich schlecht, beim Schreiben kann man seine Chancen beeinflussen. Und ein erster Schritt dazu ist der, dass man dem Leser auf keinem Fall das Gefühl vermittelt, dass er schon tausendmal gelesen hat, was er dort vor sich sieht.

Was heißt das bis hierher? Kreatives Kopieren kann gut und erfolgreich sein, aber es wird nie zu etwas führen, das für viele andere inspirierend wirkt. Drei Gründe, warum das langfristig schlecht ist: man wird unzufrieden mit sich selbst, wenn man nichts Eigenes schafft; man läuft Gefahr den Leser zu langweilen; man wird für andere nie das Vorbild sein, von dem man selbst kreativ kopierte (weil man nichts Neues, nicht Kopierwürdiges schafft). Schlussfolgerung: Immer etwas völlig Neues erfinden! Um Gottes Willen, bloß nicht. Die Schlussfolgerung ist natürlich völliger Mumpitz und keinesfalls, wozu ich als Alternative raten möchte. Denn wenn schon nicht allen gelingt, ein Buch gut kreativ zu kopieren, so gelingt es nur den Allerwenigsten, eines ganz neu und innovativ zu machen. Richtige Schlussfolgerung: an dem orientieren, was es schon gibt. Das klingt jetzt wie ein Widerspruch, ich weiß.

Dennoch liegt darin der erste Schritt, ein Buch zu Scheiben, was der Verleger im Programm haben will und was der Leser bis zum Schluss gierig in der Hand hält. Denn ich meine nicht, man soll sich an dem orientieren, was es schon gibt im Buchhandel, sondern, was es in einem selbst schon gibt. Denn wenn ich schreibe, wofür ich mich interessiere, dann wird es zu etwas, das ich gemacht habe, wie ich es will – und darin liegt schon der ganze Unterschied zu dem Satz weiter oben, wo es hieß: „so ist das Ergebnis immer: etwas, das ich mache wie jemand anderes.“ Nicht das „ich“ muss weg, damit man sich möglichst dem „jemand anderes“ annähert! Das „jemand anderes“ muss weg.

Indem man dieses „jemand anderes“ von sich wegschiebt, sollte man sich aber auch keinesfalls isolieren. Viel zu lesen und vieles gut zu finden (und auch vieles schlecht), ist Grundvoraussetzung jedes Schreibens. Aber der Satz „Ich will wie jemand anderes“, der muss verschwinden. Her muss: „Jetzt will ich!“ – und dann wird in die Tasten gehauen bzw. beginnt man dann, sich sein Buch auszudenken. Inspirieren lassen, natürlich. Kreativ kopieren: bitte nicht.

Denn wenn der Rubel rollen soll, dann darf weder der Verleger das Gefühl haben: „Nichts Eigenes drin, weg damit“ und auch der Leser darf nicht denken: „Schon wieder immer dasselbe!“ Und da der Verlag nicht will, dass der Leser so etwas denkt, wird er es auch selbst merken und eventuell von einer Veröffentlichung absehen. – Daher kommt dann auch der viele Mut, der zum Schreiben nötig ist. Denn man muss sagen: Ich mach das jetzt, wie ich es will, auch wenn zurzeit viele es anders machen; denn ich will das. Come hell or high water! Und glauben Sie mir, wenn Sie es machen, wie Sie es wollen, dann merken das auch Verlag und Leser, dass hier ein Autor das gemacht hat, was er wollte – und nicht, was er kopieren wollte.

Das ist das Geheimnis. Und jetzt braucht es nur noch die ganzen anderen Dinge, die für gutes Schreiben nötig sind: Begabung, Ausdauer, gute Ideen, viel Zeit und Geduld – die Liste könnte noch sehr viel länger werden, aber ich fasse zusammen. Wenn Sie das Geheimnis (was eigentlich gar nicht so geheim ist) erkannt haben, dann braucht es: den Mut der Autorin, den Mut des Autors. Denn ohne den geht gar nichts. Nicht einmal, etwas zu kopieren (besonders dann, wenn es nicht kreativ kopiert wurde) … man weiß ja durch die Medien, wozu das im schlimmsten Fall führen kann und dass das oft mit Rücktritten verbunden ist.

Denn dann wurde man vom Rubel überrollt: Man will ihn, man greift nach ihm, man bekommt ihn, doch dann erwischt er einen, und man liegt da. Man war wer, aber man hat nichts hinterlassen (außer sich selbst auf dem Boden). Um Freund mit dem Rubel zu werden, muss man zuerst Freund mit sich selbst sein. Denn die Freundschaft zum Rubel ist immer eine tückische, die zu sich selbst eine notwendige.

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Über Sebastian Schmidt

Ich arbeite als freier Lektor (www.lektorat-textbasis.de) und mag gute Bücher. Vor meiner freiberuflichen Tätigkeit habe ich Germanistik und Philosophie studiert (M. A.) sowie als Bibliotheksangestellter gearbeitet. Neben der Zusammenarbeit mit Autoren und Verlagen liebe ich die Musik. Blogadresse: textbasis.wordpress.com Zeige alle Beiträge von Sebastian Schmidt

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