Mit dem 52×1 zum ersten Buch

Im Vergleich zu Kilogramm oder Meter ist die Einheit Buch ganz anders. Man kann zwar zählen 1 Buch, 2 Bücher und so fort, genau wie bei den Maß‑ und Gewichtsangaben auch, aber irgendwie gibt es schon einen Unterschied. Im Artikel dieser Woche soll es jedoch nicht darum gehen, zu zeigen, was genau die Eigenschaften eines Buches sein müssen, damit wir es Buch nennen (denn das bereitet uns im Alltag kaum Probleme). Vielmehr nämlich ist das, was viele vom Schreiben abhält, die Frage: was genau und wie viel muss ich denn eigentlich tun, damit am Ende ein Buch herauskommt?

Dass niemand Angst vor einem Meter hat, weil er aus 1000 Millimetern besteht, verwundert kaum. Aber dass manche Bücher 1000 Seiten haben, das ist für viele, die überlegen ihr erstes Buch zu schreiben, oft etwas abschreckend. Denn 1000 Seiten Text schreiben sich nicht an einem Tag und die meisten Menschen trauen sich nicht zu, soviel zu schreiben (vor allem dann nicht, wenn sie keine geborenen Viel- und Gernschreiber sind). Daraus entsteht dann womöglich eine Art Angst, die sich vom Umfang eines Buches herleitet: Das schaffe ich nie!

Diese Angst ist unbegründet und entsteht einerseits dadurch, dass man sich vom Buchumfang abschrecken lässt („So viel kann ich gar nicht schreiben!“), und zweitens dadurch, dass man sich das Schreiben eines Buches falsch vorstellt („Das würde mir gar nicht alles einfallen!“). Diese beiden Angstursachen lassen sich dabei leicht beseitigen und ich gebe im Folgenden ein paar Tipps, wie sich jeder selbst diese Schreibangst nehmen kann.

(Hinter allen folgenden Ratschlägen steht immer die eine, grundlegende Regel: Man muss Spaß am Schreiben haben. Wenn das nicht der Fall ist, dann ist alles andere vergebens.)

Widmen wir uns zuerst der Angst vor den fehlenden Ideen, die ganz eng mit den falschen Vorstellungen vom Schreibprozess selbst verknüpft ist. Eine Idee, um die man das Buch herum schreiben will, die braucht es freilich am Anfang immer. Sonst würde man ja gar nicht erst anfangen. Wenn Sie jedoch Ihre Idee haben, um die ein Buch entstehen soll, dann kann es auch sogleich losgehen. – Aber nicht mit dem (Buch)Schreiben!

Denn das ist (ganz gleich, ob es sich um ein Fachbuch oder einen Roman handelt) der Fehler, der möglicherweise viel zu oft passiert: Man schreibt einfach drauflos und wundert sich dann, dass einem auf dem Weg die Ideen ausgehen, dass das Buch nicht den gewünschten Umfang hat, oder dass man eigentlich nur einen guten Anfang, ein gutes Ende aber einen schnarchlangweiligen Mittelteil zu Papier gebracht hat. Denn solche Meister gibt es nur wenige, die während des Schreibens ihre Bücher erfinden (und dann heißt das auch noch nicht, dass am Ende ein gutes Buch herauskommt).

Den meisten Textschaffenden wird es ähnlich gehen: Ein Buch schreiben, das ist mehr, als wild in die Tasten zu hämmern. Texte schreiben bedeutet: Wissen, worüber man schreibt. Dieses Wissen kann sich dabei je nach Buch ganz unterschiedlich zusammensetzen. Eingehende Recherche bei Fachbüchern ist immer ein guter Beginn, eine Auflistung aller wichtigen Themen schon fast der Startschuss. Ähnlich ist es auch bei Romanen. Auch dort kann in bestimmten Genres eine eigehende Recherche notwendig sein (historischer Roman etc.)

Gehen wir an dieser Stelle davon aus, dass die Recherche erledigt ist und man sich wohlfühlt in dem Thema, über das man schreiben möchte – auch dann sollte man noch nicht mit dem Schreiben selbst beginnen. Denn obwohl die Grundlage schon eine sehr gute ist, so fehlt dem Buch doch noch sein eigentliches Skelett. Dieses zusammenzukitten ist von den wichtigen Vorarbeiten die notwendige. Denn eine Idee ist noch kein Buch. Die Idee muss ausgeführt werden, sie muss zu etwas werden, das länger hält als die Dauer eines Geistesblitzes. Hier liegt nun auch der Dreh- und Angelpunkt aller guten Bücher: Die Idee muss zu einem Text werden.

Das genaue Vorgehen lässt sich nicht beschreiben, wie dieser Schritt bewerkstelligt werden kann. Hier muss jeder seinen eigenen Stil finden. Jedoch ist es immer wichtig, dass man sich über den Anfang und das Ende hinaus überlegt: was passiert eigentlich genau in der Mitte des Buches? Um diese Frage dreht sich dann alle weitere Beschäftigung. Man muss Personen erfinden, ihnen eine Biografie verpassen, man braucht Handlungsmotive, man benötigt Handlungsstränge. Eben all das, was der Schriftsteller erfinden muss, damit er sein Buch schreiben kann.

Je genauer man bei der Planung seines Buches vorgeht, desto mehr bildet sich schon vor dem ersten Wort des eigentlichen Textes die Geschichte im Kopf heraus. Je mehr man Handlungsskizzen, Charakterskizzen und –motive entwirft, umso mehr spinnt sich von ganz allein eine Geschichte im Kopf zurecht. Das beste Buch schreibt man demnach, wenn man vor dem eigentlichen Niederschreiben schon grob (und im Idealfall: genau) weiß, was ein paar Kapitel später passieren wird und warum das wichtig ist für den Mittelteil des Buches. Denn so erzeugt man auch über viele Seiten hinweg Spannung (man muss wissen, was man spannend macht und wie und wo man die Spannung auflöst).

An dieser Stelle haben Sie noch kaum etwas vom Haupttext Ihres Buches notiert, aber Sie sind ausgerüstet mit allem, was Sie brauchen, um sich später beim Schreiben wohlzufühlen: Sie wissen Bescheid (Recherche) und sie haben ihrer Idee Leben eingehaucht (Buchkonzeption und Skizzen). Sind Sie an dieser Stelle angekommen, werden Sie merken, dass die zweite oben genannte Angstursache (die vielen Seiten, die es noch zu schreiben gilt) schon weit in den Hintergrund gerückt ist. Denn nun wissen Sie, was sie alles auf diese vielen leeren Seiten schreiben können. Aber dennoch: Es steht noch nichts da, was mal ein Buch werden könnte, und Sie haben schon viele, viele Stunden an der Ausgestaltung Ihrer Idee verbracht. Jetzt heißt es: letzte Vorbereitungen treffen, sich selbst motivieren und dann wird losgelegt.

Der letzte Schritt, bevor es an die Schreibarbeit geht, ist das Organisieren der Handlung in Kapitel. Sie wissen, was Sie alles behandeln wollen, Sie wissen, was alles vorkommen muss, und Sie wissen, wodurch Ihre Spannung erzeugt wird. Diese Textknochen fügen Sie jetzt zu einem Textskelett. Entwerfen Sie die ersten 10 bis 20 Kapitel Ihres Buches, notieren Sie sich, was darin geschehen soll. Und fertig ist Ihre eigene Buchvorlage, der Sie im letzten Schritt nun „bloß“ noch Leben einhauchen müssen. Es spielt übrigens keine Rolle, wenn Sie nicht alle Kapitel des Buches durchplanen, lassen Sie sich Spielräume für Eingebungen während des Schreibens. Aber orientieren Sie sich immer an Ihren Skizzen, auch wenn Sie die Kapitel später noch einmal umarbeiten.

Und jetzt der Clou: Sie haben die Idee und diese zu einem Konzept gemacht. Aus dem Konzept sind die (noch leeren) Kapitel entstanden. Sagen wir, Sie gliedern Ihr Buch in 52 Kapitel. Und bevor Sie mit Schreiben anfangen, lösen wir noch kurz eine Rechenaufgabe (nicht zufällig entsprechen die 52 Kapitel den 52 Wochen des Jahres). Ihr Ziel ist eine spannende Geschichte mit dem Umfang von 400 Taschenbuchseiten. 400 Seiten ÷ 52 Wochen = ca. 8 Seiten in der Woche. Die weitere Rechnung könnte man sich schenken, aber sie tut gut: 8 Seiten ÷ 7 Tage = etwas mehr als 1 Seite pro Tag.

Lassen Sie uns darüber kurz nachdenken: Sie haben die Idee und Sie wissen, worüber Sie schreiben wollen, und Sie haben Ihre Kapitel und Sie wissen, dass Sie, wenn Sie jeden Tag etwas mehr als eine Seite schreiben, innerhalb eines Jahres Ihr erstes Buch fertiggestellt haben. Da Sie gern schreiben und weil für Sie eine Seite Text am Tag keine Herausforderung ist und weil Sie wissen, was Sie auf diese eine Seite schreiben wollen (aufgrund Ihrer gründlichen Vorarbeiten) – deswegen wissen Sie auch, dass Sie es schaffen, Ihr Buch zu schreiben und keine Angst haben müssen, dass Ihnen nichts mehr einfällt oder dass Sie der Umfang überwältigt.

Um sich noch weiter zu motivieren, rechnen Sie so: Schaffen Sie ca. 3 Seiten an einem Tag, dann haben Sie binnen eines Jahres Ihren 1000 Seiten-Wälzer (wofür natürlich auch genug Stoff da sein muss!). Oder so: Mit 5 Seiten am Tag, haben sie Ihre 400 Taschenbuchseiten in 80 Tagen fertig. Oder rechnen Sie so, wie es Sie motiviert. Wenn Sie die magische Einheit, 1 Jahr, in Ihre Berechnungen einbringen, dann kommen Sie für fast alle Bücher immer zu demselben Ergebnis: Das schaffe ich!

Es sei zum Schluss dieses Eintrags noch angemerkt, dass es in diesem Artikel darum ging, ein Buch in einem Jahr zu schreiben. Die Ideenfindung und Konzeption sind da nicht mit eingerechnet. Aber wenn Sie am Tag etwa 3 Seiten schreiben, dann haben Sie noch 6 Monate, um Ihr Buch zu planen. Erliegen Sie dabei bitte nicht der Illusion, dass eine gute Planung auch zu einem sicheren Erfolg führt. Denn der Erfolg bestimmt sich durch viele zufällige Faktoren am Buchmarkt. Dennoch können Sie Ihre Chancen erhöhen, je besser Ihre Idee ist und umso gründlicher Ihre Vorarbeiten sind.

Denken Sie aber auch daran, dass 100 Autoren aus einer Buchskizze 100 verschieden gute Bücher machen können. Sie müssen zu den besten dieser 100 gehören. Also lassen Sie all Ihr Sprachgefühl und Ihre Kreativität in Ihre Sätze fließen, nachdem Sie festgestellt haben, dass Ihr Buch schon in greifbarer Nähe (1 Jahr!) ist. Denn das ist die zweite Seite des Autorenhandwerks, neben dem Erfinden und Planen des Inhalts: das Schreiben (und das geht umso besser, wenn Sie sich nicht immer Gedanken machen müssen, was Sie schreiben, sondern nur noch: wie Sie es am besten zu Papier bringen).

In diesem Sinne: Wir lesen uns – spätestens in einem Jahr!

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Über Sebastian Schmidt

Ich arbeite als freier Lektor (www.lektorat-textbasis.de) und mag gute Bücher. Vor meiner freiberuflichen Tätigkeit habe ich Germanistik und Philosophie studiert (M. A.) sowie als Bibliotheksangestellter gearbeitet. Neben der Zusammenarbeit mit Autoren und Verlagen liebe ich die Musik. Blogadresse: textbasis.wordpress.com Zeige alle Beiträge von Sebastian Schmidt

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