[Schreibwerkstatt: Spezifisch perspektivisch #02] „Das kommt von dem blöden zuckrigen Zeug“

Herzlich willkommen zum zweiten Beitrag der Schreibwerkstatt auf dem textbasis.blog. Auch heute soll es wieder anhand eines Textbeispiels darum gehen, dasselbe Geschehen aus einer anderen Perspektive darzustellen. Dazu verwende ich erneut die Geschichte aus der ersten Folge:

„Miriam, was haben der plötzliche Wasserrohrbruch und die veranlassten Reparaturen für Auswirkungen auf den bevorstehenden Paradeumzug?“

„Die Folgen sind noch nicht abzusehen, Frank. Sicher ist zumindest, dass es zu Verzögerungen kommen wird. Das Organisationskomitee hat über die großen Lautsprecher verkünden lassen, dass sich der Beginn wohl um mindestens dreißig Minuten verschieben werde. Die bunten Fähnchen der Schaulustigen wirbeln seitdem nicht mehr ganz so hektisch durch die Luft, verhaltene Ruhe scheint die Aufregung hier am Brandenburger Tor geschluckt zu haben. Wie sieht es bei dir aus?“

„Vielen Dank, Miriam! Nicht überall ist es so ruhig geblieben! Ein Team von Spezialisten arbeitete ununterbrochen daran, das sprudelnde Wasser unter Kontrolle zu bringen. Einem besonders eifrigen Zuschauer ging das wohl aber zu langsam: In Rage warf er seine Limonadenflasche in den Sinkkasten und unglücklicherweise traf er dabei einen herbeigeeilten Arbeiter am Kopf, der daraufhin mit einer Platzwunde niederstürzte. Seitdem ruhen hier die Arbeiten, ein Notarzt wurde gerufen, er kämpft sich in diesen Sekunden durch die Menge. Im Hintergrund versucht das Sicherheitspersonal den Limonadenwerfer zu erhaschen, aber der scheint geflüchtet zu sein. Weitere Verzögerungen sind möglich, wir halten Sie auf dem Laufenden! Und damit wieder zu dir, Miriam!“ …

Bevor gleich ein Textbeispiel folgt, noch ein paar Überlegungen, warum sich diese kleinen literarischen Versuche gut als Übungen für kreatives Schreiben eignen. Zuerst einmal macht die Sache Spaß: Man verfasst einen Text und gibt ihn danach in allen möglichen und unmöglichen Perspektiven wieder. Das trainiert die Ideenfindung und gleichzeitig auch die Fähigkeit, sich komplexe Szenen auszudenken.

Je mehr einzelne Ausschnitte mit der ursprünglichen kurzen Geschichte verknüpft werden, umso facettenreicher wird der Ausgangstext. Indem man mehrere Geschehen darstellt, die alle auf denselben Text Bezug nehmen, schafft man eine ganz eigene Textdimension, eine eigene kleine Welt. Und das spürt man in guten Büchern besonders stark, denn Autoren, die diese Fähigkeit gemeistert haben, erzeugen auch in kurzen Textpassagen unglaublich lebendige, oft (für den Leser) überraschende Darstellungen einer scheinbar banalen Situation.

Mit einem kleinen Kniff lassen sich die so hergestellten Szenen in den ursprünglichen Text einbauen. Nachdem Sie eine andere Perspektive gewählt haben, schreiben Sie ihren Übungstext. Nun wechseln Sie zurück in Ihren ursprünglichen Text, greifen Ihren ursprünglichen Erzähler wieder auf und fügen Details der neuen Szene in die alte Beschreibung. So gewinnt Ihr Text an Dynamik; und da Sie diese Details nicht einfach nur kurz hinzudichten, sondern sie aus einem komplexeren Ganzen übernehmen, wirken sie auch glaubwürdig und eingepasst, sie haben das richtige Feeling. Doch grau die Theorie, deswegen etwas lebendiger.

Zuerst müssen Sie sich eine mögliche Perspektive heraussuchen. Im obigen Text könnte man beispielsweise aus Sicht des Flaschenwerfers, des Sicherheitspersonals, des Arztes, des Arbeiters oder aber auch des Organisationskomitees schreiben. Jeder andere Zuschauer könnte ebenfalls ausgewählt werden. Oder warum nicht – wie Terry Pratchett seine unzähligfüßige Truhe – einfach die geworfene Flasche zum Leben erwecken? Es geht ja schließlich nicht darum, möglichst ernst zu sein, sondern mit möglichst viel Schreibspaß die eigenen Fähigkeiten zu verbessern. Sodann: Ich wähle mir den Limonadenflaschenwerfer.

Früh um vier Uhr aufgestanden, eiliges Frühstück und die Morgennachrichten gesehen, dann zu Tante Bertha in die kleine Bäckerei und Neuigkeiten ausgetauscht. Zeitungen geholt, Zeitungen ausgetragen (viel früher als sonst), gegen halb zehn dann Brunch mit Knäckebrot und Marmelade daheim auf der Terrasse. Eine warme Dusche, Sachen gebügelt und – endlich! – raus zu den Jungs auf die Umzugsmeile. – „Warum siehste so jehetzt aus, Carlo?“ – „Hab mich ranhalten müssen, um rechtzeitig hier zu sein, immer die blöden Zeitungen.“ – „Hast es ja noch rechtzeitig jeschafft, wa?“ Ein, zwei Bier später … noch immer kein Festumzug. Der verzögert sich. „Hier, hast noch ’ne Flasche, Carlo.“ – „Danke … bah! Das is ja Limonade, was soll das?“ – „Bier is aus.“ Egal. „Pass auf, Carlo! An deiner Hand sitzt ’ne Wespe.“ – „Das kommt von dem blöden zuckrigen Zeug, w—“ MÖÖÖÖÖÖP!! Ahhhhhh … was trötest du mir mit dem Drucklufthorn ins Ohr, spinnst du? Ich hab vor Schreck gleich die Flasche weggeworfen, Mann – oh Shit …!

Ein paar Elemente habe ich aus dem Originaltext aufgegriffen, viele neue dazugeschrieben. So entsteht eine kleine, ganz eigene Geschichte, so lässt sich kreatives Schreiben trainieren. Da man einen Aufhänger hat – die Verzögerung des Festumzuges –, schreiben sich diese kurzen Texte wie von selbst. Nun muss man nur noch den Kniff anwenden, von dem ich oben sprach, und ein paar neue Details der Geschichte in den ursprünglichen Text einbauen, also beispielsweise so:

„… Vielen Dank, Miriam! Nicht überall ist es so ruhig geblieben! Ein Team von Spezialisten arbeitete ununterbrochen daran, das sprudelnde Wasser unter Kontrolle zu bringen. Einem besonders eifrigen Zuschauer ging das wohl aber zu langsam: Angestachelt durch einen plötzlichen Ausbruch von Grölen und Krawall, warf er in Rage seine Limonadenflasche in den Sinkkasten. Unglücklicherweise traf er dabei einen herbeigeeilten Arbeiter am Kopf, der daraufhin mit einer Platzwunde niederstürzte. …“

Auf diese Weise wurde der ursprüngliche Text durch ein paar Details erweitert, die ihm mehr Farbe geben. Gleichzeitig hat man einen zweiten Handlungsstrang geschaffen, den man aufgreifen könnte, wenn später die Polizei etwa die Zuschauer befragte oder man Hinweise auf den Verbleib des Flaschenwerfers suchte. Und das wirklich Schöne an dieser Übung ist, dass man sie ganz einfach nachmachen kann mit jedem eigenen Text. Versuchen Sie es einmal, es macht Spaß und lohnt sich.

Hobeln Sie ihn, den Wortspan; bis bald zur nächsten Schreibwerkstatt!

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Über Sebastian Schmidt

Ich arbeite als freier Lektor (www.lektorat-textbasis.de) und mag gute Bücher. Vor meiner freiberuflichen Tätigkeit habe ich Germanistik und Philosophie studiert (M. A.) sowie als Bibliotheksangestellter gearbeitet. Neben der Zusammenarbeit mit Autoren und Verlagen liebe ich die Musik. Blogadresse: textbasis.wordpress.com Zeige alle Beiträge von Sebastian Schmidt

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