Monatsarchiv: Juli 2013

[Der lyrische Mittwoch, Folge 18] l’héroïne – Netzhaut

bis das Sonnenlicht
das Garn entzündet

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

auch diese Woche freue ich mich, Ihnen wieder frische Verse und deren Verfasserin vorstellen zu dürfen. Zu Gast an diesem schönen Mittwoch ist l’héroïne, die schon bald ein Schauspiel-Studium beginnen möchte. Auf ihrem Blog veröffentlicht die Dichterin derzeit Fotos und eigene lyrische Werke. Gedichte der Autorin wurden unter anderem bereits in der Federwelt (2008) und der Jokers-Anthologie (2010) publiziert. Wie sie mir in einer E‑Mail im Vorfeld dieses Interviews schrieb, liege für sie ein besonderer Reiz der Poesie gerade darin, dass lyrische Bilder Sinn vermitteln könnten, ohne dass man unbedingt jedes einzelne Wort verstehen müsse.

Dieser interessante Gedanke findet sich schließlich auch in ihrem Gedicht „Netzhaut“ wieder. Am Bild der Zündschnur entspinnt die Autorin mit viel Sprachgefühl Verse, die mit fortschreitender Lesedauer abbrennen, die auf Wortebene am Ende in sich selbst zerfallen. In dieses Abbrennen eingebettet, finden wir das lyrische Ich, das sich in keine Decke, doch dafür in die Hautnetze seines Gegenübers kuschelt. Durch die Assoziationen von Sonnenlicht als Tagesanfang und Sonnenlicht als Feuerquelle entspinnt sich ein kontrastreicher Verständnisraum, der über die Zeichen‑ und Bildebene hinausragt. Geleitet vom Züngeln kleiner Flammen und von Andeutungen intimer Zweisamkeit wird der Leser durch das Gedicht getragen, um Vergangenheit und Zukunft selbst auszumalen, den eröffneten Gedichtsraum mit sich selbst auszufüllen –

Netzhaut

Hautnetze
gewebt aus deinen Händen
umspannen meinen Körper
in zärtliche Berührungsfäden
schmiege ich mich jede Nacht
bis das Sonnenlicht
das Garn entzündet
und Masche
für Masche
zu Asche
zerfällt

Porträt  l'héroïne

l’héroïne, by a. sophron

Textbasis: Ich freue mich, l’héroïne, dich heute beim lyrischen Mittwoch begrüßen und einen deiner Texte vorstellen zu dürfen. Um dich ein bisschen besser kennenzulernen, schauen wir am besten zurück in die Vergangenheit. Wo findest du den Grund für dein Interesse an der Kunst und dem Schreiben?
l’héroïne: Literatur und Kunst haben mich begeistert, seit ich denken kann. Ich bin mit Kinderbüchern aufgewachsen und mit der Ansicht, Künstlerin zu sein wäre etwas Erstrebenswertes. Bereits in der Grundschule habe ich Kurzgeschichten geschrieben und mich einige Jahre später auch an Lyrik versucht. Da war kein konkreter Anlass, es hat mir einfach Spaß gemacht, und das ist der Grund, warum ich damit begonnen habe und es bis heute nicht lassen kann.

Textbasis: Was beeinflusst dich beim Verfassen eigener Texte? Gibt es Autorinnen oder Autoren, literarische Strömungen, die dich besonders inspirieren, oder versuchst du, möglichst unbeeinflusst zu schreiben?
l’héroïne: Wirklich unbeeinflusst kann man wohl kaum schreiben. Man kann sich höchstens soweit wie möglich jeglichem Einfluss entziehen. Ich bin jedoch der Meinung, dass die Arbeiten anderer Autoren immer eine Inspirationsquelle sein können.
Ich bin mir selbst nur wenig bewusst, ob – und wenn ja, inwiefern – meine Schreibe von irgendetwas beeinflusst wird oder ich beim Schreiben beeinflusst werde. Einmal abgesehen von meiner Intuition spielen dabei aber sicherlich meine Lieblingsautoren eine nicht ganz unbedeutende Rolle. Zu diesen zähle ich neben anderen Paul Celan, dessen eindringliche, bildhafte, starke Sprache mich seit jeher fasziniert und inspiriert.
Im Allgemeinen möchte ich mich beim Lesen weder auf bestimmte Autoren noch auf bestimmte literarische Strömungen beschränken, sondern möglichst offen für neue Eindrücke jedweder Art sein.

Textbasis: Diese Aufgeschlossenheit scheint mir auch dann notwendig zu sein, wenn man sich auf Gedichte einlässt. Gern möchte ich an dieser Stelle noch einmal auf die Formulierung aus deiner E‑Mail an mich zurückkommen. Dort schreibst du, dass lyrische Bilder ganz durch sich selbst sprächen. Bedeutet das für dich, dass vor allem die Bildebene im Gedicht darüber entscheidet, ob es gelungen ist, ob es die Leserinnen und Leser anzusprechen vermag?
l’héroïne: Es gibt nichts, von dem ich sagen würde, dass es grundsätzlich vor allem über die Qualität eines Textes entscheidet. Ich habe keine Prinzipien oder Grundsätze, anhand welcher ich einen Text beurteile. Ob ein Gedicht gelungen ist oder nicht, ergibt sich für mich aus dem Gesamtbild. Dabei kann die Wirkung durch lyrische Bilder erfolgen, muss sie aber nicht. Ein Text kann auch ganz ohne diese auskommen und dennoch – durch andere Aspekte – ansprechen. Ich lege mich da ebenso wenig fest wie bei der Frage nach den literarischen Strömungen.
Meine bisherige Leseerfahrung führt mich aber zu der Behauptung, dass lyrische Bilder Inhalte sehr direkt und intensiv vermitteln können. Dabei wirken sie ganz durch sich selbst: Der Leser muss nicht verstehen, was da steht, er wird dazu angeregt, es nachzufühlen. Diese eindringliche Wirkung durch bildhafte Sprache ist auch etwas, das ich als „Kunstgriff“ in fremden Texten sehr bewundere.

Textbasis: Auf dem textbasis.blog finden seit einiger Zeit eine Diskussion und ein Austausch darüber statt, ob es Worte gibt, die man heute im Gedicht nicht mehr benutzen sollte, da sie zu oberflächlich geworden sind, zu viel Pathos tragen. Meist handelt es sich dabei um große Begriffe wie „Liebe“, „Traum“ et cetera. Wie positionierst du dich in dieser Frage: Geht noch alles oder gibt es inzwischen Limits?
l’héroïne: Da würde ich sagen: „Limit is the Sky“. Oder auch: Lyrik darf alles.
Abgegriffene Wörter wie „Liebe“, „Traum“, „Sehnsucht“ oder „Herz“ in einem Text so zu verwenden, dass der erfahrene Leser sich nicht gleich vor Lachen (oder Weinen) auf dem Boden wälzt, ist meiner Meinung nach eine größere Kunst, als schlichtweg auf solche Begriffe zu verzichten. Zudem kann man mit dem „schlechten Ruf“ dieser Wörter spielen und die Vorurteile des Lesers zur Wirkung des Textes nutzen (ich möchte fast sagen „missbrauchen“), seine Erwartungen konkret brechen und die Begriffe in einen völlig neuen Kontext stellen.
Doch wer weiß … Vielleicht sollte man besser offizielle Grenzwerte für Kitschwörter in Gedichten festlegen? (Man könnte als Grund Gesundheitsrisiken oder Terrorbekämpfung vorschieben, das geht immer durch.) Würde dem interessierten Lyrikleser wahrscheinlich eine Menge Müll ersparen.
Apropos Müll: Es werden auch in andere Richtungen Grenzen gesetzt. Vulgäre Sprache beispielsweise ist ein umstrittenes Thema. Ich bin der Meinung, dass durch solche Stilmittel ebenfalls eine starke Wirkung erzielt werden kann, wenn sie durchdacht eingesetzt werden und die Dosis und der Kontext stimmig sind.

Textbasis: Mit der Erwähnung der „richtigen Dosis“ hast du das passende Stichwort gegeben. Im selben Atemzug dann auch meine zweite Frage, die mich in diesem Zusammenhang brennend interessiert: Wie beurteilst du die Möglichkeit des Internets für die Poesie? Steckt in Gedichtsforen die Liberalisierung der Lyrik oder eher die Gefahr der uferlosen Verwässerung?
l’héroïne: Die Möglichkeit des Internets für die Poesie ist wohl hauptsächlich davon abhängig, was man mit seiner Schreibe erreichen will.
Gedruckte Literatur bietet wegen der Vielzahl von Autoren und des Mangels an Lesern nur noch wenige Möglichkeiten für die Lyrik und ist erst recht keine Option, um Geld zu verdienen. Da stehen die Chancen im Internet wohl auch nicht besser. Wenn man aber von der finanziellen Intention absieht und davon ausgeht, dass Literatur dazu da ist, um gelesen zu werden, bietet das Web den klaren Vorteil: Hier kann jeder gelesen werden. Man hat die Auswahl zwischen diversen Medien wie Blogs, Websites und Foren, um seine Schreibe einer interessierten Leserschaft zu präsentieren und mit Gleichgesinnten über das Thema zu diskutieren. Einfacher, als es im realen Leben möglich ist. Und gerade weil es so einfach ist, machen es verdammt viele. Wo wir dann bei den Nachteilen wären. Vor allem Lyrikforen werden überschwemmt von einer Flut an weniger erfahrenen Autoren, die angeblich konstruktiven Austausch suchen, eigentlich aber nach Anerkennung gieren und dabei keine Kritik akzeptieren.
Ansonsten bietet das Internet dieselben Möglichkeiten für die Poesie wie für alles andere: theoretisch unbegrenzte Kommunikation und freien Zugang zu Wissen und Kultur.

Textbasis: Erzähle uns doch bitte auch noch ein bisschen aus deinem Schreiballtag. Was bewegt dich dazu, Gedichte zu verfassen? Findet das Schreiben bei dir eher intuitiv statt oder geht ihm akribische Planung voraus; Vorbereitung oder Nachbereitung?
l’héroïne:  Mein „Schreiballtag“ existiert in der Form gar nicht. Ich habe die letzten Jahre kaum etwas anderes geschrieben als Schularbeiten und Karteikärtchen zum Lernen. Aber wenn ich Lyrik verfasse, kommen mir die Ideen meist spontan und ich versuche, sie, wie gerade gedacht, zu notieren. Danach kann eine aufwendige Nachbearbeitung folgen, insbesondere bei Texten mit formalem Korsett. Manchmal weicht die endgültige Fassung stark vom ersten Entwurf ab, es kommt aber auch vor, dass ich nach stundenlanger Arbeit am Text auf die ursprüngliche Idee zurückkomme. Das letzte i-Tüpfelchen zur Vollendung ist immer der Titel.

Textbasis: Zum Abschluss eine (all)gemeine Frage: Was zeichnet für dich einen guten Vers aus?
l’héroïne: Gib mir den Vers und ich sage dir, was gut daran ist!

Textbasis: Sehr schön das Verfängliche abgewendet; und vielen Dank für die kurzweiligen Antworten, den Text und die Vertonung, l’héroïne. Dass die lyrischen Bilder ganz frei und aus sich heraus wirken, ist eine interessante Überlegung, die einen guten Zugang auch zu moderner Lyrik ermöglicht. Ebenso beschreibt die von dir angesprochene Mischung aus Intuition und umfassender Nachbearbeitung das, was ich als Grundstein aktueller, ansprechender Lyrik erachte. – Wenn Sie von den Versen und den Überlegungen angeregt, noch ein bisschen mehr von der Autorin lesen möchten, klicken Sie bitte auf folgenden Link: l’héroïne, und lassen Sie das Poesiestündchen auch diese Woche noch nicht zu Ende sein.

PS: Wer von Ihnen ebenfalls Lust hat, einen seiner Texte, eines seiner Gedichte oder Lieder hier vorzustellen und ein paar Worte über sich zu sagen, folge mir mit seinem Blog, oder mache auf andere Weise auf sich aufmerksam. Ich würde mich freuen, ein Zeichen von Ihnen zu erhalten.


[Kurze Schreibtipps #02] Die Abtöner, oder: „Ich war eigentlich wohl irgendwie doch schon zu spät.“

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

auch diese Woche nur ein kleiner Bissen für zwischendurch. Aber zwischendurch bessere Texte zu schreiben hat ja auch seinen Reiz. Oder sollte es heißen: „… hat seinen Reiz.“? Womit wir mittendrin im kurzen Artikel dieses Sonntags wären.

Abtönungspartikel oder Modalpartikel nennen sich die kleinen Wörtchen, die zu Unrecht oft einen schlechten Ruf genießen. Wohl besitzen sie für die Aussage eines Satzes manches Mal die Nützlichkeit einer dritten Schulter („Willst du ein Eis?“ – „Irgendwie schon.“ – „Ja oder Nein?“ – „Sag ich doch: Ja.“). Aber was zählt allein die Satzaussage, wenn es um Lesefluss, Satzrhythmus oder Figurenrede geht?

Denn anhand folgender zwei Punkte, können Sie ganz einfach überprüfen, ob die Verwendung eines Abtönungspartikels gerechtfertigt ist: Verschleiert ein Abtönungspartikel die Verständlichkeit, wo es auf diese ankommt, sollte er vermieden werden („Man nehme so 10 Gramm Salz …“). Dient der Abtönungspartikel jedoch dazu, etwas abzutönen, das heißt etwas auf bestimmte Weise zu sagen, ihm einen persönlichen Anstrich zu verleihen, dann ist er überaus nützlich („Oh nein, ich habe mir das Bein gebrochen. Ein Glück, dass Sie gerade Ihre Doktorarbeit schreiben, wissen Sie nicht, was ich jetzt tun soll?“ – „Das weiß ich doch nicht, ich promoviere schließlich in Betriebswirtschaftlehre!“).

Allgemein gilt: Je wissenschaftlicher der Text, umso weniger Abtönungspartikel, denn umso deutlicher muss die Aussage sein. Dasselbe gilt auch für den Erzähler: Je distanzierter und unauffälliger der Erzähler sein soll, umso weniger Abtönungspartikel sollten verwendet werden. Anders die Figurenrede. Hier kann durch bewussten Einsatz der Abtönungspartikel individuell und nuanciert gestaltet werden. Denn im alltäglichen Sprechen wimmelt es nur so von diesen Modalpartikelchen, im alltäglichen Sprechen Ihrer Figuren darf es das auch tun; achten Sie lediglich darauf, dass Sie nicht ins Belanglose driften.

Wenn Sie sich dieser Unterscheidungen bewusst sind, dann brauchen Sie keine Angst davor haben, zu sehr in die Umgangssprache abzurutschen. Denn Abtönungspartikel sind wirkmächtige Werkzeuge, wenn man sie nicht irgendwie falsch einsetzt.


[Der lyrische Mittwoch, Folge 17] A. J. Weigoni – ‡Zwischenbefund‡

berauschendes Buchstabengestœber

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

freuen Sie sich bitte gemeinsam mit mir auf die heutige Folge des Lyrischen Mittwochs. Ganz herzlich begrüße ich dieses Mal den Lyriker, Hörspielautor, und Literaturpädagogen A. J. Weigoni. Zahlreiche Gedichtbände, Künstlerbücher und Prosawerke verfasste der Autor bereits, an zahlreichen interdisziplinären Projekten wirkte er mit. Jüngst erschienen in der Edition Das Labor seine Zyklen und Langgedichte zusammengefasst im Band „Parlandos“ (2013), das Hörbuch „Prægnarien“ (2013, A. J. Weigoni, Philipp Bracht und Haimo Hieronymus vervollständigen damit das gleichnamige Künstlerbuch und die dazugehörige Ausstellung) sowie die Novellen „Cyberspasz“ (2012) und die Erzählungen „Zombies“ (2012). Das vorgestellte Gedicht „Zwischenbefund“ entstammt dem 1995 erschienenen Lyrikband „Letternmusik im Gaumentheater“, der, neben weiteren Vertonungen, auf der Doppel‑CD „Gedichte“ (2008) enthalten ist.

Dem Schein einer konsistenten Grauwirkung die genaue Betrachtung entgegensetzen und dann im Text nichts weiter finden als das Flirren von „Buchstabengestœber“. Die Worte haben ihre Festigkeit im Gefüge verloren und wurden instrumentalisiert zu Gummigeschossen auf die Netzhaut der Textüberflieger. Noch immer aktuell dieser Gedanke, nicht nur im Bereich der Lyrik, sondern beispielsweise auch übertragen auf die verstümmelten Salven der Werbesprache. Mit deutlichen Bildern und nüchternen Worten zieht das lyrische Ich Bilanz, erkennt die Möglichkeiten der Sprache, aber bescheinigt ihr „durchfall“. Die Suche nach dem vermeintlich Wirklichen hält an, aber sie findet statt im Trüben, ihr Ausgang bleibt vorerst offen, doch manche Tendenz zeichnet sich bereits ab –

‡ Zwischenbefund ‡
die Sprache
hat das
Sagen
:
progressive Paralyse
anhaltender Satzdurchfall
Worte
wertloser als
abgestempelte Fahrkarten
welche wenigstens eindeutige
Richtungen bestimmen
raschelndes Papier
berauschendes Buchstabengestœber
nach Wirklichkeit wird
weiterhin im Nebel gestochert

A. J. Weigoni

A. J. Weigoni, Foto: Jesko Hagen

Textbasis: Herzlich willkommen beim Lyrischen Mittwoch, Andrascz, und vielen Dank für Deine Teilnahme. Hört man sich den Vortrag von „‡ Zwischenbefund ‡“ an, hat man das Gefühl, Du hauchst den Worten und dem Gedicht ein Eigenleben ein. Warum hast Du dich dazu entschieden, Deine Gedichte für das Hören aufzuarbeiten? Was bewirkt der Vortrag, das dem Geschriebenen abgeht?
A. J. Weigoni: Dem Radio gilt meine lebenslängliche Leidenschaft. Schon als Kind habe ich begeistert vor dem Lautsprecher gesessen, um mir beispielsweise „Jim Knopf und die Wilde 13“ anzuhören. Mir bereitet es immer noch eine grosse Freude, wenn das geschriebene Wort zu Fleisch wird. Da komme ich mit meiner Arbeit vom Hörspiel, also einem Medium, das bereits 80 Jahre alt ist, in diesem Genre steht das Wort häufig im Mittelpunkt. Allerdings betone ich das Wort Spiel im Hörspiel. Das Spielen scheint mir der Königsweg zum Verständnis der neuen Medien zu sein. Computer, Studios und Software sind keine Werkzeuge, sondern Spielzeuge, wobei die alten Medien als Navigationshilfen dienen.

Textbasis: Wie beeinflusst das Deine Art, Texte, Gedichte zu schreiben?
A. J. Weigoni: Da muss ich auf Reset drücken. Ausgangspunkt war die Literaturclips-CD. Wir haben zum einen arrièregardistische Arbeiten gemacht, zum anderen ein altes Aufnahmemedium, den Kunstkopf mit einer zu dieser Zeit neuen Aufnahmetechnik, sprich DAT gekoppelt. Damit konnten wir dann praktisch Road-Radio machen und jeden Raum in ein Aufnahmestudio verwandeln. Wir erarbeiteten Soundscapes um der Poesie neue Klangräume zu eröffnen. Die Notwendigkeit der Literaturclip-CD (damals war der Claim Hörbuch noch nicht abgesteckt und wir veröffentlichten die CD beim Punk-Label Constrictor) ergab sich damals schon aus dem Verfall der klassischen Hörkultur (Stichwort Begleitprogramm) und dem fortschreitenden Verdrängungsprozess auf dem durch Hochtechnologie geprägten Medienmarkt. Das Medium „Hörbuch“ knüpft an die Oral History an und versetzt uns zurück an den Ursprung aller Dichtung, ihr Verwurzelt-Sein in Kult, Beschwörung, Magie.

Textbasis: Beziehst Du die möglichen akustischen Umsetzungen bereits in den Prozess des Schreibens ein oder trennst Du Textentstehung und Vertonung voneinander?
A. J. Weigoni: Das lässt sich schlüssig an einem Beispiel beschreiben: „Schland“ ist die mir wichtigste Arbeit, weil hier Bildende Kunst, Komposition und die Darstellende Kunst sinnfällig ineinander gegriffen haben. »Schland« ist ein Zeitfetzen. Ein akustischer Raum in einem räumlichen Behältnis, dem „neuen“ DeutSchland, einem fiktiven Staat, tiefste Provinz. Er folgt dem poetischen Kernsatz: „Nur die Fiktion ist noch wirklich, weil die Wirklichkeit durch mannigfaltige Wahrheiten verunstaltet wurde.“ Mit dem Künstler Peter Meilchen arbeitete ich an einem Stück, das sich zwischen bildender Kunst, Theater und Performance bewegte. Die bisherigen Aufführungen bestätigten: Schland ist nicht nur ein Acker in Herdringen, auf dem Milchproduzenten umherlaufen, Schland ist überall. Es geht (ganz im Sinne Poe’s: „Man sieht es und sieht doch hindurch“.) um den Blick, das Sehen, die Kurzsichtigkeit. Im Gegensatz zum oft beliebigem High-Tech-Bilderschaschlik, wurde Schland mit einem scheinbar antiquierten Bildträger gedreht: Super 8 S/W-Material. Peter Meilchens Nachbearbeitung mit Tipp-Ex, Tinte, Farbstiften und das partielle Zerkratzen der Filmoberfläche kommentiert und verfremdet den Film zugleich. Genauso wie der Blick manipuliert wird, wurde die Tonspur bearbeitet. Wir hören als Continuum: Zikaden aus dem Mittelmeerraum, Kühe vom Niederrhein, Kuhglocken aus dem Zillertal und Unken aus dem Aquazoo. Die heile Welt als virtuelles Ereignis. (Anmerkung Se. S.: Hier klicken zum Ansehen und Anhören)

Textbasis: Neben Deinem Schaffen als Künstler arbeitest Du als Literaturpädagoge. Auch dort findet sich die Nähe zur Kunst, doch wie kann man sich die Arbeit eines Literaturpädagogen genau vorstellen?
A. J. Weigoni: Nach den Ergebnissen der „Pisa“-Studie fragt man sich, wie der Welt etwas hinzugefügt werden kann und die mediale „“Wirklichkeit aus zweiter Hand“ reflektiert werden sollte. Die Frage einer Sinnenschulung angesichts des unterstellten Erfahrungsverlustes durch permanenten Medienkonsum wirft viele verborgene Ratlosigkeiten auf. Mit literaturpädagogischen Kursen versuche ich die fluide Intelligenz abseits von Routinen zu schulen. Aus dem suchenden Gedankenspiel eines Navigierens in einem Raum der Möglichkeiten speist sich ein Lernen, das andauernd den Entwurf mit der Reflexion konfrontiert und das zwischen Nachdenklichkeit und Idee agiert. Kopf und Hand gehen eine Vermählung ein, wie es das Lernen nur selten zulässt, weil bekanntermassen das träge Wissen aus den Büchern meist nicht die nächste Lernkontrolle überdauert.

Textbasis: Was zeichnet erfolgreiche Literaturpädagogik aus?
A. J. Weigoni: Literaturpädagogische Vermittlungsarbeit vermittelt sich im Spannungsgeflecht eines Paradoxons: Sie muss die Rezeption mit Wissen um die Kunst ausstatten, und zugleich neben dieses Wissen treten, um im Hören und Erleben ästhetische Erfahrung zu ermöglichen. Auf diese Weise fördert die Literaturpädagogik die nach „Pisa“ stark gefragten Kompetenzen zum Verstehen einer komplexen Wirklichkeit, auch wenn ästhetische Bildung autonom ist, frei von kommerzieller Verwertung. Literaturpädagogik ist ein Synonym für das Probieren, das Erforschen, das Improvisieren und das Erfinden, sie schliesst die Jugendlichen mit dem künstlerischen Erfahrungspotenzial zusammen. Zugleich bindet sie die resultierenden Hörstücke aus dem suchenden Spiel an die Symbolwelten der Jugendlichen zurück und macht Jugendkulturen damit verständigungsfähig. Wichtig ist, dass man beim Lernen die Frustschwelle nach oben treibt. Medienkompetenz umfasst aus meiner Sicht vier Punkte: Medienkunde, Medienkritik, Mediennutzung und eigenständige Mediengestaltung.

Textbasis: Welche Rolle sprichst Du der Literatur demnach in der Erziehung zu?
A. J. Weigoni: Im Zeitalter der so genannten Neuen Medien erreicht man Kinder und Jugendliche schwer mit Büchern. Wir erleben einen zunehmenden kulturellen Analphebetismus, den auch die Indifferenz verursacht, zu der die modernen Vereinfältigungsmedien verleiten. User leben eine Kultur der Ungeduld. Sie wissen, wie man etwas findet, aber sie wissen eigentlich nicht, was sie finden möchten. Das Betriebssystem für die elektronischen Medien ist das Lesen. Das Betriebssystem für das Lesen ist die Sprachkompetenz. Das Betriebssystem für das Hören ist Aufmerksamkeit; eine knappe Ressource. Wer nicht hysterisch über Kunst und neue Medien sprechen will, braucht nicht in einen naiven Realismus zu verfallen. Es gibt auch dazu eine Alternative, die nicht minder rational ist: die medienarchäologisch genaue Analyse jener Änderungen der Wirklichkeit, die sich auf dem Weg von den einstigen Analogmedien wie Rundfunk oder Telefon zum Digitalmedium Computer ereignet haben.

Textbasis: Aus Deiner Feder stammen mittlerweile viele Verse und Zeilen. Dennoch deuten die „Prægnarien“ in die Richtung, in die schon die musikalisch begleitete Vertonung Deines Monodrams „Señora Nada“ wies: Die Öffnung und Verschmelzung der verschiedenen Künste für‑ und ineinander, mehr und mehr weg vom lediglich Gedruckten. Siehst Du darin eine Möglichkeit, der Poesie wieder mehr Gehör zu verschaffen?
A. J. Weigoni: Wenn man in die Mediengeschichte schaut, hat nie ein Medium ein anderes verdrängt, sie existieren alle noch, selbst die Schallplatte findet neue Liebhaber. In einer Welt, die von Globalisierung, Quotenabhängigkeit und Fusionen bestimmt wird, droht eine Nivellierung des Individuellen. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts bildet die Poesie als literarische Ausdrucksform einen Gegenpol zur mentalen Versteppung und vermittelt geistige Orientierung. Meine lyrischen Textkompressionen bieten die Möglichkeit, sich die Kodierungen der Nachrichten‑ und Informationskanäle, der Bild-, Ton‑ und Filmarchive in intensiver Textausdeutung zu erschliessen. Die Produktion „Señora Nada“, auf die Du hinweist, kommt in der klassischen Form eines Funkmonologs daher und fällt damit scheinbar klangästhetisch weit hinter die Arbeiten etwa eines Günter Eich zurück … ich bevorzuge es, durch Inhalte zu provozieren und nicht durch Dolby-Surround. Im digitalen Zeitalter geht der Schrift der Sinn und damit die Sinnlichkeit immer mehr verloren; so scheint es. Ich suche die Poesie im ältesten „Literaturclip“, den die Menschheit kennt: dem Gedicht.

Textbasis: Verrätst Du uns, welche weiteren Projekte Du vor diesem Hintergrund geplant hast und was uns von Dir zukünftig erwarten wird? Wird es eventuell auch wieder Literaturclips geben wie den ganz vorzüglichen „Schwebebahn“?
A. J. Weigoni: Es wird voraussichtlich in 2015 einen neuen Gedichtband geben, zumindest sind dann die 10 Jahre um, die ich brauche, um einen Band mit Lyrik zu vollenden. Und es ist wahrscheinlich, dass ich mit Tom Täger im Tonstudio an der Ruhr dieses Kompositum als nächstes Hörbuch aufnehmen werde. Lyrik ist die vitalste Form der Sprache. Inhärentes Programm des nächsten Buches wird es sein, die Sprache, die uns von der Welt trennt, durchlässig zu machen.

Textbasis: Zum Abschluss noch ein Frage, die sich auf Deine Expertise als erfahrenen Dichter und Literaturpädagogen bezieht. Hast Du einen Tipp, den Du jungen und angehenden Künstlerinnen und Künstlern geben kannst, um langfristig die Qualität der eigenen Arbeiten zu steigern, sich eventuell auch zu motivieren, in schwierigen Situationen weiterzumachen?
A. J. Weigoni: Zuerst und immerwieder: Lesen! Das ist die Basis von allem weiteren. Als Lyriker sollte man im 21. Jahrhundert nicht den Irrtum begehen, Poesie erschöpfe sich in der Etikettierung medial gefilterter Wirklichkeit. Zum Schreiben gehört Demut, ein Schriftsteller kann nicht leben, ohne zu schreiben – und ohne zu leben, kann er nicht schreiben. Die Sprache ist das Werkzeug des Schriftstellers und der Schriftsteller ist das Werkzeug der Sprache. Solange man als Schriftsteller seine Integrität bewahrt, ist alles in Ordnung. Wenn ich, um meine Integrität als Schriftsteller bewahren zu können, fremdbestimmt arbeiten muss, ist das ein Beitrag zur Sozialhygiene. Als vielseitig gescheiterte Persönlichkeit habe ich das Glück, mit geistig und körperlich behinderten Menschen arbeiten zu dürfen. Dies erlebe ich als Balance, einerseits kann ich mein künstlerisches Ich ausleben, andererseits meine Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft erfüllen. Haltung ist jedoch nicht die autonome Entscheidung des denkenden Subjekts, sondern immer auch Sache der medialen Vorgaben. Seit 1989 ergeben sich gesellschaftliche Fragestellungen, die einen kooperativen Arbeitsstil erfordern, bei dem man sich gegenseitig Hilfestellung leistet und nicht engste Rivalen‑ und Reviergrenzen aufbaut. Inzwischen nennt man dies Netzwerk.

Textbasis: Vielen Dank für Deine Antworten, Andrascz, ich freue mich, dass Du Zeit für die Teilnahme einräumen konntest. Gerade die Ausführungen zur Kombination von Poesie und Technik machen deutlich, dass sich die Dichtung nicht erschöpft in einem Nebenher zum Jetzt, sondern dass im Mittendrin, durch Anwendung und Bezugnahme, eine Poesie möglich ist, die über das Gedruckte und zu kurze Aufmerksamkeitsspannen hinausgeht, indem sie mehr einfordert und dafür mehr zurückgibt. – Wenn Sie mehr aus dem Schaffen A. J. Weigonis erleben möchten, bieten die folgenden Links reichlich Material: Eine wunderbare Arbeit, „Zur Sprache bringen“, die Kunst und Einfühlsamkeit gegenüber behinderten Menschen verbindet und so unsere Wahrnehmung herausfordert und dadurch erweitert, kann hier gehört werden. Ein Auszug aus dem erwähnten lyrischen Monodram „Señora Nada“ liegt hier vor.

PS: Wer von Ihnen ebenfalls Lust hat, einen seiner Texte, eines seiner Gedichte oder Lieder hier vorzustellen und ein paar Worte über sich zu sagen, folge mir mit seinem Blog, oder mache bitte auf andere Weise auf sich aufmerksam. Ich würde mich freuen, ein Zeichen von Ihnen zu erhalten.


[Kurze Schreibtipps #01] „Was ist das Geheimnis der Inquit-Formeln?“, posaunte es aus ihm heraus.

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

wieder einmal eröffnet auf dem textbasis.blog eine neue Kategorie, dieses Mal aus rein pragmatischen/zeitlichen Gründen. Denn nur ungern möchte ich mit der liebgewonnenen Tradition brechen, jeden Sonntag zumindest einen kurzen Beitrag zu veröffentlichen.

Lassen Sie uns dem ersten Schreibtipp einen erfundenen Dialog voranstellen:

Die Hasenprinzessin. Dialog aus einem verschollenen Märchen.

„Du bist ein Hase!“, brüllte er freudig zur Tür hereinstürmend.
„Nein … also ich bin doch nicht wirklich ein Hase, oder?“, entgegnete sie ihm irritiert und nachdenklich.
„Naja, kein richtiger Hoppel, aber doch mein Hase“, präzisierte er mit erhobenem Finger.
„Mit viel zu kurzen Ohren aber, also für Hasenverhältnisse“, gab sie ihm daraufhin lachend zu verstehen.
„Ja, die Aussage lasse ich gelten“, ließ er ihre Aussage bejahend gelten.

Irgendetwas passt hier nicht so richtig, und ich bin sicher, dass Sie dieses Gefühl ebenso deutlich beschleicht wie mich. Die direkte Rede ist es nicht, vielmehr sind es die Teile der Sätze, die uns verdeutlichen, welche Person gerade spricht: die sogenannten Inquit-Formeln (zum Beispiel: „… brüllte er …“).

Wenn Sie sich den Dialog noch einmal anschauen, erkennen Sie, dass die gesamte Szene eher einer losen Aneinanderreihung von Comic-Bildern gleicht als einem lebendigen Sprechen zwischen zwei Menschen.

Nun, keinesfalls soll hier mit dem erhobenen Zeigefinger gewedelt werden. Jeder schreibt seine eigenen Texte – und was bei der einen Autorin funktioniert, passt so gar nicht zum Stil eines anderen Autors. Dennoch gibt es Orientierungspunkte, die helfen können, beim Schreiben bewusst auf die eigenen Formulierungen zu achten.

Hauptüberlegung ist folgende: Inquit-Formeln dienen dazu, dem Leser zu verdeutlichen, wer spricht. Punkt. – Und das ist oft ganz klar erkennbar. Auf eine Frage beispielsweise folgt vom Gegenüber meist eine Antwort (und der Fragende wird nicht unerwartet weitersprechen). Der Sprecherwechsel wird im Buch meist durch Zeilenwechsel angezeigt. Auch das gibt dem Leser Anhaltspunkte; zudem sollten Charaktere durch ihre Sprache, die Wortwahl und Gewohnheiten ohnehin unterscheidbar sein.
Das heißt: Genau wie man Satzpunkte beim interessierten Lesen überliest (niemand denkt ständig: „Ah, jetzt beginnt eine neuer Satz … und jetzt wieder …), so überliest man auch Inquit-Formeln irgendwann, denn Sie dienen lediglich der Orientierung im Text.

Daraus folgt: Je auffälliger und ausgeschmückter Inquit-Formeln sind, umso stärker machen Sie auf sich aufmerksam. (Und manchmal werden sie auch absurd: „Ein kühles Bier zu Tisch 3, bitte“, jauchzte er vorfreudig schreiend und hysterisch glucksend dem Ober entgegen.“)

Diese hervorgehobene Verwendung der Inquit-Formeln ist dennoch keinesfalls per se etwas Negatives, aber sie ist etwas, das man sich bewusstmachen sollte beim Schreiben. Denn ausgehend von dieser Überlegung können Sie nun entscheiden: Möchte ich die Inquit-Formel bewusst betonen oder versuche ich, möglichst unauffällig, fließend zu schreiben?
Wenn Sie beim Verfassen auf diese Details achten, dann können Sie ganz leicht zu Texten gelangen, die durch Anwendung simpler Mittel und durch bewusstes Schreiben noch besser werden.

Abschließend eine mögliche Umformulierung des Ausgangsdialogs (da mitunter manch Lektor zu einer solchen geraten hätte):

Die Hasenprinzessin. Dialog aus einem verschollenen Märchen.

Große Schritte eilten durch den Flur und durchbrachen die Stille der Nacht. Näher und näher drangen sie ans Ohr der Geliebten. Und als sie ganz nah waren, drehte diese ihren Kopf und blickte sich um. Dort stand ihr Prinz, etwas außer Atem vom hastigen Steigen.
„Du bist ein Hase!“
Was sollte denn das wieder bedeuten? War er nur deswegen nächtens zu ihr geeilt, um ihr das zu sagen? Oder sollte sie sich wirklich … nein, das gab es doch in der echten Welt gar nicht. Dennoch befühlte sie etwas verlegen ihre Ohren und zog prüfend die Oberlippe ein bisschen nach oben, sodass sich das Weiß des Mondes auf ihren Zahnreihen brach.
„Nein … also ich bin doch nicht wirklich ein Hase, oder?“
Nun schien er ebenso irritiert wie sie. „Naja, kein richtiger Hoppel, aber doch mein Hase.“ –
„Mit viel zu kurzen Ohren aber“, hauchte sie verführerisch, „also für Hasenverhältnisse.“
Ihr Lächeln verwandelte sich in ein sinnliches Lachen, dann lag er neben ihr, fuhr ihr zärtlich durch das lockige Haar, welches ebenfalls den Schein der Luna einzufangen schien. Seine Wange schmiegte sich sanft an ihr Gesicht. „Ja, die Aussage lasse ich gelten.“
Danach löschte sie das kleine Lämpchen auf dem feinen Schrank neben ihrem Bette – und leider zog sogleich auch eine Schar dunkler Wolken vor des Mondes hellen Glanz und vertrieb den letzten Lichtrest aus dem Schlafgemach der Liebenden.


[Der lyrische Mittwoch, Folge 16] Hanna-Linn Hava – klagelied

wie lange tragen die beine
einer verlassenen braut?

Liebe Leserinnen, liebe Leser!

(Was könnte das Blogger-Herz mehr erfreuen, als die vielen lieben Menschen, die mithelfen, den Mittwoch auf dem textbasis.blog zu einem lyrischen Leckerbissen zu machen? Dieser Folge möchte ich einen großen Dank an all diejenigen vorausschicken, die regelmäßig mitlesen, kommentieren, denen die Beiträge gefallen, die mir intelligente E‑Mails zusenden und natürlich denen, die sich bereits sechzehn Mal die Zeit genommen haben, meine Fragen zu beantworten, und Ihre Texte zur Verfügung gestellt haben. Vielen herzlichen Dank!)

Diese Woche hat Hanna‑Linn Hava, Bloggerin, freie Autorin und Malerin, Zeit eingeräumt, damit wir ihr ein bisschen über die literarische Schulter und in ihre Gedanken schauen können. Hanna‑Linn ist „in der Fantasie zuhause“ und „in der Realität ein wenig fehl am Platz“, wie sie selbst schreibt. Sie wuchs in unmittelbarer Umgebung zur riesigen Privatbibliothek der Eltern auf, wurde vom Sog der Seiten angezogen und ließ sich schon früh darin treiben. Irgendwann kamen zum Lesen das Geschichtenerzählen und später das Studium der Freien Malerei hinzu. In 2009 belegte sie mit der Kurzgeschichte „Sein Name war Jonas“ den zweiten Platz des Würth‑Literaturpreises und erreichte die Aufnahme ihres Gedichtes „Als die Sätze verschwanden“ in die Jokers–Anthologie. Inzwischen schrieb sie ihren ersten Roman, „Schneewittchens Geister“, der bereits das Interesse eines Verlages gefunden hat, und veröffentlichte vor wenigen Tagen in Kleinstauflage ihren wertig ausgestatteten Lyrikband „Trotzigschön. Poesie aus anderswann“. Es ist mir eine Ehre, Ihnen heute ein Gedicht daraus vorstellen und Hanna‑Linn als Gast begrüßen zu dürfen.

In ihrem Gedicht „klagelied“ begegnen wir einem lyrischen Ich, das sich auf einer Reise befindet und dessen Gepäck aus den verschiedenen Facetten des Nichts und des Fehlens besteht. Mit schweren Koffern, stechenden Rosen im Arm und enttäuschten Beinen im Leerraum zwischen Boden und Schluchtabgang balancierend, begleiten wir das lyrisch Ich mit Strophen wie Schritten im Prozess des angestrengten Austarierens, begleiten es beim Versuch, Gleichgewicht zu halten zwischen Enttäuschung und Voranschreiten. Wie ein Regen, den der Wind mal schwächer, mal stärker ins Gesicht peitscht, fallen die Reime durch den Text, bis sie am Ende die Neigung gefährlich verlagern und als Diamanttropfen zu Boden schmelzen. In dieser Poesie des Verlorenen verwandelt sich innere Leere in Bilder von Realitätsresten, dort manifestiert sich Klage nicht im Weinerlichen, sondern im Bedrückenden kleiner Alltäglichkeiten –

klagelied

nichts in der hand außer sehnsucht
nichts im kopf außer rand und band
balanceakt auf der angstschlucht
mit dem rücken zur rostigen wand

nichts zu zahlen den teuren wegzoll
nichts zu essen für ein jahr
lieder gesungen in a-moll
ein versprechen, das keines war.

nichts im koffer nur steine
nichts am leib außer haut
wie lange tragen die beine
einer verlassenen braut?

nichts im arm außer rosen
nichts im haar, das ergraut
in töpfen erkaltete soßen
der diamantenschmuck taut.

Hanna-Linn Hava

Hanna-Linn Hava

Textbasis: Liebe Hanna‑Linn, vielen Dank, dass du heute am Lyrischen Mittwoch teilnimmst. Du schreibst, dass du zwischen Buchrückenwänden aufgewachsen bist. Wie hat dich das Lesen beeinflusst und welche Rolle spielt es auch heute noch für dich beim Verfassen von eigenen Texten?
Hanna‑Linn: (lächelt) Ich bedanke mich für die geschmeidige Einleitung zum „klagelied“, lieber Sebastian, und wende mich mit Vergnügen der ersten Frage zu, die ja dort ansetzt wo alles beginnt: in der Kindheit. In meinem Fall wurde damals tatsächlich die Liebe zum gedruckten Wort in all seiner Vielfalt gründlich eingepflanzt; inzwischen ist daraus ein derart tief verwurzeltes Geflecht erwachsen, dass es mein Leben ganz durchdringt.
Dabei ging ich, was die Buchauswahl betrifft, recht wahllos vor: Ich arbeitete mich eben durch alles, was ich kriegen konnte – zuerst die gesamte Kinderbuchauswahl, wie Michael Ende, Astrid Lindgren, aber auch Karl May oder Herr der Ringe, später in der Jugend, wie oft üblich, die deutschen Klassiker und die Existenzialisten, und noch später, und bis heute sehr gern, die amerikanischen Erzähler, wie John Irving. Aber genauso gibt es einiges an Fantasy-Literatur unter meiner aktuellen Lektüre, die oft zu Unrecht belächelt wird. Terry Pratchett zum Beispiel ist ein großartiger Erzähler. Diese Vielfalt prägte mich also insofern, dass ich, wie ich meine, erstens eine recht tolerante Haltung zur Literatur entwickelt habe – in jedem Genre gibt es Lesenswertes und auch Schlechtes – und zweitens gehe ich dadurch vor allem intuitiv an meine eigenen Texte heran. Ich mache mir nicht bewusst, auf was ich zurückgreife, wenn ich formuliere, oder warum ich jenen Stil bevorzuge. Literaturtheoretisch bin ich nämlich weniger belesen.
Wie ein Kind, das mit Pferden aufwächst: das lernt den Umgang mit den Tieren durch Erfahrung und das Tun ganz automatisch. Auch wenn dadurch nicht unbedingt ein guter Reiter daraus wird.
Habe ich gerade Bücher mit Pferden und das Schreiben mit dem Reiten verglichen? (lacht) Schnell zur nächsten Frage!

Textbasis: Würdest du also den Weg hin zum fertigen Text als ein findiges Suchen oder ein aufmerksames Warten beschreiben? Was bedarf der Inspiration, was der Planung?
Hanna‑Linn: (überlegt kurz) Auch wenn ich gerade deutlich feststellte, dass ich vom Gefühl geleitet schreibe, was ja also das Finden im riesigen Speicher des Unbewussten bedeutet, so muss ich auch dem Prozess des Suchens einige Wichtigkeit einräumen. Das eine bedingt das andere: Weder die reine, freie Inspiration, noch die totale, intellektuelle Planung ergeben ein rundes Ganzes. Oft ist es so, dass einfaches, nicht mal allzu aufmerksames Warten genügt, um von einer fantastischen Idee oder einem besonderen Bild oder auch nur einem hinreißenden Satz gefunden zu werden. Das ist dann die Muse, die manchmal und so unberechenbar küsst.
Aber um daraus dann einen abgeschlossenen Text zu schaffen, sei es eine Kurzgeschichte, ein Gedicht, bedarf es – und das betone ich nachdrücklich – dem bewussten Suchen, dem Handwerk und auch, jawohl, der Disziplin.
Wie schön wäre es, wenn man einfach müßig warten dürfte, bis man, erfüllt von feuriger Inspiration, seitenweise Meisterschaftliches schaffen würde!
Aber oft kamen die besten, wie ich finde, meiner Werke zustande, nachdem ich mich stundenlang an einer Stelle quälte, die nicht so werden wollte, wie sie sollte – und durch pure Hartnäckigkeit dann doch noch wurde.

Textbasis: Bevor wir uns weiter vorwagen, und ein bisschen mehr ins Detail gehen, eine Frage noch, die sich ganz dem „normalen Leben“ zuwendet. Wie verbindest du Alltag und Schreibarbeit miteinander, und warum lohnt es sich, diese Mühen auf sich zu nehmen?
Hanna‑Linn: Es lohnt sich nicht nur, diese Mühen auf sich zu nehmen, es ist eine Voraussetzung dafür, dass beides funktioniert. Das ist ein wichtiger Punkt, den du hiermit ansprichst, und der einiges aus der letzten Frage aufgreift: Genauso, wie Inspiration und Disziplin sich verbinden müssen, um ein schönes Kind zu bekommen – das war jetzt wieder ein zu bildlicher Vergleich, stellt euch das bitte nicht allzu genau vor (lacht) – genauso schließen sich die alltägliche und die künstlerische Welt nicht gegenseitig aus, sondern bedingen sich.
Als Künstler kann man sich durchaus schnell von der Realität entfernen, wenn man für sich alleine sich nur seinen Werken und Innenwelten widmet. Ein gewisser Rückzug ist ja auch nötig, um die Ruhe und Konzentration zu erlangen, die man dringend braucht, um sich intensiv und produktiv mit einem Projekt zu beschäftigen – ob in der Malerei oder Literatur. Es ist also nichts dagegen einzuwenden, einmal für einige Wochen in eine einsame Hütte zu verschwinden.
Aber das kreative Schaffen speist sich auch aus dem Alltag – ohne Alltag, ohne Erfahrungen, ohne Leben: die inneren Welten trocknen aus, versiegen. Der Künstler kreist nur noch um sich selbst.
Wenn ich bis tief hinein in die Nacht eifrig an einer Arbeit gesessen habe, und am nächsten Morgen um sechs Uhr klingelt der Wecker – dann fluche ich, sicher. Aber ich bin auch froh, dass mein Alltag mich dazu zwingt, mich in der Realität zu verwurzeln und einen Rhythmus zu finden.

Textbasis: Kommt daher auch ein bisschen dein Wunsch nach künstlerischer Freiheit und Zwanglosigkeit?
Hanna‑Linn: (seufzt) Oh, gewiss: Wenn ich einen Wunsch frei hätte, dann wäre das ein Leben ohne jegliche materielle Einschränkungen, das es mir erlauben würde, nur noch und ausschließlich ein Künstlerleben zu führen. Allerdings war ich schon immer jemand, der sich gesellschaftlichen Zwängen gern und konsequent entzogen hat. Ich habe mir sehr viele Freiheiten genommen und recht unkonventionelle Entscheidungen getroffen – nur um hin und wieder festzustellen, manchmal auch durchaus schmerzhaft, dass das, was mir zuerst als weite Freiheit erschien, dann doch überraschenderweise mit Regeln und Beschränkungen aufwartete.
Inzwischen glaube ich nicht mehr an den Segen der Zwanglosigkeit, wie ich ja bereits zuvor erläuterte.
Allerdings (seufzt nochmal tief) wünsche ich diese ganzen stupiden Verpflichtungen, zu denen der Alltag uns zwingt, oft genug und aus vollem Herzen zum Teufel. Aber wer tut das nicht?

Textbasis: Wie harmoniert dieser Wunsch nach freier Kunst mit deiner bewussten Zuwendung zum Reim und der Wahl eher traditioneller Strophen‑  und Gedichtformen? Oder löst sich diese Diskrepanz auf im hüpfenden Versmaß?
Hanna–Linn: (lacht) Ja, das hüpfende Versmaß, das löst alle Anspannungen vergnüglich auf! Dabei sehe ich den tradionellen Reim nicht als Widerspruch zur freien Lyrik. Letzendlich ist der Reim nichts anderes als ein Kleid; darin kann eine bereits tausendmal gesehene Plastikpuppe stecken, die uns langweilt, oder ein spannend unbekanntes, lebendiges Wesen, welches wir kennenlernen möchten.
Ich persönlich nutze den Reim aus verschiedenen Gründen: Zum einen ködert mich einfach der Klang, die Musik, die entsteht, wenn Worte sich reimen. Zum anderen sind meine Gedichte oft voller altmodischer Bilder: voller Rosen, Jünglinge, Schicksale und Tod. Ich erwähnte mal vor Kurzem den Begriff Neoromantik, nicht ganz ernst gemeint, aber so ein wenig die Atmosphäre beschreibend, die mir vorschwebt. Dafür erlaube ich mir zum Beispiel die Freiheit, alles, auch alle Substantive, kleinzuschreiben – weil ich denke, dass in einem Gedicht die Wörter alle gleichberechtigt sind und sogar ein und eine wichtige Bedeutung hat, ganz anders als in längeren Prosatexten. Wobei das jetzt ein anderes Thema wäre.
Außerdem erscheint es mir schon eher wie ein Zwang, dass Reime nicht mehr salonfähig sind in der modernen Lyrik. Vielleicht will ich beweisen, dass ein Reim immer noch mehr sein kann als kunstloser Kitsch. Ob mir das gelingt, mögen andere beurteilen. Vielleicht, ganz vielleicht, will ich auch ein wenig damit provozieren. (grinst) Du hattest sicher doch damit recht, Sebastian, dass ich bei aller später im Leben erlangten Vernunft, immer noch der Zwanglosigkeit zugewogen bin und starre Regeln nicht akzeptieren will!
Und: Wie man ein gereimtes Gedicht liest, ist von höchster Wichtigkeit! So gesprochen, wie man es in der Schule vorträgt, mit der Betonung immer auf den letzten Silben, also dem Reim, so gesprochen klingt selbst Goethe blöde.

Textbasis: Wahr gesprochen … Nun ist vor ein paar Tagen dein neuer Lyrikband „Trotzigschön. Poesie aus anderswann“ erschienen, zu dem ich dir herzlich gratuliere. Wie lange hast du an ihm geschrieben und was hast du für die Zukunft geplant?
Hanna‑Linn: Die Verwirklichung von „Trotzigschön“ entsprang dem Wunsch, eine Auswahl der gesammelten Gedichte in einer schönen Form zusammenzufassen; aus einer losen Sammlung also ein wirkliches, in sich geschlossenes und fassbares Werk zu machen.
Daran geschrieben habe ich so ungefähr die letzten drei Jahre – also immer dann, wenn ich mich mit meinem Romanmanuskript irgendwo verrannt hatte, aber trotzdem noch voller Wörter und Bilder war. Es ist so befriedigend, ein Gedicht innerhalb eines Tages zu beenden, während sich die Fertigstellung eines Romans so endlos hinzieht. Damit bin ich schon bei meinen weiteren Plänen: Als erstes die Veröffentlichung von „Schneewittchens Geister“. Zweitens durch genügend Interesse der Leser für „Schneewittchens Geister“ ausreichend Geld zu verdienen, um einen zweiten Roman zu schreiben, und auch, um mich ausschließlich dem Schreiben dieses Romans widmen zu dürfen.
Wenig originell, ich weiß. Aber wenn es funktioniert, und ich endlich in meiner alten Villa mit Park und Atelier und so weiter lebe, dann, Leute, werde ich dort die schicksten literarischen Salons abhalten, versprochen! (winkt fröhlich in die Runde)

Textbasis: Auf diese literarischen Salons freue ich mich, sag auf jeden Fall Bescheid, wenn es soweit ist – ich bin mir sicher, dass wir mit großem Gefolge einrücken werden. Aber noch rasch zur letzten Frage. Stellen wir uns vor, die Literatur wäre eine Uhr mit nur einem Zeiger, dem Gedicht. Welchen Takt schlüge dieser Zeiger?
Hanna‑Linn:

Die Lyrik ist die blaue Stunde auf dem Ziffernblatt der Literatur.

die poesie erwacht zur dämmerstunde
ein glockenschlag erklingt gedämpft und tief
der zeiger zittert stumm in seiner runde
die zarte nacht ists, die zum wortgespiele rief.

Textbasis: Mit diesen schönen Versen gleitet es sich ja fast widerstandslos hinein ins Ende dieser gutgelaunten und interessanten Folge des Lyrischen Mittwochs. Ich freue mich, dass du so offen und froh aus dem Schreibstübchen geplaudert hast, und natürlich über die Kostprobe aus „Trotzigschön“. Deinem Romanprojekt wünsche ich, dass es die Kraft haben werde, dir mehr als nur eine Villa zu bescheren, und dass es die literarischen Salons ermöglichen möge, in denen wir uns schon bald wiedertreffen wollen. Es hat mir großen Spaß gemacht, deine Antworten zu lesen, und ich wünsche dir für alle kommenden Schreibarbeiten gute Finger und flinke Ideen. — Möchten Sie nach diesem Ausflug in die Buchstabenwelt von Hanna‑Linn Hava auch noch ein bisschen in der „Poesie von anderswann“ verweilen? Dann ziehen Sie den Versfüßen Verssocken über und tapsen sie zum Blog der Autorin, auf welchem Sie viele weitere verdichtete Gedanken und auch ein paar sehr anregende Reflexionen über das Schreiben finden. Verssockenträger, hier entlang: Hanna‑Linn Hava.