[Poesie, das ist Musik! #1] Gedichte bewusst schreiben

Liebe Leserinnen und Leser des textbasis.blogs, pünktlich zum Start des lyrischen Mittwochs folgt die neue Artikelreihe „Poesie, das ist Musik!“. Darin soll ein bisschen darüber nachgedacht werden, warum überhaupt noch Gedichte geschrieben werden und werden sollten. Worin liegen die Unterschiede zur Prosa, was sind Stärken und Schwächen eines Gedichtes gegenüber langen Absätzen mit intensiver Grauwirkung? Weiterhin: Was unterscheidet ein gutes von einem schlechten Gedicht und was ist das grundlegende Handwerkszeug, das jede Poetin und jeder Poet braucht, um sich in der Welt der Lyrik wohlzufühlen, ohne bloß ein paarmal mehr die Enter-Taste der Tastatur zu drücken? All dies soll Thema der neuen Artikel sein und ich freue mich, mit Ihnen zusammen ein bisschen die Gedanken kreisen zu lassen um etwas, das vermeintlich nur noch ein stiefmütterliches Dasein am Rande der breiten Lesegesellschaft fristet.

Das Ei sei Ausgangspunkt folgender Metapher. „Prosa: die Schale; Lyrik: das Eigelb. Das Eiweiß? Die Welt!“ Ein paar Worte dazu. Anfang allen Schreibens ist unsere Welt, egal ob für Fachbuch, Dystopie oder Sciene Fiction Mystery. Unterschiedlich ist lediglich der Grad der Distanz zum Gewohnten. Wie Anarchie nur vor einem Netz von Normen sein kann, so kann jedes noch so fantasievolle Buch nur sein vor dem Hintergrund, vor dem es sich fantasievoll abheben will. Das ist so. Das Eiweiß, unser Alltag, wabbelt und wabbelt. Autoren aller Texte, alle Künstler, nutzen dieses Wabbelige, um daraus Nützliches und Schönes zu formen.

Den Alltag in eine Form bringen, die sich unterscheidet vom Tristsein unaufgefangener Vergänglichkeit, das Eiweiß umschließen, ihm eine Form geben, die das Alltägliche unter sich verbirgt und uns makellos wie ein frisches Ei anlacht, das ist die Prosa, das sind Fachtexte und Romane. Anders die Lyrik, die will nicht das große Ganze, die geht in die Details, Ausschnitte des Alltags verdichtet zu einem goldenen Kern. Wo die Prosa mit vielen Worten viel erreicht, da versucht die Lyrik mit wenigen Worten ebenso viel zu erreichen. Und wie sowohl Schale als auch Eigelb zu einem Ei gehören, so sind Prosa und Lyrik keine Konkurrentinnen, lediglich zwei Möglichkeiten, dem Zerfließen des Alltags neue Dimensionen hinzuzufügen: Ihn einzufangen, ihm eine Gestalt zu verleihen, die Prosa. Noch tiefer in ihn vorzudringen, mit dem Wenigen das Intensive hervorzuheben, die Lyrik.

Mehr als diese Metapher möchte ich nicht zum Unterschied zwischen Lyrik und Prosa sagen. Schließlich ist dies keine akademische Diskussion, sondern soll kurzweiliges Nachsinnen bleiben, orientiert an der Praxis des Schreibens. Also: Punkt.

Der Vergleich mit dem Ei hilft, die Herangehensweise von Lyrik und Prosa an die Welt zu unterscheiden, aber für das Schreiben von Gedichten ist das ein wenig hilfreicher Vergleich. Denn warum sollte man überhaupt Gedichte schreiben und nicht alles in „normale“ Texte verpacken? Die Antwort darauf ist schwierig und zu einem Großteil auch geprägt von der persönlichen Vorliebe beim Schreiben. Wenn Sie noch nie den Drang verspürt haben, ein Gedicht zu schreiben und sich mit Prosa-Skizzen und kleinen oder großen Texten so ausdrücken, dass es Ihnen eine Erleichterung ist: Sodann, der Meister bleibt der Zunft stets treu. Wenn Sie jedoch offen sind und Lust haben, Neues zu probieren, eventuell schon ein paarmal selbst versucht haben, Gedichte zu verfassen, dann hat sie der süße Stachel der Lyrik bereits infiziert. Nun ist es daran, sich treiben zu lassen.

Worauf ich hinaus will, Sie haben es selbstverständlich schon herausgelesen, ist die Grundvoraussetzung allen lyrischen Schaffens: der Drang, die Bereitschaft, die Lust, Gedichte zu schreiben. Ohne die geht es nicht, denn sonst kommt am Ende kein Gold und nur Pyrit heraus. Also: Handwerkzeug aller Poeten ist und bleibt der Drang, sich lyrisch ausdrücken zu wollen. Dieses Wollen muss mehr sein als die Überlegung: „Hm, eigentlich könnte ich heute mal ein Gedicht schreiben.“ Denn das kommt dann auch heraus: „Hm, hier wollte wohl jemand heute mal ein Gedicht schreiben.“ … Wenn Sie gestatten und es nicht für Eitelkeit abtun, erlauben Sie mir, kurz über mich selbst zu schreiben. Ich liebe die Lyrik, ich liebe Gedichte. Ich schreibe auch selbst, aber ich schreibe recht wenig. Ich schreibe Gedichte meist dann, wenn mich eine unsichtbare Hand zu drängen scheint, wenn ich das Gefühl habe, eine Idee, einen Gedanke nicht anders als in Gedichtform niederschreiben zu können. Ich würde mir wünschen, mehr dieser „lyrischen Momente“ zu haben, aber ich fordere sie nicht heraus. Ich erzwinge keine schönen Worte, denn schön wird nichts, wenn man es nicht von ganzem Herzen will.

Damit sei genug über mich gesprochen, denn es geht nicht um mich, sondern um die Leidenschaft, Gedichte zu schreiben. In sich gehen, hören, wie man ist, fühlen, wie es sich aus einem herausschreibt, den Stift packen – die Feder rennt dann ganz von allein über das Papier. Und doch: so einfach ist es natürlich nicht immer.

Zwar hat sich die Lyrik mehr und mehr auch einem intuitiven Schreibstil geöffnet, der feste Formen hinter sich lässt, der schon fast an Prosatexte in Gedichtform erinnert, der oft kryptisch und hochkomplex zugleich ist, in dem die Botschaft verschwimmt zu Bildern des Abstrusen, welches selbst die Botschaft zu sein scheint. Aber: das ist natürlich nicht das Ergebnis eines Nichtkönnens, sondern eines Wollens. Viele Gedichte sind verfasst in Reimen, metrisch und strophisch perfekt, inhaltlich der Form angepasst, versoptimiert in Silbenzahl und Vokalhäufigkeit. Diese Stilisierung gehört zur Lyrik, war in der deutschen Literaturgeschichte lange Zeit unhinterfragter Standard und löste sich nur langsam auf zu moderner Dichtkunst, wie wir sie heute kennen. Doch der hohe Stilisierungsgrad ist ein Segen und eine Gefahr. Der Segen: beherrscht man die Kunst, dann entsteht verdichtete Sprache, so intensiv, das kein Prosatext mitziehen kann. Die Gefahr: beherrscht man sie nur halb, entstehen schreckliche Zeilengebilde, die nicht verhüllen können, dass jemand wollte, aber offensichtlich nicht konnte. Das ist das Aus. Ende für das Gedicht.

Andersherum ist es genauso: Verzichtet man auf metrischen Gleichklang, auf strophische Einheit, auf den Wohlklang des Reimes, so liest man oft Gedichte, die platt wirken, die den Charme eines Brotlaibes versprühen, der eine Woche in der Brotdose vergessen wurde. Denn die Vereinfachung bedarf immer des Wissens um das Komplexe. Wer nie von Metrik gehört hat, dem wird das Gefühl für den Rhythmus freier metrischer Gestaltung fehlen. Wer nie gereimt hat, der kennt den Grad der Freiheit nicht, auf den Reim zu verzichten. Um etwas wegzulassen, muss man etwas weglassen können.

Ich selbst schätze die moderne Lyrik, ich liebe die Grenzenlosigkeit des Abstrusen, die Provokation des Schneidenden, den pulp im traditionsreichen Kleid. Dennoch sollten auch moderne Poetinnen und Poeten nicht die alten Wurzeln der Lyrik vergessen, welche die deutsche Literatur bekannt, berühmt gemacht haben. Denn nur weil man heute selten Gedichte liest, die in ihrer Konstruktion einem Gryphius’schen Glashaus entsprechen und doch voller Leben sind, so heißt das nicht, dass diese Lyrik nicht mehr geschrieben werden könnte. Aber die Verführung des Einfachen, des Schnellen verleitet zum Hinwerfen von Worten, die nur nachträglich deklariert werden als Gedicht und nicht aus sich selbst herausstrahlen.

Keinesfalls soll, bei allem Gequäkel, der Eindruck entstehen, dass nur der ein Gedicht schreiben sollte, der ein Poetik-Studium hinter sich hat. Das wäre vermessen und kleingeistig (und das Ergebnis dann eventuell auch nicht besser). Es soll aber heißen: Gedichte schreiben, auch wenn sie kurz sind, ist ebenso kompliziert, wie Romane zu schreiben, die über viele, viele Seiten spannend oder interessant sein sollen. Deswegen diese Artikelreihe. Ich wünschte mir, dass sie ein paar basics, um in der Sprache unserer Zeit zu bleiben, vermittelt, die Ihnen helfen, noch bessere und noch bewusster Ihre Gedichte zu schreiben. Und aus diesem Grund werden sich kommende Artikel der Reihe „Poesie, das ist Musik!“ mit den grundlegenden Themen Metrik, Reim, Kadenz, Strophenform und Stilmittel beschäftigen. Nicht als Lehrstoff sollen sie wirken, sondern als interessanter Lesestoff. Leicht, musikalisch, so wie Ihre Gedichte. Bis zum nächsten Mal – und bleiben Sie lyrisch!

Advertisements

Über Sebastian Schmidt

Ich arbeite als freier Lektor (www.lektorat-textbasis.de) und mag gute Bücher. Vor meiner freiberuflichen Tätigkeit habe ich Germanistik und Philosophie studiert (M. A.) sowie als Bibliotheksangestellter gearbeitet. Neben der Zusammenarbeit mit Autoren und Verlagen liebe ich die Musik. Blogadresse: textbasis.wordpress.com Zeige alle Beiträge von Sebastian Schmidt

2 responses to “[Poesie, das ist Musik! #1] Gedichte bewusst schreiben

  • sinn.wort.spiel.

    ein gedicht zu schreiben ist für mich schwerer als einen prosa.text. bei texten kann man immer schwafeln, kleinigkeiten aus.bessern, sollten sie nicht ganz genau dem entsprechen, was ich sagen will.
    wenn ich etwas in einem satz nicht punkt.genau hinbekomme, sei’s drum!, dann eben im nächsten satz – jeder wird mir das verzeihen.
    im gedicht jedoch, das feilt man, da muss jedes wort sitzen, jede kleinigkeit perfekt sein.
    für mich ist es so:
    einen prosa.text, den kann man zeitweise einfach so herunterklopfen, das kann ganz schnell gehen.
    aber ein gedicht. nein, das muss noch vielviel mehr wachsen.

    • Sebastian Schmidt

      Im Gedicht wird weniger entschuldigt, da stimme ich dir zu. Aber wenn man zuviel feilt und feilt, dann, so denke ich, kann auch das eigentlich Leichte schnell verlorengehen. Eine schiwerige Sache, den passenden Mittelweg für sich selbst zu finden.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: