[Der lyrische Mittwoch, Folge 12] Alain Fux – Ein schwarzer, mattlackierter Hummer H3x hielt hinter den Traktoren …

Besonders wird Sprache, werden Texte, wenn am Ende etwas dabei herauskommt, von dem der Leser denkt, dass es gut und unterhaltsam ist und dass es sich in irgendeiner Weise hervortut. Und genau in diesem Sinne freue ich mich, Ihnen Alain Fux im lyrischen Mittwoch vorstellen zu dürfen, der schon seit einiger Zeit aufräumt mit festgefahrenen Erzählstrukturen und uns in seinen kurzen Geschichten auf eine Reise mitnimmt, die uns durch einen Kosmos verwobener Erzählungen lenkt, immer auf dem Sprung hinein ins Neue. Alain erfindet gerne Geschichten, malt und ist beteiligt an einem Spielverlag, darüber hinaus habe er „glücklicherweise auch noch einen Brotjob“, wie er schreibt. Auf seinem Blog, Tilt Shift Panoptikum, veröffentlicht er in regelmäßigen Abständen die oben genannten kurzen Geschichten. Gefüllt mit diesen ist mittlerweile in Eigenregie sein erstes Buch entstanden.

Wie gute Texte eben sind, besitzen sie meist mehr als nur eine interessante Geschichte und mehr als nur eine einfache Botschaft. Denn immer wenn der Fokus überschwappt in die eine oder andere Richtung, wird es entweder belanglos oder belehrend. Im heute vorgestellten Text findet man einen harmonischen Ausgleich zwischen dem, was gesagt wird, und dem, weshalb es gesagt wird. Zuerst einmal der Protagonist: Künstler Kurt Kessler bietet uns eine wunderbar egozentrische Blaupause eines verschrobenen Selbstverständnisses. Kessler belacht und ist gleichzeitig lachhaft, reizt uns mit, wie ich finde, durchaus interessanten Ideen, provoziert mit dem Ungewöhnlichen. – Und dennoch: Bei den Spinnereien eines durchgeknallten Künstlers belässt es der Autor freilich nicht. Im Verhalten von Kurt Kessler wird deutlich, dass falsche Selbsteinschätzung zwar zu guten Ideen, aber langfristig nicht zu guter Kunst führen kann. Denn Kessler lagert das Schaffende des Künstlers aus und wälzt es ab auf seine Bediensteten und Angestellten, wird zum wandelnden Think tank, aber schafft dadurch nichts eigenes mehr. Natürlich, diese Kunstkritik ist nicht das, was Alain Fux’ Texte in erster Linie transportieren wollen, aber gerade vor einem solchen Hintergrund, der für sich genommen schon interessant ist, machen abgefahrenen Geschichten doch erst richtig Spaß; nämlich genau dann, wenn man das Gefühl hat, etwas Ganzes und nicht nur das Halbe vor sich zu haben. Also gleich mittenrein in den Kosmos des Tilt Shift Panoptikums –

Ein schwarzer, mattlackierter Hummer H3x hielt hinter den Traktoren …

Ein schwarzer, mattlackierter Hummer H3x hielt hinter den Traktoren und hupte mehrmals durchdringend. Da Enno und Burk nur mit den Schultern zuckten, stieg der Fahrer aus. Ein großer, schmaler, kahlrasierter Mann, in Jeans. Sie erklärten ihm das Problem. Er zeigte auf das Schild an der Wand: ‚Reserviert für Kurt Kessler, Künstler‘ und stellte sich vor: „Ich bin Kurt Kessler und morgen eröffnet in dem Museumshangar hier hinter Euch meine große Ausstellung. Wisst Ihr was, Ihr geht jetzt mit und wir schauen uns gemeinsam an, wie der Stand ist.“
Ein Assistent Kesslers musste sich um die Traktoren und den Hummer kümmern. Die anderen drei betraten den Hangar durch den Hintereingang. Ein weiterer Pulk von Assistenten wartete drinnen und begleitete den Meister auf seinem Rundgang.
Sie kamen zuerst in einen Raum mit dicken, mattschwarz lackierten Rohren, die kreuz und quer durch den Raum verliefen. Man musste sich bücken, um darunter durch zu gehen. Kessler wollte, dass noch mehr Rohre verlegt werden sollten. „Viel mehr Rohre. Ich will, dass man hier reinkommt und sagt: ‚Boah, hier sind ja Unmengen von Rohren!‘ Verstanden? Ich will mindestens doppelt so viele Rohre. Alles klar?”
Sie kamen zu einer geschlossenen Tür, auf der ein großer, feuerroter Aufkleber prangte: ‚Feuerpolizeilich geschlossen.’ Kessler erklärte Enno und Burk, dass dahinter ein großer Haufen mit 257 kg reinem Schwefel lag. Im Katalog sei das alles erklärt. Er hatte damit gerechnet, dass die Feuerwehr diesen Raum sperren würde, das gehörte zur Installation. „So was kann man sich nicht ausdenken”, bemerkte er.
Im nächsten Raum stand ein schwarzes Fass, aus dem ein Rohr kam, durch eine Pumpe führte und dann fünf Meter hoch bis zur Hallendecke führte. Oben konnte man einen altmodischen Duschkopf erkennen. Darunter, auf dem Hallenboden, ein paar zerplatzte Tropfen Teer. Kessler konferierte intensiv mit seinen Leuten und befand, dass eine Art Heizdecke unter das Fass zu legen sei, damit der Teer flüssig genug werden könne, um zu dem Düsenkopf gepumpt zu werden. „Wenn man sich nicht selbst um alles kümmert”, meinte er kopfschüttelnd zu Enno und Burk.
Sie kamen in einen leeren Raum. „Jetzt wird es spannend, denn hier fehlt noch was”, stellte Kessler fest. „Freunde, was habt Ihr denn in den nächsten drei Wochen vor?”, fragte er Enno und Burk. Die beiden schauten sich an, zuckten mit den Schultern und gaben mit ihren heruntergezogenen Mundwinkeln zu verstehen, dass es keine besonderen Pläne gab und sie Vorschlägen gegenüber aufgeschlossen sein würden. „Perfekt. Ihr werdet hier in diesem Raum auf euren Traktoren sitzen. Das ist das i-Tüpfelchen der Ausstellung. Lebende Ready-Mades. Außerdem ist dann auch mein Parkplatz wieder frei. Könnt Ihr singen? Nein? Umso besser, dann braucht Ihr Euch nicht zu verstellen. Kennt Ihr ‚Underneath the Arches‘? Ein tolles Lied.“ Er wandte sich ab und schrie zur Hangardecke hinauf: „Manchmal könnte ich vor mir selbst auf die Knie gehen!“

Alain Fux

Alain Fux

Textbasis: Herzlich willkommen, Alain! Es ist schön, dass Du am lyrischen Mittwoch teilnimmst und ein bisschen Zeit für das Interview einräumen konntest. Ich falle auch gleich mit der Tür ins Haus. Das Tilt Shift Panoptikum ist anders, scheint sich Momente aus dem großen Ganzen herauszugreifen und sie neu zusammenzuwürfeln. Was unterscheidet Deine Texte von einem „normalen“ Roman?
Alain Fux: Hallo Sebastian. Erst einmal vielen Dank für die Einladung! Hast Du ‚Cinema Paradiso‘ gesehen? Darin wird ein Filmband vorgeführt, in dem Kussszenen aus vielen unterschiedlichen Filmen aneinander gereiht sind. Quasi der Vorläufer eines Supercuts. In meinen Geschichten gehe ich ebenfalls selektiv vor. Ich beschreibe jeweils eine Situation, einen Austausch oder eine Beobachtung, die, aus meiner Sicht, definierend für die Vor- und Nachgeschichte sind. Ich versuche, den Kern aus einer Entwicklung zu nehmen und darzustellen. Wie Rosinenpicken. Wenn die Szene beschrieben ist, kann man sich ausmalen, was davor geschah und wie es weitergehen könnte. Theoretisch könnte man aus allen Geschichten etwas Längeres stricken, aber mich interessiert halt nur der dargestellte Ausschnitt. Hat für mich auch den Vorteil, dass das Schreiben viel flotter vorangeht, als wenn Du einen langen Roman schreibst. Und man kann sich eher auf Experimente einlassen.

Textbasis: Bereitet das keine Probleme, wenn es darum geht, Spannung über einen längeren Zeitraum aufzubauen? Und wie findest Du eigentlich Deine Ideen für die Texte, lässt Du Dich einfach von Geschichte zu Geschichte treiben oder steckt hinter allem dennoch ein ausgearbeiteter Plot?
Alain Fux: Ich stelle mir das vor, dass ein Leser bei einer Geschichte anfängt, sich von mir an die Hand nehmen lässt und so von einer Situation zu einer anderen kommt. Irgendwann ist der Leser satt, legt die Geschichten weg und fängt irgendwann später wieder an, wenn er Lust auf mehr hat.
Die Geschichten sind insofern miteinander verknüpft, dass ich mich beim Schreiben frage: Was könnte jetzt passieren? Was wäre wenn? Und wenn ein neuer Erzählstrang mir interessant erscheint, dann schlage ich die Richtung ein. Das Tolle am Schreiben ist, dass Du Deine eigene Welt schaffen kannst, ohne Einschränkung. Außer Träumen kenne ich keine andere Tätigkeit, wo das in dem Umfang möglich ist.

Textbasis: Du betätigst Dich neben dem Schreiben ebenfalls als Maler. Welche Art Bilder malst Du und inwieweit beeinflusst Dich das in Deiner Art zu schreiben? Oder lassen sich beide Bereiche gar nicht miteinander vergleichen und stehen separat?
Alain Fux: Ich male im Wesentlichen Menschen. Als Porträt oder als eine Momentaufnahme einer Handlung. Wenn ich schreibe, stelle ich mir die Szene vor wie ein Film. Ich sehe also, was passiert, und erzähle dann nur, was vor meinem inneren Auge geschieht. Absichtlich beschränke ich mich auf das große Ganze und streue nur dann Einzelheiten mit hinein, wenn sie für mich wichtig sind. Das machst Du beim Malen auch: Details arbeitest Du nur aus, wenn es dazu einen Grund gibt.

Textbasis: In einer Deiner Mails hast Du geschrieben, dass Dir beim Schreiben besonders gefällt, die Zeit beliebig dehnen und raffen zu können. Worin siehst Du die Stärken einer variablen Zeitgestaltung und steckt diese auch als Konzept hinter dem Tilt Shift Panoptikum?
Alain Fux: Tilt Shift ist eine Aufnahmetechnik aus der Fotografie, bei der jeweils nur ein extrem begrenzter Bildbereich scharf gestellt ist. Dadurch hat der Betrachter den Eindruck, dass es sich um Bilder von maßstabgetreuen Modellen handelt, ähnlich wie bei einer Modelleisenbahn.
Panoptikum ist zum einen eine Sammlung von Kuriositäten, zum anderen ein Konzept des Philosophen Jeremy Bentham zum Bau von Gefängnissen, bei denen alle Insassen von einem zentralen Ort beaufsichtigt werden. Auch das hat alles mit Sehen zu tun. Es geht mir also sehr stark darum, den Blick zu lenken, sowohl im Raum als auch in der Zeit. Wenn ein Zeitabschnitt, egal wie lang, nicht relevant ist, kann man ihn in der Erzählung auslassen. Oder anders herum, der kleinste Augenblick kann gedehnt werden, falls das sinnvoll erscheint. Der gelenkte Blick. Und Malerei ist ja auch nichts anderes: Sehen durch die Augen des Malers.

Textbasis: Das klingt alles recht experimentell und geht weg von der gängigen Textgestaltung. Findest Du, dass die klassische Veröffentlichung in Buchform noch geeignet ist, um Deine Geschichten richtig einzufangen? Oder kannst Du Dir alternative Wege vorstellen, die sich eher an Deinem Konzept orientieren?
Alain Fux: Das Buch finde ich als Medium völlig in Ordnung. Da ich von etablierten Verlagen bisher nur Absagen bekomme, habe ich mir aber auch überlegt, die Geschichten in Form eines Abreißkalenders herauszugeben. Ich finde die Idee interessant, dass man morgens ein Blatt vom Kalender abreißt und auf der Rückseite eine Geschichte liest. Jeden Tag etwas Neues. Am Ende aber spielt sich eh alles im Kopf ab und dann ist das physische Medium nicht so wichtig. Und bei Büchern schließe ich E-Books mit ein.

Textbasis: Nun ist bereits auch ein erstes Buch durch Dich veröffentlicht worden. Worin liegen die Unterscheide zu den Geschichten, die Du derzeit auf Deinem Blog veröffentlichst, und wohin wird Deine schriftstellerische Reise gehen, hast Du weitere Projekte geplant?
Alain Fux: Von Tilt Shift Panoptikum wird es drei Teile geben mit jeweils 360 Geschichten. Den ersten Teil habe ich im Eigenverlag herausgegeben. Die Geschichten sind auch so im Blog veröffentlicht worden, aber in Buchform, finde ich, sind sie besser zu lesen.

Textbasis: Und zum Schluss noch etwas ein klein wenig anderes: Du musst für ein Jahr abgeschottet allein in einem dusteren aber ansonsten gut ausgestatteten Haus leben. Was nimmst Du mit: Laptop mit Netzkabel aber ohne Internetanschluss oder Leselampe und Bücherkiste?
Alain Fux: Interessante Frage. Verstehe ich in Kurzform als ‚Lesen oder Schreiben‘. Das ist wirklich schwierig, denn ich möchte weder auf das eine noch auf das andere verzichten … Ich glaube, dass ich mich für das Schreiben entscheiden würde. Im Zweifel lieber aktiv sein.

Textbasis: Aktiv sein, an der Überlegung ist ’was dran. Und wenn man dann doch wieder das Haus verlässt, hat man sicher das ein oder andere Manuskript mehr. Ich bedanke mich ganz herzlich bei Dir, Alain, dass wir heute hier einen Deiner Texte vorstellen konnten und natürlich auch für Deine Antworten. Ich finde, dass das Tilt Shift Panoptikum eine super Idee ist und wünsche Dir für die Zukunft noch viele weitere gute Eingebungen und witzige Einfälle, damit auch zukünftig dieser bunte Reigen weitergesungen werde. Denn bunt ist er ohne Frage und irgendwie auch ziemlich durchgeknallt. – Wenn Ihnen nach ein bisschen guter Unterhaltung ist und wenn Sie bereit sind, zusammen mit Alain Fux auf dessen Blog von Geschichte zu Geschichte zu schweifen, sich durch ein kleines Textuniversum zu lesen, dann zögern Sie nicht und gehen Sie dem folgenden Link nach, direkt hinein ins Tilt Shift Panoptikum: Klick und wuuusch!

PS: Wer von Ihnen ebenfalls Lust hat, einen seiner Texte, eines seiner Gedichte oder Lieder hier vorzustellen und ein paar Worte über sich zu sagen, folge mir mit seinem Blog, oder mache auf andere Weise auf sich aufmerksam. Ich würde mich freuen, ein Zeichen von Ihnen zu erhalten.

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Über Sebastian Schmidt

Ich arbeite als freier Lektor (www.lektorat-textbasis.de) und mag gute Bücher. Vor meiner freiberuflichen Tätigkeit habe ich Germanistik und Philosophie studiert (M. A.) sowie als Bibliotheksangestellter gearbeitet. Neben der Zusammenarbeit mit Autoren und Verlagen liebe ich die Musik. Blogadresse: textbasis.wordpress.com Zeige alle Beiträge von Sebastian Schmidt

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