[Der lyrische Mittwoch, Folge 4] Maya Rinderer – nach der leiche

Sieben Tage seit dem letzten Gedicht! Zeit für neue lyrische Kost und damit herzlich willkommen zur vierten Folge des lyrischen Mittwochs auf dem textbasis.blog. Mit Freude darf ich Ihnen dieses Mal die österreichische Dichterin und Autorin Maya Rinderer vorstellen. Ihre Gedichte veröffentlicht sie regelmäßig auf ihrem Lyrik-Blog, ihr Debüt-Roman „Esther“ ist bereits 2011 erschienen. Derzeit arbeitet sie an einem Gedichtband mit dem Titel „An alle Variablen“, der voraussichtlich im Juni dieses Jahres erscheinen wird, sie schreibt Kurzgeschichten, feilt an einem Theaterstück und konzipiert ein Drehbuch für eine Miniserie. Mit vollem literarischem Schub gibt sich Maya dem Schreiben hin und ich bin froh und dankbar, dass sie diesem Interview so kurzfristig zugesagt hat.
Das Gedicht „nach der leiche“ zeigt uns, wie intensiv die Beziehung zwischen Autorin und Gedicht ist. Oftmals gleicht sie einem Krimi – man begibt sich auf die Suche, man inspiziert und manchmal seziert man auch: sich selbst. Bereit sein zu finden, Teile von sich zu verpacken, den Preis für die egopathologische Arbeit zu zahlen, sich selbst wie den Satzfluss zu verlieren. Fragment um Fragment bergen, weitermachen, weiterschreiben, heraufholen, was es da unten in sich gibt; und am Ende den Fall auflösen: blut- und emotionsverschmiert sich selbst erkennen –

nach der leiche

ich schreibe mir einen weg durch
durch mein ich schreibe mir
hast du mich unter dem boden gefunden
was hast du mit meinem körper gemacht
ihn in zeitungspapier eingewickelt

ich schreibe mich durch und auch
streiche ich mich durch und durch
werde ich niemals sein wenn du mich
nicht freilässt mir nicht vertraust
dass ich schon weiß was für

ich schreibe das beste für mich wäre
was das beste für mich schreiben
hast du meinen körper auseinander
genommen um zu sehen was
überhaupt in ihm drin ist wie er

ich schreibe mir einen weg durch
weg durch mein leben durch meinen
körper den du in zeitungspapier
ich pflücke mich auseinander damit ich
mich von innen heraus verstehen kann

Maya Rinderer

Maya Rinderer

Textbasis: Vielen lieben Dank für deine Teilnahme am lyrischen Mittwoch, Maya, es ist toll, dein Gedicht hier auf dem Blog vorstellen zu können. Dein Text nimmt uns mit auf eine intensive, in blutiges Zeitungspapier verpackte Reise, die beschreibt, wie nah Schreiben immer mit dem eigenen Empfinden und Fühlen verbunden ist – und wie schwierig es sein kann, sich selbst wirklich zu finden. Was bedeutet Schreiben für dich und wann hast du deine Leidenschaft für Wort und Text entdeckt?
Maya Rinderer: Vielen Dank für die Anfrage, beim lyrischen Mittwoch mitzumachen! Ich habe einmal gehört, dass Autoren nie über das Schreiben schreiben sollten, aber genau das tue ich, um seine Bedeutung verstehen zu lernen, die ist nämlich so riesengroß in meinem Leben, dass es mir schwerfällt, sie zu erklären. Es ist diese Art, in Geschichten zu denken, das tue ich, seitdem ich klein bin. Bevor ich schreiben konnte, habe ich meine Texte meinen Eltern einfach diktiert. Sobald ich selber schreiben konnte, begann ich, alle Möglichkeiten zu erforschen, ich begann Wörter zu sammeln, die sich reimen, experimentierte mit Onomatopoesie, schrieb auch längere Geschichten, aber mein Traum war es immer, einen Roman zu schreiben. Die Bedeutung des Schreibens liegt für mich darin, dass ich es tun muss, weil all die Ideen und Gedanken, die ich habe, verarbeitet werden müssen. Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht schreibe.

Textbasis: Dein Debüt-Roman „Esther“ ist vor zwei Jahren erschienen, du arbeitest gerade an einem Gedichtband – und schreibst dabei noch an zahlreichen anderen Projekten. Wie sehr beeinflusst das Schreiben dein Leben und was inspiriert dich, was treibt dich an und woher bekommst du all die Ideen für deine Texte?
Maya Rinderer: Einfach zu leben gibt mir so viel, worüber ich schreiben kann. Ich höre zum Beispiel Dialoge oder Gedichtzeilen in meinem Kopf, ohne bewusst darüber nachzudenken, alles was ich tun muss, ist sie aufzuschreiben und daraus einen fertigen Text zu bauen. Weil ich Angst habe, irgendwelche Ideen verpassen zu können, habe ich immer ein Notizbuch dabei. Die Menschen in meiner Umgebung sehen mich ständig schreiben. Man könnte sagen, dass das Schreiben mein Leben bestimmt, aber mir macht das nichts aus, weil ich es so gerne tue.

Textbasis: Vielen Dank, dass du uns diese Einblicke in dein künstlerisches Schaffen gewährt hast. Wie ich „nach der leiche“ verstehe, hält uns dein Gedicht einen Spiegel vor, der uns zeigt, was eigentlich passiert, wenn wir versuchen, unser Inneres niederzuschreiben. Welche Rolle spielt die Lyrik, spielen Gedichte überhaupt noch in einer Zeit, in der alles immer schneller wird, in der Gefühle zu Emoticons werden?
Maya Rinderer: Ich habe einmal geschrieben „Gesichtsausdrücke sind auch nur Satzzeichen“. Damit will ich sagen, dass man die Gefühle schreiben kann, sie aber nur eine Annäherung, ein Porträt der Wirklichkeit sind. Das versuche ich mit meinen Gedichten, ich will, dass die Menschen sich darin wiederfinden können. Man könnte sagen, dass in „nach der leiche“ das Schreiben zu weit ging, das Unbewusste aufgedeckt hat, weil das Schreiben die Seele freilegt.

Textbasis: Viele Gedichte auf deinem Blog verwandeln scheinbar alltägliche Situationen in Wortdimensionen lyrischen Empfindens, wie du zuletzt mit „vogelperspektive“ erneut wortstark vorgeführt hast. Nun stammen die Gedichte auf deinem Blog aus den Jahren 2011 und 2012, dein neuer Gedichtband ist für Juni 2013 geplant. Was erwartet deine Leser, wenn sie diesen Sommer deine neuen Verse genießen?
Maya Rinderer: Die Gedichte in „An alle Variablen“ sind anders als die, die ich im Blog poste, formal und teilweise inhaltlich. Diese hundert Gedichte sind zusammengesetzt eine lange Geschichte wie in einem Roman, ich verarbeite darin genaugenommen meinen Schulalltag, meine Freundschaften. Vielleicht ist es mir sogar gelungen, zu zeigen, wie die heutige Jugendgesellschaft ist. Ich zitiere häufig meine Freunde, erzähle von wahren Begebenheiten, dann geht es wieder um Ängste und die Zukunft und dass wir uns jeden Tag von Neuem eine Utopie zu bauen versuchen.

Textbasis: Ich denke, dass dies eine gute Umschreibung der Lyrik ist: Einerseits die eigenen Gefühle zu verarbeiten und andererseits die alltäglichen Utopien zu durchleuchten. Nähern wir uns der Lyrik einmal von einer anderen Seite. Wenn du entscheiden müsstest: Welche Jahreszeit ist die Lyrik?
Maya Rinderer: Ich schreibe viel über Regen. Meine Lieblingsjahreszeit ist der Herbst, aber Lyrik ist wie Sommerregen.

Textbasis: Der Vergleich lädt zum Träumen ein! Gibt es neben deinen Gedichten und begonnenen Projekten schon weitere Ideen für neue Texte? Was hält die Zukunft für uns aus deiner Feder bereit? Was sind deine langfristigen literarischen Pläne und Wünsche?
Maya Rinderer: Neben dem Roman, an dem ich derzeit arbeite, habe ich auch eine fast ausgereifte Idee für eine Fortsetzung für „Esther“ aus der Perspektive der sogenannten dritten Generation, zu der ich auch gehöre, den Enkeln von Holocaustüberlebenden. Gedichte schreibe ich auch weiterhin. Mein Traum ist es, genug Material zu sammeln, um die Geschichte meiner aus Syrien stammenden Großmutter niederzuschreiben.

Textbasis: Ich wünsche dir, dass du diesen Traum wahr werden lassen kannst. Zum Abschluss noch eine etwas andere Frage. In einer Kunden-Rezension auf der Webseite eines großen Online-Versandhauses kann man begeisterte Worte zu deinem Roman „Esther“ lesen. Wie sind die bisherigen Reaktionen deiner Mitmenschen auf deine Liebe zur Sprache und auf deine Texte?
Maya Rinderer: Die Reaktionen auf das Buch waren ganz verschieden. Ich habe viel Unterstützung bekommen, es gab aber auch Menschen, die meinten, es sei eine Anmaßung, über das Thema des Holocaust zu schreiben, wenn man zwölf Jahre alt ist und ihn nie selber erlebt hat. Ich schätze jede Kritik und möchte dennoch betonen, dass es für mich das Wichtigste in meinem Leben gewesen ist, dieses Buch zu schreiben. Erst dadurch habe ich gelernt, mit der Vergangenheit meiner Familie umzugehen.

Textbasis: Mit diesen Worten der jungen, vielversprechenden Autorin Maya Rinderer sind wir schon wieder am Ende der heutigen Folge angekommen. Wie immer gilt mein Dank der Autorin für das Beantworten der Fragen und das Bereitstellen des Gedichtes. Ohne Mayas freundliche und schnelle Zusage hätte der lyrische Mittwoch diese Woche aus organisatorischen Gründen ausfallen oder verschoben werden müssen. Herzlichen Dank für die professionelle Zusammenarbeit und dein Engagement! Und für die Zukunft natürlich alles Gute und viel Erfolg bei der Umsetzung deiner Pläne und Träume!
Möchten Sie weitere Gedichte der Autorin lesen? Besuchen Sie bitte Ihren Lyrik-Blog und erleben Sie noch mehr Nahaufnahmen von Bekanntem aus ganz anderen (Innen)Perspektiven. Viel lyrisches Vergnügen, bis nächste Woche!

PS: Wer von Ihnen ebenfalls Lust hat, eines seiner Gedichte hier vorzustellen und ein paar Worte über sich zu sagen, kontaktiere mich bitte per E-Mail, folge mir mit seinem Blog, oder mache auf andere Weise auf sich aufmerksam. Ich würde mich freuen, ein Zeichen von Ihnen zu erhalten.

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Über Sebastian Schmidt

Ich arbeite als freier Lektor (www.lektorat-textbasis.de) und mag gute Bücher. Vor meiner freiberuflichen Tätigkeit habe ich Germanistik und Philosophie studiert (M. A.) sowie als Bibliotheksangestellter gearbeitet. Neben der Zusammenarbeit mit Autoren und Verlagen liebe ich die Musik. Blogadresse: textbasis.wordpress.com Zeige alle Beiträge von Sebastian Schmidt

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