[Schreibwerkstatt: Spezifisch perspektivisch #01] „In Rage warf er seine Limonadenflasche“

„Miriam, was haben der plötzliche Wasserrohrbruch und die veranlassten Reparaturen für Auswirkungen auf den bevorstehenden Paradeumzug?“

„Die Folgen sind noch nicht abzusehen, Frank. Sicher ist zumindest, dass es zu Verzögerungen kommen wird. Das Organisationskomitee hat über die großen Lautsprecher verkünden lassen, dass sich der Beginn wohl um mindestens dreißig Minuten verschieben werde. Die bunten Fähnchen der Schaulustigen wirbeln seitdem nicht mehr ganz so hektisch durch die Luft, verhaltene Ruhe scheint die Aufregung hier am Brandenburger Tor geschluckt zu haben. Wie sieht es bei dir aus?“

„Vielen Dank, Miriam! Nicht überall ist es so ruhig geblieben! Ein Team von Spezialisten arbeitete ununterbrochen daran, das sprudelnde Wasser unter Kontrolle zu bringen. Einem besonders eifrigen Zuschauer ging das wohl aber zu langsam: In Rage warf er seine Limonadenflasche in den Sinkkasten und unglücklicherweise traf er dabei einen herbeigeeilten Arbeiter am Kopf, der daraufhin mit einer Platzwunde niederstürzte. Seitdem ruhen hier die Arbeiten, ein Notarzt wurde gerufen, er kämpft sich in diesen Sekunden durch die Menge. Im Hintergrund versucht das Sicherheitspersonal den Limonadenwerfer zu erhaschen, aber der scheint geflüchtet zu sein. Weitere Verzögerungen sind möglich, wir halten Sie auf dem Laufenden! Und damit wieder zu dir, Miriam!“ …

Miriam und Frank sind zurück auf dem textbasis.blog! Und sie haben auch gleich eine neue Kategorie mitgebracht. Herzlich willkommen zum ersten Artikel in der Schreibwerkstatt „Spezifisch perspektivisch“! Der Text oben hat dabei noch wenig mit dem eigentlichen Thema zu tun, unser Radioreporterduo liefert uns lediglich die Vorlage, an der sich kommende Artikel orientieren werden.

Um gute Texte zu schreiben, ist es für Sie als Autorin und Autor wichtig, dass Sie sich Ereignisse aus ganz verschiedenen Perspektiven vorstellen können. Und natürlich auch, dass Sie diese Perspektiven dann in interessante Texte verpacken, um einer Situation den besonderen Moment abzugewinnen. Das ist manchmal nicht ganz einfach, aber in den meisten Fällen eine ziemlich gewinnbringende Arbeit. Und die Ergebnisse sind oft erstaunlich.

„Ich will mitmachen!“ – Das freut mich zu hören. Wenn Sie Lust haben, ein bisschen zu experimentieren, greifen Sie sich aus dem bunten Treiben, das Miram und Frank schildern, einen Teil heraus, beschreiben Sie die Ereignisse aus einer ganz anderen Perspektive, raffen Sie, dehnen Sie, erfinden Sie hinzu! Ich bin gespannt, was Miriam und Frank alles nicht gesehen und gehört haben – und ich würde mich freuen, wenn Sie Ihre Einfälle als Kommentar unter den Text setzen würden, damit wir gemeinsam ein bisschen fachsimpeln und schmunzeln können.

Hier noch ein Vorschlag von mir, wie man die Perspektive etwas verdrehen kann. Vielleicht macht er Ihnen Lust, selbst weiterzuschreiben:

„Jetzt kommt bestimmt gleich sein „Vielen Dank, Miriam!“ – und da war es auch schon wieder. Ich mein’, klar, was soll er denn auch sagen? Aber Miriam hat ja gar keine andere Wahl, als ihm zu antworten, ich mein’, sie kann sich ja nicht einfach hinstellen und sagen, naja, nichts sagen eben, oder? Nee, kann sie nicht. Ich hör ja jetzt schon seit drei Jahren die Reportagen der zwei im Radio, und dieses „Vielen Dank, Miriam!“ hab ich schon in der ersten Sendung gehört, da bin ich gerade Richtung Archenhold-Sternwarte gefahren, das weiß ich noch ganz genau – und da ist mir das auch gleich aufgefallen. Und seitdem immer wieder, ich mein’, ist nicht schlimm, mein’ ich, aber mal ehrlich, jetzt, nach drei Jahren noch? Sie sind ja auch gut, klar, ich mein’, klar, das ist jetzt so ein Detail, und ich kann mir schon vorstellen, was du wieder denkst – aber fällt dir das nicht auch auf? Nee? Hmm, mir fällt so was gleich auf, ist mir ja schon in der ersten Folge aufgefallen, wart’! – Was hat der grad’ gesagt, wer ist erschossen worden?! Wie Limonadenflasche? Jetzt hab ich wegen dir alles verpasst, hoffentlich kommen wir nicht zu spät, wir sind sowieso schon viel zu spät, und einen Parkplatz müssen wir auch noch finden, und alles nur, weil du wieder so lange im Bad gebraucht hast, schau dort! Da vorne sieht man schon die ersten Besucher, wir müssen uns ranhalten!“

Wenn Sie mögen, hauen Sie in die Tasten und lassen Sie Ihrer Kreativität freien Lauf! Ich freue mich auf Ihre Ideen!

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Über Sebastian Schmidt

Ich arbeite als freier Lektor (www.lektorat-textbasis.de) und mag gute Bücher. Vor meiner freiberuflichen Tätigkeit habe ich Germanistik und Philosophie studiert (M. A.) sowie als Bibliotheksangestellter gearbeitet. Neben der Zusammenarbeit mit Autoren und Verlagen liebe ich die Musik. Blogadresse: textbasis.wordpress.com Zeige alle Beiträge von Sebastian Schmidt

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