[Der lyrische Mittwoch, Folge 6] Stefan Wirner – Romanze in der Tram

Der Mittwoch bringt schöne Verse, heute die des Germanisten und Journalisten Stefan Wirner. Ich freue mich, dass er zugesagt hat und der eher tristen Wochenmitte wieder einen Hauch lyrischer Laune beigibt. In 2011 veröffentlichte Stefan seinen Liebes-Reise-Gedichtband „Love To Go“, in den Jahren zuvor die Cut-up-Romane „Installation Sieg“ (1999), „Berlin Hardcore“ (2000) und „Schröderstoiber“ (2002). Auf seinem Blog Transvers erscheinen seit Januar weitere Gedichte in kurzer zeitlicher Abfolge. Ich freue mich, Ihnen eines seiner Gedichte hier auf dem textbasis.blog präsentieren zu können.
„Kein Freud ist ohne Schmerz“, schrieb Gryphius; und noch immer grüßt uns das Todesgedenken bei jedem genauen Blick hinein ins Leben mit eisigem Finger. Irgendwo schießen sich Menschen tot und kämpfen für irgendwas, anderswo kämpft einer um seine Liebe, für einen Kuss. Ungleiche Kämpfe: der eine endet mit Blut auf dem Feld, der andere mit Blut in den Wangen. Und doch: Die Tram fährt fort, ein Anruf steht noch aus, dort knallen bald noch die Gewehre, hier piepsen bald schon die Tastentöne des Mobiltelefons. Im Bewusstsein des Leides sich nicht von ihm verzehren lassen: Mit flinkfüßigen Reimen durch die Verse hopsen, am Ende zwar wieder in der Tageszeitung ankommen, doch wenigstens bis dahin alle Freude auskosten –

Romanze in der Tram

Er hat es,
das Strahlen des
Verliebten im
Gefühl des Sieges,

er kämpfte schon lang.

Sie glänzt ihn mit
großen, runden Augen an
und errötet dann.

Beim nächsten Halt
hüpft er aus
dem Abteil
und drückt ihr dabei
einen Kuss auf die Wang’.
„Ich rufe dich an.“

Ein sehnsuchtsvoller Blick
durch die schmutzigen Scheiben,
der Fahrtwind wirbelt
das Herbstlaub zurück.

Autos, ein Hupen,
sie senkt ihren Blick
und liest in den
Schlagzeilen vom Krieg.

Stefan Wirner

Stefan Wirner

Textbasis: Lieber Stefan, ich freue mich, dass du diese Woche am lyrischen Mittwoch teilnimmst. Seit vielen Jahren schreibst du Gedichte, beruflich bist du tätig als Journalist. Was zieht dich immer wieder hin zu den Versen, wo unterscheiden und wo überschneiden sich eventuell auch Lyrik und Journalismus bei dir?
Stefan Wirner: Lieber Sebastian, erstmal vielen Dank für die Einladung. „Der lyrische Mittwoch“ ist eine wunderbare Idee, ich wünsche Dir viel Glück damit und viele interessante Gesprächspartner. Es ist mir eine Ehre.
Zu Deiner Frage: Der Journalismus befasst sich mit den alltäglichen Katastrophen und Ungerechtigkeiten dieser Zeit. Mit Politik, Wirtschaft und Macht, mit den neuesten Nachrichten aus aller Welt. Der Journalist begibt sich selbst in diese Ebene hinein, er lebt in ihr und von ihr. Der Dichter hingegen sollte diese Ebene eher meiden. Denn Gedichte stehen von ihrer Natur her in Widerspruch dazu. Sie stellen per se einen größeren Einspruch dar, als jeder politische Kommentar in einer Tageszeitung es könnte. In einem Gedicht entsteht eine andere Welt, es transzendiert, wenn es gelungen ist, unser alltägliches Dasein. Ich meine damit nicht l’art pour l’art. Ich meine eine Lyrik, die etwas zur Sprache bringt von den anderen Möglichkeiten des Menschen.

Textbasis: Von den Konventionen des bloßen Kommentierens lösen sich ja auch deine drei Romane. Sie sind geprägt von der Montagetechnik William S. Burroughs’, einer experimentellen Methode, Texten neuen und anderen Sinn zu entlocken, sie gerade dadurch in ihrer Absurdität zu entlarven. Deine Gedichte hingegen wirken in sich ruhig und geschlossen. Gab es ein Umdenken, ein Umlenken in deiner Arbeit als Schriftsteller?
Stefan Wirner: Die Cut-up-Romane standen in engem Zusammenhang mit meiner journalistischen Tätigkeit. Sie waren vollständig durchdrungen davon. Damals wollte ich in Diskurse intervenieren. Dann aber habe ich mich wieder nach einem Ort gesehnt, der frei von alltäglicher Politik und von Nachrichten ist. Gedichte eröffnen diesen Raum, ich möchte sagen, diesen sakralen Raum. Es gab eine Zeit, da war es notwendig, die sakralen Räume der Gedichte zu zertrümmern. Sie waren nämlich zu Kitsch und zur Beweihräucherung und Verklärung schlechter Verhältnisse verkommen. In der Folge aber hat man das Gedicht völlig der äußeren Welt ausgeliefert und es zu einer Form des Journalismus degradiert. Dem möchte ich wieder etwas entgegensetzen. Nichts gegen den Journalismus, er hat eine grundlegende Funktion in der Demokratie. Das Gedicht aber muss seinen eigenen Ton finden, jenseits des Jargons des Alltäglichen.

Textbasis: Sprachlich muss es sich hervorheben, da stimme ich dir zu, aber das Gedicht muss doch immer auch hinein in den Alltag und dort das Besondere finden. So ist „Romanze in der Tram“ auch kein reines Liebesgedicht geworden, sondern es ist eingebettet in Weltgeschehen. Wie freudig der Moment für Liebenden und Geliebte in der Tram ist, draußen in der Welt herrscht der Krieg. Er weht nur mit einem Vers ins Gedicht, aber er ist da. Oft konnten wir in den Interviews des lyrischen Mittwochs lesen, dass gerade die Betonung des Subjektiven die Aufgabe der Lyrik sei. Welchen Herausforderungen muss sich deiner Meinung nach die Lyrik noch stellen?
Stefan Wirner: Die radikale Versenkung ins Subjektive ist die Basis des Gedichts. Aber es begnügt sich selbstverständlich nicht damit. Wenn das Gedicht im Subjektiven verharrt, ist es eher ein privates Tagebuch-Poem und sollte in der Schublade bleiben. Durch die Versenkung in das Subjektive versucht der Dichter, Aussagen über unsere Welt zu treffen, die allgemeingültig werden. In dem Sinne, dass der Leser etwas von seiner eigenen Welt darin wiedererkennt, bestenfalls deutlicher sieht und besser versteht.
Zu „Romanze in der Tram“: Als Subthema enthält dieses Gedicht das Verhältnis von Leben und Journalismus. Das Gedicht geht auf eine Beobachtung zurück. Ich sah ein innig flirtendes Paar in der Trambahn, verfolgte, wie der Mann aussteigen musste, die letzten sehnsuchtsvollen Blicke beim Ausstieg. Die Tram fuhr los, er winkte. Die Frau schien erfüllt von dieser Liebe, sie senkte aber, als ihr Geliebter außer Sichtweite war, ihren Blick und sah in die Zeitung. Ein niederschmetternder Moment. Dieser Augenblick der Liebe, der nach Unendlichkeit verlangte, wurde beendet mit Nachrichten vom Krieg, mit profanen Neuigkeiten aus der Innenpolitik, Artikel über wirtschaftliche Entscheidungen et cetera. Diese Beobachtung wollte ich festhalten, weil sie für die Art steht, wie wir heute leben.

Textbasis: Und die Art, wie wir heute leben, trifft der Titel deines Gedichtbandes mit seinem „to go“ treffend. Wie kamst du eigentlich auf die Idee, einen Liebes-Reise-Gedichtband zu schreiben und zu veröffentlichen? Ist die „Romanze in der Tram“ das, was du dir unter einem Liebes-Reise-Gedicht vorstellst?
Stefan Wirner: Der Gedichtband „Love To Go“ beschreibt eine Bewegung, eine äußere und innere Reise. Jedes einzelne Gedicht kann für sich stehen, ergibt aber in der Folge mit den anderen diese lyrische Erzählung. Die Idee dazu entstand in einer Zeit, da ich mich mehr für die Probleme der Liebe als für die der Politik zu interessieren begann. Die Liebe ist ohne Zweifel eines der rätselhaftesten Phänomene. Schauen wir uns die Welt an: Kriege, Umweltzerstörung, religiöser Hass, Neid und Konkurrenz. Und dennoch lieben Menschen andere Menschen: Eltern ihre Kinder, Frauen ihre Männer und umgekehrt, Partner ihre Partner, egal, welcher Hautfarbe und Herkunft und welchen Geschlechts. Das erstaunt mich immer wieder und versöhnt mich ein wenig mit den Menschen.

Textbasis: In unserer E-Mail-Korrespondenz schriebst du, dass du dich für einen Book-On-Demand-Dienst entschieden hast, um deinen Gedichtband zu veröffentlichen, da es schwierig sei, einen Verlag für Lyrik zu finden. Was macht es den Verlagen so schwer, Gedichte zu veröffentlichen, was müsste sich auch auf Leserseite ändern?
Stefan Wirner: Viele Menschen können mit Gedichten nichts anfangen. Lyrik verkauft sich schlecht. Da muss man nur einen Verleger fragen. Die meisten Lyrikbände sind entweder Projekte eines idealistischen Verlages, dem an der Sache liegt, oder es handelt sich um Bücher von Schriftstellern, die neben ihren kommerziell erfolgreichen Büchern auch Lyrik schreiben.

Textbasis: Reisen wir in die Zukunft, aber nur ein klein wenig. Die E-Books wirbeln den Buchmarkt durcheinander, das ist bekannt. Welche Chancen bietet das E-Book für Verlage, Dichterinnen und das Gedicht selbst?
Stefan Wirner: Zum E-Book selbst kann ich wenig sagen. Aber vielleicht zu den neuen Möglichkeiten, die durch das Internet entstehen. Heute kann ein Buch, das niemand verlegen will, über das Internet trotzdem seine Leser finden, wenn es der Verfasser klug anstellt und ein bisschen Glück dabei hat. Das ist doch eine gute Entwicklung. Eine Demokratisierung der Literatur, wenn man so will. Vergleichbar vielleicht mit Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks oder der Einführung des Taschenbuchs.

Textbasis: Unsere Reise geht weiter. Fernab in der Zukunft: Das Gedicht hat die langen Texte im Literaturbetrieb verdrängt. Was muss die Prosa tun, um wieder gleichzuziehen, welche Stärken muss sie ausspielen?
Stefan Wirner: Was mich zuweilen an zeitgenössischer deutscher Prosa stört, ist die sprachliche Unzulänglichkeit und die Unglaubwürdigkeit. Die meisten Texte werden der Welt nicht gerecht, die sie schaffen und beschreiben wollen. Sie sind in sich nicht authentisch. Etwa wenn der Verfasser so tut, als wüsste er, wie Gauß und Humboldt gefühlt und gedacht haben, an anderer Stelle dann aber sein Nicht-Wissen als modernen Kniff verkauft.
Wenn die Prosa nicht zu Fernsehliteratur verkommen will, muss sie sich wieder auf ihre ureigensten Stärken besinnen und nicht von den narrativen Möglichkeiten des Films und des Fernsehens träumen und versuchen, sie zu kopieren. Viele Bücher werden schon für die Verfilmung geschrieben, und am Ende weiß man nicht, was schlechter war: das Buch oder der Film. Zeitgenössische Prosa lässt sich meist in vier, fünf Sätzen zusammenfassen. Bei einem guten Gedicht ist das unmöglich. Wer mir nicht glaubt, kann es meinetwegen mit „Der Turmsegler“ von René Char versuchen.

Textbasis: Hoffen wir, dass es nicht zu einem solchen Übergewicht kommen wird, sondern dass Lyrik und Prosa zukünftig gleichauf einhergehen, beide mit kraftvoller Sprache und authentisch in ihrer jeweiligen Art. Ich bedanke mich ganz herzlich bei dir, lieber Stefan, für deine Teilnahme. Wenn Sie, angeregt durch Stefans Antworten, mehr wollen, dann besuchen Sie bitte Stefan Wirners Transvers-Blog und hüllen Sie Ihre Augen noch ein bisschen länger in seine Verse. Ganz im Fahrwasser der „Romanze in der Tram“ freue ich mich, dass durch die Zusammenarbeit mit Stefan diese Folge so schön geworden ist; gleichzeitig ist es schade, dass wir schon wieder am Ende des lyrischen Mittwochs dieser Woche angekommen sind. Warum Gryphius auch immer recht haben muss … Bleiben Sie lyrisch, bis zum nächsten Mal!

PS: Wer von Ihnen ebenfalls Lust hat, eines seiner Gedichte hier vorzustellen und ein paar Worte über sich zu sagen, folge mir mit seinem Blog, oder mache auf andere Weise auf sich aufmerksam. Ich würde mich freuen, ein Zeichen von Ihnen zu erhalten.

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Über Sebastian Schmidt

Ich arbeite als freier Lektor (www.lektorat-textbasis.de) und mag gute Bücher. Vor meiner freiberuflichen Tätigkeit habe ich Germanistik und Philosophie studiert (M. A.) sowie als Bibliotheksangestellter gearbeitet. Neben der Zusammenarbeit mit Autoren und Verlagen liebe ich die Musik. Blogadresse: textbasis.wordpress.com Zeige alle Beiträge von Sebastian Schmidt

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