Monatsarchiv: Mai 2013

[Mainzer Minipressen-Messe] Freitag, 31.05.2013

Mainzer Minipressen-Messe

Leider ist mein erster Tag auf der Minipressen-Messe schon vorüber!

Meine Erwartungen haben sich gänzlich erfüllt: Kreative Menschen wohin man den Kopf wendet, ein Stand interessanter als der andere. Die Independents glänzen mit Ideen und Optimismus. Von vielen hört man, dass vor allem die Leidenschaft immer wieder vorwärtstreibe, weitermachen lasse; dass ein kleiner Verlag immer großes finanzielles Risiko bedeute. Doch trotz der Risiken sind die Verlegerinnen und Verleger mit dem Herz dabei, und man erfährt oft Witziges und Erstaunliches aus dem Verlagswesen abseits des Mainstreams. Viele Aussteller nehmen kein Blatt vor den Mund, erzählen Anekdoten, plaudern aber auch offen über Probleme.

Damit nicht genug: Man trifft an den Ständen Persönlichkeiten bunter als bunt. In der einen Ecke wird laute politische Literatur angeboten, daneben die besten Kniffe aus dem Esoterikbereich. Kunstdrucke liegen in der Nähe von Holzskulpturen in Buchform, ein paar Meter weiter kreative Sprach-Spiele für Kinder, die mich noch immer staunen lassen. Krimis, Kurzgeschichten, Kunstbücher und Lyrikbände in Ausstattungen, die Lächeln in Gesichter zaubern. Detailvernarrte kunstverliebte Bibliophile an jedem Stand, überall interessante Gespräche und überall Herzlichkeit. Die Messe in Mainz ist so farbig, so schön, wie ich sie mir wünschte, und ich freue mich auf die folgenden zwei Tage. – Wer es einrichten kann, sollte sich ein bisschen Zeit nehmen und vorbeischauen; für jeden, der Bücher und Kunst liebt, findet sich dort garantiert ein Schatz, der mit nach Hause genommen werden muss.

Ich bedanke mich ganz herzlich bei all den netten Menschen, die ich getroffen und kennengelernt habe, und für die wunderbaren Gespräche. Schlaf gut und bis morgen, Mainz.

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[Der lyrische Mittwoch, Folge 10] Haruko – Come Home

Der lyrische Mittwoch begeht sein erstes Jubiläum, die zehnte Folge hat es ans Tageslicht geschafft! Und das wird gefeiert, zu allererst natürlich mit dem Inhalt des heutigen Beitrages. Mit Frohlocken im Herzen darf ich Ihnen Susanne Stanglow vorstellen, die schon seit einigen Jahren unter ihrem Pseudonym Haruko Lieder schreibt und Musik veröffentlicht. Sie lebt derzeit in Berlin und arbeitet an ihrem zweiten Album, das schon im Juni dieses Jahres erscheinen soll; bereits 2009 veröffentlichte sie ihr Debüt „Wild Geese“. Wie ich erfahren habe, laufen sogar bereits die Arbeiten an einem dritten Langspieler. Damit jedoch nicht genug: Der textbasis.blog verlost ein Exemplar des neuen Albums! Wer an der Verlosung teilnehmen möchte, rebloggt diesen Artikel, schreibt einen eigenen oder kommentiert einfach kurz. Die Gewinnerin oder der Gewinner wird von mir persönlich informiert und bekommt das Album per Post, sobald es erhältlich ist.

Aber genug des Freudentaumels. Schauen wir uns den Beitrag dieser Woche etwas genauer an. Mir scheint es in ihm um Straßen zu gehen, und das erste Problem mit denen ist, dass sie immer von dort wegführen, wo man sie betreten hat. Und manchmal führen sie so weit weg, dass man zu lang für die Rückreise braucht: wieder am Anfang ist man doch nicht zurückgekehrt. – Das zweite Problem der Straßen ist eher passiver Natur. Denn wer eine Straße entlanggeht, der lässt etwas zurück. Harukos Titel „Come Home“, vom bald erscheinenden neuen Album, erinnert uns an die Zurückgelassenen, er erinnert uns daran, dass nicht jedem Anfang ein Zauber innewohnt, sondern dass es manchmal zu spät ist, um überhaupt neu anzufangen. Und so ruft es ein letztes Mal mit unverwechselbarer Stimme und in wunderbaren Klangfarben dezenter Gitarrenmelodien aus dem Lied –

Come Home

Come home, come home my darling
I am wondering where you did go …
The children are sitting at the window, they keep asking for you
Come home, come home! The kettle’s put on
I’ll make you some tea and some cake
Come home, come home! The water is warm
The children will sit on your lap

Days have passed and weeks have passed
and then months and years …
The children still sit at the window but they stopped shedding their tears
And I stopped cooking dinner for four
And I stopped thinking of you
I thought my heart had found it’s peace
but now I think it’s just gone cold

Then one day you came back to us
I heard your footsteps on the floor
The children were asking „mother, who’s that stranger at the door?“
And I closed the door and I closed my heart
This is not your home anymore!
When the dogs come out to hunt you I won’t open the door

Haruko

Haruko

Textbasis: Herzlich willkommen, Haruko. Ich freue mich, dass du die Zeit gefunden hast, am lyrischen Mittwoch teilzunehmen und diese zehnte Folge mit deiner Musik zu verschönern. Seit wann schreibst du schon Lieder und was bedeutet es dir, Musik zu machen?
Haruko: Die ersten Lieder habe ich mit 15 oder 16 geschrieben, als ich grade angefangen habe, Gitarre zu spielen und ein bisschen dazu zu singen. Es waren allerdings noch sehr unbeholfene Versuche mit ziemlich schlechten Texten, die ich niemandem mehr zeigen würde. Mit 17 habe ich meinen Freund Hlynur Gudjonsson kennengelernt und wir haben angefangen, zusammen Musik zu machen, und ich habe zum ersten Mal Lieder geschrieben, bei denen ich das unbestimmte Gefühl hatte, dass es gut sein könnte, sie nicht mehr nur für mich selbst zu spielen. Was es mir bedeutet, Musik zu machen, ist gar nicht so einfach in Worte zu fassen. Es hat sich alles sehr natürlich entwickelt und ich habe mich nie wirklich gefragt, ob das, was ich mache, richtig ist. Lieder zu schreiben war und ist für mich eine Möglichkeit, mich selbst besser zu verstehen und auszudrücken. Gleichzeitig ist es eine Art Energie, die sich selber lenkt …

Textbasis: Wahrscheinlich ist es auch diese Energie, die einen sofort überwältigt. Zumindest war es bei mir so, ich selbst höre deine Veröffentlichungen ja unglaublich gern und habe mich in deine Musik verliebt. Wie waren die Reaktionen der anderen Hörer auf dein Debüt und den bald erscheinenden Nachfolger?
Haruko: Überraschend gut! Die Aufnahmen für mein erstes Album, „Wild Geese“, sind, kurz nachdem ich die Lieder geschrieben hatte, entstanden und waren auch mit die ersten Aufnahmen, die ich überhaupt gemacht habe. Ich war 18 und hatte keine Ahnung davon, wie man ein Album produziert und habe es alleine zu Hause bei meinen Eltern auf einem kleinen 4‑Spur-Gerät aufgenommen. Die Songs waren eigentlich nur als Demos für meine Internetseite gedacht, aber ein kleines amerikanisches Plattenlabel – Bracken Records – hatte sofort Interesse daran, das Album auf Vinyl rauszubringen. Es gab viele positive Rezensionen auf verschiedenen Blogs, Internetseiten und Zeitschriften und ein paar Anfragen von anderen Labels. Ich habe anfangs alle möglichen beziehungsweise unmöglichen Konzerte gespielt – als Vorband für Punkbands, im Programm zwischen Elektro-Pop und Trash und ich habe mich wahnsinnig gefreut, dass es trotzdem Leute im Publikum gab, denen die Musik gefallen hat. Natürlich gab es auch schlechte Kritiken, aber ich mache ja schließlich auch nicht Musik, um allen zu gefallen, sondern habe immer nur das gemacht, worauf ich Lust hatte und was aus mir selbst kam, ohne ein bestimmtes Ziel zu verfolgen.

Textbasis: Frei aus sich selbst heraus Kunst zu schaffen, das ist auch in meinen Augen der richtige Weg, um langfristig wirklich man selbst zu bleiben. Dennoch muss man sich ja immer ein bisschen an Konventionen halten, also beispielsweise, dass zu einem Lied oft ein Text gehört. Wenn du entscheiden müsstest, was wäre dir lieber: ein gesungener Text oder eine Melodie ohne Sprache? In welchem Verhältnis stehen Text und Musik für dich; und muss eigentlich immer eine Message vermittelt werden?
Haruko: Für mich sind Liedtext und Musik eine zusammenhängende Sache.
Wenn ich Lieder schreibe, habe ich nie vorher einen fertigen Text, sondern fange meist an zu spielen, während sich eine Melodie in meinem Kopf formt, und so langsam fügen sich Textzeilen in diese Melodie ein. Dabei denke ich nicht bewusst über den Text und die Worte nach – es ist eher so, dass die Worte irgendwo aus dem Unterbewusstsein kommen und selbst ihren Platz in dem Lied finden. Zwar denke ich, dass Melodien auch ohne Text für sich stehen können und auch umgekehrt – wie beim Gedicht oder beim Sprechgesang, wo es keine konkrete Melodie gibt –, allerdings fällt es mir persönlich schwer, Text und Musik zu trennen. Und weil ich meist die Texte nicht wirklich bewusst schreibe, versuche ich auch nicht direkt, eine Botschaft damit zu transportieren. Ich glaube, ich erzähle in meinen Texten eher von meinem Innenleben, als dass ich damit irgendetwas vermitteln möchte.

Textbasis: Das heißt ja dann auch immer, dass man ein bisschen abhängig ist von der Muse. Hast du selbst schon Bekanntschaft mit Schreibblockaden machen müssen? Was hilft dir dann dabei, dich selbst zu motivieren, neue Inspiration zu gewinnen?
Haruko: Ja, es passiert durchaus, dass ich mit einem Lied mal nicht weiterkomme. Ab und zu braucht ein Text Zeit, um fertig zu werden, und es dauert eine Weile, bis ich das Gefühl habe, dass alle Worte an ihrem Platz sind. Ich versuche dabei, nichts erzwingen zu wollen, sondern greife die Ideen immer mal wieder auf und meistens ergibt sich dann irgendwann alles von alleine. Bei einem Lied war es zum Beispiel so, dass ich nur den Anfang hatte und der Rest erst ungefähr ein halbes Jahr später dazukam. Ich denke, manchmal fehlen einem einfach noch die Erfahrungen oder Eindrücke, die man gebraucht hat, um etwas zu vollenden.

Textbasis: Dann ist es ja umso besser, dass dein neues Album schon kurz vor der Fertigstellung steht und bald erscheinen wird. Verrate uns doch bitte ein bisschen mehr darüber. Welche Veränderungen gibt es gegenüber dem Debüt „Wild Geese“?
Haruko: Ich werde mein nächstes Album sehr wahrscheinlich auf meinem eigenen kleinen Label herausbringen. Es hat sehr lange gedauert, bis das Album fertig war, daher möchte ich es so schnell wie möglich veröffentlichen, um den Kopf frei zu haben für etwas Neues. Die ersten Aufnahmen für das Album sind im Frühling 2011 entstanden, danach habe ich mit ein paar anderen Musikern aus verschiedenen Ländern zusammengearbeitet: Ich habe ihnen meine Gesangs- und Gitarrenspuren geschickt, sie haben etwas dazu eingespielt und mir zurückgeschickt. Das ist zum Beispiel eine Sache, die das Album von „Wild Geese“ unterscheidet, auf dem ich nur alleine zu hören war.

Textbasis: Wird es zum Album auch eine Tour geben? (Und was ist eigentlich das „echte Lied“ für dich: die unveränderliche Aufnahme oder die immer neue Inszenierung?)
Haruko: Ich werde wahrscheinlich im Herbst ein paar Konzerte spielen, bei denen man das Album dann auch kaufen kann. Wo genau, wird man auf meiner Internetseite herausfinden können.
Das „echte Lied“? Eine Frage über die man lange diskutieren kann! Für mich kann es beides sein. Es gibt Musiker, die ich nur live richtig gut finde, und es gibt Aufnahmen, die 50, 60 Jahre alt sind, die ich mir trotzdem immer wieder mit einer Gänsehaut anhören kann. Ich glaube, es kommt vor allem auf den Moment an – wie fühlt sich der Musiker, ist er emotional mit seinem Lied verbunden? Für mich sind sowohl Aufnahmen als auch Konzerte wichtig, jedoch, wenn ich mich entscheiden müsste, würde ich mich für Aufnahmen entscheiden, da man mit ihnen mehr Leute, unabhängig von Wohnort und Zeit, erreichen kann.

Textbasis: Das ist eine sehr schöne letzte Antwort! Vielen Dank für das Lied und die Einblicke in deine Welt, Haruko. Ich freue mich auf dein neues Album und wünsche dir weiterhin viel Erfolg mit deiner Musik. – Möchten Sie mehr hören von der wundervollen Kombination sanfter Stimme und sanfter Melodien? Dann empfehle ich Ihnen einen Blick auf die Webseite der Künstlerin und Harukos Bandcamp-Seite. Dort finden Sie die bisherigen Veröffentlichungen und können ganz in Ruhe ein bisschen die Zeit schöner verstreichen lassen. Und denken Sie daran: Wer heute rebloggt, mitschreibt oder kommentiert, könnte morgen schon gewinnen (nämlich das im Juni erscheinende neue Haruko-Album!)

PS: Wer von Ihnen ebenfalls Lust hat, einen seiner Texte, eines seiner Gedichte oder Lieder hier vorzustellen und ein paar Worte über sich zu sagen, folge mir mit seinem Blog, oder mache auf andere Weise auf sich aufmerksam. Ich würde mich freuen, ein Zeichen von Ihnen zu erhalten.


[Nahdenken! #4] sic!

Herzlich willkommen zum vierten Beitrag in der Kolumne „Nahdenken!“. Kennen Sie das? Irgendwo im Internet, auf der Suche nach einer Information, begegnet es Ihnen, wie ein Gespenst taucht es unerwartet auf und erschreckt sic!

Grauenvoll, wahrlich. Dabei ist die Funktion dieses kleinen Wörtchens ziemlich unschuldig. Denn häufig anzutreffen in wissenschaftlichen Texten, dient es dort als redaktioneller Hinweis darauf, dass ein Zitat originalgetreu übernommen wurde – besonders dann, wenn dessen Inhalt fraglich ist oder sich ein Fehler im Quellentext eingeschlichen hat. Ein Beispiel anhand einer fiktiven Buchbesprechung:

Mex Mastermann stellt in seinem neuen Buch die Lebensgeschichte von Galileo Galilei dar. Sein Schreibstil ist pointiert, seine Thesen herausfordernd. Bleibt zu hoffen, dass sein Einleitungssatz es auch sein soll. Dort schreibt Mastermann nämlich, dass „Galilei zweifelsohne einer der einflussreichsten Astrologen [sic] Italiens und der gesamten Welt“ gewesen sei.

Da ist Herrn Mastermann wohl ein Schnitzer unterlaufen, auf den uns der Autor des oben stehenden Textes hinweisen möchte; denn natürlich war Galilei wohl eher Astronom denn Astrologe. Indem unser fiktiver Autor also seinen Lesern mitteilt, dass Herr Mastermann einem Fehler erlegen ist, so muss jener sich doch selbst absichern, dass nicht er den Fehler durch gedankenloses Zitieren oder dergleichen verschuldet hat. Also schreibt er korrekterweise ein [sic] mit in das Zitat. – Lassen Sie uns da ein bisschen genauer hinschauen.

Zitate werden im Wortlaut wiedergegeben. Und immer, wenn man etwas daran ändert oder hinzufügt, verweist man darauf mit Anmerkungen, die man in eckige Klammern setzt:

Gierig fraßen sie [die Geier?, Anm. d. Verf.] das frische Cowboyfleisch.
oder
Ich möchte Ihnen in den folgenden 20 000 Wörtern kurz schildern, wie ich eines Tages fortging […] und am Ende feststellen musste, dass ich mein Portemonnaie vergessen hatte. Danke für Ihr Interesse.

Die erste Anmerkung in eckigen Klammern zeigt dem Leser an, dass das, was in den Klammern steht, nicht zum Zitat gehört, sondern von der Verfasserin, der Zitierenden, ergänzt wurde. Die zweiten eckigen Klammern weisen durch Auslassungspunkte darauf hin, dass ein Teil vom Zitat weggelassen wurde. Also kurzum, die eckigen Klammern sagen immer: Hier hat der Autor, der zitiert, etwas mit dem ursprünglichen Zitat gemacht, er hat es auf irgendeine Art bearbeitet.

Kommen wir aber nun zum eigentlichen Thema, zum sic. Sic stammt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie: so. Demnach lässt sich das [sic] oben im Buchbesprechungstext etwa folgendermaßen lesen: „Diese Formulierung findet sich so im Original und stammt nicht von mir, der ich dieses Zitat zitiere“ oder kürzer „So steht es dort“. Daran ist bis jetzt nichts Seltsames oder Unübliches, so wird zitiert. Einen etwas gespenstigen Twist bekommt die Sache allerdings, wenn man auf Verwendungsweisen wie [!] oder [sic!] trifft.

Sicher, es gibt keine Vorschrift, die sagt: „So musst du, und das geht gar nicht!“ Deswegen finden sich in wissenschaftlichen Texten auch alle drei Varianten. Allerdings möchte ich die Frage stellen: Wie soll man [!] oder [sic!] am besten lesen? Oben bereitete das bei [sic] keine Schwierigkeiten, es steht für „So steht es dort“. Wie aber bei [!]? Soll man da im Geiste lesen „Ey!“, „Achtung!“ oder „Is’ so!“? Und bei [sic!] etwa „So steht es dort, wirklich, glaub mir!“? Wohl kaum, denn das erste wirkt aufdringlich, das zweite unglaubwürdig.

Darum wird hier für die Schreibweise [sic] plädiert, denn sie ist schlicht und elegant. Die eckigen Klammern zeigen an, dass auf etwas im Zitat hingewiesen werden soll, und sic präzisiert, dass es im Original genau so geschrieben steht, wie es zitiert wurde. Soweit zur Verwendung in wissenschaftlichen Texten. –

Doch findet sic, wie mir scheint, auch mehr und mehr im alltäglichen Bla-Blub-Schreiben Verwendung. Formulierungen wie „Da bin ich gestern voll besoffen (sic!!!) noch mit dem Auto nach Hause und hab die Karre voll in den Baum geparkt, scheiße!“ verdeutlichen es unzweifelhaft. Woher aber dieser Hang zu jenem ursprünglich redaktionellen Auszeichnungsvermerk? Man ahnt die Katastrophe …

Dass im Slang etwas als „krank“ bezeichnet werden kann, ist bekannt. Es ist dann in etwa „abgefahren“. Auch dass viele Anglizismen im Deutschen verwendet werden, ist nichts Neues. Sachen sind (gefühlt) schon immer „cool“ oder „abgespact“ gewesen (zu: „abspacen“ …) Warum also nicht die phonetische Ähnlichkeit bemühen und das kleine sic zum großen wilden Ausruf „Sick!“ transmutationieren und es der Abgespactheit halber in ursprünglicher Schreibung verwenden? Wirkt ja doch cool irgendwo – und die eckigen Klammern sind sowieso irgendwie komisch und irgendwarum viel zu umständlich auf der Tastatur einzugeben. Und noch paar Ausrufungszeichen extra passen eh immer. „Damit ist es [sic] dann angerichtet, der Salat.

Bis zum nächsten Mal!


[Der lyrische Mittwoch, Folge 9] Anke Müller – Besuch eines Preußler-Protagonisten

Haben Sie gut geschlafen? Ich wünsche es Ihnen – doch wenn nicht, dann wird Ihnen der lyrische Mittwoch heute mit einer frischen Prise Humor helfen, den Tag gut gelaunt anzugehen. Aber immer der Reihe nach. Es ist mir eine Ehre, Ihnen diese Woche die Texterin und Freie Autorin Anke Müller vorstellen zu dürfen. Sie lebt in Nordrhein-Westfalen, arbeitete in einer Werbeagentur in München, produzierte Werbefilme in Düsseldorf und textet derzeit für andere und sich selbst. Auf ihrem Blog veröffentlicht sie Kolumnen und Geschichten aus ihrer „verrückten Familie“, ihr erster Roman befindet sich kurz vor der Fertigstellung. Sie sagt, dass ihre Aufsatzhefte in der Schule von den Deutschlehrern grundsätzlich einbehalten wurden. Ich freue mich, sie und ihre lebhafte Sprache heute hier auf dem textbasis.blog zu haben.

An das „Kleine Gespenst“ von Herrn Ottfried Preußler kann ich mich noch sehr gut erinnern, wahrscheinlich ging es mir damals, wie es unzähligen Kindern noch heute geht: Ich konnte nicht genug vom unfreiwilligen schwarzen Taggespenst bekommen; ich freute mich jedes Mal wieder, mit ihm zur falschen Zeit zu erwachen. – Schöne Kindertage!; und auch das Aufstehen zur falschen Zeit ist im Buch viel spannender, als wenn man in der wirklichen Welt dem Dösen unfreiwillig entrissen wird. Anke Müller erzählt uns in ihrem kurzen Text eine Episode über eine gestörte Nachtruhe, sie erzählt von Gespenstern, die nächtens durch Zimmer schleichen, und Füßen, die steinhart in Rippen treten. Und dennoch: Noch nie war es angenehmer, den Alltag durch die Brille federleichter Sprache zu genießen, ihm das zu nehmen, was ihn alltäglich macht und daraus das besonders Unterhaltsame zu schaffen. Freuen Sie sich nun also bitte auf den –

Besuch eines Preußler-Protagonisten

Letzte Nacht, es muss kurz nach Geisterstunde gewesen sein, stand plötzlich ein kurzes Gespenst in der Schlafkammer. Fahles Licht aus einem anderen Zimmer im Rücken, nur Umrisse waren zu erkennen. Das Hemdchen reichte fast bis zum Boden, die Härchen halblang und zerzaust. – Ich habe mich echt erschrocken.
Aber dann habe ich’s mit Totstellen probiert. Funktionierte auch super, denn mein Mann hob seine Bettdecke an und sagte zu dem Ding: „Komm her, kuschel dich zu mir.“
Ich – weiterhin nicht da. Das sah das Ding wohl auch so und trampelte mir voll in die Rippen. Kaum war es da runter, zog so ein Hirni an meinem Kissen. Habe ich leise geknurrt, woraufhin von meinem Kissen abgelassen wurde.
Als die das neben mir endlich sortiert gekriegt hatten, beugte sich mein Mann zu mir: „Da drüben brennt noch Licht.“
Stimmt“, sagte ich und drehte mich auf die andere Seite.
Mein Mann sank zurück in sein Kissen und begann augenblicklich ruhig und gleichmäßig zu atmen.
So, und dann ging das erst richtig los! Ich wollte gerade wieder einschlafen, rammt ein kleiner Fuß meinen Rücken. Ich sofort hellwach! Doch wer jetzt meint, das Fußding wurde wieder eingezogen – von wegen! Ein zweites kleines Hammelbein bohrt sich unter meine Schulter.
Ich nehme also das Durcheinander und schiebe es dem Vater unter die Bettdecke. Immerhin war es dessen blöde Idee, das Gespenst ohne weitere Fragen ins Bett zu lassen. Ziehe mir die Decke erneut über die Ohren – RUMPS!
So geht das ein paar Mal. Immer energischer schiebe ich das Gebein unter des Vaters Decke. Und immer geschwinder finden die Beinchen zu mir zurück.
Gegen zwei Uhr langt es mir. Ich nehme das kleine Gespenst behutsam auf (man will ja nix wegbrechen) und lege es schön bequem in meinem Bett zurecht. Da seufzt es zufrieden und ein Ärmchen schmiegt sich kurz um meinen Hals.
Ich bin dann ein Zimmer weiter in ein freies Bett mit rosa Hello-Kitty-Bettwäsche umgesiedelt. Das Licht habe ich auch gelöscht. Mein letzter Gedanke gegen 3 Uhr 15 galt dem Vater: Hoffentlich pennt der mindestens genauso schlecht wie ich!
Am Morgen habe ich ihn gefragt. „Und, hast gut geschlafen?“
Klar, selten so gut.“

Anke Müller

Anke Müller

Textbasis: Hallo Anke, schön, dass du heute am lyrischen Mittwoch teilnimmst! Wie ich von dir erfahren habe, schreibst du schon seit deiner Jugendzeit und konntest den Stift seitdem nicht mehr loslassen – zumindest nicht für lange. Erzähl doch mal, was hat dich festhalten lassen an ihm, am Schreiben überhaupt?
Anke Müller: Hallo Sebastian, ich freue mich, dass dir meine Gespensternacht gefällt! Schreiben bedeutet für mich ordnen. So wie Wäsche zusammenlegen und im Schrank verstauen. Habe ich geschrieben, fühle ich mich aufgeräumt. Wobei Stift – mit der Hand kann ich nicht. Eine Tastatur muss sein. Meine handgeschriebenen Briefe klingen holprig. Schreiben mit der Hand dauert mir einfach zu lange.

Textbasis: Dann ein dreifaches Hoch auf die Technik, denn ich freue mich immer wieder, wenn mein E-Mail-Postfach mir sagt, dass du eine neue Geschichte auf deinem Blog veröffentlicht hast. Verrückte Welt, denke ich dann. – Ganz ehrlich, ist dein Alltag wirklich so verrückt oder passt du deine Geschichten hier und da ein wenig an?
Anke Müller: Weißt du, ich finde es gut, wenn meine Leute Gas geben und ich nur nacherzählen muss. Die sind nicht langweilig. Ich passe auch nichts an. Gut, Füllwörter in den Dialogen kürze ich raus und es kommt vor, dass ein Satzbau umgestellt werden muss. Soll sich ja gut lesen und ich will keinen langweilen. Aber das sind kleine Änderungen.

Textbasis: Nun schreibst du aber nicht nur für deinen Blog, sondern arbeitest auch freiberuflich als Texterin. Was macht für dich den Unterschied aus zwischen Auftragsarbeit und eigenen Texten? Kann man immer gleichmotiviert an alle Texte herangehen, um sie möglichst kreativ, möglichst lebendig zu gestalten?
Anke Müller: Nun … 😀 … ich kann ja schlecht sagen: Auftragsarbeit macht weniger Freude. Auftragsarbeit ist zum Überleben und wer bezahlt, der verdient und bekommt meinen vollsten Einsatz. Eigener Text ist die Belohnung und mein Inspirationsquell. Weil ich aufgrund meiner familiären Situation nur teilzeitselbständig bin, nehme ich mir die Freiheit, Jobs auszuwählen. So richtig sachlich-ernsthaften Text mag ich allerdings nicht.

Textbasis: Ich hatte es oben kurz erwähnt, dein erster Roman steht vor der Fertigstellung. Verrate uns doch bitte, woran genau du schreibst und um was es geht?
Anke Müller: Ich schreibe einen Jugendkriminalroman, Lesealter ab 11, den ich als Reihe angelegt habe. Protagonist ist Homar, der Sohn einer Geheimagentin. Er lebt im Internat. Oft braucht Mutter Inga seine Hilfe und sie bringen gemeinsam Ganoven zur Strecke.
Im ersten Band geht es nach Mailand. Alle Spieler des AC Milan wurden entführt. Keine Anhaltspunkte, die Lösegeldforderung lässt auf sich warten. Zu allem Übel ziehen die Carabinieri Inga gleich bei der Einreise nach Italien hoch. Den Truck mit der Spezialausrüstung und dem Geheimraum im Anhänger konfiszieren sie ebenfalls. Homar ist ziemlich allein gestellt. Ob da nicht etwas ganz anderes hinter steckt?

Textbasis: Die beiden passen thematisch ja super zusammen: das kleine Gespenst, das die Welt bei Tage erkundet; und Homar, der gemeinsam mit seiner Mutter die Welt der Ganoven und Gangster durcheinanderrüttelt. Was hat dich dazu bewogen, einen Jugendroman zu schreiben?
Anke Müller: Als mein Sohn kleiner war, begleitete ich seine Lektüren intensiv. Es störte mich, dass ich keine Lokalkrimis für Kinder fand. Am Ende spielt Homars erster Fall zwar in Mailand, aber er umfasst nur einen Auftrag mit einer 3-Tages-Reise. Basiscamp, also das Internat, liegt in Deutschland und der nächste Fall wird Homar und seine Mutter nach Duisburg führen. Eine Dachgeschosswohnung im Innenhafen, gleich neben der Synagoge, habe ich den beiden bereits ausgeguckt.

Textbasis: Gut zu wissen, dass die beiden bestens aufgehoben sind. Welche Rolle spielt für dich das Bloggen neben der ganzen Schreibarbeit und dem täglichen Wahnsinn? Alles nur zusätzliche Belastung?
Anke Müller: Ganz im Gegenteil! Das Bloggen macht mir Freude. Anhand der Leserreaktionen analysiere ich meine Texte und ziehe wertvolle Informationen für weitere Arbeit daraus. Erlaubt es die Zeit nicht, blogge ich nicht.

Textbasis: Zum Schluss: Hast du irgendwelche ganz persönlichen Geheimtipps für angehende Autorinnen und Texter, um besser zu schreiben?
Anke Müller: Da habe ich tatsächlich etwas, das ich fast täglich praktiziere. Pointiertes Schreiben: Die beste Fingerübung für mich ist das Kommentieren in den sozialen Netzen. Ich bevorzuge Facebook. Dort habe ich eine feine Gruppe handverlesener Gleichgesinnter. Immer wieder eine Herausforderung und Anlass zur Freude.

Textbasis: Das ist in der Tat ein ausgefallener Ratschlag, um sich selbst ein bisschen fitter zu machen und auf neue Ideen zu kommen. Damit sind wir aber auch schon wieder am Ende dieser Folge angekommen. Ich hoffe, dass Sie Anke Müllers Text und ihre Antworten erfrischt und angeregt haben. Ich jedenfalls danke dir ganz herzlich für deine Teilnahme und das unterhaltsame Interview. Wenn Sie noch mehr gute Laune und lockerleichte Sprachen wollen, wenn Ihnen noch ein klein wenig die Nacht hinter den Augen sitzt, dann zögern Sie nicht, lassen Sie sich von folgendem Link direkt zu Ankes Blog leiten und lesen Sie sich munter. Auf zu Ankes verrückter Welt des Alltags!

PS: Wer von Ihnen ebenfalls Lust hat, einen seiner Texte hier vorzustellen und ein paar Worte über sich zu sagen, folge mir mit seinem Blog, oder mache auf andere Weise auf sich aufmerksam. Ich würde mich freuen, ein Zeichen von Ihnen zu erhalten.


[Feedback erwünscht!] Umfragen zum protoTYPE „matchbox“

Stress in der Textbasis, deswegen heute der Artikel verspätet und auch nur ganz kurz. – Vor ein paar Wochen erschien auf dem textbasis.blog ein kleiner Beitrag zu einem großen Projekt (Klick für mehr Infos).

Matchbox soll den vernetzenden Brückenschlag schaffen zwischen Verlagen, Autoren und Lesern. Es soll helfen, schnell und zuverlässig neue Texte für Verlagsprogramme zu finden; es soll helfen, schnell und effektiv eigene Manuskripte anzubieten; und es soll die Leser als Indikator für Trends aktiv miteinbeziehen. Kurzum: Matchbox soll ordentlich liegen gebliebenen Staub aufwirbeln.

Und damit der schon bald durch die Luft stieben kann, ist Ihre Meinung wichtig. Sind Sie AutorIn?, oder arbeiten Sie in einem Verlag? Helfen Sie mit, damit aus matchbox das werden kann, was sich auch wirklich alle wünschen: ein innovatives neues Netzwerk. Über die folgenden Links gelangen Sie direkt zu den anonymen Umfragen, Zeit sollten Sie in etwa 5–10 Minuten einplanen.

Umfrage für Autoren (Passwort: MB2013)
Umfrage für Verlage (Passwort: MB2013)

Auf dass all den Mühen Großes entwachse!