Monatsarchiv: Mai 2013

[Der lyrische Mittwoch, Folge 8] H. Gudjonsson – The Trees That Bend Around Me

„Poesie, das ist Musik“, so heißt die vor Kurzem eingeführte Kategorie hier auf dem textbasis.blog. Und dass Sprache nicht nur in Versen lyrisch sein kann, wurde von Danielle in der siebenten Folge des lyrischen Mittwochs bewiesen. – Da liegt es nur nah, dass auch der Liedtext nicht unerwähnt bleiben sollte, wenn es um schöne Sprache geht. Ich freue mich deswegen diese Woche ganz besonders, Ihnen einen deutschen Liedermacher vorstellen zu dürfen, der schon seit vielen Jahren tiefe, eindringende Musik schafft und veröffentlicht. H. Gudjonsson stammt aus dem Osnabrücker Land und lebt derzeit in Bremen. Er wirkte bereits an diversen Projekten im Theater des Schlachthofs in Bremen mit und 2012 erschien sein aktuelles Album „The Darkness And…

„The Trees That Bend Around Me“ lautet der Titel des vorgestellten Liedes und schon mit den ersten Tönen wird es finster um uns her. Während Schatten in diesem Tunnel verbrannter Ewigkeiten schlurfend am Rand entlangschleichen und Bäume ihre gespenstig dürren Äste durchs Dickicht immer näher heranschieben, leuchtet nur noch ein letztes Licht: die Flamme im eigenen Herzen. Das stoisch wiederholte Gitarrenmotiv: gespenstiges Wandern in monddurchschienener Friedhofsluft unter bewölkten Himmeln. Zu langsam sich dem Ziel nähern, selbst verbrennen – alles um sich herum verbrennen! –, den eigenen Rauch einatmen. Sich von Herzglut und vom Nachtweg verzehren lassen. Liebesgetriebensein, eine Flucht zurück ans Ziel, ein Verstecken im Ausgebrannten, näher kommen — und doch die Gerippearmee der Bäume so nah, so nah …

The Trees That Bend Around Me

trees bend around me, around me
trees bend around my arms and ankles
trees bend around my heart,
my flaming heart

bring factory smoke to fill my lungs
bring factory smoke to fill my lungs
a scorched vessel to sink in,
to sink in

let me get closer
let me get nearer,
nearer to thee

H. Gudjonsson

H. Gudjonsson

Textbasis: Herzlich willkommen beim lyrischen Mittwoch! Ich freue mich, dass du Zeit gefunden hast, um ein paar Fragen zu dir und deinem Schaffen zu beantworten. Ich selbst schätze deine Musik seit einigen Jahren und bin begeistert von der Tiefe deiner Lieder, der Kombination von Elementen des Slowcores und des Acoustic Folks. Seit wann machst du Musik und was fasziniert dich noch immer daran?
H. Gudjonsson: Meine ersten Erfahrungen mit der Musik waren im Grunde eher unglücklich. Als ich etwa acht Jahre alt war, wurde  ich von meinen Eltern zum Saxofon-Unterricht angemeldet und habe das – eher widerwillig – dann auch ganze sechs Jahre „durchgestanden“. Zu der Zeit hat mir das Musizieren nicht viel gegeben, man spielte vom Blatt, was der Lehrer einem vorgesetzt hatte, und war froh, wenn das nachmittägliche Üben beendet und die Eltern zufrieden waren, man sich also mit Dingen beschäftigen konnte, die Jungs nun mal so machen. Die Faszination für Musik entwickelte ich erst im Laufe der Pubertät. Ich habe gemerkt, dass Stift und Papier eine gute und einfache Lösung sind, um Gefühle und Eindrücke zu verarbeiten, die man nicht mit seinen Freunden besprechen mag. Meine ersten Texte habe ich dann als Sänger in einer Schulband ausprobiert, Gitarre spielen habe ich mir erst beigebracht, als wir nach unseren Abschlüssen getrennte Wege gingen. Da war ich etwa 18, 19 Jahre alt. Im Laufe der Zeit ist das Musizieren dann zu einem wichtigen Teil von mir geworden, ich habe mehr und mehr herausfinden können, wie ich meine Gefühle in Melodien übersetzen und mit meiner skizzenhaften Art zu texten verbinden konnte.

Textbasis: Dass Musik nicht auf Text und Sprache angewiesen ist, bedarf eigentlich nicht der Erwähnung. Auch bei dir lebt das Lied in sich, lange instrumentale Passagen zeichnen oft den Charakter deiner Titel aus. In welchem Verhältnis stehen für dich Liedtext und Musik? Was gewinnt die Musik durch die Worte?
H. Gudjonsson: Das ist eine sehr spannende Frage, Sebastian! In meinem Verständnis sollten Liedtext und Musik immer eine Symbiose darstellen, sich aber gerne auch gegenseitig herausfordern und entwickeln. Soll heißen, dass ein sich zuspitzender, wütender Text musikalisch auch in dieser Form unterstützt werden sollte. Bei einem Titel wie „The Trees That Bend Around Me“, in dem die Strophen sehr deutlich durch Instrumentalparts voneinander getrennt sind, ist es mir zum Beispiel sehr wichtig, dass die Melodien emotional das zuvor Gesungene aufgreifen und der Hörer das Gefühl bekommt, dass Textebene und Musikebene untrennbar miteinander verwoben sind. Das funktioniert natürlich nur dann, wenn man auch genauestens auf die Intonation des Textes achtet, Stimme und Text als Instrument wahrnimmt und auf die Musik abstimmt.

Textbasis: Entsteht bei dir zuerst die Melodie oder der Text, wenn du Lieder schreibst? Was inspiriert dich?
H. Gudjonsson: Es gibt kein bestimmtes Schema, nach dem ich vorgehe. Als ich anfing, Songs zu schreiben, habe ich immer erst die Texte geschrieben und im Nachhinein eine musikalische Untermalung dafür gesucht. Diese Art des Songwritings gibt einem die Freiheit, eine längere Geschichte in mehrere Lieder aufzuteilen. So ist mein erstes Album „The Mountain“ entstanden. Nach „The Mountain“ gab es eine Zeit der Schreibblockade und ich habe andere Ansätze des Songwritings ausprobiert. „The Trees That Bend Around Me” entstammt beispielsweise einer Art „Jam-Session”. Zusammen mit meiner Freundin Haruko spiele ich gerne „zwanglos“ improvisierte Versatzstücke/Themen. Einfach als Zeitvertreib … ab und an bleiben dann bestimmte Themen aus diesen Sessions hängen, wiederholen sich wieder und wieder im Kopf und während man grade das Abendessen zubereitet, bilden sich die ersten Worte zur Melodie. Inspiration bekommt man teilweise tatsächlich von alltäglichen Dingen. Grundsätzlich sind persönliche Erlebnisse und Gedanken über Mitmenschen und mich selbst aber die Hauptquelle meiner Songs.

Textbasis: Wenn man sich „The Trees That Bend Around Me” mehrmals anhört, verschmelzen Worte und Töne immer mehr. Durch die Wiederholung des Gitarrenmotivs und die spärlich vorgetragenen Worte verliert man sich im Ganzen. Dies ist etwas, das besonders der heutigen Pop-Musik der Mainstream-Industrie verlorengegangen ist. Was zeichnet für dich gute Musik aus, was hörst du selbst am liebsten?
H. Gudjonsson: Gute Musik ist ehrlich, hat Charakter und Stil. Leider eine äußerst selten zu findende Kombination und ein Grund dafür, dass mich wenig Musik richtig mitreißen kann. Manchmal kommt es mir so vor, als wäre Musik für viele nur ein Mittel zur Selbstdarstellung. Das ist dann natürlich zum Scheitern verurteilt. Richtig mitreißen können mich Bill Callahan (alias Smog), Phil Elverum (alias Mount Eerie) und der leider kürzlich verstorbene Jason Molina (u. a. Songs: Ohia und Magnolia Electric Co.). Als ich vor elf Jahren zum ersten Mal „Mi Sei Apparso Come Un Fantasma“ von Songs: Ohia gehört habe, habe ich sofort gespürt, dass Jason Molina seine Songs „lebt“. Seine Texte bewegen mich noch heute und musikalisch hat er verstanden, dass man mit einfachen Mitteln große Gefühle ausdrücken kann. Das war eine prägende Erfahrung für mich und seither suche ich nach Musik, die eine ähnliche Seele hat wie die der Songs: Ohia Alben.

Textbasis: Auch für mich ist Jason Molinas Tod ein großer Verlust, die Welt hat mit ihm einen wunderbaren Musiker verloren. — Wenden wir uns dennoch wieder den Interviewfragen zu:  Sagen wir, du solltest Liedtext und Gedicht vergleichen. Worin liegen für dich die Stärken des einen, die Schwächen des anderen?
H. Gudjonsson: Ich muss zugeben, dass ich mich nicht besonders gut mit Gedichten auskenne und sie selten lese. Ich bin eher Romanleser. Nun weiß ich allerdings, dass die größte Stärke eines Liedtextes die ist, dass er direkt durch das Singen eine emotionale Ebene bekommt und seine Intention auf diese Weise schnell deutlich wird. Die Schwierigkeit bei Liedtexten allerdings ist, dass man phonetisch leicht an Grenzen stößt und seinen Text deshalb immer etwas nachbessern muss, damit er gut mit der Musik funktioniert. Hierbei muss man natürlich achtgeben, dass man die ursprüngliche Aussage nicht verfälscht. Dennoch ist man bei einem Liedtext nicht zwingend an Reimschemata oder Silbenanzahlen gebunden, das dürfte bei klassischen Gedichten sicherlich eine größere Herausforderung darstellen.

Textbasis: Was erwartet uns in Zukunft von dir und wann wird dein nächstes Album erscheinen? Wo kann man dich live sehen?
H. Gudjonsson: Wenn ich nur wüsste, was die Zukunft bringt! Die Arbeiten am „The Darkness And…“‑Nachfolger sind in Gange und ich hoffe, das Album bis zum Herbst fertigzustellen. Dann würde ich gerne eine kleine Tour machen, allerdings nur drei oder vier Termine in meinen Lieblingsstädten.

Textbasis: Zwei allgemeine Fragen zum Schluss: Was zeichnet Kunst für dich aus?, und: Was bewegt einen eigentlich, sich all den damit verbundenen Mühen auszusetzen? – Du hast pro Antwort einen Satz.
H. Gudjonsson: Kunst ist der Versuch der irdischen Tristesse zu entkommen. Warum das Ganze? Nun, der Mensch ist doch immer auf der Suche nach dem Sinn des Lebens – für mich ist das Musikmachen zumindest etwas, bei dem ich mich nicht sinnlos fühle.

Textbasis: Vielen Dank für deine Antworten! Wie jede Woche freue ich mich, dass wir gemeinsam den Mittwoch wieder ein bisschen durch schöne Worte (und dieses Mal auch durch schöne Musik) aufwerten konnten. Wenn Ihnen das Verschmelzen von Wort und Ton, von Text und Musik, gefallen hat, empfehle ich Ihnen, ein Ohr zu riskieren und in die restlichen Lieder des Albums „The Darkness And…“ hineinzuhören. Es erwartet Sie Tiefe, die schwer und dunkel und nicht immer einfach und gewiss nichts fürs Nebenbei-Hören ist. Doch am Grund dieser Schwere und am Ende dieser Dunkelheit liegt Ehrlichkeit. Mich begleitet die Musik H. Gudjonssons mittlerweile schon ein paar Jahre: Ich kann Ihnen versichern, dass Sie ein guter Begleiter ist; nehmen Sie ihre Hand! Mit Klick auf folgende Links gelangen Sie zu den Seiten H. Gudjonssons und zu den aktuellen Veröffentlichungen. Bis zum nächsten Mittwoch – bleiben Sie lyrisch!

Werbeanzeigen

[Treffpunkt] Mainzer Minipressen-Messe 2013

Aktualisierung:

Tag 1 auf der Messe (Link)

Tag 2 auf der Messe (Link)

Tag 3 auf der Messe (Link) ← Ende

______________________________________________________

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Freunde,

vom 30.05.–02.06. findet in der Rheingoldhalle in Mainz die diesjährige Mainzer Minipressen-Messe statt. Sie stellt sich auf ihrer Webseite wie folgt vor:

360 Aussteller aus mehr als 15 Ländern und 10.000 Besucher bilden den größten Handelsplatz für Kleinverlagsbücher und künstlerische Pressendrucke.
4 Tage lang wird den Besuchern hier angeboten, was in den Werkstätten an teilweise Jahrzehnte alten Druckpressen produziert wurde: rund 10.000 Titel, davon 1000 Neuerscheinungen. Das Treiben an diesem zentralen Treffpunkt ist immer wieder ein kulturelles Ereignis: über 30 Kultur- und Fachveranstaltungen informieren über neueste Ideen und Trends für das Verlegen von Literatur und Kunst und sorgen für Unterhaltung. […] Ob im Bereich Multimedia, Hörbuch oder Internet – auf der Mainzer Minipressen-Messe erleben Sie die Autoren und ihre VerlegerInnen noch zum Anfassen.

Die Textbasis wird vom 31.05.–02.06. als Besucher in Mainz sein. Falls auch Sie auf der Messe sein werden – falls ihr, liebe Freunde, ebenfalls dort seid –, dann könnte man sich treffen und gemeinsam diese wundervollen Tage hinein in den Juni genießen – es wäre mir eine große Freude!

Bis Mainz!

Viele Grüße
Sebastian Schmidt

PS: Mehr Informationen zur Messe finden Sie hier, das virtuelle Ausstellerverzeichnis hier.


[Linkzeit] Buchpakete gewinnen bei Matthias Czarnetzki / Besser schreiben mit Tipps von g:textet

Auf dem Blog von Matthias Czarnetzki läuft derzeit eine sehr schöne Aktion, bei der ordentlich E-Books abzugreifen sind. Das Vorgehen ist simpel:

1. E-Book mit Leseproben für 0,89 € kaufen oder sich auf seinem Blog als VIP-Leser anmelden (dann gibt’s das Buch geschenkt)
2. Leseproben im E-Book lesen
3. Die Fragen zu den Leseproben beantworten (und hier einsenden)
4. Sind die Antworten richtig, nimmt man automatisch am Gewinnspiel teil

Zu gewinnen gibt es humorvolle Bücher folgender Autoren:

  • Hellmut Pöll
  • Daniel Morawek
  • Dori Mellina
  • Michael Meisheit
  • Herfried Loose
  • Matthias Czarnetzki

Wenn Sie interesse haben, surfen Sie doch kurz auf Matthias Czarnetzkis Blog vorbei, dort gibt’s die Details. Teilnahmeschluss ist der 21.05.2013. Auf zu neuen Büchern!

Doch das war noch nicht alles, was es umsonst gibt! Gudrun Lerchbaum hat auf ihrem Blog g:textet einen wundervollen Artikel mit Tipps zum bewussten Schreiben eingestellt. Ein Venedigaufenthalt und die anstehende Überarbeitung ihres Romans haben Sie dazu bewogen, ein bisschen darüber nachzudenken: „Was darf man, was ist unvermeidlich, was geht gar nicht?“ Gemeint ist die Verwendung floskelhafter Sprache. Kurzweilig und aufschlussreich, uneingeschränkt zu empfehlen! Klick!


[Der lyrische Mittwoch, Folge 7] Danielle – Bodenlos sein.

Lang hat es gedauert, liebe Leserinnen und Leser, geschlagene sieben Folgen des lyrischen Mittwochs, um genau zu sein. Und nun ist es soweit: Der Mittwoch wird verslos verlockend, denn schöne Sprache kann immer lyrisch sein! Auf dem Blog der schweizerischen Schriftstellerin Danielle habe ich wunderbare Prosa gefunden, deren Sprachkraft zwischen den Zeilen hindurchleuchtet. Ob man Danielles Werke Prosagedichte, Skizzen, Kurzgeschichten oder noch anders nennt, spielt nur eine untergeordnete Rolle. Die 33-jährige Autorin, die auf ihrem Blog unter dem Pseudonym Missscheinsein veröffentlicht, schreibt aus Passion, aus dem Moment heraus – und dabei ganz besonders eindringlich. Ich freue mich, einen ihrer Texte heute hier vorstellen zu dürfen!

„Bodenlos sein.“ lautet der Titel, das Thema ist ein trauriges: Auf dem Weg sein, und an den Kreuzungen unbedingt in die richtige Richtung müssen. Am Ende dort ankommen, wo man keinesfalls hinwollte, und sich fragen: Gab es wirklich einen anderen Ausweg aus diesem finsteren Labyrinth? Waren das echte Kreuzungen? Das Labyrinth selbst: ein undurchdringbarer Dschungel, der dunkler und dunkler wird, umso länger man sich in ihm verliert. Der Weg zurück führt nur wieder an den Anfang, nicht aber hinaus. Die letzte Entscheidung vor dem Licht: Erneut die Hand greifen, die einen so hart hinabstieß in diesen bösen Irrgarten; oder gar nicht mehr zugreifen? Nur noch loslassen, und endlich entsteigen aus diesem unheimlichen Meer toter Bäume? –

Bodenlos sein.

Sie lief schon seit Monaten, immer tiefer in den endlos sich hinziehenden Wald. Die letzte Lichtung lag weit zurück. Sie ging immer weiter. Ziellos, planlos, doch frei war sie nicht. Die schmerzenden Füsse spürte sie kaum mehr, auch nicht die zerkratzen Arme und auch nicht die ausgetrocknete Kehle. Nur der Hunger und die endlose Sehnsucht brachten sie um den Verstand. Sie zerbrach an ihrem Verlangen nach Nähe und entfernte sich dennoch immer weiter. Bei jedem Scheideweg versuchte sie den richtigen Kurs zu wählen. Doch jeder Weg schien falsch. Jeder Weg führte nur noch tiefer ins Dickicht. Jeder Schritt brachte sie weiter fort. Von sich und von allem. Doch plötzlich wurde es hell. Der Wald lag hinter ihr und vor ihr, in weiter Ferne, der Horizont. Doch sie wagte nicht, ihren Blick dorthin zu lenken. Vor ihr lag das Bodenlose. Die Leere. Jede Unachtsamkeit würde sie stürzen lassen. Jeder Fehltritt bedeutete den sicheren Tod. Doch zurück konnte sie nicht. Sie schloss die Augen, spürte den Wind in ihrem Gesicht. Sie atmete tief, hob ihren Fuss, trat an den äussersten Punkt des noch existierenden Haltes. Sie war bereit zu springen. Zu gross war die Angst. Die Dunkelheit hatte seine Spuren hinterlassen. Sie liess die Augen geschlossen, sah die Hand, an der ihr Leben hing. Sie konnte sie nicht daran festhalten. Sie hätte alles mitgerissen. Sie ging alleine. Er hörte den Aufschlag und dann wurde es ruhig.

Danielle

Danielle

Textbasis: Herzlich willkommen, Danielle! Ich freue mich sehr, dass du am lyrischen Mittwoch teilnimmst! Schnell spürt man dein Auge für die Details, wenn man sich von deinen Worten hinfortzerren lässt. Woher kommt deine Liebe und Begeisterung für das Schreiben?
Danielle: Zuallererst herzlichen Dank, dass ich am lyrischen Mittwoch teilnehmen darf. Als deine Anfrage kam, einen meiner Texte hier vorzustellen, war ich doch etwas überrascht. Ein erster Gedanke war, dass meine Schreiberei viel zu amateurhaft und belanglos sei, um hier vorgestellt zu werden. Aber ich legte diesen Gedanken beiseite und freue mich nun umso mehr. Ich finde die Idee und deine Umsetzung grossartig.
Die Begeisterung für Worte hatte ich schon immer. Als Kind waren es kleine Geschichten, die ich mir ausdachte, später wurden es Texte für ein Magazin und einige Zeitungsartikel. Wirklich professionell war es aber nie und abgesehen von den Geschichten in meiner Kindheit beschränkten sich die Texte auf mehr oder weniger vorgegebene Themen. Diese Art zu schreiben engte mich zu sehr ein und ich verlor das Interesse. Schlussendlich waren es nicht meine Texte und Worte, ich habe sie nur in die Reihenfolge gebracht, die gewünscht war. Ich schrieb folglich nur noch für mich, doch mit der Zeit rückte die Schreiberei ganz in den Hintergrund. Dass ich damit ein wichtiges Refugium aufgegeben hatte, merkte ich erst, als ich vor einigen Jahren wieder mit dem Schreiben angefangen habe. Da waren viele Dinge, die sich angestaut hatten – nicht zuletzt der Tod meiner Mutter. Für diese Gefühle brauchte ich einen Raum. Und heute gehört es einfach dazu, hie und da zu schreiben. Wohl immer dann, wenn die Gedanken laut werden oder mich gewisse Dinge beschäftigen. Für mich ist die Sprache wie ein Bild. Worte sind wie die Farben und mit jedem Pinselstrich wird es mehr und mehr ein Kunstwerk. Einzelne Worte aneinandergereiht ergeben ein Bild, und das Bild ändert sich mit jedem zusätzlichen Wort. Sprache ist lebendig. Und in dieser Lebendigkeit finde ich die Details sehr spannend. Nicht nur in der Schreiberei richte ich meinen Blick auf vermeintliche Nebensächlichkeiten. Ich habe die Ausbildung zur Ergotherapeutin absolviert und auch dort ist es unabdingbar, genau zu beobachten, Dinge zu sehen, welche auf den ersten Blick vielleicht gar nicht sichtbar sind. Und so ist es auch mit dem Schreiben. Man braucht bloss unter die Oberfläche zu schauen, um die Essenz herauszufiltern.

Textbasis: Wenn man sich ein bisschen auf deinem Blog umschaut und durch deine Texte liest, sind es oft ernste Themen, die einem da begegnen. Was bedeutet es dir, über die Dinge zu schreiben, sie aufs Papier zu bringen?
Danielle: Tatsächlich sucht man auf meinem Blog vergebens nach viel unbeschwerter Kost. Als ich mit dem Blogschreiben angefangen habe, reduzierten sich meine Texte auf Alltägliches und ich suchte nach amüsanten Pointen, die dem Leser ein Lachen entlocken sollten. Doch mit der Zeit wurde ich solchen Texten überdrüssig. Vielmehr wollte ich über Dinge schreiben, die mich wirklich beschäftigen. Die Worte und Bilder in meinen Gedanken brauchten einen Raum. Einen Raum, um erzählt zu werden, und einen Raum, um gelesen zu werden. Ich schreibe heute über Gedanken und Gefühle, für die ich im Grunde keine Worte finden kann. Das Schreiben vermag aber selbst diese Sprachlosigkeit zu überbrücken. Die Themen betreffen mich selten direkt, wenn dann sind es lediglich einzelne Passagen, die autobiographisch sind. Vielleicht fällt es mir daher auch leichter, dort Worte zu finden, wo einem die Worte eigentlich fehlen. Und nicht zuletzt hilft mir das Schreiben auch, vor gewissen Dingen – oder vielmehr Undingen – die Augen nicht zu verschliessen.

Textbasis: Weiter oben hatte ich es bereits geschrieben: Zum ersten Mal wird beim lyrischen Mittwoch ein Prosatext vorgestellt. Ist es eine bewusste Entscheidung, keine Verse zu verwenden, oder passt der freie Satzfluss einfach besser zu deiner Art des Schreibens? Was passiert in dir, wenn du schreibst?
Danielle: Es ist wohl eine bewusste Entscheidung. Ich lese Verse zwar ebenfalls sehr gerne, aber ebensolche selber aufs Papier zu bringen, liegt mir nicht besonders. Der freie Satzfluss hilft mir, mich weniger auf einzelne Worte und mehr auf das Ganze zu konzentrieren. Wenn ich den ersten Satz hinter mir habe, schreibt es meistens wie von selbst. Ich weiss, was ich sagen möchte und welche Gefühle sich dabei aufdrängen. Aufhören kann ich erst, wenn der letzte Punkt gesetzt ist. Danach stellt sich eine Zufriedenheit ein und ich fühle mich leichter – gerade wenn der Text ein düsteres Thema beinhaltet.

Textbasis: Schauen wir ein wenig hinein in deinen Text. Dort geht mir besonders ein Satz nicht aus dem Kopf. Du schreibst: „Die Dunkelheit hatte seine Spuren hinterlassen.“ Am Anfang stolpert man, doch dann wird einem schlagartig klar, worum es dir wirklich geht, was deine Protagonistin tatsächlich durch die Wälder jagt. In diesen Momenten leuchtet deine Sprache hell, auch wenn das Thema dunkel ist. Wie entstehen solch starke Stellen bei dir? Feilst du an ihnen, oder drängen sie sich einfach auf? Hast du einen Tipp für angehende Autorinnen und Autoren, um starke Texte zu schreiben?
Danielle: Erst einmal lieben Dank für ein solch schönes Kompliment! Meine Antwort auf deine Frage fällt längst nicht so blumig aus. Ich kann nicht lange an einem Text arbeiten, feile wenig an einzelnen Sätzen oder Wörtern herum. Und das nicht nur aus Zeitgründen. Textpassagen wie jene, die du erwähnt hast, drängen sich einfach auf. Ich schliesse beim Schreiben oft die Augen und stelle mir die Situation vor. Ich in diesem Wirrwarr von Gefühlen, im Dickicht gefangen. Es sind die Bilder und Gefühle, die dabei entstehen, die ich in Worte fasse und zu Papier bringe. Ich beobachte, was mit mir geschieht, wenn ich an gewisse Themen und Bilder denke, und welche Gefühle dabei entstehen. Ich schreibe das, was der Moment bringt. Und diese Momente, wo ein Text entsteht und er dann auf meinem Blog erscheint, sind jedes Mal einzigartig.

Textbasis: Auf deinem Blog verbindest du Text und Bild. Ergänzen Bilder deine Texte, oder malen deine Texte die Bilder aus? Was kann ein Text, das ein Bild nicht kann, und andersherum?
Danielle: Die Bilder ergänzen wohl eher die Texte. Grösstenteils steht der Text bereits und ich suche nach einem passenden Bild. Manchmal habe ich eine Idee für einen Text und suche nach einem Bild, das die Gefühle, welche die Idee in mir auslöst, sichtbar machen kann. In diesem Fall schreibe ich den Text um das Bild herum.
Für mich persönlich lässt ein Bild in den meisten Fällen mehr Interpretationsfreiraum. Obschon auch bei der Sprache nicht immer herauskristallisiert werden kann, welches die genauen Beweggründe für den Text waren und welche Gefühle der Schreibende damit verbindet, geben Worte einen gewissen Rahmen vor. Ein Bild von einer leeren Schaukel kann vieles bedeuten. Die Worte Kindsmissbrauch oder Tod sind da eindeutiger.

Textbasis: Durchstöbert man die Internetforen und schaut sich die vielen neuen Veröffentlichungen kleiner und großer Verlage an, bekommt man das Gefühl, dass mehr und immer mehr geschrieben wird. Was zeichnet für dich einen guten Text aus, der aus der Masse heraussticht? Welche Veränderung wünschst du dir eventuell auch?
Danielle: Für mich ist ein Text ein gelungener Text, wenn er beim Leser etwas auslöst und Spuren hinterlässt. Es sind nicht unbedingt jene Texte am lesenswertesten, die mit zauberhaft klingenden Sätzen, wenig Rechtschreibefehlern, dafür umso mehr Fremdwörtern daherkommen. Für mich ist wichtig, dass ich mir dessen bewusst bin, was ich erzählen möchte und welche Gefühle ich vermitteln möchte. Beim Lesen eines Textes dagegen möchte ich die Augen schliessen und das Bild sehen, welches der Schreibende auslösen wollte.
Natürlich gibt es viele Texte, die ich nicht lese, viele lesen auch meine Texte nicht. Die Vielfalt sollte aber auf jeden Fall aufrecht erhalten bleiben. In der heutigen Zeit lässt sich wegklicken, was nicht gefällt. Und so kann jeder entscheiden, was er lesen möchte und was nicht.

Textbasis: Zum Ende noch ein bisschen Magie: Der Zauberstab kreist und … Kawisch – du bist ein Buch! In welches hast du dich verwandelt?
Danielle: Vielleicht in ein Tagebuch. Da stehen alle Wahrheiten über mich drin. Und den Schlüssel habe ich unlängst weggeworfen, natürlich bevor ich es abgeschlossen habe. Oder in den kleinen Prinzen von Antoine de Saint‑Exupéry, weil im Kleinen beginnt, was vielleicht einmal im Grossen enden könnte.

Textbasis: Ein schöner letzter Satz! Danielle, vielen Dank für die Teilnahme und die Einblicke hinter die Kulissen deines Schaffens! Ich hoffe, dass viele Leser – motiviert und gestärkt durch deine Antworten – nun noch beherzter an ihre eigenen Texte herantreten und sie ebenfalls zu Wortbrillanten aufpolieren und mit ihnen das Besondere schaffen. – Noch ein paar Anregungen, wie man auch in kurzen Texten Großes hervorbringen kann, finden Sie auf Danielles Blog. Ich kann Ihnen versprechen, dass Sie beim Lesen eine gute Zeit haben werden und dass jeder von Danielles Texten Sie ein bisschen mehr staunen lassen wird. Und da ich weiß, dass Sie auf Missscheinseins wunderschönem Blog gut aufgehoben sind, fällt es mir auch nicht schwer, diese Folge des lyrischen Mittwochs zu beenden. Ich hoffe, wir lesen uns nächsten Mittwoch wieder – bis dahin viel Poesie und einen zarten Start in den Frühling!

PS: Wer von Ihnen ebenfalls Lust hat, einen eigenen Text oder ein eigenes Gedicht hier vorzustellen und ein paar Worte über sich zu sagen, folge mir mit seinem Blog, oder mache auf andere Weise auf sich aufmerksam. Ich würde mich freuen, ein Zeichen von Ihnen zu erhalten.


[Schreibwerkstatt: Spezifisch perspektivisch #01] „In Rage warf er seine Limonadenflasche“

„Miriam, was haben der plötzliche Wasserrohrbruch und die veranlassten Reparaturen für Auswirkungen auf den bevorstehenden Paradeumzug?“

„Die Folgen sind noch nicht abzusehen, Frank. Sicher ist zumindest, dass es zu Verzögerungen kommen wird. Das Organisationskomitee hat über die großen Lautsprecher verkünden lassen, dass sich der Beginn wohl um mindestens dreißig Minuten verschieben werde. Die bunten Fähnchen der Schaulustigen wirbeln seitdem nicht mehr ganz so hektisch durch die Luft, verhaltene Ruhe scheint die Aufregung hier am Brandenburger Tor geschluckt zu haben. Wie sieht es bei dir aus?“

„Vielen Dank, Miriam! Nicht überall ist es so ruhig geblieben! Ein Team von Spezialisten arbeitete ununterbrochen daran, das sprudelnde Wasser unter Kontrolle zu bringen. Einem besonders eifrigen Zuschauer ging das wohl aber zu langsam: In Rage warf er seine Limonadenflasche in den Sinkkasten und unglücklicherweise traf er dabei einen herbeigeeilten Arbeiter am Kopf, der daraufhin mit einer Platzwunde niederstürzte. Seitdem ruhen hier die Arbeiten, ein Notarzt wurde gerufen, er kämpft sich in diesen Sekunden durch die Menge. Im Hintergrund versucht das Sicherheitspersonal den Limonadenwerfer zu erhaschen, aber der scheint geflüchtet zu sein. Weitere Verzögerungen sind möglich, wir halten Sie auf dem Laufenden! Und damit wieder zu dir, Miriam!“ …

Miriam und Frank sind zurück auf dem textbasis.blog! Und sie haben auch gleich eine neue Kategorie mitgebracht. Herzlich willkommen zum ersten Artikel in der Schreibwerkstatt „Spezifisch perspektivisch“! Der Text oben hat dabei noch wenig mit dem eigentlichen Thema zu tun, unser Radioreporterduo liefert uns lediglich die Vorlage, an der sich kommende Artikel orientieren werden.

Um gute Texte zu schreiben, ist es für Sie als Autorin und Autor wichtig, dass Sie sich Ereignisse aus ganz verschiedenen Perspektiven vorstellen können. Und natürlich auch, dass Sie diese Perspektiven dann in interessante Texte verpacken, um einer Situation den besonderen Moment abzugewinnen. Das ist manchmal nicht ganz einfach, aber in den meisten Fällen eine ziemlich gewinnbringende Arbeit. Und die Ergebnisse sind oft erstaunlich.

„Ich will mitmachen!“ – Das freut mich zu hören. Wenn Sie Lust haben, ein bisschen zu experimentieren, greifen Sie sich aus dem bunten Treiben, das Miram und Frank schildern, einen Teil heraus, beschreiben Sie die Ereignisse aus einer ganz anderen Perspektive, raffen Sie, dehnen Sie, erfinden Sie hinzu! Ich bin gespannt, was Miriam und Frank alles nicht gesehen und gehört haben – und ich würde mich freuen, wenn Sie Ihre Einfälle als Kommentar unter den Text setzen würden, damit wir gemeinsam ein bisschen fachsimpeln und schmunzeln können.

Hier noch ein Vorschlag von mir, wie man die Perspektive etwas verdrehen kann. Vielleicht macht er Ihnen Lust, selbst weiterzuschreiben:

„Jetzt kommt bestimmt gleich sein „Vielen Dank, Miriam!“ – und da war es auch schon wieder. Ich mein’, klar, was soll er denn auch sagen? Aber Miriam hat ja gar keine andere Wahl, als ihm zu antworten, ich mein’, sie kann sich ja nicht einfach hinstellen und sagen, naja, nichts sagen eben, oder? Nee, kann sie nicht. Ich hör ja jetzt schon seit drei Jahren die Reportagen der zwei im Radio, und dieses „Vielen Dank, Miriam!“ hab ich schon in der ersten Sendung gehört, da bin ich gerade Richtung Archenhold-Sternwarte gefahren, das weiß ich noch ganz genau – und da ist mir das auch gleich aufgefallen. Und seitdem immer wieder, ich mein’, ist nicht schlimm, mein’ ich, aber mal ehrlich, jetzt, nach drei Jahren noch? Sie sind ja auch gut, klar, ich mein’, klar, das ist jetzt so ein Detail, und ich kann mir schon vorstellen, was du wieder denkst – aber fällt dir das nicht auch auf? Nee? Hmm, mir fällt so was gleich auf, ist mir ja schon in der ersten Folge aufgefallen, wart’! – Was hat der grad’ gesagt, wer ist erschossen worden?! Wie Limonadenflasche? Jetzt hab ich wegen dir alles verpasst, hoffentlich kommen wir nicht zu spät, wir sind sowieso schon viel zu spät, und einen Parkplatz müssen wir auch noch finden, und alles nur, weil du wieder so lange im Bad gebraucht hast, schau dort! Da vorne sieht man schon die ersten Besucher, wir müssen uns ranhalten!“

Wenn Sie mögen, hauen Sie in die Tasten und lassen Sie Ihrer Kreativität freien Lauf! Ich freue mich auf Ihre Ideen!