[Nahdenken! #3] Weltbuchtag 2013: Buch, E-Book und Floppy Disk

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Welttag des Buches 2013

Nicht nur, wenn es um die Wurst, auch wenn es ums Buch geht, scheint das Interesse der Menschen ungebremst und allen Entwicklungen zum Trotz nicht niederringbar zu sein. Am 23. April war es wieder soweit: Der Welttag des Buches und des Urheberrechts, kurz der Weltbuchtag, beglückte Bibliophile und Lesefreunde mit vielen Aktionen und unzähligen Artikeln in den Nachrichten, den Zeitungen und auf den Blogs. Auch der textbasis.blog gratuliert da natürlich dem Vielseitigen in ungestümer Euphorie: Juchheirassa! Hurra! Lang soll es leben! Judihui und Holdrio! [An dieser Stelle bitte ich Sie, sich ein effektvolles 3D Feuerwerk vorzustellen – die Einbindung von Pyrotechnik via HTML gestaltete sich schwieriger, als erwartet.]

Die letzte Rakete hat ihre Farben versprüht, das Nachhallen der Explosion wird immer leiser, die letzten Ahhs und Ohhs verfliegen langsam. Und doch möchte ich Sie bitten, noch ein bisschen mit den Gedanken im Himmel zu verweilen. – Denn flogen in den Tag-Clouds, den Wortwölkchen, vergangener Jahre Wörter wie „Seite“, „Papier“ oder „Einband“ um das zentrale Schlagwort „Buch“, so hat sich langsam das ehemals umkreisende Wörtchen „Text“ in die Mitte der Wolke gedrängt. Und um es herum schwirren nun in direkter Nachbarschaft nicht etwa wieder „Seite“, „Papier“ oder „Einband“, sondern „Text“ wird umwirbelt von „Buch“, „E-Book“, „Book-on-Demand“, „Self-Publishing“, „Start-Up“ und vielen anderen. Gerafft also: das Buch ist zum beiläufigen Schlagwort geworden, der medienneutrale Text hat sich im Zentrum positioniert. Das ist keine neue Erkenntnis, die noch nie gesehen wurde, natürlich nicht, denn zu keiner Zeit war jeder Text ein Buch, aber sie verdeutlicht: Das Buch hat es derzeit schwerer, denn Texte werden nicht mehr automatisch zu Büchern, nicht mehr zu Druck-Erzeugnissen.

In der Kolumne Nahdenken! werden die Sachen an den Hörnern geschüttelt, deswegen: Der Text hat das Buch schon lang nicht mehr nötig! Im ersten Nahdenken!-Artikel ging es bereits um das Thema Lesen, der heutige Artikel schließt direkt daran an. Ganz einfach formuliert: Wenn es nur darum gehen würde, dass Texte gelesen werden können, dann müsste nie wieder ein Buch gedruckt werden. Durch Internet, Vernetzung und Online-Bereitstellung, durch E-Book-Reader, Smartphone-Apps und nahezu ortsunabhängigen Datenzugriff könnte jeder Text beinah immer zugänglich gemacht werden. Betrachtet man es so, verwundert es in gewisser Weise, dass überhaupt noch Bücher gedruckt werden, dass es noch Menschen gibt, die ihren Lebensraum mit Gedrucktem in riesigen Bücherregalen verkleinern. – Sie spüren schon, diese Herangehensweise birgt in sich etwas Seltsames. Denn wie die Realität auch ist, so ist sie nun auch wieder nicht – und der Weltbuchtag heißt auch noch immer Weltbuchtag und  nicht Welttexttag.

Woher kommt es also, das Festhalten am Buch? Wären die Menschen Computer, welcher PC würde schon lieber die Floppy einwerfen, als den Download-Button anzuklicken? Wären wir Computer, dann würde es nicht verwundern, wenn das Buch als haptischer Informationsträger schwarzgekleidet zum letzten Gang aufgebrochen wäre. Aber, und das verdeutlich nun die rege Beteiligung am Weltbuchtag gerade wieder eindrucksvoll, das Buch scheint kein Schwarz zu tragen, es scheint in knallbunten Farben durch den Sommer zu spazieren. – Mit dem Online-Banking kann man die Sache nur schwerlich vergleichen. Denn auch da fand eine Auflösung statt, oft muss man nur noch eine kleine Plastikkarte mit Magnetstreifen in einen ebenfalls kleinen Computer schieben und schon ist das Geld weg. Wahrlich möchte ich keinesfalls den Numismatikern zu nahe treten, aber ich könnte mir vorstellen, dass ein Weltmünztag nicht die Begeisterung wie ein Weltbuchtag hervorriefe. Ich denke, dass viele Menschen froh darüber sind, nicht mehr alle Zahlungen mit Bargeld abschließen zu müssen, und auch der vollständigen Ablösung des Münz- und Scheingeldes nicht mit Rage und Ablehnung begegnen würden.

Darum also müsste das Buch eigentlich verschwinden, aber warum tut es das dann doch nicht? Denn obwohl der Mensch den Wegfall des Physischen (wie im Falle des Geldes) nicht immer bedauert, so ist er doch nicht Maschine durch und durch, nur auf effiziente Informationsverarbeitung bedacht. Denn was der KI abgeht, das ist die „Bibliophilhedonie“, weniger schwülstig: der Genuss am Lesen, die Ästhetik der Information, der Lustgewinn durch Unterhaltung. Bei Bildern stellt sich die Frage seltsamerweise nicht, das E-Picture hat das Gemälde nicht abgelöst. Und auch das Buch wird nicht abgelöst werden. Durch E-Books und medienneutrale Texte verliert nämlich nicht das Buch, sondern es gewinnt der Text. Der Text wird zugänglicher und platzsparender, aber das gereicht dem Buche nicht zum Nachteil. Denn E-Book und Buch sind keine Gegner, es sind Formen des Textes. Die eine hat Möglichkeiten, die die andere nicht besitzt. Das Buch in der Hand ist wie Wein statt Wasser. Und das E-Book fährt mit Kraftstoff auf der Überholspur am Pferdekarren vorbei. Wer wollte hier sagen, was besser ist: Wein oder Auto? Die Frage ist falsch! Manchmal muss man schnell ans Ziel, manchmal gibt man sich dem Schönen hin, hier besteht keine Konkurrenz, auch wenn uns die scheinbare Ähnlichkeit zwischen E-Book und Buch das glauben macht.

E-Book bleibt E-Book, und Buch bleibt Buch. Der Weltbuchtag feiert nicht den Sieg des Buches über die elektronischen Möglichkeiten seiner Verbreitung, der Weltbuchtag feiert das Buch als Objekt sinnlicher Lust, er feiert Folgendes: Dass die Menschen sich noch immer die Zeit nehmen, Geld für etwas auszugeben, das ihnen Platz wegnimmt und zu dem sie hingehen müssen. Der Weltbuchtag feiert den Genuss am Lesen, den Spaß am Buch, nicht dessen Vorherrschaft, nicht dessen Zurückgeworfensein. Daran will der Weltbuchtag uns erinnern: Die Zeiten ändern sich, auch die des Buches; die Menschen ändern sich ebenfalls, aber nie des Menschen Freude am Schönen. Denn da punktet das Buch jetzt und wahrscheinlich für immer: Das Buch bleibt die ästhetischere Variante des Lesens, nicht unbedingt immer die nützlichste – aber wann ging es in der Kunst schon ausschließlich um den Nutzen? Das Buch kam etwas spät zu uns, aber, und wer es einmal widerlegen kann, korrigiere mich bitte, das Buch verschwindet erst mit dem letzten Menschen wieder.

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Über Sebastian Schmidt

Ich arbeite als freier Lektor (www.lektorat-textbasis.de) und mag gute Bücher. Vor meiner freiberuflichen Tätigkeit habe ich Germanistik und Philosophie studiert (M. A.) sowie als Bibliotheksangestellter gearbeitet. Neben der Zusammenarbeit mit Autoren und Verlagen liebe ich die Musik. Blogadresse: textbasis.wordpress.com Zeige alle Beiträge von Sebastian Schmidt

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