Von pfeifenden Schweinen und überlaufenden Fässern

Haben Sie schon einmal von Eheringen aus Gummi gehört? Oder von einer Urkunde auf Küchenkrepp? Hoffentlich nicht – und damit auch diese Woche wieder herzlich willkommen zum Blog am Sonntag.

Es ist nicht sonderlich schwer, sich die genannten Dinge vorzustellen, aber aus gutem Grund sind Gold und Urkundenpapier verbreiteter und geeigneter als Gummi und Krepp. Besitzt etwas Wert, so muss in vielen Fällen auch die Verarbeitung diesen Wert unterstreichen. Das kann man sich bei materiellen Sachen leicht vorstellen, aber auch bei Dingen, die uns nicht als greifbarer Gegenstand vorliegen, gilt dieses Prinzip. Ein Beispiel ist in meinen Augen der Text, welcher edler und wirksamer wird, je weniger er auf Redewendungen und allzu gebräuchliche Fügungen zurückgreift und stattdessen einmaliges Sprachmaterial verwendet. Im heutigen Artikel soll dies an einem Beispiel demonstriert werden; der Beispieltext dazu steht etwas weiter unten.

Um Texte hinsichtlich des Einsatzes von Redewendungen zu verbessern, sind im Wesentlichen drei Schritte nötig. 1. Das Auflisten der Redewendungen, 2. Die Unterscheidung zwischen Figurenrede und Erzählerrede, 3. Das Ersetzen unpassender Redewendungen durch Umformulieren. Dabei möchte ich schon an dieser Stelle herausstellen, dass nicht jedes Vorkommen von Redewendungen ein stilistischer Mangel ist und richtig eingesetzt, sogar ein sehr kunstvolles Gestaltungsmittel sein kann.

Bevor wir uns der Ausführung der drei genannten Punkte widmen, eine letzte Vorbemerkung, warum ich es überhaupt für gewinnbringend halte, dass man in Texten auf ein Übermaß an Redewendungen verzichtet. Dies hat damit zu tun, dass jede Autorin und jeder Autor die Sprache liebt und sie als Werkzeug für seine Kreationen nutzt. Soll ein Text bewundernswert und gut sein, so reicht es oft nicht, auf das schon Vorhandene zurückzugreifen. Denn dies wirkt auf den Leser oft so, als habe man gerade keine Einfälle gehabt oder so: „als fehlten einem die Worte“. Der Einsatz von Redewendungen muss dabei keinesfalls gleich zu schlechten Büchern führen, aber er zeigt zumindest, dass beim Schreiber auf sprachlicher Ebene noch Potenzial zur Verbesserung besteht – und dies ist nicht der schönste Eindruck, den man dem Leser vermitteln möchte, lenkt er doch ab von der eigentlichen Handlung oder dem eigentlichen Inhalt des Buches.

Führen wir also nun die drei genannten Schritte aus. Ich fasse dabei gleich Schritt 1 und 2 zusammen, indem ich zu jeder Redewendung dazuschreibe, ob sie der Figurenrede („die Figur spricht oder denkt“) oder der Erzählerrede („der Erzähler spricht oder denkt“) zuzuschreiben ist. Hier der Beispieltext:

Karl-August stolzierte die Straße entlang und bemerkte keinen Deut, wie er einen Schritt vor den anderen setzte. „Ich glaub mein Schwein pfeift“, dachte er, „ich kann nicht fassen, dass ich mit Sack und Pack rausgeschmissen wurde; das bringt das Fass echt zum Überlaufen.“ Dabei lief gerade alles wie geschmiert und das ständige Haareraufen hatte auch aufgehört. „Ich muss den Stier bei den Hörnern packen, sonst heißt es bald wieder: Pantoffelkino und Papierkrieg“, sagte er zu sich selbst, zähneknirschend, inständig hoffend auf die schnelle Mark.

Schritt 1 und 2: Redewendungen erfassen und zuordnen

  • „stolzierte … entlang“ (Erzählerrede)
  • „keinen Deut“ (Erzählerrede)
  • „einen Schritt vor den anderen setzte“ (Erzählerrede)
  • „Ich glaub mein Schwein pfeift“ (Figurenrede)
  • „Ich kann nicht fassen“ (Figurenrede)
  • „mit Sack und Pack“ (Figurenrede)
  • „rausgeschmissen“ (Figurenrede)
  • „bringt das Fass echt zum Überlaufen“ (Figurenrede)
  • „lief gerade alles wie geschmiert“ (Erzählerrede)
  • „Haareraufen“ (Erzählerrede)
  • „den Stier bei den Hörnern packen“ (Figurenrede)
  • „Pantoffelkino und Papierkrieg“ (Figurenrede)
  • „hoffend auf die schnelle Mark“ (Erzählerrede)

Es ist deutlich erkennbar, dass der Text, absichtlich, mit vielen Redewendungen und Redensarten gefüllt ist. Nicht alle von den aufgeführten sind störend oder unnötig. Doch wie kann man herausfinden, an welcher Stelle man lieber ausbessern sollte? Das ist schwierig und hängt oftmals vom eigenen Stil und vom Stil des Textes ab. Dennoch kann man sich mit einer einfachen Regel aushelfen: Der Erzähler spricht im Normalfall etwas nüchterner als die Figuren. (Ausnahmen von dieser Regel finden sich oft dann, wenn der Erzähler ein Ich-Erzähler ist oder wenn, wie beispielsweise bei Terry Pratchett oft, der Erzähler selbst eine wichtige Figur mit eigenem Charakter ist).

Lassen wir jedoch diese Sonderfälle hier unbeachtet. Ziel ist es ja auch keinesfalls, das künstlerische Schaffen zu limitieren, sondern lediglich den eigenen Stil etwas zu verbessern. Die Idee zu diesem Artikel bekam ich, als ich die Parabel „Das Seil“ von Stefan aus dem Siepen las. Ein Wortkünstler durch und durch, ein Stimmungszauberer, der mit wenigen Worten lebendige und starke Eindrücke vermittelt. Und dennoch kommen in der Figurenrede seiner Personen oft Redewendungen vor. Wie passt das zusammen? Ganz einfach, denn Unvermögen ist es nicht, sondern der bewusste Einsatz von Sprache. Die Hauptpersonen in „Das Seil“ sind Bauern und den harten, einfachen Ton ihrer Sprache fängt aus dem Siepen dadurch ein, dass er bewusst auf einfache Formulierungen zurückgreift, welche den Charakter der sprechenden Personen unterstreichen. Ganz anders der Erzähler, der weiß mit Worten aufzuwarten, die beim Lesen vor Freude lächeln lassen. Das heißt also: In der Figurenrede sind Redewendungen ein durchaus effektives Mittel, wenn sie den Charakter der Person unterstreichen – und das bedeutet, dass man vor allem bei der Erzählerrede ansetzen muss, will man den Stil heben.

Schritt 3: Umformulieren (mit Erklärung)

  • „stolzierte … entlang“ (Erzählerrede) zu „ging … entlang“ (nüchterner, klarer)
  • „keinen Deut“ (Erzählerrede) zu „nicht“ (weniger umgangssprachlich, weniger derb)
  • „einen Schritt vor den anderen setzte“ (Erzählerrede) zu „wie finstere und erleuchtete Fenster langsam an ihm vorbeizogen“ (Perspektivenwechsel, Stimmungsaufbau, sonst zu platt)
  • „Ich glaub mein Schwein pfeift“ (Figurenrede) zu „Potztausend“ oder härter: „Verdammt!“ (ansonsten unschönes Bild, zu bunt für einen Gedanken)
  • „Ich kann nicht fassen (belassen, wenig auffällig und überdies unterstreicht es die „Sprache“ der Hauptperson)
  • „mit Sack und Pack“ (Figurenrede) zu „eiskalt“ (Reim „Sack – Pack“ wirkt unschön, viele andere Varianten möglich, aber „eiskalt“ unterstreicht die Sprache der Hauptperson gut)
  • „rausgeschmissen“ (Figurenrede) (belassen, in diesem Fall typische Sprache der Hauptperson)
  • „bringt das Fass echt zum Überlaufen“ (Figurenrede) zu „damit schwappt nun endgültig das Wasser über den Fassrand“ (kreative, sinngleiche Umformulierung, um das Langweilige der originalen Redewendung zu tilgen)
  • „lief gerade alles wie geschmiert“ (Erzählerrede) zu „war es auf der Arbeit gerade ruhiger geworden“ (distanziertere Ausdrucksweise, auch um den Erzähler vom Sprachstils der Hauptperson abzugrenzen)
  • „Haareraufen“ (Erzählerrede) zu „ewige Streit“ (nüchterner, dem Erzähler angemessener, „Haareraufen“ könnte eventuell die Hauptperson in der Figurenrede verwenden)
  • „den Stier bei den Hörnern packen“ (Figurenrede) zu „endlich mal was hinbekommen“ (ausgeleierte und bildlich unpassende Metapher durch emotionale Figurenrede ersetzen, welche Rückschlüsse auf deren Gefühlsleben zulässt)
  • „Pantoffelkino und Papierkrieg“ (Figurenrede) (belassen, drückt Wortwitz und Kreativität der Hauptperson aus, verleiht ihr einen Anflug von Sympathie durch humoristische Darstellung der zukünftigen Situation)
  • „hoffend auf die schnelle Mark“ (Erzählerrede) (belassen, wirkt als Pointe des Erzählers, der das Geschehen aus seiner Sicht kommentiert und bewusst die Stilebene der Hauptfigur aufgreift. Könnte umformuliert werden, verleiht dem Text in der ursprünglichen Form aber einen eigenen, ungezwungen Klang.)

Für jede Veränderung gibt es natürlich Alternativen, ich möchte hier auch nur Vorschläge zur Verbesserung aufzeigen und keinesfalls Normen vorgeben; diese würden kreatives Schreiben nur einengen. Dennoch hoffe ich, demonstriert zu haben, wie man auf langweilige Standardformulierungen verzichten und seinen Text durch wenige Umformulierungen stärker und eigenständiger machen kann. Setzen wir zum Schluss also die vorgeschlagenen Ersetzungen in den Beispieltext ein. Hier beide Versionen im Vergleich:

Original:

Karl-August stolzierte die Straße entlang und bemerkte keinen Deut, wie er einen Schritt vor den anderen setzte. „Ich glaub mein Schwein pfeift“, dachte er, „ich kann nicht fassen, dass ich mit Sack und Pack rausgeschmissen wurde; das bringt das Fass echt zum Überlaufen.“ Dabei lief gerade alles wie geschmiert und das ständige Haareraufen hatte auch aufgehört. „Ich muss den Stier bei den Hörnern packen, sonst heißt es bald wieder: Pantoffelkino und Papierkrieg“, sagte er zu sich selbst, zähneknirschend, inständig hoffend auf die schnelle Mark.

Umformuliert:

Karl‑August ging die Straße entlang und bemerkte nicht, wie finstere und erleuchtete Fenster langsam an ihm vorbeizogen. „Potztausend“, dachte er, „ich kann nicht fassen, dass ich eiskalt rausgeschmissen wurde; damit schwappt nun endgültig das Wasser über den Fassrand!“ Dabei war es auf der Arbeit gerade ruhiger geworden und der ewige Streit hatte auch aufgehört. „Ich muss endlich mal was hinbekommen, sonst heißt es bald wieder: Pantoffelkino und Papierkrieg“, sagte er zu sich selbst, zähneknirschend, inständig hoffend auf die schnelle Mark.

Wie Karl‑August auf die Mark, so hoffe ich, dass Ihnen dieses kleine Beispiel Lust macht, Ihre eigenen Texte noch weiter zu perfektionieren und durch gekonnten und kreativen Sprachgebrauch lebendigere, unverwechselbare Texte zu schreiben, die neu erfinden, wo andere einfach nur in den Topf des Immergleichen langen. Denn durch unsere alltägliche Sprache greifen wir oft unbemerkt hinein in diesen Topf, aber da Ihre Bücher nicht alltäglich, sondern besonders sein sollen, muss man anpacken und feste Formulierungen aufbrechen zu schöner und einfallsreicher Sprache. Einen Ehering aus Gummi will man seiner Geliebten oder seinem Geliebten schließlich auch nicht unbedingt schenken.

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Über Sebastian Schmidt

Ich arbeite als freier Lektor (www.lektorat-textbasis.de) und mag gute Bücher. Vor meiner freiberuflichen Tätigkeit habe ich Germanistik und Philosophie studiert (M. A.) sowie als Bibliotheksangestellter gearbeitet. Neben der Zusammenarbeit mit Autoren und Verlagen liebe ich die Musik. Blogadresse: textbasis.wordpress.com Zeige alle Beiträge von Sebastian Schmidt

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