[Der lyrische Mittwoch, Folge 5] dergrund – Sternförmige Strahlenpupillen

Sich von der Wucht der Poesie erschlagen lassen, auch diese Woche wieder – herzlich willkommen zur fünften Folge des lyrischen Mittwochs! Heute begleitet uns ein Gedicht von Andi, der seit vielen Jahren Gedichte schreibt und unter dem Pseudonym „dergrund“ auf seinem gleichnamigen Blog veröffentlicht. Ich freue mich sehr, dass er zugesagt hat und des Mittwochs Schnödheit aufhellt durch den Glanz seiner Worte.
Wie oft hört man, dass die Liebe alles verändern könne – und wie oft hat man schon darüber gelesen. Dabei sind Wörter wie „Liebe“ mittlerweile nichts mehr als aufgeweichte Worthülsen: breit, breiig, schleimig. Und deswegen findet man „Liebe“ auch nirgends in Andis Versen. Was man hingegen findet, sind die Wirkungen dessen, was man gemeinhin dieser Sinnesregung intensiver Empfindungsoffenheit zuschreibt: Nämlich das Funkeln des Alltäglichen unter dem Schleier wunderbarer Verklärung. Wenn Himmel zu Lapislazuli, wenn Tränen Perlmuttropfen und Augen „sternförmige Strahlenpupillen“ werden, dann zeigt sich, wofür das Wort „Liebe“ zu leer geworden ist –

Sternförmige Strahlenpupillen

Diese Aufregung kenne ich nicht von mir
Wie ich auf sie zugehe – mit Herzklopfen
Sie, Sonnenschein umhüllt sie, sie ist so wunderschön

Ihre Augen
Sternförmige Strahlenpupillen, doppelte Zickzack-Sonnen
Frühlingsgrün und Himmelblau zugleich

Beidseitiger Sog zueinander hin
Magnetisch, magisch, trifft es nicht, unaufhaltsame, unaufhörliche
Sofortige Sucht nacheinander

Es ist plötzlich passiert, einfach passiert
Aus der Leichtigkeit heraus und deswegen umso unglaublicher
Es fühlt sich sowas von fantastisch normal, einfach natürlich
   zwischen uns beiden an

Es ist ein ehrliches und echtes
Ein gemeinsames, wunderbares und synchron starkes Gefühl
Unbewusst von uns beiden vorausgeahnt und jetzt elektrisierend
   bewusst, prickelnd

Ich schaue in ihre Augen, tiefer und tiefer und sie in meine
So dass wir die Zeit vergessen, atemlos aufgeregt sind
Sehnsüchtig die Berührung des Anderen erwarten und verlangen

dergrund

dergrund

Textbasis: Vielen Dank für die Teilnahme am lyrischen Mittwoch, Andi! Ich freue mich, dass du uns pünktlich zum Frühlingsbeginn diese luftlockeren Worte mitgebracht hast. Unübertrieben, leicht und frisch ist deine Sprache; stark und anschaulich deine Bilder. Man spürt, dass dies nicht deine ersten Zeilen sind. Erzähl uns doch bitte kurz etwas über dich und dein bisheriges Schreiben.
Andi: Lieber Sebastian, herzlichsten Dank, dass ich am lyrischen Mittwoch teilnehmen kann und für deine lieben Worte über mein Gedicht.
Ja, die Worte müssen aus mir raus. Immer wenn ich stark fühle, egal ob positiv oder negativ. Es ist für mich eine Art des Verarbeitens des Geschehens, des Gegenwärtigen. Ich schreibe eigentlich nie über weit Vergangenes, Zurückliegendes. Trotzdem sind meine Texte nicht autobiografisch zu sehen. Das Echte in meinen Texten sind die Gefühle, die ich auslote, auskoste.
Ich bin 39 Jahre alt und ich finde es sehr interessant, dass sich meine Art, von Frauen zu schwärmen, die Art des Fühlens, wenn ich mich verliebe, im Vergleich zur Teenagerzeit nicht stark verändert hat. Der Körper wird älter und ich weiß es viel mehr zu schätzen, wenn mich meine Gefühle beflügeln. Aber der pure Ausdruck des Gefühls ist noch genauso wuchtig und mich mitreißend. Ich liebe diese Intensität.
Ich habe mit elf Jahren begonnen, Gedichte zu schreiben. Zum Glück hatte ich in meiner Schulzeit sehr gute Lehrer. Vor allem mein Deutschlehrer hat mich mit seiner Gedichtauswahl beeindruckt und für die Schriftstellerei begeistert.
Ich habe in der Folge Gedichte, Kurzgeschichten, Drehbücher und philosophische Texte geschrieben. Meine Leserschaft war sehr klein und setzte sich aus meinem Freundeskreis zusammen. Damals in den Achtzigerjahren gab es kein Internet und dass an meinen Texten Verlage Interesse hätten, glaubte ich nicht.
2009 fand ich durch Zufall eine Künstler-Community auf Myspace. Diese setzte sich aus Schriftstellern, bildenden Künstlern und Musikern zusammen. Das war eine sehr aufregende Zeit für mich. Wir inspirierten uns gegenseitig und konstruktive Kritik an meinen Texten half mir, mich weiterzuentwickeln. Leider sind die Myspace-Zeiten vorbei. Eine Plattform, auf der wir alle künstlerisch vereint waren, existiert nicht mehr. Jetzt sind wir über viele unterschiedliche soziale Netzwerke beziehungsweise Blogdienste verstreut.
2009 fand ich zudem den Mut, mich auch mit einem meiner Gedichte bei der Brentano-Gesellschaft für die Frankfurter Bibliothek des zeitgenössischen Gedichts zu bewerben. Ich wurde aufgenommen und auch in den Folgejahren glückte es mir jedes Jahr, dass ein weiteres Gedicht mehr aufgenommen und von mir veröffentlicht wurde. In 2012 nahm eine sehr liebe und verehrte Freundin von mir, Emma Wolff, auch einen Text in ihrer Anthologie „Ein Leben mit Autismus“ auf. Ich selbst bin kein Autist. In meinem Text „Weltenrauschen“ beschreibe ich, wie ich sie im liebevollen Umgang mit ihrem Sohn, der das Asperger-Syndrom hat, wahrnehme.
Interessant finde ich, dass, wenn ich schreibe, ich einen Flow bekomme. Ich nenne diesen Flow auch meine „Mann auf dem Mond-Phase“. Ich bin für niemanden ansprechbar und höre auch niemanden. Ich bin von der Außenwelt abgeschottet und befinde mich tief in meinem Inneren. Ich denke, wenn mir dies in der U-Bahn passierte, dass dies sehr strange auf andere wirken würde, die mich nicht kennen.

Textbasis: Gleich hintenan noch die Frage, die sich vermutlich viele Leser stellen: Was hat es mit deinem Pseudonym „dergrund“ auf sich, und was möchtest du uns über deinen Entschluss verraten, nicht unter deinem bürgerlichen Namen zu schreiben? Was gewinnst du, was büßt du vielleicht auch manchmal durch diese Entscheidung ein?
Andi: Der Ursprung des „dergrund“-Blogs ist, dass ich auf Myspace meistens sehr positiv gestimmte Gedichte veröffentlicht habe und einen anderen Blog haben wollte, in dem ich düster, böse und verzweifelt sein konnte. Also die andere Seite des Lichts, der Dunkelheit in mir Ausdruck verleihen konnte. Mittlerweile ist der „dergrund“-Blog nun mein Hauptblog geworden.
Mit dem Pseudonym „dergrund“ verbinde ich mein Streben, im Kontakt mit meinem Innersten zu stehen. Wie Wurzeln im Boden Halt suchen, verankere ich mich mit meinem Innersten. Für mich war es wirklich ein harter Kampf, wieder zu meinem Innersten zu finden. Es mir einzugestehen, dass ich mich verloren hatte, war der erste Schritt, mich wieder zu finden, mich wieder zu entdecken. Aber wie konnte ich mich selbst verlieren? Sicherlich war mein Ehrgeiz, in allem erfolgreich sein zu müssen, der Grund, viele Jahre im Prinzip wie eine Maschine zu funktionieren. Karriere-Mechanismen sind durchschaubar und die Antizipation der Erwartungen, um erfogreich zu sein, erfordert nur ein hohes Maß an Selbstdisziplin. Dazu gehörte für mich wohl auch, die Verbindung zu meinem Innersten zu kappen.
Warum will ich anonym bleiben? In meinen Gedichten bin ich frei. Frei von allen Verpflichtungen und Erwartungen des Lebens. Frei von moralischen Grundsätzen. Ich kann mich in meinen Gedichten meinen Gefühlen und Träumen hingeben. Diese Offenheit wäre für mein direktes Umfeld möglicherweise zum Teil sehr irritierend. Auf der anderen Seite wahrscheinlich auch überraschend, wie tief meine Gefühle sein können.
Eine Einbuße wäre es sicherlich, wenn ich nicht mehr alles veröffentlichen könnte, was ich derzeit fühle. Wenn ich Angst haben müsste, dass alles, was ich schreibe, möglicherweise zwanghaft als wahr und autobiografisch gesehen würde. Also fühle ich mich unter „dergrund“ frei und trage keine Maske, außer die des Pseudonyms.

Textbasis: Vielen Dank für diese tiefen Einblicke in deine Arbeit als Künstler. Während des Lesens von „Sternförmige Strahlenpupillen“ spürt man erotische Vibrationen, elektrisches Herzknistern. Woher nimmst du die Inspirationen für deine Texte und warum verschmelzen Liebe und Lyrik so gut miteinander bei dir?
Andi: Ich bin ein Schwärmer. Ich liebe das Leben und die Liebe. Das Gefühl, verknallt, verliebt zu sein, einen guten Flirt zu haben, das ist mein Doping.
Die Synthese von Liebe und Lyrik gelingt, glaube ich, nur, wenn die Gefühle ehrlich sind und nichts hinzufantasiert wird. Mir gelingt es zum Beispiel nicht, wenn ich etwas künstlich erzeugen möchte, etwas übertrieben sexuell verbal ausreize, wenn ich aus der Liebe ein Experiment in einem Textforschungslabor mache. Jegliche Effekthascherei führt zu Kitsch und wird als Unehrlichkeit vom Leser enttarnt. Lyrik ist keine Lüge, sondern der Versuch ehrlich, wahr zu sein.

Textbasis: Schweift man ein wenig durch die Gedichte auf deinem Blog, stellt man auch fest, dass nicht alle deine Texte geprägt sind von Heiterkeit und innerem Scheinen. In Fetzen skizzierst du oft die Welt. Das Fetzenhafte, das Herausgerissene, auch das begegnet uns in und zwischen deinen Versen. Welche Rolle spielt Lyrik, spielt Schreiben allgemein für dich im Umgang mit der Welt?
Andi: Keiner meiner Texte entsteht aus einer inneren Ausgeglichenheit heraus. Ich glaube, wenn überhaupt, gelingt es mir, im Leben ein dynamisches Gleichgewicht aus positiven und negativen Eindrücken zu halten. Ich bin ein Expressionist, der sich in einer Zentrifuge aus „gut“ und „böse“, „Licht–“ und „Schattenwesen“ dreht. Das Schreiben verbindet meine innere Welt mit der Äußeren. Das Schreiben ist die Brücke.
In meinen Texten stelle ich mich natürlich auch meinen „Dämonen“, aufwühlenden Alpträumen oder auch Misserfolgen jeglicher Art, um sie verarbeiten, um aus ihnen Gutes ziehen zu können. Das Leben ist Veränderung, und wenn es einen Traum in Fetzen zerreißt, kann ein Neuanfang das Beste sein, was einem im Leben passieren kann.

Textbasis: Würde das bedeuten, dass am Besten jeder Gedichte schreiben sollte, oder gehört mehr dazu, als Wörter einfach gedankenlos hinzuwerfen? Muss Lyrik immer Kunst sein, oder ist sie ebenso Mittel sanfter Selbst-Therapie, völlig unabhängig von dritten Augen?
Andi: Gedankenlos hingeworfene Worte beinhalten oft mehr Wahrheit als alle künstlich erdachten Wortkombinationen. Sie können ein gnadenloser Spiegel sein. Deswegen kann ich nur jedem empfehlen, der noch nie ein Gedicht geschrieben hat, es zu wagen. Je öfter diese expressionistischen Übungen ausgeführt werden, umso dichter und purer können die dargestellten Emotionen werden. Der entscheidende Faktor, ob diese Texte dann als Kunst wahrgenommen werden, ist, wie intensiv und ehrlich die dargestellten Gefühle dem Leser erscheinen.
Gedichte schreiben ist für mich sicherlich eine Art Selbst-Therapie, aber auch ein Akt der Unabhängigkeit, ein Zeugnis der inneren Freiheit.

Textbasis: Ich hoffe, dass sich viele Dichterinnen und Dichter in spe deine Ermutigung annehmen! Wo ziehst du der Lyrik dennoch eine Grenze?
Andi: Die Lyrik kann das Leben nicht ersetzen. Gedichte sind oft nur entschlüsselbar, ihre Botschaften werden für mich erst hörbar, wenn ich in die selben Lebenssituationen gerate, wie der Dichter, der sie niederschrieb. Und dann sind sie Balsam für meine Seele.

Textbasis: Zum Abschluss noch eine letzte Frage. Viele deiner Texte werden von Bildern oder Bildvariationen begleitet. Sind die Bilder Teile des Gedichtes, der Text ein Teil der Bilder? Wie unterstützen Bilder das schwarze Wortleuchten?
Andi: Ich bin mir da selbst noch nicht sicher.
In letzter Zeit fotografiere ich sehr gerne und editiere die Bilder, verfremde sie, bis aus ihnen etwas Neues entsteht. Vielleicht das, was ich eigentlich gesehen habe in dem Moment, als ich das Foto geschossen habe.
Und die Gedanken, die mir dabei in den Kopf kommen, schreibe ich dann auf …

Textbasis: Und damit ist leider auch der schönste Teil des Mittwochs wieder zu Ende. Ich bedanke mich noch einmal ganz herzlich bei Andi für das Gedicht und dass er sich die Zeit genommen hat für die spannenden Antworten. Ich hoffe, dass auch diese Woche wieder viele Anregungen und Gedanken für Sie im Text steckten, die Sie neugierig auf mehr Lyrik, auf mehr Sichtweisen anderer Künstler machen. Und die in Ihnen eine Frühlingslust der Poesie erwecken, um selbst die schönsten Verse zu dichten. Wenn Sie vor dem Scheiben noch ein paar Lustimpulse brauchen, oder den Drang nach mehr lyrischem Genuss verspüren, folgen Sie dem Link zu Andis Gedichtblog und lassen Sie sich ein bisschen in der Zeit verwehen. Bis zur nächsten Folge, Lyrik ahoi!

PS: Wer von Ihnen ebenfalls Lust hat, eines seiner Gedichte hier vorzustellen und ein paar Worte über sich zu sagen, folge mir mit seinem Blog, oder mache auf andere Weise auf sich aufmerksam. Ich würde mich freuen, ein Zeichen von Ihnen zu erhalten.

Advertisements

Über Sebastian Schmidt

Ich arbeite als freier Lektor (www.lektorat-textbasis.de) und mag gute Bücher. Vor meiner freiberuflichen Tätigkeit habe ich Germanistik und Philosophie studiert (M. A.) sowie als Bibliotheksangestellter gearbeitet. Neben der Zusammenarbeit mit Autoren und Verlagen liebe ich die Musik. Blogadresse: textbasis.wordpress.com Zeige alle Beiträge von Sebastian Schmidt

2 responses to “[Der lyrische Mittwoch, Folge 5] dergrund – Sternförmige Strahlenpupillen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: