[Der lyrische Mittwoch, Folge 1] Sybille Ebner: seidenblume

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

ganz herzlich begrüße ich Sie zum Eröffnungseintrag des lyrischen Mittwochs. Großer Dank gebührt Sybille Ebner vom sinn.wort.spiel Blog, welche bei den Vorbereitungen half. Der erste Text stammt dann auch gleich aus ihrer Feder und wurde bereits zum Literaturwettbewerb 2011 der Akademie Graz zum Thema: „Zeitgenössische Liebesgedichte“ eingereicht.
Ihr Gedicht „seidenblume“ entführt ins Intime, schleicht um einsame Gedanken. Dem Innen eine Sprache geben; kein Reim, dafür das Intensive des Wahren, des Bekannten. Ganz nah, ganz tief drin, zum Anfassen – und dann lieber doch nicht.

seidenblume

kaum wage ich
dich anzusehn
schon ein blick in sehnsucht
könnte zuviel sein
dich zerbrechen
zerreißen
zerstreuen
und am ende wäre ich wieder
allein –
 
lieber werfe ich dir
gar keinen blick zu
lieber verzichte ich
auf jeden kontakt
und sei es nur
eine zarte berührung –
 
am besten wird es sein
ich nehme dich und
stelle dich an einen platz
an dem ich dir nichts
antun kann –
 
ich will dich nicht
verletzen
kleine seidenblume

Textbasis: Vielen Dank für dein Gedicht, Sybille! Ich freue mich, dass du gleich zugesagt und die Aktion auch auf deinem Blog sinn.wort.spiel vorgestellt hast. Du arbeitest als Lektorin und Korrektorin, welche Rolle spielt für dich das Schreiben eigener Texte?
Sybille Ebner: das schreiben eigener texte ist für mich schon sehr lange wie ein ventil. egal wie, egal wo, egal was – und wenn es nur drei worte auf einem aus einem notizbuch herausgerissenen zettel sind. schreiben ist im grunde die essenz dessen, was ich bin. was ich denke. und das ist auch der grund, warum ich anderen helfen möchte, ihre texte zu verbessern und fehler zu eliminieren.
zu lange habe ich ‚für die schublade‘ geschrieben – nun wage ich mich ins kalte wasser und siehe da: schon wird ein gedicht veröffentlicht und ich werde interviewt. danke!

Textbasis: Bitteschön! In einem Kommentar hast du geschrieben, dass du Gedichte liebst. Was zeichnet Gedichte für dich aus, spielt verdichtete Sprache heute überhaupt noch eine Rolle?
Sybille Ebner: natürlich spielt poetische sprache noch eine rolle! (also, für mich zumindest.) in zeiten, wo ‚oida‘ ein subjekt ersetzt, muss es einen gegenpol geben. und den gibt es – auch zeit.genössisch. wer wissen möchte, was ein gedicht für mich auszeichnet, dem sei der ‚panther‘ von r.m.rilke empfohlen.

Textbasis: Auf deinem Blog stellst du derzeit die Artikelfolge „einfach so.“ ein, die mit viel Sprachgefühl von einer einsamen Frau und vom Schaum handelt. Wie lange schreibst du schon, hast du Pläne, angefangene Projekte? Was würdest du gern einmal schreiben?
Sybille Ebner: noch ist die ‚einfach so‘.reihe nicht an ihrem ende angekommen. aber bald. am ende wird der schaum zu einem synonym. zu einem verlorenen traum. (zuviel möchte ich nicht verraten, selber lesen, lang dauert es ja nicht mehr bis zum ende.)
ich schreibe schon, seit ich schreiben kann. ich habe end.los viele pläne, immens viele angefangene projekte, ein ganzes notiz.buch voller ideen.fetzen – und wann immer es die zeit zu.lässt, widme ich mich diesen. etwas, das ich schon seit jahren schreibe, ist die novelle ‚roter regen‘ – mit viel glück bald auf meinem blog nach.zu.lesen.
was ich gerne schreiben würde … das kann ich so nicht beantworten. denn ich schreibe ja, was ich schreiben möchte. zumindest versuche ich das.

Textbasis: Abschließend: Wie kam es zum Gedicht „seidenblume“, was möchtest du den Leserinnen und Lesern verraten, das vielleicht so nicht direkt im Text steht?
Sybille Ebner: ich war auf der suche nach gedanken zur liebe. zeitgenössische liebes.gedichte – das klingt schwer, und ist es auch. schnell wird es kitschig, schnell platt und nichts.sagend.
’seidenblume‘ ist mein versuch, die mauern innerhalb einer beziehung, die uns von.einander trennen, in worte zu fassen. jene mauern, die uns belasten, erdrücken, und uns davon abhalten, glücklich zu sein.

Textbasis: Der Versuch ist dir gelungen. Letzte Worte?
Sybille Ebner: nein, danke, noch keine letzten worte. so weit bin ich noch nicht. 🙂

Textbasis: Vielen Dank für deine Teilnahme am lyrischen Mittwoch, die interessanten Antworten und dein tolles Gedicht. Ich wünsche dir für die Zukunft viel Erfolg, viele eifrige Leser und weiterhin so gute Textideen.
Für mehr großartige Lyrik und Prosa besuchen Sie bitte Sybille Ebners Blog sinn.wort.spiel – es gibt einiges zu entdecken! Bis zum nächsten lyrischen Mittwoch und eine gute Zeit bis dahin.

PS: Wer von Ihnen ebenfalls Lust hat, eines seiner Gedichte hier vorzustellen und ein paar Worte über sich zu sagen, kontaktiere mich bitte per E-Mail. Ich würde mich freuen, von Ihnen zu lesen.

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Über Sebastian Schmidt

Ich arbeite als freier Lektor (www.lektorat-textbasis.de) und mag gute Bücher. Vor meiner freiberuflichen Tätigkeit habe ich Germanistik und Philosophie studiert (M. A.) sowie als Bibliotheksangestellter gearbeitet. Neben der Zusammenarbeit mit Autoren und Verlagen liebe ich die Musik. Blogadresse: textbasis.wordpress.com Zeige alle Beiträge von Sebastian Schmidt

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