Monatsarchiv: April 2013

Alter Grieche! Aristoteles’ Poetik #2 – Einfallsreich und klar schreiben

Schon einige Zeit ist vergangen, seit der erste Artikel in der Reihe „Alter Grieche!“ erschien. In jüngster Vergangenheit nahmen die Vorstellung des lyrischen Mittwochs und die Hinwendung zum Lyrischen breiten Raum ein. Zeit, auch einmal wieder die älteren Kategorien aufleben zu lassen.

Nun also erneut zum alten Griechen Aristoteles. Immer wieder erstaunlich ist es, dass man bei jedem Aufschlagen seiner Poetik fast sofort die besten Hinweise für gutes Schreiben findet. Natürlich, der Staub muss hier und da ein bisschen beiseite gepustet werden. Ebenso wollen seine Ausführungen, damit sie nützlich sind für modernes Schreiben, ein wenig unserer Zeit angepasst werden. Mit der bereits im ersten Artikel vorgestellten Methode, ein Zitat auszuwählen und ausgehend von diesem die Gedanken frei wandern zu lassen, soll auch heute wieder ein bisschen über stilvolles Schreiben nachgedacht werden. Hier das Zitat:

„Die vollkommene sprachliche Form ist klar und zugleich nicht banal. Die sprachliche Form ist am klarsten, wenn sie aus lauter üblichen Wörtern besteht; aber dann ist sie banal. […] Die sprachliche Form ist erhaben und vermeidet das Gewöhnliche, wenn sie fremdartige Ausdrücke verwendet. […] Doch wenn jemand nur derartige Wörter verwenden wollte, dann wäre das Ergebnis entweder ein Rätsel oder ein Barbarismus.“1

Zum besseren Verständnis ersetze ich die „vollkommene sprachlich Form“ mit „guter Text“. Die „fremdartigen Ausdrücke“ werden zu „ungewöhnlichen Wörtern und Formulierungen“. Zu guter Letzt verwandelt sich der „Barbarismus“ in „Kauderwelsch“. Sodann entnehmen wir dem Zitat, dass die besten Texte diejenigen sind, die mit geistreichen Formulierungen aufwarten, diese jedoch mäßig und bewusst einsetzen und deswegen immer klar und verständlich bleiben.

Die nützlichsten Tipps sind immer die einfachen. Diese Eigenschaft teilen sie mit Einfällen und Rezepten. Denn obwohl das, was Aristoteles dort schreibt, schon fast trivial anmutet, vermisst man doch allzu oft, dass sich Autoren an seine Worte erinnern. Woran liegt das? Nun, ich meine, dass es daran liegt, dass ein guter Rat schnell gegeben, die Durchführung jedoch meist ungleich schwieriger ist. Denn jeder weiß, dass ein verständlicher Text besser ist als ein unverständlicher; nur scheitert es meist an der eigenen Umsetzung. Doch indem wir ein bisschen genauer hinsehen, kann sich das leicht ändern lassen.

Ich habe die Verallgemeinerung „guter Text“ gewählt, weil ich alle Texte einbeziehen möchte. Vor allem geht es mir um die Sach- und Fachtexte, die von Aristoteles’ Hinweisen am meisten profitieren können. Klarheit und Verständlichkeit stehen bei Fachtexten an oberster Stelle. Denn wo wir in der fiktionalen Literatur oft sogar gern ein „Rätsel“ oder manchmal ein bisschen „Kauderwelsch“ haben, da ärgern wir uns in Fachtexten umso mehr darüber. Möglicherweise stellt sich Ihnen hier die Frage: „Wenn aber der Fachtext möglichst klar sein soll, warum soll er dann ‚ungewöhnliche Wörter und Formulierungen‘ enthalten?“

Die Frage ist berechtigt und ich versuche sie mit folgenden Ausführungen zu beantworten. Dazu sollen vier Arten von Fach- und Sachtexten genannt und vorgestellt werden: die Gebrauchsanleitung, der Lexikoneintrag, der wissenschaftliche Aufsatz und der kurzweilige Ratgeber. In der Aufzählung ist schon eine gewollte Hierarchie enthalten, die schrittweise von den bloßen Fakten hin zur Möglichkeit kreativen Schreibens führt. Dokumente aus der Technischen Dokumentation tun gut daran, wenn sie mit möglichst „banalen“ Wörtern und anschaulichen Grafiken das höchste Maß an Klarheit erzielen. Über schlampige Gebrauchsanleitungen hat sich schon jeder einmal geärgert, umso besser, dass in diesen nicht noch versucht wird, das Beschriebene verblümt oder gar metaphorisch auszudrücken! So viel Kunstfertigkeit die Erstellung von Dokumenten der Technischen Dokumentation erfordert, so wenig möchte man vom Stil des Autors in ihnen lesen, sie müssen funktionieren und stimmen, mehr nicht. („Lasten bewegen: Spannen Sie die Pferde vor den Wagen und sagen Sie ‚Hüh!‘“)

Dies ist der eine Fall, den ich von Aristoteles’ Überlegungen also ausschließen möchte. Doch schon bei einem Lexikoneintrag sieht die Sache anders aus. Obwohl oft kurz und auf den Punkt, besteht dort schon eher die Möglichkeit, neben allem Relevanten auch das weitläufig Interessante einzubinden, in Form von geistreichen Vergleichen beispielsweise. („Zwei Pferde können Lasten bis zu x Tonnen bewegen und verbrauchen damit in etwa y Liter Kraftstoff auf 100 Kilometern“ – etwas subtiler vielleicht, je nach Lexikon.) Durch die „ungewöhnliche Formulierung“ des Kraftstoffverbrauches der Pferde wird die Schwerfälligkeit etwas genommen. Davon kann auch der wissenschaftliche Aufsatz profitieren.

Dieser besteht oftmals aus vielen Fachwörtern, die das Verständnis für Laien kompliziert machen. Doch nicht nur Laien haben manchmal Probleme mit Texten, in denen sich Fachtermini häufen. Eine Anekdote: Am Anfang unseres Philosophie-Studiums sagte unser Professor sinngemäß, dass die Angst vieler Menschen vor der Philosophie daher stamme, dass sie meinten, sie nicht zu verstehen. Dabei läge es viel öfter daran, dass lediglich viele Autoren nicht in der Lage wären, sich verständlich auszudrücken. – Denn Verständlichkeit, auch im wissenschaftlichen Bereich, wird nicht nur durch die Häufung von vielen Fachbegriffen hergestellt. Lebhafte Sprache, lebendige Satzkonstruktionen, anschauliche Vergleiche, pointierte Zusammenfassungen etc. erleichtern das Lesen und verankern das vermittelte Wissen genau dort, wo es ankommen soll: nicht nur auf dem Papier, sondern in den Köpfen der Leser. („Daraus lässt sich folgende Überlegung ableiten: Kraft und Energie spielen immer eine entscheidende Rolle. Wir könnten Kraftstoff sparen, wenn wir Pferde statt LKWs nutzten, das ist wahr. Wenn aber die Fohlen während des Pferdwerdens nicht verhungern sollen, ist es notwendig, dass der Futter-Lastkraftwagen stets rechtzeitig ankommt.“)

Diese lockere Sprache schafft Sympathie und verankert den Gedanken durch ein Bild im Kopf des Lesers. Zwar ist die Zielgruppe wissenschaftlicher Aufsätze gerade eine, die eventuell auch weitergelesen hätte, wenn der Text staubtrocken gewesen wäre, aber warum sollte man dies herausfordern? Ein bisschen Esprit und Schwung im Text, die schaden nie (Gebrauchsanleitungen ausdrücklich ausgenommen!) Anders als der wissenschaftliche Artikel tritt der Ratgebertext auf. Er kann am stärksten von Aristoteles’ Empfehlungen profitieren.

Denn im Gegensatz zu den Zielgruppen von Gebrauchsanleitungen und wissenschaftlichen Aufsätzen sollen im Ratgeber speziellere Personenkreise angesprochen werden („Trendyoga jetzt!“, „Lieber gar keine Spatzen und Tauben: Anlage extrem!“, „Die Shopping-Diät“). Diese Leser wollen Infotainment, eine kurzweilige Sprache, Lesespaß und Information. Was schon im Text staubt, wird im Regal noch staubiger. Ratgeber müssen den jeweiligen Zielgruppen angepasst werden: die Wortwahl eher konservativ oder frisch? Ist das Buch mit dem Leser schon beim Du? etc. Jeder Einfall, der den Inhalt einprägsamer, den Satz leichtfüßiger macht, zahlt sich aus. Nie Kauderwelsch im Ratgeber, aber auch nie das Banale: einfallsreiche Antworten in klarer Sprache. („Keine Lust auf Laufen und trotzdem Benzin sparen? Kaufen Sie ein Pferd!, oder sparen Sie sich die Kosten für Ross und Reiter und fahren Sie weiterhin mit dem Auto. Tun Sie einfach, worauf Sie Lust haben – Geld kostet Sie das Leben sowieso immer. Gehen Sie also nicht auch noch zu Fuß, das wusste schon „Big B“, Onkel Benjamin Franklin.“)

Wer auch immer Ihre Leser sind, geben Sie ihnen, was auch Sie erwarten: eine schöne Zeit beim Lesen (und das gilt dann auch wieder für Gebrauchsanleitungen, nämlich genau dann, wenn sie funktionieren). Gruß aus Griechenland, bis bald!

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Buchempfehlung und Quellenangabe:
1Aristoteles: Poetik. S. 71f.
Bibliogr. erg. Ausg. Ditzingen: Reclam,
1994. – ISBN 3-15-007828-8


[Der lyrische Mittwoch, Folge 3] Wolfgang Schnier – Zeitläufe

Herzlich willkommen zur dritten Folge des lyrischen Mittwochs! Dieses Mal begleiten uns das Gedicht und die Antworten des Dichters Wolfgang Schnier durch den Artikel. Wolfgang lebt im kleinsten Bundesland der Republik und betreibt den Tintenblut-Blog, der sich seinem schriftstellerischen Schaffen widmet und auf welchem er regelmäßig neue Literatur veröffentlicht. Über ihn selbst liest man, dass er mit seinen Texten stets einem erhofften Happy End hinterher schreibt, dem Gedanken, „wir hätten doch ein besseres Leben verdient“, und dem Wunsch, „die Zeit würde nicht so schnell davon galoppieren“. Nach zehn Jahren Studium und Reise um die Welt ist er in seine Heimat zurückgekehrt, in der er gern Bücher liest, „bei denen man noch umblättern kann“, und aus der heraus er seinen Inspirationen für eigene Lyrik und Prosa folgt. Ich freue mich, ihn heute hier auf dem textbasis.blog begrüßen zu dürfen!
Der Wunsch nach einem Happy End ist immer auch der Wunsch nach Ruhe, zumindest am Ende. Dem Lauf der Zeit das Monotone der beruhigten Gewissheit anheften. In einer einfallsreichen Variation des Hirtenmotives blinken die Sterne der Ewigkeit auf uns herab. Keine Bedrohungen aus den Schatten, keine wilden Tiere und auch keine Helden zwängen sich durch das Bild der farbinvertierten Schafherde. Ganz ruhig existieren, die Idylle der Unaufgeregtheit genießen –

Zeitläufe

Ich sah einen Schäfer weit oben auf dem Hügel stehen,
die Sonne hing hinter ihm am Abendhimmel.
Ich sah vereinzelt Sterne blitzen,
gestern, heute, fern und doch so nah.

Die Schafe auf dem Hügel waren alle schwarz,
nur eines nicht, eines sah ich, das war weiß.
Und das mümmelte am Ampferstock.

‘Hallo auf der anderen Seite der Schatten’,
rief der Schäfer. So stand ich da und lauschte
in den Abendhimmel hinein.
Und wartete bei den Schafen.

Doch es kam kein Wolf. Und kein Schaf ging verloren und
kein Held wurde geboren. Ich schaute dem Schaf beim Schmatzen zu.

Und das Schaf wurde nicht schwarz und
kein Schaf wurde weiß.
Und der Schäfer stand unter den Sternen,
gestern, heute, nah und doch so fern.

Wolfgang Schnier

Wolfgang Schnier

Textbasis: Um die Welt gereist und nach Hause zurückgekehrt. Ich freue mich, dass ich heute dein Gedicht „Zeitläufe“ hier vorstellen darf, welches mich seit dem ersten Lesen sofort mit seiner Klangtiefe und nachhallenden Ruhe fasziniert hat. Vielen Dank für die Teilnahme am lyrischen Mittwoch, Wolfgang! Man sagt, wer eine Reise tut, der könne viel erzählen. Und du hast die Welt gesehen, bist unterwegs gewesen. Nun ist das Erzählen ja nicht unbedingt die Hauptdomäne der Lyrik. Wo bist du überall gewesen und wie beeinflussen dich deine Reiseerfahrungen beim Verfassen von Gedichten, oder gibt es da gar keine Verbindung?
Wolfgang Schnier: Walter Benjamin beobachtet an Leskow zwei Erzählertypen. Der eine ist viel herumgereist und kann von weit entfernten Orten berichten. Der andere Erzähler ist auf seiner Scholle verwurzelt und kann von der Weisheit des Ortes erzählen, dem er sich verbunden fühlt. Daran knüpfte ich ein wenig bei der Beschreibung an: Dies sind Idealtypen, die sich miteinander vermischen und gegenseitig ergänzen. Ich habe einige Zeit in den USA gelebt und habe diese Eindrücke mit nach Hause gebracht. Diese speziellen Reiseerfahrungen spielen bei meinen Gedichten jedoch selten eine Rolle, ich schreibe keine Reise-Lyrik. Gedichte, denke ich, spiegeln etwas zutiefst Subjektives und Individuelles wider. Gedichte sind Ausdruck und Verankerung des Individuellen – und darin gebrochen lässt sich das Allgemeine erkennen. Ich schreibe heute andere Gedichte als vor meiner Zeit im Ausland, somit spielen Reiseerfahrungen eine Rolle hinsichtlich der Lebenserfahrung. In einem Gedicht schaue ich aber tatsächlich zurück auf meine Zeit in den USA. Es ist auch bislang mein einziges Gedicht in englischer Sprache.
Es stimmt schon, dass Gedichte nicht in erster Linie etwas erzählen. Jemand schrieb jedoch mal, das Gedicht „spricht den Traum einer Welt aus, in der es anders wäre“. Dadurch eröffnet sich eine ganz weite Erzähl-Perspektive der Dichtung. Ein Gedicht gibt Raum zum Träumen – und erzählt damit vielleicht dem Gegenüber von Dingen, die er oder sie schon längst verdrängt oder aufgegeben hat. Das Gedicht erinnert das Du an seine Individualität. Und daran, dass es sich noch zu träumen lohnt. Davon handelt Dichtung.

Textbasis: Du schreibst, dass du sowohl Gedichte als auch Prosatexte verfasst. Für mich ist immer die Frage interessant, was die Grundlage für die Entscheidung ist, wie man seine Gedanken ausdrückt. Gibt es überhaupt ein Abwägen oder drängt sich die Art und Weise einfach auf? Intuition oder Nachdenken?
Wolfgang Schnier: Das ergibt sich von selbst, finde ich. In einer meiner Schubladen zum Beispiel liegt ein halbrohes Drama, das sich um einen einzigen Dialog herum gruppiert hatte. Eigentlich wollte ich nur dieses eine Zwiegespräch dokumentieren, das mir im Kopf herumschwirrte, letztlich wurden daraus 15 Szenen auf über 50 Textseiten. Ich bin überhaupt nicht auf die Idee gekommen, dem Ganzen eine andere Form zu geben. Mir fallen andere Entscheidungen ungemein schwerer, zum Beispiel: Welche Erzählperspektive? Und bei Gedichten: Spricht ein lyrisches Ich oder ein lyrisches Du – oder spricht sich das lyrische Ich in dem Du vielleicht selbst an? Und kann man das irgendwie vielleicht offen lassen? Diese Fragen treiben mich mehr um. Allerdings muss ich auch sagen, dass bei mir die Prosa einen kleineren Teil einnimmt als die Lyrik. In der Prosa finde ich den Brief sehr reizvoll, wenn man ihn darunter zählen mag. Wie das Gedicht hält auch der Brief auf ein Du zu, ist persönlich und, so wie ich ihn verstehe, ein Stück weit Ausdruck von Individualität. Aber das führt nun etwas zu weit weg. Ich denke, man kann den ein und selben Gegenstand schon mit verschiedenen Textsorten bearbeiten. Aber man wird zu anderen Ergebnissen kommen.

Textbasis: Diese Erläuterungen sind plausibel, denn die ursprüngliche Textidee scheint oft verbunden zu sein mit der Textsorte. In deinem Gedicht steht der Schäfer bei den Schafen, aber er ist allein. Weder die „schwarzen Schafe“ machen Ärger noch wird ein „Held“ gebraucht. Den Zeitläufen setzt du eine scheinbare Idylle der Geborgenheit entgegen. Bedeutet Schreiben für dich – gleich in welcher Form – die Möglichkeit, dem unaufhaltsam Progressiven das Fixe des Textes entgegenzusetzen, ein bisschen das Schnelle aus unserem Alltag herauszunehmen? Oder ist diese Herangehensweise eher auf „Zeitläufe“ beschränkt?
Wolfgang Schnier: Der Sinn von Sprache ist die Dichtung, sagte mir mal jemand. Sie bietet, finde ich, in einer verwalteten Welt ein Residuum, das einem die Möglichkeit eröffnet, sich den alltäglichen kulturindustriellen Zumutungen zu entziehen. Wenn die Welt zu einer Verwahranstalt nicht erfüllter Träume wird, wartet womöglich der Mensch darauf, dass ein äußeres Ereignis ihm eine Sinnstiftung zukommen lässt, das ihm eine Daseinsberechtigung, eine Zuschreibung seiner Nützlichkeit bestimmt. Davor kann das Gedicht einen womöglich warnen, vielleicht sogar bewahren.
Man sagt, das Leben sei eine mit dem Lebensalter proportional zunehmende Akzelerierung. Ich merke das daran, dass ich meine Uhren überhaupt nicht mehr umstelle, so schnell ändert sich das ja mittlerweile. Was das Gedicht in diesem Punkte leisten kann? Man kann dies zum Gegenstand lyrischer Betrachtung machen, das hielte ich allerdings nicht für sehr spannend. Vielmehr ist jedes Gedicht eine Art individuelle Zustandsbeschreibung, in der sich Gefühle, Sehnsüchte, Sorgen und Nöte, Hoffnungen und Leid spiegeln können. Das Gedicht bietet keine diskursive Erkenntnis an – und ist somit näher an dem Empfinden dran. Das ist auch der Grund, weshalb ich der Meinung bin, dass Dichtung die Daseinsberechtigung aus sich selbst heraus hat – und damit jede/r dringendst angehalten sein sollte, sich lyrisch zu betätigen. Die Frage nach der Qualität stellt sich erst sehr viel später und auch nur unter einem bestimmten Blickwinkel, wenn auch relevantem. Aber seine Daseinsberechtigung hat das Lyrische bedingungslos. Somit kann das Gedicht zu einem Fixpunkt für jeden einzelnen werden, unabhängig von anderen Fragen. Und dann hat das Gedicht vielleicht seinen Zweck schon erfüllt.

Textbasis: Das sind zwei interessante philosophisch-poetologische Punkte, denen ich an dieser Stelle ein bisschen mehr Platz für eine Nachfrage einräumen möchte. Verstehe ich dich richtig, dass einerseits das subjektive Wollen, das auf lyrische Äußerung hinstrebt, seine Berechtigung durch sich selbst aufgrund der phänomenalen Ähnlichkeit zwischen Empfinden und Empfindungstransformation besitzt?; und dass andererseits diese Transformation ins Sprachliche (oder ins Schriftliche) schon in der bloßen Möglichkeit, überhaupt zu empfinden, angelegt ist? Kurzum (und weniger verklausuliert): Muss man nicht erst lernen, was Dichtung, was ein Gedicht genannt wird, bevor man es verfassen kann? Oder gibt es da eine Art Anlage, die den Menschen zu lyrischer Äußerung drängt und die mit der allgemeinen Sprachfähigkeit verwoben ist?
Wolfgang Schnier: Kinder verstehen intuitiv ihre Abzählreime. Sie ergänzen sie und passen sie jeweils für sich selbst an und erfinden stets neue hinzu. Es gab Dichter, die haben diese kindliche Perspektive ein Leben lang gesammelt. Diese Sichtweisen kommen manchem vielleicht naiv vor und der Reflexionsgrad ist sicherlich ein ganz anderer, aber dadurch haben sie doch nicht weniger eine Daseinsberechtigung! Mir sind Bewertungen suspekt, weil sie eine Hierarchie suggerieren, die ich mir für mich nicht anmaßen möchte. Besonders in der Dichtung befindet man sich abseits von dichotomischen Zuschreibungen wie „richtig“ und „falsch“, sobald man die Regelpoetik einmal hinter sich gelassen hat. Natürlich gibt es Gedichte, die sind gelungener als andere. Aber mag ich so etwas abseits meiner eigenen Gedichte entscheiden? Ich bin da skeptisch.
Davon einmal ab, stimmt es schon: Man kann lernen, was Dichtung bedeutet, was ein Gedicht ist. Und man benötigt erst Konventionen, bevor man sie stilvoll brechen kann. Irgendwann merkt man vielleicht auch, dass Begriffe wie „Liebe“, „Sehnsucht“ oder „Hoffnung“ und weitere mittlerweile zu inhaltsleeren Hülsen verkommen sind und von der Kulturindustrie furchtbar zugerichtet wurden. Mag man darüber dichten, sollte man diese Ausdrücke vielleicht meiden. Und dann steht man plötzlich ja mitten in der Dichtung!
Natürlich gibt es Niveauunterschiede, keine Frage. Man kann diese als ein wichtiges Charakteristikum von Lyrik sehen. Die Dichtung als Ausdruck von Individualität zu sehen ist für mich aber ein mindestens ebenso wichtiges Charakteristikum. Ich wäre vorsichtig, bloß dem einen den Vorrang zu gewähren. Wie so oft kommt es auf die Fragestellung und nicht zuletzt auf das dahinterstehende Interesse an. Und das kann man nicht pauschal entscheiden, noch weniger alles in einen Topf werfen.

Textbasis: Vielen Dank für die Erläuterungen. Bleiben wir aber noch ein bisschen bei den Besonderheiten des vorgestellten Gedichtes. Auf deinem Blog und in unserem Schriftwechsel hast du davon gesprochen, dass für „Zeitläufe“ eigentlich kein Titel vorgesehen war. Das hört sich nach einem unscheinbaren Detail an, aber es steckt viel mehr dahinter und im Kern berührt es das Gedicht als solches. Welche Spannung besteht zwischen Titel und Textkörper?
Wolfgang Schnier: Mir fällt es oftmals schwer, einen Titel für ein Gedicht zu finden. Das hat unterschiedliche Gründe, manchmal habe ich mehrere konkurrierende Ideen, manchmal denke ich, das Gedicht braucht keinen Titel. Da ich meine Gedichte auf meinem Blog veröffentliche, brauche ich aus technischen Gründen einen Titel. Da bestimmt die Form den Inhalt ein Stück weit mit, aber das hat mich nur kurz geärgert. Eigentlich hat ein Gedicht nämlich schon einen Titel verdient. Dabei kann der Titel in der Tat auf verschiedene Weise auf den Text wirken. Bei Jo Richter zum Beispiel gibt der Titel des Gedichtes sehr häufig auch das Thema des Gedichtes an. Bei anderen Dichtern bietet der Titel einen möglichen Interpretationsansatz. Der weitaus häufigste Grund, und das ist auch bei „Zeitläufe“ der Fall, weshalb es mir schwer fällt einen Titel zu finden, liegt darin, dass ich meist mit dem Titel nichts vorgeben möchte, wie das Gedicht zu lesen oder verstehen sei. Das Gedicht braucht den Verfasser oder die Verfasserin nur zu seiner Entstehung. Danach ‚gehört‘ das Gedicht seinem Gegenüber, dem Du, auf das es zuhält. Und ich mag diesem Du nicht etwas vorwegnehmen oder etwas aufdrängen, und schon gar nicht an so prominenter Stelle wie dem Titel.
Es kommt in Gedichten immer auch auf das Detail an. Es gibt zum Beispiel Dichter, die gehen sehr vorsichtig mit der Zeichensetzung um, da sie ein sehr mächtiges Instrumentarium ist. Brecht hatte das an einem Beispiel sehr schön gezeigt. Der erste Satz ist das Sprichwort, der zweite stammt von Brecht:

Der Mensch denkt, Gott lenkt.
Der Mensch denkt: Gott lenkt.

Da steckt eine enorme Suggestionskraft alleine in den Satzzeichen. Satzzeichen haben ihre eigene Poetik. Dem muss man sich stellen wie anderen Dingen auch. Da gehört dann der Titel auch dazu. Ich wäre allerdings vorsichtig zu glauben, der Titel eines Gedichtes gäbe immer auch das Thema des Gedichtes an. Er kann darüber hinaus auch einen Interpretationsansatz darstellen, ein Gegengewicht zum Gedicht bilden oder auch ein Hinweis darauf sein, was das Gedicht gerade nicht anspricht.

Textbasis: Diese Einschätzung teile ich mit dir. Leser und Gedicht sind allein, und die Beziehung zwischen beiden ist ganz anderer Art als die zwischen Autor und Gedicht. Dennoch kann der Autor schon mit den kleinsten Details die größten Unterschiede bewirken – wie oben in Brechts Beispiel. Somit haben sich in unserem Gespräch zwei sehr interessante Aspekte herauskristallisiert: einmal die theoretische Überlegung, die sehr schnell komplex und schwierig werden kann; und zum Zweiten dein Rat, die Qualität eines Gedichtes nicht überzubewerten und den Nutzen für die Verfasserin, den Verfasser an erste Stelle zu setzen. Wenn du abwägen müsstest: Was wäre die gewinnbringendere Lyrik (auch für den Leser): diejenige, die höchste Sprachkunst hervorbringt, oder diejenige, die am meisten den eigenen Gefühlen entspricht, unabhängig von der Qualität?
Wolfgang Schnier: Ich würde das nicht pauschal entscheiden wollen. Für den Nachruhm würde es sich anbieten, eine möglichst hohe Sprachkunst hervorzubringen, und am besten in der Weise, wie sie in der späteren Zeit als eine solche empfunden wird. Ich kenne jemanden, der hatte früher einmal freiberuflich eine Gedichtstherapie angeboten. Er hat den Leuten Anfänge von mehr oder weniger bekannten Gedichten gegeben und sie dann gebeten, die Gedichte nach ihren Vorstellungen zu beenden. Dann wurde in der Gruppensitzung über die verschiedenen Gedichte gesprochen. Ich habe davon leider nur gehört und war nie dabei gewesen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es da um die höchste Sprachkunst ging oder dass diese dort gefunden wurde. Aber es war für die Teilnehmer ohne Frage sehr gewinnbringend andere Perspektiven zu hören und die eigene einbringen zu können. Ich erzähle das um zu zeigen, dass man dies nicht pauschal beantworten kann und dass man situationsbedingt abwägen muss, was einem wichtiger ist.
Ich schreibe oft, wenn ich schweige. Und ich bin froh, wenn ich dann gelesen werde. Das ist mir sehr wichtig – und ich denke, vielen geht es ähnlich.

Textbasis: Zum Abschluss noch eine ganz andere Frage. Auf deiner Google+-Seite schreibst du, du seist mit etwas „Mahalo“ im Blut wieder in Deutschland angekommen. „Mahalo“, das hawaiische „Danke“ – was bedeutet es für dich, und was könnte es für uns alle bedeuten?
Wolfgang Schnier: Ein Gedicht von Wolfgang Hilbig trägt den Titel „zwischen den paradiesen“. Hilbig meinte damit alles andere als eine Scheinidylle wie es Hawai‘i eine ist. Aber das wird einem vielleicht erst klar, wenn man dort gewesen ist. Man kann versuchen, vor seinen Dämonen davon zu laufen, man kann es tatsächlich bis an das andere Ende der Welt schaffen, nur um festzustellen, dass man sie alle mitgenommen hat. Dieses als Erkenntnis verkaufte Klischee ist nun wirklich ziemlich abgegriffen, aber ich musste das tatsächlich selbst spüren und erleben, bevor ich es glauben konnte. Dankbar bin ich für diese Erkenntnis, für die ich bis dorthin reisen musste.
Ich würde nun nicht sagen, dass dies jeder unbedingt so tun muss. Wenn man die Möglichkeit bekommt, sollte man sie allerdings nutzen. Lebensnotwendig ist sie nicht. Anders ist es da schon mit Lyrik, auch die von Hilbig. Auf die kann man, kann ich, nun wirklich nicht verzichten.

Textbasis: Mit diesem schönen Schluss, sowohl die Möglichkeiten neuer als auch bereits in Gedichten „konservierter“ Erfahrungen zu nutzen, sind wir schon wieder am Ende der heutigen Folge angekommen. Ich hoffe, dass Sie aus den Antworten von Wolfgang Schnier ebenso viel Inspiration erlangen konnten wie ich. Sind Sie neugierig, weitere Texte des Autors zu lesen? Besuchen Sie bitte seinen Tintenblut-Blog. Einen letzten Dank an dieser Stelle an dich, lieber Wolfgang, dass du auch diesen Mittwoch mit deinem Gedicht und deinen Antworten zu einem lyrischen gemacht hast. Dankeschön!

PS: Wer von Ihnen ebenfalls Lust hat, eines seiner Gedichte hier vorzustellen und ein paar Worte über sich zu sagen, kontaktiere mich bitte per E-Mail, folge mir mit seinem Blog, oder mache auf andere Weise auf sich aufmerksam. Ich würde mich freuen, ein Zeichen von Ihnen zu erhalten.


[Linkzeit] Die Novelle „roter regen“ startet / Gedichtblog „capern“

Gern möchte ich die Gelegenheit nutzen, um erneut auf Sybille Ebner hinzuweisen, die bereits in der ersten Folge des lyrischen Mittwochs auf dem textbasis.blog vertreten war. Dort sprach sie davon, dass sie an einer Novelle mit dem Titel „roter regen“ schreibe. Ich freue mich, dass sie sich entschlossen hat, die Novelle als Artikelserie auf ihrem Blog sinn.wort.spiel zu veröffentlichen. Die ersten beiden Artikel sind bereits online und sie machen neugierig auf mehr. Mit einem Klick auf diesen Link können Sie sofort mit dem Lesen beginnen. Viel Vergnügen!

Der zweite Link soll ohne viele Worte angekündigt werden: Vor Kurzem öffnete der Gedichtblog capern seine Augen und sieht nun hinaus ins Netz.


[Poesie, das ist Musik! #1] Gedichte bewusst schreiben

Liebe Leserinnen und Leser des textbasis.blogs, pünktlich zum Start des lyrischen Mittwochs folgt die neue Artikelreihe „Poesie, das ist Musik!“. Darin soll ein bisschen darüber nachgedacht werden, warum überhaupt noch Gedichte geschrieben werden und werden sollten. Worin liegen die Unterschiede zur Prosa, was sind Stärken und Schwächen eines Gedichtes gegenüber langen Absätzen mit intensiver Grauwirkung? Weiterhin: Was unterscheidet ein gutes von einem schlechten Gedicht und was ist das grundlegende Handwerkszeug, das jede Poetin und jeder Poet braucht, um sich in der Welt der Lyrik wohlzufühlen, ohne bloß ein paarmal mehr die Enter-Taste der Tastatur zu drücken? All dies soll Thema der neuen Artikel sein und ich freue mich, mit Ihnen zusammen ein bisschen die Gedanken kreisen zu lassen um etwas, das vermeintlich nur noch ein stiefmütterliches Dasein am Rande der breiten Lesegesellschaft fristet.

Das Ei sei Ausgangspunkt folgender Metapher. „Prosa: die Schale; Lyrik: das Eigelb. Das Eiweiß? Die Welt!“ Ein paar Worte dazu. Anfang allen Schreibens ist unsere Welt, egal ob für Fachbuch, Dystopie oder Sciene Fiction Mystery. Unterschiedlich ist lediglich der Grad der Distanz zum Gewohnten. Wie Anarchie nur vor einem Netz von Normen sein kann, so kann jedes noch so fantasievolle Buch nur sein vor dem Hintergrund, vor dem es sich fantasievoll abheben will. Das ist so. Das Eiweiß, unser Alltag, wabbelt und wabbelt. Autoren aller Texte, alle Künstler, nutzen dieses Wabbelige, um daraus Nützliches und Schönes zu formen.

Den Alltag in eine Form bringen, die sich unterscheidet vom Tristsein unaufgefangener Vergänglichkeit, das Eiweiß umschließen, ihm eine Form geben, die das Alltägliche unter sich verbirgt und uns makellos wie ein frisches Ei anlacht, das ist die Prosa, das sind Fachtexte und Romane. Anders die Lyrik, die will nicht das große Ganze, die geht in die Details, Ausschnitte des Alltags verdichtet zu einem goldenen Kern. Wo die Prosa mit vielen Worten viel erreicht, da versucht die Lyrik mit wenigen Worten ebenso viel zu erreichen. Und wie sowohl Schale als auch Eigelb zu einem Ei gehören, so sind Prosa und Lyrik keine Konkurrentinnen, lediglich zwei Möglichkeiten, dem Zerfließen des Alltags neue Dimensionen hinzuzufügen: Ihn einzufangen, ihm eine Gestalt zu verleihen, die Prosa. Noch tiefer in ihn vorzudringen, mit dem Wenigen das Intensive hervorzuheben, die Lyrik.

Mehr als diese Metapher möchte ich nicht zum Unterschied zwischen Lyrik und Prosa sagen. Schließlich ist dies keine akademische Diskussion, sondern soll kurzweiliges Nachsinnen bleiben, orientiert an der Praxis des Schreibens. Also: Punkt.

Der Vergleich mit dem Ei hilft, die Herangehensweise von Lyrik und Prosa an die Welt zu unterscheiden, aber für das Schreiben von Gedichten ist das ein wenig hilfreicher Vergleich. Denn warum sollte man überhaupt Gedichte schreiben und nicht alles in „normale“ Texte verpacken? Die Antwort darauf ist schwierig und zu einem Großteil auch geprägt von der persönlichen Vorliebe beim Schreiben. Wenn Sie noch nie den Drang verspürt haben, ein Gedicht zu schreiben und sich mit Prosa-Skizzen und kleinen oder großen Texten so ausdrücken, dass es Ihnen eine Erleichterung ist: Sodann, der Meister bleibt der Zunft stets treu. Wenn Sie jedoch offen sind und Lust haben, Neues zu probieren, eventuell schon ein paarmal selbst versucht haben, Gedichte zu verfassen, dann hat sie der süße Stachel der Lyrik bereits infiziert. Nun ist es daran, sich treiben zu lassen.

Worauf ich hinaus will, Sie haben es selbstverständlich schon herausgelesen, ist die Grundvoraussetzung allen lyrischen Schaffens: der Drang, die Bereitschaft, die Lust, Gedichte zu schreiben. Ohne die geht es nicht, denn sonst kommt am Ende kein Gold und nur Pyrit heraus. Also: Handwerkzeug aller Poeten ist und bleibt der Drang, sich lyrisch ausdrücken zu wollen. Dieses Wollen muss mehr sein als die Überlegung: „Hm, eigentlich könnte ich heute mal ein Gedicht schreiben.“ Denn das kommt dann auch heraus: „Hm, hier wollte wohl jemand heute mal ein Gedicht schreiben.“ … Wenn Sie gestatten und es nicht für Eitelkeit abtun, erlauben Sie mir, kurz über mich selbst zu schreiben. Ich liebe die Lyrik, ich liebe Gedichte. Ich schreibe auch selbst, aber ich schreibe recht wenig. Ich schreibe Gedichte meist dann, wenn mich eine unsichtbare Hand zu drängen scheint, wenn ich das Gefühl habe, eine Idee, einen Gedanke nicht anders als in Gedichtform niederschreiben zu können. Ich würde mir wünschen, mehr dieser „lyrischen Momente“ zu haben, aber ich fordere sie nicht heraus. Ich erzwinge keine schönen Worte, denn schön wird nichts, wenn man es nicht von ganzem Herzen will.

Damit sei genug über mich gesprochen, denn es geht nicht um mich, sondern um die Leidenschaft, Gedichte zu schreiben. In sich gehen, hören, wie man ist, fühlen, wie es sich aus einem herausschreibt, den Stift packen – die Feder rennt dann ganz von allein über das Papier. Und doch: so einfach ist es natürlich nicht immer.

Zwar hat sich die Lyrik mehr und mehr auch einem intuitiven Schreibstil geöffnet, der feste Formen hinter sich lässt, der schon fast an Prosatexte in Gedichtform erinnert, der oft kryptisch und hochkomplex zugleich ist, in dem die Botschaft verschwimmt zu Bildern des Abstrusen, welches selbst die Botschaft zu sein scheint. Aber: das ist natürlich nicht das Ergebnis eines Nichtkönnens, sondern eines Wollens. Viele Gedichte sind verfasst in Reimen, metrisch und strophisch perfekt, inhaltlich der Form angepasst, versoptimiert in Silbenzahl und Vokalhäufigkeit. Diese Stilisierung gehört zur Lyrik, war in der deutschen Literaturgeschichte lange Zeit unhinterfragter Standard und löste sich nur langsam auf zu moderner Dichtkunst, wie wir sie heute kennen. Doch der hohe Stilisierungsgrad ist ein Segen und eine Gefahr. Der Segen: beherrscht man die Kunst, dann entsteht verdichtete Sprache, so intensiv, das kein Prosatext mitziehen kann. Die Gefahr: beherrscht man sie nur halb, entstehen schreckliche Zeilengebilde, die nicht verhüllen können, dass jemand wollte, aber offensichtlich nicht konnte. Das ist das Aus. Ende für das Gedicht.

Andersherum ist es genauso: Verzichtet man auf metrischen Gleichklang, auf strophische Einheit, auf den Wohlklang des Reimes, so liest man oft Gedichte, die platt wirken, die den Charme eines Brotlaibes versprühen, der eine Woche in der Brotdose vergessen wurde. Denn die Vereinfachung bedarf immer des Wissens um das Komplexe. Wer nie von Metrik gehört hat, dem wird das Gefühl für den Rhythmus freier metrischer Gestaltung fehlen. Wer nie gereimt hat, der kennt den Grad der Freiheit nicht, auf den Reim zu verzichten. Um etwas wegzulassen, muss man etwas weglassen können.

Ich selbst schätze die moderne Lyrik, ich liebe die Grenzenlosigkeit des Abstrusen, die Provokation des Schneidenden, den pulp im traditionsreichen Kleid. Dennoch sollten auch moderne Poetinnen und Poeten nicht die alten Wurzeln der Lyrik vergessen, welche die deutsche Literatur bekannt, berühmt gemacht haben. Denn nur weil man heute selten Gedichte liest, die in ihrer Konstruktion einem Gryphius’schen Glashaus entsprechen und doch voller Leben sind, so heißt das nicht, dass diese Lyrik nicht mehr geschrieben werden könnte. Aber die Verführung des Einfachen, des Schnellen verleitet zum Hinwerfen von Worten, die nur nachträglich deklariert werden als Gedicht und nicht aus sich selbst herausstrahlen.

Keinesfalls soll, bei allem Gequäkel, der Eindruck entstehen, dass nur der ein Gedicht schreiben sollte, der ein Poetik-Studium hinter sich hat. Das wäre vermessen und kleingeistig (und das Ergebnis dann eventuell auch nicht besser). Es soll aber heißen: Gedichte schreiben, auch wenn sie kurz sind, ist ebenso kompliziert, wie Romane zu schreiben, die über viele, viele Seiten spannend oder interessant sein sollen. Deswegen diese Artikelreihe. Ich wünschte mir, dass sie ein paar basics, um in der Sprache unserer Zeit zu bleiben, vermittelt, die Ihnen helfen, noch bessere und noch bewusster Ihre Gedichte zu schreiben. Und aus diesem Grund werden sich kommende Artikel der Reihe „Poesie, das ist Musik!“ mit den grundlegenden Themen Metrik, Reim, Kadenz, Strophenform und Stilmittel beschäftigen. Nicht als Lehrstoff sollen sie wirken, sondern als interessanter Lesestoff. Leicht, musikalisch, so wie Ihre Gedichte. Bis zum nächsten Mal – und bleiben Sie lyrisch!


[Der lyrische Mittwoch, Folge 2] Walther: da

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

der lyrische Mittwoch geht in die zweite Runde! Ich freue mich, Ihnen auch diese Woche wieder ein wunderbares Gedicht und einen sympathischen Dichter vorstellen zu dürfen. Für die freundliche und professionelle Zusammenarbeit bedanke ich mich ganz herzlich bei Walther (Werner Theis), von dem die folgenden Zeilen stammen. Walther arbeitet für das Literaturmagazin Asphaltspuren, veröffentlicht regelmäßig ausgesuchte Gedichte in Walthers Anthologie, und ist hingebungsvoller Verseschmied und -liebhaber.
Die heiße Leidenschaft, die feurigen Gedanken, die Blitze der Ideen im Gehirn – wenn die nur immer irgendwie zu Wörtern werden würden. Trotzdem: Jeder Text fließt irgendwie vom Kopf zum Papier. In „da“ nähert sich Walther all diesen theoretischen Überlegungen mit einer überraschenden Lebendigkeit. Was geht auf diesem Weg verloren, was nimmt man weg, wie viel gibt man hinzu – und: was bekommt man am Ende dafür?

da

die zeichen sprechen
auf dem federkiel reitend
ins weiß ziseliert welch
eine verschwendung
unumwunden gewunden
in verse gezwungen

da

eine spinne seilt sich
ab eilt über das blatt
und ihre beinchen in
feuchte tinte getaucht
schreiben eine andere
sprache existentiell und

da

verschwindet die spinne
kurz am seidenen faden
hängend klettert sie leis
dem dichter ins haar der
sich gerade verbeugt vor
der schwere der gedanken

Walther (Werner Theis) auf einer Lesung der Asphaltspuren in Düsseldorf 2008

Walther (Werner Theis) auf einer Lesung der Asphaltspuren in Düsseldorf 2008

Textbasis: Walther, zusammen mit dem Team der Asphaltspuren arbeitest du auf euer zehnjähriges Bestehen und die zwanzigste Print-Ausgabe eures Literaturmagazines hin. Diese Routine im Umgang mit Lyrik spürt man, sobald man die ersten Verse deines tollen Gedichtes liest. Ich freue mich, dass du dich bereit erklärt hast, am lyrischen Mittwoch teilzunehmen und so schöne Worte einzureichen. Verrate uns doch bitte, wie sich dein Verhältnis zur Lyrik im Laufe der Zeit verändert hat und warum sie dich noch immer fesselt.
Walther: Die ASP, mehr unter www.asphaltspuren.de, war eine spontane Idee verrückter Internetliteraten. Als wir damit begannen, das ist jetzt in der Tat etwas über 10 Jahre her, haben wir gesehen, welche Umwälzung das für den Literaturbetrieb bedeuten würde. Und, man schaue sich im Weltweitweb um, die Lyrikforen zählt man heute in Myriaden. Inzwischen schreibt jeder, der eine Tastatur vor dem Bildschirm und eine Internetleitung zur Verfügung hat. Und das sind nahezu alle.
Das hat eine unglaubliche Demokratisierung des Schreibens zur Folge, weil es die Möglichkeit zur Publikation faktisch verallgemeinert hat. Jeder kann, so gut wie unentdeckt, unter einem Nick oder Avatar, wie man im Internet das Künstlerpseudonym nennt, seine Texte veröffentlichen.
Vom Thema E-Book oder BoD (also Book On Demand), der neuen Form des Selbstverlags, wollen wir an dieser Stelle gar nicht sprechen, das ist die nächste Stufe und ein eigenes „Business“, dessen Chancen und Abgründe wir vielleicht ein andermal diskutieren sollten.
Die Chancen sind riesig, allerdings auch die Mühen, in diesem Heuhaufen noch ein paar wirklich gute Stücke Dichtkunst zu finden.
Was sich verändert hat? Wenig und viel zugleich. Die Liebe zur Lyrik, zur Literatur, ist geblieben. Aber natürlich ist das, was man in den Foren an Qualität liest, desillusionierend. Noch desillusionierender ist das Faktum, dass Lernwillig- und Belehrbarkeit meist umgekehrt proportional zum tatsächlichen Vermögen der AutorInnen stehen. Neben der Demokratisierung der Veröffentlichung sind auch der Geschmacksmaßstab und die Selbsteinschätzung der tatsächlichen Qualität der Texte demokratisch geworden: Jeder Autor legt demnach selbst fest, was allgemein gut und was allgemein schlecht ist. Kurz gesagt: Jeder bestimmt in eigener Freiheit und Verantwortung, was „Kunst“ ist. Das frustriert selbstredend und bringt die Textkritik in den Foren zunehmend zum Erliegen.

Textbasis: Trotz dieser Demokratisierung bist du der Dichtkunst ein treuer Freund geblieben. In einem unserer Schriftwechsel bezeichnest du dich selbst als Lyrikjunkie. Ist das die Sucht, Gedichte zu schreiben, oder der unbändige Drang, Lyrik zu lesen? Oder geht das eine nur in Verbindung mit dem anderen?
Walther: Es gibt Menschen, die können das Lesen und das Schreiben auseinanderhalten. Ich kann das nicht. Wer gute Lyrik schreiben will, das ist nicht nur meine Ansicht, muss sie erst einmal lesen, analysieren, interpretieren. Er muss seine eigenen Geschmacksnerven trainieren, sein Gefühl für Rhythmik, Metrik und Metaphern, seine Fähigkeit zur distanzierenden Verdichtung von Erlebtem, Gefühltem und Gedachtem verfeinern, seine Maßstäbe, die sich ja auch gegen sein eigenes Werk richten müssen, ausbilden. Das geht nur, indem man viel gute Lyrik liest.
Nur so kann man auch seine persönliche Poetologie entwickeln, seinen eigenen, unverwechselbaren Stil ausprägen. Das ist ein harter und manchmal schmerzlicher Weg, der einen immer wieder zurückwirft, aber auch unglaubliche Befriedigung verschafft, wenn einmal etwas gelingt.
Der Lyriker ist sich selbst sein schärfster Kritiker, wenn er vorankommen will. Ich bin der festen Meinung, dass ein guter Lyriker auch ein guter Kritiker und Interpret von Gedichten ist, wenn er fair bleibt und sich auf den Text als Gegenstand der Kritik beschränkt.

Textbasis: Das Projekt Asphaltspuren widmet sich dem Auffinden guter Literatur und Lyrik, die unentdeckt im breiten Meer des Internets dahintreibt. Im Selbstporträt schreibt ihr, dass ihr euch mit der „deutschsprachigen Literatur und den subkulturellen Strömungen [befasst], die im täglichen Geschäft der etablierten Verlage kaum Beachtung finden.“ Was sind diese subkulturellen Strömungen; und: Fehlt den großen Verlagen der Mut, oder ist es die mangelnde Bereitschaft der Leser für Lyrik?
Walther: Gute Fragen! Und wie meist fallen dann die Antworten besonders schwer.
Zum einen haben der modernen Lyrik der Rap, die Lyric Battles, Stand-Up–Comedy, Poetry-Slam und alles darum herum ungeheuer gut getan. Ebenso natürlich ist die Tatsache, dass in der modernen Musik auch außerhalb des Schlagers und der Volksmusik der deutsche Text wieder an der Tagesordnung ist, sehr stimulierend für die neue deutsche Lyrik. Das ist eine ebenso wunderbare und voranbringende Entwicklung.
Zum anderen hat das Internet und seine Foren eine neue Form der Salonkultur hervorgebracht, die ja ganz entscheidend für die deutsche Romantik Ende des 18. Jahrhunderts und alles, was danach gekommen ist, war. Keiner der Klassiker ist ohne die literarischen Salons und ihre bürgerlichen und adligen Mentoren denkbar. Keiner von ihnen hätte ohne diese Förderung sein Werk schaffen und sein Leben finanzieren können. Es gab – und gibt! – nur sehr wenige, die zeitlebens von der Lyrik leben konnten. Dazu musste man in die Belletristik gehen und Romane schreiben.
Die heutigen Salons, die Literaturforen im Internet, sind anders, demokratischer, freier, unverbindlicher, weniger heimelig, weniger ehrgeizig. Es gibt kein handverlesenes Publikum mehr, jeder kann sich registrieren und mitmachen; aber man bekommt das, was man damals, früher, auch bekam: einen in der Regel kostenfreien Resonanzraum, die Kritik Gleichgesinnter, Veröffentlichung, Textarbeit, Anerkennung.
Was allerdings nicht funktioniert, und das unterscheidet die Sache erheblich von früher, ist der Übergang vom dilettierenden Üben zum professionellen Verlegen der erkannten Talente. Die Verleger der damaligen Zeit waren in diesen Salons. Zum Teil haben sie sie sogar ausgerichtet. Die von heute sind es nicht.
Und damit haben wir eines der wichtigsten Probleme der modernen Lyrik angesprochen: Die Verlage suchen ihre Talente woanders. Sie sind in den literaturwissenschaftlichen Elfenbeintürmen und sich selbst befruchtenden Literatenzirkeln gefangen, in denen Lyrik wächst, die nur der Literaturwissenschaftler und der Eingeweihte verstehen. Und sie bezahlen ihren, einen hohen, Preis dafür. Die Krise der verlegten Lyrik ist also ganz wesentlich hausgemacht. So einfach und so schwierig ist das.

Textbasis: Und dennoch – oder gerade deswegen: Was würde der Literatur verlorengehen, wenn ab morgen nie wieder ein Gedicht geschrieben würde?
Walther: Nichts und alles. Tagebuch und Gedichte stehen am Anfang jeder literarischen Karriere. Weltschmerz und Liebeskummer, das Leben überhaupt, wollen verarbeitet werden.

Textbasis: In deinem Gedicht, so wie ich es verstehe, sprichst du von der Schwierigkeit, Gedanken in Worte zu fassen und diese Worte in Schemata zu pressen. Braucht die Lyrik das schwere Nachdenken des Dichters, oder sollte sie eher achtbeinig und ungehemmt frei sein? Spielt das überhaupt eine Rolle?
Walther: Schön formuliert. Aber die Antwort steckt in der Frage. Die Lyrik braucht beides: den locker-leichten Musenkuss, der einen Text in einem Guss auf das Papier zaubert und die harte Klein- und Feilarbeit, damit ein Text so aussieht, als hätte er schon immer genau so aussehen müssen.
Wer selbst schreibt, weiß, dass gerade die Texte, die am fluffigsten, am selbstverständlichsten daherkommen, sehr häufig das Ergebnis harter und quälender Arbeit sind. Der große Wurf ist ein Himmelsgeschenk und ungefähr so häufig wie ein Lottogewinn. Es soll, wie man mir sagte, große Meister geben, die in ihrem ganzen Künstlerleben nie eine solche Eingebung erfahren haben.
Also: Es spielt keine Rolle, weil am Ende das Ergebnis im Angesicht des Lesers und des Kritikers zählt. Oder, ganz brutal: Hast du Auflage, hast du recht gehabt.
Und dann wäre da noch die Schreibblockade. Welcher Autor hat die noch nicht erlebt?

Textbasis: Eine letzte Frage: Kann man das Dichten erlernen, oder ist das wie mit der Augenfarbe?
Walther: Ja und nein. Es ist wie bei allen Künsten und/oder dem Handwerk: Ohne Talent geht nicht viel, ohne Übung aber auch nicht. Ein talentfreier Dichter wird nie gut schreiben, egal wie viel er übt. Ein mittelmäßiger Lyriker, der fleißig übt und feilt und liest und Kritik als Anstoß, sich zu verbessern, positiv aufnimmt, kann zu guten Ergebnissen kommen. Ein Talent, das nicht übt, verschleudert sich, und bleibt ebenfalls im Mittelmaß stecken. Übt das Talent und ist mit Fleiß, Engagement und Kritikfähigkeit dabei, kann es Großes schaffen. Dann fehlt nur noch der Entdecker und die Selbstvermarktung (oder beides) zum Erfolg.
Ich weiß, dass sich das furchtbar altertümlich und gestrig anhört und im Zeitalter der Wurmlochphantasieversprechen des mühelosen direkten Wegs zur Spitze durch Castingshows quasi aus der Zeit fällt. Leider aber zeigt sich dem, der sich ein wenig mit der Materie beschäftigt, dass das, was früher galt, auch heute noch uneingeschränkt gilt: Wer in seinem Handwerk gut ist, muss (und kann) es erlernen. Und er darf nie aufhören, sich verbessern zu wollen.

Textbasis: Ein gelungener Abschluss! Vielen Dank für die ausführlichen und faszinierenden Antworten und natürlich für dein wundervolles Gedicht. Ich wünsche dir und dem gesamten Team der Asphaltspuren alles erdenklich Gute. Allen Lesern, die mehr von Walther (Werner Theis) lesen möchten, empfehle ich einen Blick auf www.leselupe.de, www.gedichte.com oder www.tage-bau.de, der ältesten Internetliteratur-Commune, zu werfen. Das Projekt Asphaltspuren erreichen Sie durch einen Klick auf diesen Link: http://www.asphaltspuren.de. Verpassen Sie zudem nicht die diesjährige Mainzer Minipressen-Messe vom 30.05. bis 02.06.2013 in der Mainzer Rheingoldhalle (www.minipresse.de), auf der die Asphaltspuren-Redaktion erstmalig als Aussteller dabei sein wird.

PS: Wer von Ihnen ebenfalls Lust hat, eines seiner Gedichte hier vorzustellen und ein paar Worte über sich zu sagen, kontaktiere mich bitte per E-Mail. Ich würde mich freuen, von Ihnen zu lesen.