[Der lyrische Mittwoch, Folge 2] Walther: da

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

der lyrische Mittwoch geht in die zweite Runde! Ich freue mich, Ihnen auch diese Woche wieder ein wunderbares Gedicht und einen sympathischen Dichter vorstellen zu dürfen. Für die freundliche und professionelle Zusammenarbeit bedanke ich mich ganz herzlich bei Walther (Werner Theis), von dem die folgenden Zeilen stammen. Walther arbeitet für das Literaturmagazin Asphaltspuren, veröffentlicht regelmäßig ausgesuchte Gedichte in Walthers Anthologie, und ist hingebungsvoller Verseschmied und -liebhaber.
Die heiße Leidenschaft, die feurigen Gedanken, die Blitze der Ideen im Gehirn – wenn die nur immer irgendwie zu Wörtern werden würden. Trotzdem: Jeder Text fließt irgendwie vom Kopf zum Papier. In „da“ nähert sich Walther all diesen theoretischen Überlegungen mit einer überraschenden Lebendigkeit. Was geht auf diesem Weg verloren, was nimmt man weg, wie viel gibt man hinzu – und: was bekommt man am Ende dafür?

da

die zeichen sprechen
auf dem federkiel reitend
ins weiß ziseliert welch
eine verschwendung
unumwunden gewunden
in verse gezwungen

da

eine spinne seilt sich
ab eilt über das blatt
und ihre beinchen in
feuchte tinte getaucht
schreiben eine andere
sprache existentiell und

da

verschwindet die spinne
kurz am seidenen faden
hängend klettert sie leis
dem dichter ins haar der
sich gerade verbeugt vor
der schwere der gedanken

Walther (Werner Theis) auf einer Lesung der Asphaltspuren in Düsseldorf 2008

Walther (Werner Theis) auf einer Lesung der Asphaltspuren in Düsseldorf 2008

Textbasis: Walther, zusammen mit dem Team der Asphaltspuren arbeitest du auf euer zehnjähriges Bestehen und die zwanzigste Print-Ausgabe eures Literaturmagazines hin. Diese Routine im Umgang mit Lyrik spürt man, sobald man die ersten Verse deines tollen Gedichtes liest. Ich freue mich, dass du dich bereit erklärt hast, am lyrischen Mittwoch teilzunehmen und so schöne Worte einzureichen. Verrate uns doch bitte, wie sich dein Verhältnis zur Lyrik im Laufe der Zeit verändert hat und warum sie dich noch immer fesselt.
Walther: Die ASP, mehr unter www.asphaltspuren.de, war eine spontane Idee verrückter Internetliteraten. Als wir damit begannen, das ist jetzt in der Tat etwas über 10 Jahre her, haben wir gesehen, welche Umwälzung das für den Literaturbetrieb bedeuten würde. Und, man schaue sich im Weltweitweb um, die Lyrikforen zählt man heute in Myriaden. Inzwischen schreibt jeder, der eine Tastatur vor dem Bildschirm und eine Internetleitung zur Verfügung hat. Und das sind nahezu alle.
Das hat eine unglaubliche Demokratisierung des Schreibens zur Folge, weil es die Möglichkeit zur Publikation faktisch verallgemeinert hat. Jeder kann, so gut wie unentdeckt, unter einem Nick oder Avatar, wie man im Internet das Künstlerpseudonym nennt, seine Texte veröffentlichen.
Vom Thema E-Book oder BoD (also Book On Demand), der neuen Form des Selbstverlags, wollen wir an dieser Stelle gar nicht sprechen, das ist die nächste Stufe und ein eigenes „Business“, dessen Chancen und Abgründe wir vielleicht ein andermal diskutieren sollten.
Die Chancen sind riesig, allerdings auch die Mühen, in diesem Heuhaufen noch ein paar wirklich gute Stücke Dichtkunst zu finden.
Was sich verändert hat? Wenig und viel zugleich. Die Liebe zur Lyrik, zur Literatur, ist geblieben. Aber natürlich ist das, was man in den Foren an Qualität liest, desillusionierend. Noch desillusionierender ist das Faktum, dass Lernwillig- und Belehrbarkeit meist umgekehrt proportional zum tatsächlichen Vermögen der AutorInnen stehen. Neben der Demokratisierung der Veröffentlichung sind auch der Geschmacksmaßstab und die Selbsteinschätzung der tatsächlichen Qualität der Texte demokratisch geworden: Jeder Autor legt demnach selbst fest, was allgemein gut und was allgemein schlecht ist. Kurz gesagt: Jeder bestimmt in eigener Freiheit und Verantwortung, was „Kunst“ ist. Das frustriert selbstredend und bringt die Textkritik in den Foren zunehmend zum Erliegen.

Textbasis: Trotz dieser Demokratisierung bist du der Dichtkunst ein treuer Freund geblieben. In einem unserer Schriftwechsel bezeichnest du dich selbst als Lyrikjunkie. Ist das die Sucht, Gedichte zu schreiben, oder der unbändige Drang, Lyrik zu lesen? Oder geht das eine nur in Verbindung mit dem anderen?
Walther: Es gibt Menschen, die können das Lesen und das Schreiben auseinanderhalten. Ich kann das nicht. Wer gute Lyrik schreiben will, das ist nicht nur meine Ansicht, muss sie erst einmal lesen, analysieren, interpretieren. Er muss seine eigenen Geschmacksnerven trainieren, sein Gefühl für Rhythmik, Metrik und Metaphern, seine Fähigkeit zur distanzierenden Verdichtung von Erlebtem, Gefühltem und Gedachtem verfeinern, seine Maßstäbe, die sich ja auch gegen sein eigenes Werk richten müssen, ausbilden. Das geht nur, indem man viel gute Lyrik liest.
Nur so kann man auch seine persönliche Poetologie entwickeln, seinen eigenen, unverwechselbaren Stil ausprägen. Das ist ein harter und manchmal schmerzlicher Weg, der einen immer wieder zurückwirft, aber auch unglaubliche Befriedigung verschafft, wenn einmal etwas gelingt.
Der Lyriker ist sich selbst sein schärfster Kritiker, wenn er vorankommen will. Ich bin der festen Meinung, dass ein guter Lyriker auch ein guter Kritiker und Interpret von Gedichten ist, wenn er fair bleibt und sich auf den Text als Gegenstand der Kritik beschränkt.

Textbasis: Das Projekt Asphaltspuren widmet sich dem Auffinden guter Literatur und Lyrik, die unentdeckt im breiten Meer des Internets dahintreibt. Im Selbstporträt schreibt ihr, dass ihr euch mit der „deutschsprachigen Literatur und den subkulturellen Strömungen [befasst], die im täglichen Geschäft der etablierten Verlage kaum Beachtung finden.“ Was sind diese subkulturellen Strömungen; und: Fehlt den großen Verlagen der Mut, oder ist es die mangelnde Bereitschaft der Leser für Lyrik?
Walther: Gute Fragen! Und wie meist fallen dann die Antworten besonders schwer.
Zum einen haben der modernen Lyrik der Rap, die Lyric Battles, Stand-Up–Comedy, Poetry-Slam und alles darum herum ungeheuer gut getan. Ebenso natürlich ist die Tatsache, dass in der modernen Musik auch außerhalb des Schlagers und der Volksmusik der deutsche Text wieder an der Tagesordnung ist, sehr stimulierend für die neue deutsche Lyrik. Das ist eine ebenso wunderbare und voranbringende Entwicklung.
Zum anderen hat das Internet und seine Foren eine neue Form der Salonkultur hervorgebracht, die ja ganz entscheidend für die deutsche Romantik Ende des 18. Jahrhunderts und alles, was danach gekommen ist, war. Keiner der Klassiker ist ohne die literarischen Salons und ihre bürgerlichen und adligen Mentoren denkbar. Keiner von ihnen hätte ohne diese Förderung sein Werk schaffen und sein Leben finanzieren können. Es gab – und gibt! – nur sehr wenige, die zeitlebens von der Lyrik leben konnten. Dazu musste man in die Belletristik gehen und Romane schreiben.
Die heutigen Salons, die Literaturforen im Internet, sind anders, demokratischer, freier, unverbindlicher, weniger heimelig, weniger ehrgeizig. Es gibt kein handverlesenes Publikum mehr, jeder kann sich registrieren und mitmachen; aber man bekommt das, was man damals, früher, auch bekam: einen in der Regel kostenfreien Resonanzraum, die Kritik Gleichgesinnter, Veröffentlichung, Textarbeit, Anerkennung.
Was allerdings nicht funktioniert, und das unterscheidet die Sache erheblich von früher, ist der Übergang vom dilettierenden Üben zum professionellen Verlegen der erkannten Talente. Die Verleger der damaligen Zeit waren in diesen Salons. Zum Teil haben sie sie sogar ausgerichtet. Die von heute sind es nicht.
Und damit haben wir eines der wichtigsten Probleme der modernen Lyrik angesprochen: Die Verlage suchen ihre Talente woanders. Sie sind in den literaturwissenschaftlichen Elfenbeintürmen und sich selbst befruchtenden Literatenzirkeln gefangen, in denen Lyrik wächst, die nur der Literaturwissenschaftler und der Eingeweihte verstehen. Und sie bezahlen ihren, einen hohen, Preis dafür. Die Krise der verlegten Lyrik ist also ganz wesentlich hausgemacht. So einfach und so schwierig ist das.

Textbasis: Und dennoch – oder gerade deswegen: Was würde der Literatur verlorengehen, wenn ab morgen nie wieder ein Gedicht geschrieben würde?
Walther: Nichts und alles. Tagebuch und Gedichte stehen am Anfang jeder literarischen Karriere. Weltschmerz und Liebeskummer, das Leben überhaupt, wollen verarbeitet werden.

Textbasis: In deinem Gedicht, so wie ich es verstehe, sprichst du von der Schwierigkeit, Gedanken in Worte zu fassen und diese Worte in Schemata zu pressen. Braucht die Lyrik das schwere Nachdenken des Dichters, oder sollte sie eher achtbeinig und ungehemmt frei sein? Spielt das überhaupt eine Rolle?
Walther: Schön formuliert. Aber die Antwort steckt in der Frage. Die Lyrik braucht beides: den locker-leichten Musenkuss, der einen Text in einem Guss auf das Papier zaubert und die harte Klein- und Feilarbeit, damit ein Text so aussieht, als hätte er schon immer genau so aussehen müssen.
Wer selbst schreibt, weiß, dass gerade die Texte, die am fluffigsten, am selbstverständlichsten daherkommen, sehr häufig das Ergebnis harter und quälender Arbeit sind. Der große Wurf ist ein Himmelsgeschenk und ungefähr so häufig wie ein Lottogewinn. Es soll, wie man mir sagte, große Meister geben, die in ihrem ganzen Künstlerleben nie eine solche Eingebung erfahren haben.
Also: Es spielt keine Rolle, weil am Ende das Ergebnis im Angesicht des Lesers und des Kritikers zählt. Oder, ganz brutal: Hast du Auflage, hast du recht gehabt.
Und dann wäre da noch die Schreibblockade. Welcher Autor hat die noch nicht erlebt?

Textbasis: Eine letzte Frage: Kann man das Dichten erlernen, oder ist das wie mit der Augenfarbe?
Walther: Ja und nein. Es ist wie bei allen Künsten und/oder dem Handwerk: Ohne Talent geht nicht viel, ohne Übung aber auch nicht. Ein talentfreier Dichter wird nie gut schreiben, egal wie viel er übt. Ein mittelmäßiger Lyriker, der fleißig übt und feilt und liest und Kritik als Anstoß, sich zu verbessern, positiv aufnimmt, kann zu guten Ergebnissen kommen. Ein Talent, das nicht übt, verschleudert sich, und bleibt ebenfalls im Mittelmaß stecken. Übt das Talent und ist mit Fleiß, Engagement und Kritikfähigkeit dabei, kann es Großes schaffen. Dann fehlt nur noch der Entdecker und die Selbstvermarktung (oder beides) zum Erfolg.
Ich weiß, dass sich das furchtbar altertümlich und gestrig anhört und im Zeitalter der Wurmlochphantasieversprechen des mühelosen direkten Wegs zur Spitze durch Castingshows quasi aus der Zeit fällt. Leider aber zeigt sich dem, der sich ein wenig mit der Materie beschäftigt, dass das, was früher galt, auch heute noch uneingeschränkt gilt: Wer in seinem Handwerk gut ist, muss (und kann) es erlernen. Und er darf nie aufhören, sich verbessern zu wollen.

Textbasis: Ein gelungener Abschluss! Vielen Dank für die ausführlichen und faszinierenden Antworten und natürlich für dein wundervolles Gedicht. Ich wünsche dir und dem gesamten Team der Asphaltspuren alles erdenklich Gute. Allen Lesern, die mehr von Walther (Werner Theis) lesen möchten, empfehle ich einen Blick auf www.leselupe.de, www.gedichte.com oder www.tage-bau.de, der ältesten Internetliteratur-Commune, zu werfen. Das Projekt Asphaltspuren erreichen Sie durch einen Klick auf diesen Link: http://www.asphaltspuren.de. Verpassen Sie zudem nicht die diesjährige Mainzer Minipressen-Messe vom 30.05. bis 02.06.2013 in der Mainzer Rheingoldhalle (www.minipresse.de), auf der die Asphaltspuren-Redaktion erstmalig als Aussteller dabei sein wird.

PS: Wer von Ihnen ebenfalls Lust hat, eines seiner Gedichte hier vorzustellen und ein paar Worte über sich zu sagen, kontaktiere mich bitte per E-Mail. Ich würde mich freuen, von Ihnen zu lesen.

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Über Sebastian Schmidt

Ich arbeite als freier Lektor (www.lektorat-textbasis.de) und mag gute Bücher. Vor meiner freiberuflichen Tätigkeit habe ich Germanistik und Philosophie studiert (M. A.) sowie als Bibliotheksangestellter gearbeitet. Neben der Zusammenarbeit mit Autoren und Verlagen liebe ich die Musik. Blogadresse: textbasis.wordpress.com Zeige alle Beiträge von Sebastian Schmidt

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