[Der lyrische Mittwoch, Folge 13] Paul Fehm – Schwärme sind wir in der Nacht

Liebe Leserinnen und Leser,

die Wochenmitte bringt auch dieses Mal wieder Verse und Gedanken, die über das Zeitliche hinweg helfen sollen. Aus diesem Grund freue ich mich sehr, Ihnen Paul Fehm vorstellen zu dürfen, für den Schreiben nicht nur Gelesenwerden bedeutet, sondern für den das Schreiben die Möglichkeit einer „Entseelung und Entleibung zugleich“ ist. Der Dichter lebt in Heidelberg, angelt gern und arbeitet nebenher in verschiedenen Küchen. Schwer und tief atmen seine Worte eine Melancholie des Unausweichlichen. Seine Texte werden von Freunden auf einem Blog gesammelt.

„Schwärme sind wir in der Nacht“ nimmt uns ein Stückchen weit mit durch die Straßen des Immergleichen und Ewigselben, in denen routiniert ausgeführte Rituale Sinnschaffung gegen bloßes Schaffen austauschen. Die Blaue Blume ist verblasst zu einem Fahlblau hinter dem man nur schwach das alte Leuchten wiedererkennt. Und dennoch hängen letzte blaue Blütenblätter satt vom Kelch und verwandeln eine Welt voller „Mängelexemplare“, „kranker Tiere“ und „weißer Gassen“ in Worte, manchmal lebensmüde, zumindest aber nicht lebensmürbe. Deswegen immer weiter: gemeinsam allein hin zum Morgen –

Schwärme sind wir in der Nacht

Schwärme sind wir in der Nacht
Und doch: es leuchtet jeder
selbst sich heim
geht durch weiße Gassen
durch die vibrierenden Waben
der erwachenden Stadt

Manchmal geben wir dem Nachbar
die Klinke in die Hand
Wir Selbstmörder gezeichnet
mit dem unsichtbaren Stempel:
Mängelexemplar
wir grüßen höflich noch
im Morgengrauen

Die Blicke aber bleiben
Spuren auf der linierten Stirn
wo die Haut Pergament ist
und unsere Hände auch:
kein unbeschriebnes Blatt

Wir Heimkehrenden sind müde
nicht mürbe aber wie die Aufbrechenden
die ihre Arbeit verrichten wie sie
alles verrichten ihr Geschäft ihre Liebe
und den Tag: wie ein altes krankes Tier
das durch den Schnee stolpert

Textbasis: Ich begrüße dich recht herzlich beim lyrischen Mittwoch, Paul, und bedanke mich bei dir für deine Zeit und dein Gedicht. Wie in der Ankündigung oben erwähnt, ist Schreiben für dich „Entseelung und Entleibung“. Kannst du etwas genauer beschreiben, wie man sich diesen Prozess vorstellen kann?
Paul Fehm: Erst einmal dir vielen Dank für diese schöne Gelegenheit. Ich spielte mit dieser Formulierung darauf an, zumindest empfinde ich das so in den besten Momenten, dass es möglich ist, sich – als Widerstand – im Schreiben selbst zu vergessen, sodass das alltägliche Erleben vom Getrennten transzendiert wird. Ich meine jenen paradoxen Zustand, in dem man sich so sehr in etwas verliert, dass sich Seele und Leib darin aufgehoben finden. Das hat etwas von Askese, Entsagung, und gleichzeitig von Ekstase, Erfüllung.

Textbasis: An dieser Stelle angekommen, frage ich meist danach, was die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des lyrischen Mittwochs veranlasst, überhaupt zu schreiben. Nun teiltest du mir im Vorfeld bereits mit, dass genau diese Unwissenheit deine Antriebskraft ist. Warum brauchst du jene Distanz zum Unbekannten, zum Grundlosen?
Paul Fehm: Ich erlebe die Welt weitgehend als haltlos. Dass wir Gründe angeben für unser Handeln, erscheint mir immer zumindest suspekt. Ich will damit nicht sagen, dass es es Rationalität nicht gäbe – sie scheint mir aber oft eher eine spielerische Verkleidung zu sein für das, was man eigentlich tut oder sagt, wenn man handelt oder spricht. Das Grundlose eröffnet Spielräume, wo das Begründete oft Zwänge nach sich zieht, denen es eigentlich zu entkommen gilt. Wohlgemerkt: Ich spreche von lebensweltlichen Notwendigkeiten, nicht von poetischen. In diesem Bereich existiert allerdings eine geradezu schicksalhafte Notwendigkeit in der Faktur der Texte, der man nicht entrinnen kann.

Textbasis: Schaut man bei „Schwärme sind wir in der Nacht“ genau hin, so scheinen vier Motive sich durch den Text zu ziehen: Sinnentleerung, Getriebensein, Verfall schlussendlich, und dennoch die Ankunft im Morgengrauen. Ist es vermessen, die romantische Hoffnung auf ein besseres Anders neben dem Bewusstsein einer Menschheitsdämmerung darin erkennen zu wollen?
Paul Fehm: Das ist gut beobachtet und eine sehr gute Frage, die ganz und gar nicht vermessen, sondern vielmehr treffend ist. Einerseits ist dieser Blick, der ja fast ein apokalyptisch-enthüllender ist, sehr nüchtern und fast kalt, dann aber entzündet sich gerade daran eine mit sich ringende Hoffnung: vielleicht aber mehr auf vorübergehende Heilung als auf ein besseres Anders, das wie alles Utopische auch etwas Erschreckendes hat (ich denke da an die ubiquitäre Fülle von Sinn, von sichtbarer Verantwortung).

Textbasis: Wenn das Schreiben ein unausweichlicher Teil ist von dem, wie du dich selbst verstehst, erübrigt sich auch die Frage nach möglichen Inspirationsquellen. Und dennoch braucht es ja Ideen, Stoffe und Recherche. Entstehen deine Texte aus einer Spontaneität oder intensiven Überlegung heraus?
Paul Fehm: Ich würde es so formulieren wollen: Dann, oft tatsächlich auf dem Nachhauseweg, etwa nach einer Kneipennacht, beginnt sich etwas zu entspinnen. Dann bricht es aus mir heraus, all das Halbverdaute und fast Abgetötete, und dann sitze ich bis zum Morgen, obwohl schon alles wehtut, es ist eine Arbeit im wahrsten Sinne des Wortes.

Textbasis: Es bedarf also einiger Mühe, ehe die Worte geschrieben stehen: Wie beurteilst du dann den Nutzen von Texten im Hinblick auf den Leser? Welche Rolle spielt Gelesenwerden überhaupt bei jedem Schreiben, das nicht nur auf kommerziellen Erfolg ausgelegt ist?
Paul Fehm: Nutzen? Die Frage versteh ich nicht. Es geht mir dabei nicht um Beifall, der Menge gefällt, wie der Dichter so sagt, was auf den Marktplatz taugt. Es geht eher um eine Art Freundschaft oder Einladung, aber alles mit einer gewissen Vorsicht und Ironie. Ich glaube einfach, dass Lesen und Verstehen so elementare Dinge im Leben eines Menschen sind, dass die Beschäftigung mit Texten lebenswichtig ist.

Textbasis: Sagen wir, dass in Zukunft jedes Bücherregal zusammen mit einem Grundbestand an Büchern verkauft werden muss. Du kannst eines von ihnen auswählen, welches wäre das?
Paul Fehm: Ich hätte gerne ein Regal mit dem Adelungschen und Grimmschen Wörterbuch. Aber nur um diese zwei zu nennen. Den Rest braucht man eigentlich nicht.

Textbasis: Eine gelungene Antwort! Doch genug der Spekulation über Zukünftiges, der lyrische Mittwoch richtet sich ja immer auch an angehende Schreiberinnen und Schreiber. Hast du einen Tipp, um zu Texten zu gelangen, mit denen man am Ende selber zufrieden ist? Oder muss man das gar nicht sein?
Paul Fehm: Andere Schreiber? Man spürt, wenn ein Text sein Ende, im Sinne des Telos, erreicht hat, und wenn man das nicht im Gefühl hat, dann kann man auch nicht schreiben. Dieses Gefühl ist das einer, um es bildhaft zu wenden, glücklich verlaufenen Geburt. Das Gefühl ist ein großes Glück – bisweilen aber trügt es. Man liebt die missratenen Kinder oft am meisten. Manchmal hasse ich sie auch. Dann werfe ich das Zeug halt weg. Ich glaube, man darf nicht zu stolz sein auf seine Texte, sondern sie immer wieder selbst von der Seite schief ansehen. Ob man dann die Kraft hat, die eher schwachen Texte zu „erziehen“, ist eine andere Frage.

Textbasis: Ein durchaus deutliches und einprägsames Bild, mit welchem diese Folge jedoch auch schon wieder am Ende angekommen ist. Noch einmal vielen Dank für deine interessanten Worte, Paul. – Um selbst noch ein bisschen nachzusinnen und viele weitere Facetten von lyrischer und eindringlicher Sprache zu entdecken, möchte ich Sie erneut auf den Blog des Autors hinweisen. Dort werden Sie in den Gedichten und kurzen Prosatexten genügend Material finden, um die Zeit nachdenkend zu vergessen. Gönnen Sie sich ein paar Gedanken, hier finden Sie genügend Inspiration: Paul Fehm Blog.

PS: Wer von Ihnen ebenfalls Lust hat, einen seiner Texte, eines seiner Gedichte oder Lieder hier vorzustellen und ein paar Worte über sich zu sagen, folge mir mit seinem Blog, oder mache auf andere Weise auf sich aufmerksam. Ich würde mich freuen, ein Zeichen von Ihnen zu erhalten.

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Über Sebastian Schmidt

Ich arbeite als freier Lektor (www.lektorat-textbasis.de) und mag gute Bücher. Vor meiner freiberuflichen Tätigkeit habe ich Germanistik und Philosophie studiert (M. A.) sowie als Bibliotheksangestellter gearbeitet. Neben der Zusammenarbeit mit Autoren und Verlagen liebe ich die Musik. Blogadresse: textbasis.wordpress.com Zeige alle Beiträge von Sebastian Schmidt

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