[Der lyrische Mittwoch, Folge 7] Danielle – Bodenlos sein.

Lang hat es gedauert, liebe Leserinnen und Leser, geschlagene sieben Folgen des lyrischen Mittwochs, um genau zu sein. Und nun ist es soweit: Der Mittwoch wird verslos verlockend, denn schöne Sprache kann immer lyrisch sein! Auf dem Blog der schweizerischen Schriftstellerin Danielle habe ich wunderbare Prosa gefunden, deren Sprachkraft zwischen den Zeilen hindurchleuchtet. Ob man Danielles Werke Prosagedichte, Skizzen, Kurzgeschichten oder noch anders nennt, spielt nur eine untergeordnete Rolle. Die 33-jährige Autorin, die auf ihrem Blog unter dem Pseudonym Missscheinsein veröffentlicht, schreibt aus Passion, aus dem Moment heraus – und dabei ganz besonders eindringlich. Ich freue mich, einen ihrer Texte heute hier vorstellen zu dürfen!

„Bodenlos sein.“ lautet der Titel, das Thema ist ein trauriges: Auf dem Weg sein, und an den Kreuzungen unbedingt in die richtige Richtung müssen. Am Ende dort ankommen, wo man keinesfalls hinwollte, und sich fragen: Gab es wirklich einen anderen Ausweg aus diesem finsteren Labyrinth? Waren das echte Kreuzungen? Das Labyrinth selbst: ein undurchdringbarer Dschungel, der dunkler und dunkler wird, umso länger man sich in ihm verliert. Der Weg zurück führt nur wieder an den Anfang, nicht aber hinaus. Die letzte Entscheidung vor dem Licht: Erneut die Hand greifen, die einen so hart hinabstieß in diesen bösen Irrgarten; oder gar nicht mehr zugreifen? Nur noch loslassen, und endlich entsteigen aus diesem unheimlichen Meer toter Bäume? –

Bodenlos sein.

Sie lief schon seit Monaten, immer tiefer in den endlos sich hinziehenden Wald. Die letzte Lichtung lag weit zurück. Sie ging immer weiter. Ziellos, planlos, doch frei war sie nicht. Die schmerzenden Füsse spürte sie kaum mehr, auch nicht die zerkratzen Arme und auch nicht die ausgetrocknete Kehle. Nur der Hunger und die endlose Sehnsucht brachten sie um den Verstand. Sie zerbrach an ihrem Verlangen nach Nähe und entfernte sich dennoch immer weiter. Bei jedem Scheideweg versuchte sie den richtigen Kurs zu wählen. Doch jeder Weg schien falsch. Jeder Weg führte nur noch tiefer ins Dickicht. Jeder Schritt brachte sie weiter fort. Von sich und von allem. Doch plötzlich wurde es hell. Der Wald lag hinter ihr und vor ihr, in weiter Ferne, der Horizont. Doch sie wagte nicht, ihren Blick dorthin zu lenken. Vor ihr lag das Bodenlose. Die Leere. Jede Unachtsamkeit würde sie stürzen lassen. Jeder Fehltritt bedeutete den sicheren Tod. Doch zurück konnte sie nicht. Sie schloss die Augen, spürte den Wind in ihrem Gesicht. Sie atmete tief, hob ihren Fuss, trat an den äussersten Punkt des noch existierenden Haltes. Sie war bereit zu springen. Zu gross war die Angst. Die Dunkelheit hatte seine Spuren hinterlassen. Sie liess die Augen geschlossen, sah die Hand, an der ihr Leben hing. Sie konnte sie nicht daran festhalten. Sie hätte alles mitgerissen. Sie ging alleine. Er hörte den Aufschlag und dann wurde es ruhig.

Danielle

Danielle

Textbasis: Herzlich willkommen, Danielle! Ich freue mich sehr, dass du am lyrischen Mittwoch teilnimmst! Schnell spürt man dein Auge für die Details, wenn man sich von deinen Worten hinfortzerren lässt. Woher kommt deine Liebe und Begeisterung für das Schreiben?
Danielle: Zuallererst herzlichen Dank, dass ich am lyrischen Mittwoch teilnehmen darf. Als deine Anfrage kam, einen meiner Texte hier vorzustellen, war ich doch etwas überrascht. Ein erster Gedanke war, dass meine Schreiberei viel zu amateurhaft und belanglos sei, um hier vorgestellt zu werden. Aber ich legte diesen Gedanken beiseite und freue mich nun umso mehr. Ich finde die Idee und deine Umsetzung grossartig.
Die Begeisterung für Worte hatte ich schon immer. Als Kind waren es kleine Geschichten, die ich mir ausdachte, später wurden es Texte für ein Magazin und einige Zeitungsartikel. Wirklich professionell war es aber nie und abgesehen von den Geschichten in meiner Kindheit beschränkten sich die Texte auf mehr oder weniger vorgegebene Themen. Diese Art zu schreiben engte mich zu sehr ein und ich verlor das Interesse. Schlussendlich waren es nicht meine Texte und Worte, ich habe sie nur in die Reihenfolge gebracht, die gewünscht war. Ich schrieb folglich nur noch für mich, doch mit der Zeit rückte die Schreiberei ganz in den Hintergrund. Dass ich damit ein wichtiges Refugium aufgegeben hatte, merkte ich erst, als ich vor einigen Jahren wieder mit dem Schreiben angefangen habe. Da waren viele Dinge, die sich angestaut hatten – nicht zuletzt der Tod meiner Mutter. Für diese Gefühle brauchte ich einen Raum. Und heute gehört es einfach dazu, hie und da zu schreiben. Wohl immer dann, wenn die Gedanken laut werden oder mich gewisse Dinge beschäftigen. Für mich ist die Sprache wie ein Bild. Worte sind wie die Farben und mit jedem Pinselstrich wird es mehr und mehr ein Kunstwerk. Einzelne Worte aneinandergereiht ergeben ein Bild, und das Bild ändert sich mit jedem zusätzlichen Wort. Sprache ist lebendig. Und in dieser Lebendigkeit finde ich die Details sehr spannend. Nicht nur in der Schreiberei richte ich meinen Blick auf vermeintliche Nebensächlichkeiten. Ich habe die Ausbildung zur Ergotherapeutin absolviert und auch dort ist es unabdingbar, genau zu beobachten, Dinge zu sehen, welche auf den ersten Blick vielleicht gar nicht sichtbar sind. Und so ist es auch mit dem Schreiben. Man braucht bloss unter die Oberfläche zu schauen, um die Essenz herauszufiltern.

Textbasis: Wenn man sich ein bisschen auf deinem Blog umschaut und durch deine Texte liest, sind es oft ernste Themen, die einem da begegnen. Was bedeutet es dir, über die Dinge zu schreiben, sie aufs Papier zu bringen?
Danielle: Tatsächlich sucht man auf meinem Blog vergebens nach viel unbeschwerter Kost. Als ich mit dem Blogschreiben angefangen habe, reduzierten sich meine Texte auf Alltägliches und ich suchte nach amüsanten Pointen, die dem Leser ein Lachen entlocken sollten. Doch mit der Zeit wurde ich solchen Texten überdrüssig. Vielmehr wollte ich über Dinge schreiben, die mich wirklich beschäftigen. Die Worte und Bilder in meinen Gedanken brauchten einen Raum. Einen Raum, um erzählt zu werden, und einen Raum, um gelesen zu werden. Ich schreibe heute über Gedanken und Gefühle, für die ich im Grunde keine Worte finden kann. Das Schreiben vermag aber selbst diese Sprachlosigkeit zu überbrücken. Die Themen betreffen mich selten direkt, wenn dann sind es lediglich einzelne Passagen, die autobiographisch sind. Vielleicht fällt es mir daher auch leichter, dort Worte zu finden, wo einem die Worte eigentlich fehlen. Und nicht zuletzt hilft mir das Schreiben auch, vor gewissen Dingen – oder vielmehr Undingen – die Augen nicht zu verschliessen.

Textbasis: Weiter oben hatte ich es bereits geschrieben: Zum ersten Mal wird beim lyrischen Mittwoch ein Prosatext vorgestellt. Ist es eine bewusste Entscheidung, keine Verse zu verwenden, oder passt der freie Satzfluss einfach besser zu deiner Art des Schreibens? Was passiert in dir, wenn du schreibst?
Danielle: Es ist wohl eine bewusste Entscheidung. Ich lese Verse zwar ebenfalls sehr gerne, aber ebensolche selber aufs Papier zu bringen, liegt mir nicht besonders. Der freie Satzfluss hilft mir, mich weniger auf einzelne Worte und mehr auf das Ganze zu konzentrieren. Wenn ich den ersten Satz hinter mir habe, schreibt es meistens wie von selbst. Ich weiss, was ich sagen möchte und welche Gefühle sich dabei aufdrängen. Aufhören kann ich erst, wenn der letzte Punkt gesetzt ist. Danach stellt sich eine Zufriedenheit ein und ich fühle mich leichter – gerade wenn der Text ein düsteres Thema beinhaltet.

Textbasis: Schauen wir ein wenig hinein in deinen Text. Dort geht mir besonders ein Satz nicht aus dem Kopf. Du schreibst: „Die Dunkelheit hatte seine Spuren hinterlassen.“ Am Anfang stolpert man, doch dann wird einem schlagartig klar, worum es dir wirklich geht, was deine Protagonistin tatsächlich durch die Wälder jagt. In diesen Momenten leuchtet deine Sprache hell, auch wenn das Thema dunkel ist. Wie entstehen solch starke Stellen bei dir? Feilst du an ihnen, oder drängen sie sich einfach auf? Hast du einen Tipp für angehende Autorinnen und Autoren, um starke Texte zu schreiben?
Danielle: Erst einmal lieben Dank für ein solch schönes Kompliment! Meine Antwort auf deine Frage fällt längst nicht so blumig aus. Ich kann nicht lange an einem Text arbeiten, feile wenig an einzelnen Sätzen oder Wörtern herum. Und das nicht nur aus Zeitgründen. Textpassagen wie jene, die du erwähnt hast, drängen sich einfach auf. Ich schliesse beim Schreiben oft die Augen und stelle mir die Situation vor. Ich in diesem Wirrwarr von Gefühlen, im Dickicht gefangen. Es sind die Bilder und Gefühle, die dabei entstehen, die ich in Worte fasse und zu Papier bringe. Ich beobachte, was mit mir geschieht, wenn ich an gewisse Themen und Bilder denke, und welche Gefühle dabei entstehen. Ich schreibe das, was der Moment bringt. Und diese Momente, wo ein Text entsteht und er dann auf meinem Blog erscheint, sind jedes Mal einzigartig.

Textbasis: Auf deinem Blog verbindest du Text und Bild. Ergänzen Bilder deine Texte, oder malen deine Texte die Bilder aus? Was kann ein Text, das ein Bild nicht kann, und andersherum?
Danielle: Die Bilder ergänzen wohl eher die Texte. Grösstenteils steht der Text bereits und ich suche nach einem passenden Bild. Manchmal habe ich eine Idee für einen Text und suche nach einem Bild, das die Gefühle, welche die Idee in mir auslöst, sichtbar machen kann. In diesem Fall schreibe ich den Text um das Bild herum.
Für mich persönlich lässt ein Bild in den meisten Fällen mehr Interpretationsfreiraum. Obschon auch bei der Sprache nicht immer herauskristallisiert werden kann, welches die genauen Beweggründe für den Text waren und welche Gefühle der Schreibende damit verbindet, geben Worte einen gewissen Rahmen vor. Ein Bild von einer leeren Schaukel kann vieles bedeuten. Die Worte Kindsmissbrauch oder Tod sind da eindeutiger.

Textbasis: Durchstöbert man die Internetforen und schaut sich die vielen neuen Veröffentlichungen kleiner und großer Verlage an, bekommt man das Gefühl, dass mehr und immer mehr geschrieben wird. Was zeichnet für dich einen guten Text aus, der aus der Masse heraussticht? Welche Veränderung wünschst du dir eventuell auch?
Danielle: Für mich ist ein Text ein gelungener Text, wenn er beim Leser etwas auslöst und Spuren hinterlässt. Es sind nicht unbedingt jene Texte am lesenswertesten, die mit zauberhaft klingenden Sätzen, wenig Rechtschreibefehlern, dafür umso mehr Fremdwörtern daherkommen. Für mich ist wichtig, dass ich mir dessen bewusst bin, was ich erzählen möchte und welche Gefühle ich vermitteln möchte. Beim Lesen eines Textes dagegen möchte ich die Augen schliessen und das Bild sehen, welches der Schreibende auslösen wollte.
Natürlich gibt es viele Texte, die ich nicht lese, viele lesen auch meine Texte nicht. Die Vielfalt sollte aber auf jeden Fall aufrecht erhalten bleiben. In der heutigen Zeit lässt sich wegklicken, was nicht gefällt. Und so kann jeder entscheiden, was er lesen möchte und was nicht.

Textbasis: Zum Ende noch ein bisschen Magie: Der Zauberstab kreist und … Kawisch – du bist ein Buch! In welches hast du dich verwandelt?
Danielle: Vielleicht in ein Tagebuch. Da stehen alle Wahrheiten über mich drin. Und den Schlüssel habe ich unlängst weggeworfen, natürlich bevor ich es abgeschlossen habe. Oder in den kleinen Prinzen von Antoine de Saint‑Exupéry, weil im Kleinen beginnt, was vielleicht einmal im Grossen enden könnte.

Textbasis: Ein schöner letzter Satz! Danielle, vielen Dank für die Teilnahme und die Einblicke hinter die Kulissen deines Schaffens! Ich hoffe, dass viele Leser – motiviert und gestärkt durch deine Antworten – nun noch beherzter an ihre eigenen Texte herantreten und sie ebenfalls zu Wortbrillanten aufpolieren und mit ihnen das Besondere schaffen. – Noch ein paar Anregungen, wie man auch in kurzen Texten Großes hervorbringen kann, finden Sie auf Danielles Blog. Ich kann Ihnen versprechen, dass Sie beim Lesen eine gute Zeit haben werden und dass jeder von Danielles Texten Sie ein bisschen mehr staunen lassen wird. Und da ich weiß, dass Sie auf Missscheinseins wunderschönem Blog gut aufgehoben sind, fällt es mir auch nicht schwer, diese Folge des lyrischen Mittwochs zu beenden. Ich hoffe, wir lesen uns nächsten Mittwoch wieder – bis dahin viel Poesie und einen zarten Start in den Frühling!

PS: Wer von Ihnen ebenfalls Lust hat, einen eigenen Text oder ein eigenes Gedicht hier vorzustellen und ein paar Worte über sich zu sagen, folge mir mit seinem Blog, oder mache auf andere Weise auf sich aufmerksam. Ich würde mich freuen, ein Zeichen von Ihnen zu erhalten.

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Über Sebastian Schmidt

Ich arbeite als freier Lektor (www.lektorat-textbasis.de) und mag gute Bücher. Vor meiner freiberuflichen Tätigkeit habe ich Germanistik und Philosophie studiert (M. A.) sowie als Bibliotheksangestellter gearbeitet. Neben der Zusammenarbeit mit Autoren und Verlagen liebe ich die Musik. Blogadresse: textbasis.wordpress.com Zeige alle Beiträge von Sebastian Schmidt

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