[Der lyrische Mittwoch, Folge 14] Matthias Engels – In Armstrongs Aufzeichnungen keine Engel

in einem waldstück fraß ein bär
behutsam früchte von einem busch.

Warum erscheint uns das Normale fremd? Dieser Frage wird in der heutigen Folge des lyrischen Mittwochs ein bisschen nachgefühlt werden. Ich heiße Sie dazu herzlich willkommen! Begrüßen Sie bitte gemeinsam mit mir Matthias Engels, von welchem auch die beiden einleitenden Verse stammen. Matthias lebt mit seiner Familie in Westfalen und schreibt Gedichte seit er 15 ist. Schon mehrere Romane und zwei Gedichtbände wurden inzwischen veröffentlicht: Springprozession (2011) und in Versen In Armstrongs Aufzeichnungen keine Engel (2012). Matthias arbeitet als Sortimentsbuchhändler, betreut kulturelle Projekte, ist tätig als Herausgeber und Referent für Literatur – und heute ist er Gast im lyrischen Mittwoch, worüber ich mich besonders freue.

Das Titelgedicht des aktuellen Gedichtbandes ist wie das giftige Fauchen einer Katze, übersetzt in das Schnurren eines Löwen: es ist relativ. Wie sonst ist es möglich, dass uns der fressende Bär im Waldstück so seltsam, seltsam vertraut, anmutet? In Matthias’ Gedicht wird der Blick ausgeworfen; dahin, wo wir nicht mehr hinschauen, beispielsweise zu Bahnschranken, die mit jedem Auf und Nieder Leben retten. Für alle ist alles gleichgültig und in dieser umfassenden Gleichgültigkeit kann für das Gewöhnliche kein Platz mehr sein. Eingepackt in Sensationen, reicht uns als Sinn des Lebens nicht mehr der „sherry zur suppe“. Die Antwort ist: Schweigen überall, wenn man nur an der richtigen Stelle horcht. Langsam aus dem Gewöhnlichen herausevolutionieren wie die Fische aus den Netzmaschen. Und am traurigen Ende stellen wir fest, dass das Außergewöhnlichste, auf das wir die ganze Zeit noch gewartet hatten, nicht lediglich vergessen wurde, es existierte nicht – und das hat auch Armstrong sehen müssen, egal von wie weit draußen er schaute. Denn unten ist alles beim Alten –

In Armstrongs Aufzeichnungen keine Engel

I

an der ecke gehen die schranken runter,
aber davon steht nichts in der zeitung.
sie gehen wieder hoch,
aber nichts kommt darüber im radio.
im zug sitzt ein stigmatisierter,
aber das interessiert zum beispiel
die steine im gleisbett wenig.
etwas prallt an die scheibe,
der umriss auf der netzhaut sagt: vogel,
ohne spezifikation: vogel,
aber das interessiert zum beispiel
die gartengruppe gar nicht.

II

tägliches existenzfragen-voodoo
kein suchergebnis für Ihre anfrage: -Ich-.
im fernsehen: ein special über fallenden schnee.
eilmeldungen als schriftband: nichts passiert.
heute-nachrichten:
weltweit wurde geatmet,
alte männer starben natürliche tode in betten.
paare zeugten kinder.
in einem waldstück fraß ein bär
behutsam früchte von einem busch.
das im spiegel bist du.

III

in einem labor entsteht eine neue waffe,
aber das interessiert zum beispiel die paarhufer wenig.
die lottozahlen werden gezogen,
aber der brahmaputra fließt weiter.
sherry zur suppe!, sagt der zen-meister
auf die frage nach der letzten wahrheit.
der gorilla sitzt glücklich lächelnd
an der ameisenstraße während die bäume fallen,
die schöpferkraft edisons ist ein gottesbeweis,
die energiesparlampe aber nicht.

IV

im meer schrumpfen sich fische
durch netzmaschen,
vögel imitieren mobiltelefone.
eine stadtamsel versteht keine landamsel
und die haut des eisbären ist schwarz.
10 jahre arbeit für ein stück ton,
das am ende aussieht wie kreidezeit.
baal und beelzebub lesen sich aus der bibel vor,
aber in armstrongs aufzeichnungen keine engel.

Matthias Engels

Matthias Engels

Textbasis: Hallo Matthias, ich freue mich, dass du heute am lyrischen Mittwoch teilnimmst. Bevor wir auf dein Gedicht und das vermeintlich allzu Normale zu sprechen kommen, eine etwas allgemeinere Frage. Du schreibst Prosa und Gedichte, in welchem Verhältnis stehen beide Formen für dich, was zieht dich in die eine und was in die andere Richtung?
Matthias Engels: Hallo und danke für die Einladung. Prosa und Lyrik sind wirklich zwei sehr unterschiedliche Gattungen – bei denen es zwar Überschneidungen und Berührungspunkte gibt, die sich aber für mich, was die Arbeitsweise angeht, fast konträr gegenüberstehen. Bei den Gedichten entsteht ein Text über ein Wort, eine einzelne Wendung, Parallelen in ganz unterschiedlichen Wortfeldern. Mir fällt ein Wort zu, ein anderes gesellt sich dazu, drei weitere fallen mir ein, und dann wird es mehr und die Frage nach der Form, der Struktur stellt sich, die dem Material die größtmögliche Wirkungsfreiheit lässt, es aber dennoch miteinander verbindet. In der Prosa ist es fast genau anders herum. Hier entzündet sich ein Text, zumindest ein klassischer, am Fetzen einer Geschichte, einem Umstand oder einfach der plötzlich präsenten Stimme einer Figur. Die Romanform bietet zwar auch Freiheiten, ist aber, was ihre Zutaten angeht, stärker eingeschränkt als die Lyrik. Man sucht hier eher eine passende Sprache, passende Worte für seine Geschichte, während in der Lyrik oft die Sprache selbst der „Leistungsträger“ ist. Bei mir gibt es Phasen, in denen nur das eine oder das andere geht; zuletzt entstand meine Lyrik aber neben einem großen Roman, sozusagen als Warmschreiben und auch als Abschalten des kalkulierenden Erzählers zugunsten des Wortklaubers.

Textbasis: Wenn also für dich besonders Situation und Intuition eine Rolle spielen, damit überhaupt Texte entstehen, würdest du dann sagen, dass es noch bestimmte Inhalte gibt, jetzt einmal ganz unabhängig von der Textlänge, die nur in Versen oder nur in Sätzen funktionieren?
Matthias Engels: Die Nähe der Lyrik zur Prosa ist ja heute sehr groß. Oftmals, und das sind nicht die gelungensten Gedichte, erscheint Lyrik nur als „Prosa mit Zeilenumbruch“. Es sind vielleicht nicht unbedingt die Inhalte – bei Lyrik ist das ja sowieso oft schwierig: zu sagen, was der Inhalt ist –, es ist eher die Haltung. Ich würde schon sagen, dass man zum Beispiel über Pflaumen im Kühlschrank oder ein treibendes Messer im Spülwasser sowohl ein Gedicht, als auch einen Prosatext schreiben kann (für beides gibt es Beispiele), aber die Ergebnisse werden sehr unterschiedlich ausfallen. Wenn ich etwa das Thema „Vergeblichkeit“ in einem Prosatext darstellen möchte, werde ich es über eine Geschichte tun. Das geht begrenzt auch im Gedicht, aber die Lyrik böte auch die Möglichkeit, es allein anhand einzelner Worte und Wortgruppen zu illustrieren, die die gewünschte Atmosphäre transportieren und dazu vielleicht noch aus einem völlig unerwarteten Sprachbereich stammen.

Textbasis: In unserer E-Mail-Korrespondenz erwähntest du, dass du mit deinen Gedichten den „Spagat zwischen Moderne und Lesbarkeit“ schaffen willst. Klingt darin eher Vorwurf oder Feststellung mit?
Matthias Engels: Damit wir uns an da richtig verstehen: Ich begrüße alle Strömungen der modernen Lyrik – auch die totale Hermetik, Syntaxzertrümmerung und Einbeziehung von technischen und Hipster-Begriffen haben alle ihre Berechtigung und sind zum Teil ja auch nicht wirklich neu. Ich persönlich – und da gehe ich wahrscheinlich mit vielen Lesern konform – mag es aber, wenn mir ein Gedicht beim ersten Lesen nicht ungefähr so verschlossen bleibt, als wäre es in Urdu geschrieben. Es ist sicher oft zu Unrecht, dass die Leute sagen: „Mit Lyrik kann ich nix anfangen“, aber in manchen Fällen – und da ist es jetzt wirklich Kritik – scheint es, als wolle der Lyriker sein Publikum bewusst einschränken, nicht reinlassen, und das finde ich dann eher nicht so gut. Es gibt heute eine sehr kleine Zahl von Lyrikern, die überhaupt wahrgenommen werden und diese bilden einen Zirkel, der sich sehr stark abgrenzt, ja: abgrenzen muss, eben weil es so viele Leute gibt, die Gedichte schreiben oder die meinen, es zu tun. Man glaubt ja nicht, wie viele klassisch gereimte und strukturell im 19. Jahrhundert steckengebliebene Texte man in irgendwelchen „Dichterforen“ findet. Dann noch die unzähligen Gedichtbände im Selbstverlag, die alle so eine Art Geschenkbuchmarkt bedienen. Die breite Masse nimmt das dann also als Lyrik wahr und wirft alles in diesen einen Topf. Dass die moderne Avantgarde dann einen ultra-coolen, distanzierten und fast technischen Blick auf die Welt an den Tag legen muss, um sich abzugrenzen, ist verständlich. Ich bin schon kritisiert worden, weil ich ab und an die Worte Herz benutze und Glück und Traum. Im Moment ist es etwas verpönt, so etwas zu schreiben, weil es eben nach Lieschen Müllers Gedichten aus der Gartenlaube riecht. Und da kommen wir dann zum Spagat. Muss denn ein Gedicht, das Herz sagt, zwangsläufig uncool und unmodern sein? Auf diesem Grenzstreifen treibe ich mich so rum: meine Gedichte sind zu kitschig für die Avantgarde und für den Kitschmarkt zu Avantgarde, glaube ich. In meinem Fall hat Lyrik auch mit Klang und Gefühl zu tun und nicht nur mit Analytik und der Anwendung postmoderner Techniken. Das ist wohl mein Manko, in den Augen einiger. Ich staune immer, wenn Leser sagen, meine Texte seien so schwer zu verstehen. Ich erkläre dann, dass es für die „echten“ modernen Lyriker vermutlich Kindergarten-Texte aus dem Poesiealbum sind. Ein wenig empfinde ich diese enorme Diskrepanz zwischen Schreibern und Publikum als tragisch.

Textbasis: Dass sich Lyrik „lesen lassen“ soll, heißt ja dann auch, dass man sie verstehen können muss. „In Armstrongs Aufzeichnungen keine Engel“ bietet in dieser Hinsicht Bilder, die so vertraut anmuten, dass allein ihre Verwendung im Gedicht sie hervorhebt. Denn hinter den „Schranken“ aus den ersten Versen verstecken sich ja nicht nur die mechanischen Bewegungen eines zyklischen Auf und Ab, sondern es versteckt sich darin auch, zumindest in meiner Auslegung, ein Sinnbild für das Vergessenwerden. Ist es das, was das Lyrische auszeichnet: der Blick hinter das Offenkundige des Normalen?
Matthias Engels: „Verstehen“ ist immer so ein Begriff, was Lyrik betrifft. Ich würde sagen: Wenn der Text dem Leser etwas sagt, dann ist er gelungen – es geht nicht zwingend darum, was er ihm sagt. Lyrik ist interpretationsoffen und die Vermittlung einer einzigen richtigen Aussage ist nicht ihr Hauptanliegen. Was „Armstrong“ konkret angeht, macht es in meinen Augen die Mischung: „der Blick hinter das Offenkundige des Normalen“ ist schon einmal eine Komponente. So viel ist „normal“, als unverrückbar festgeschrieben und somit der Wahrnehmung schon fast nicht mehr wert. Das sollte man überdenken. Manchmal steckt mehr dahinter. Manches Profane verbirgt etwas. Im Fall der Schranken will ich in diese selbst gar nicht zu viel hineininterpretieren; hier geht es mehr um den Fakt, dass man diesen reibungslosen Ablauf der Dinge nicht mehr wahrnimmt, darum, dass es, wenn die Schranken runtergehen, nicht zwangsläufig heißt, dass sie auch wieder raufgehen. Soviel kann in dieser Minute passieren. Wir nehmen unser normales, alltägliches Leben als selbstverständlich und sind uns nicht bewusst, dass zwischen „Schranke rauf“ und „Schranke runter“ uns Herztod oder Terror ereilen können, dem Nebenmann am Bahnsteig gerade der Krebs den Leib zerfrisst, oder einer vor uns aussteigt, der gerade auf dem Weg zu einem Amoklauf oder zum ersten Treffen mit seiner großen Liebe ist. Hier ist die nächste Zeile im Text wichtig. Die Schranken sind profan, aber: „im zug sitzt ein stigmatisierter“ – würden wir es wahrnehmen, wenn ein in irgendeiner Form besonderer Mensch neben uns im Abteil säße oder wären wir zu abgestumpft dazu? Die Mischung, wie gesagt: In all dem Kleinen schlummert eventuell etwas Großes, aber in all den großen Sensationen und Katastrophen, die oft eigentlich Banalitäten sind, geht es unter. Als Beispiel: Wen interessiert schon wirklich das Baby von Kate und Prinz William? Dennoch nimmt es weitaus mehr Platz in unserm Leben ein, als eigentlich angemessen wäre. Andere Dinge, die uns angehen sollten, die Schönheit enthalten, werden in den Medien nicht einmal erwähnt. Der Bär zum Beispiel, der Früchte vom Busch frisst. All das passiert parallel in dieser modernen Welt, aber unsere Wahrnehmung davon ist leider sehr stark selektiert. Ich hätte es gern einmal, dass die Nachrichten verkünden, dass nichts passiert ist, dass alles ruhig ist, dass alles normal und nicht kranke Sensation ist.

Textbasis: Nach diesen theoretischen Überlegungen vielleicht eine etwas lebensweltlichere Frage: Was motiviert dich und wo findest du Ideen für deine Bücher und Gedichte?
Matthias Engels: Ich weiß es nicht. Das ist die einzige ehrliche Antwort. Ich weiß nicht, warum ich schreibe, und wer das eindeutig zu beantworten weiß, der lügt in meinen Augen. Das Schreiben, wenn man es nicht wirklich professionell mit einem ertragsorientierten Plan anfängt, gleicht ja dem Klingeln mit Glöckchen oder dem Aufbauen und Umstürzen von Bauklötzchen: gesellschaftliche Relevanz hat es nicht mehr, die Leser werden immer weniger, es heilt auch keine Krankheiten. Die Motivation, der Grund, warum man sich nutzlos fühlt, wenn man mal kein Manuskript in Arbeit hat, muss also irgendwo in einem selbst liegen. Geltungsdrang? – Da sollte einem klar sein, dass jeder drittklassige Soap-Schauspieler mehr Fans und Facebook-Freunde hat als ein noch so erfolgreicher Autor. Da böte sich dann eher eine Karriere als Fußballprofi oder Prominenten-Gattin an. Nein, ich merke, dass ich das Schreiben brauche, um mir meiner Sicht der Dinge etwas bewusster zu werden. In das Schreiben fließen meine Verwirrungen und meine Fragen. Natürlich gibt es Stoffe und Themen, die mich offensichtlich nicht loslassen und immer wieder auftauchen. Das scheinen dann wohl die Themen meines Lebens zu sein: Liebe, Familie, menschliches Miteinander. Politik dagegen oder wirtschaftliche Zusammenhänge interessieren mich als Zeitgenossen, aber nicht wirklich als Autor. Meine Geschichten kommen irgendwoher. Ich stoße auf einen Sachverhalt und habe schlagartig das Gefühl, dass er ein toller Ausgangspunkt für etwas wäre. Meine Gedichte, wie gesagt, kommen aus der Sprache selbst: ein Wort, eine Wendung. Neulich lief ich eine Woche lang mit dem Wort Luftbrücke umher. In der Prosa wäre der Begriff klar: Berlin, die Alliierten, Rosinenbomber et cetera. Lyrisch aber sieht das Wort ganz anders aus: eine Brücke aus Luft, über die Luft, in der Luft – ein paradoxes, aber schönes Bild. Dann kamen die Luft-linie dazu und der Luft-raum. Ergänzt mit der Bedeutung von Luft-nummer oder Luft-buchung wird das Ganze dann auch noch etwas kritisch erweitert zu etwas Nichtigem, nur Vorgetäuschtem – so entsteht Lyrik manchmal, wobei das Endergebnis, das letztlich aus diesem Begriff hervorging, ganz, ganz anders ausgefallen ist, als ich es anfangs gedacht hatte.

Textbasis: Gibt es da nicht einen Punkt, gerade beim Verfassen von Gedichten, an dem man sich fragt: Wozu noch Verse schreiben, wenn es eigentlich keinen richtigen Markt gibt? Oder eröffnet das eher Möglichkeiten?
Matthias Engels: In dem Moment, in dem ich ein Gedicht bearbeite, gibt es nichts anderes – kein Text auf dieser Welt ist gerade interessanter und wichtiger als dieser. Da denkt man nicht an den Markt. Generell ist es aber natürlich schon so, dass man weiß: es ist eigentlich unsinnig. Aber das Unsinnige – Karaoke singen, Billard spielen, Karneval – kann ja mitunter großen Spaß machen und für den ein oder anderen sogar zum wichtigen Lebensbestandteil werden. Es ist nicht so, dass ich keinen Ehrgeiz diesbezüglich hätte: man freut sich, wenn ein Gedicht in einer Zeitschrift oder einer Anthologie gedruckt wird. Man ist stolz auf positives Feedback wie dies hier gerade! Dass es einem kein Geld bringt, ist aber schnell klar. Es ist ja auch paradox, dass diese meines Erachtens intensivste und intimste Auseinandersetzung mit sich und dem Wort diejenige mit der geringsten Beachtung von außen ist – aber, wie du sagst: es eröffnet auch Möglichkeiten. Man ist nicht gezwungen, jedes Jahr einen neuen Gedichtband auf den Markt zu schmeißen, um sich sein Publikum zu erhalten – es gibt ja in der Regel kein nennenswertes! Man kann in allen Formen und Themen wildern, ohne auf Marktgängigkeit zu schielen. Man ist im besten Sinne für sich und keinen Regeln unterworfen. Man kann in aller Ruhe sein Programm, seinen eigenen Anspruch finden, ausbilden und umsetzen. Wenn die ein oder andere Veröffentlichung dabei rausspringt – schön! Aber darauf bauen, um seinen Lebensunterhalt oder seinen Wert für die Gesellschaft und die Menschheit darauf zu begründen, sollte man tunlich nicht. Dann eröffnet es Möglichkeiten.

Textbasis: Diese Umkehrung – weg vom Markt hin zur Möglichkeit – gefällt mir sehr gut. Zum Abschluss vielleicht ein kleiner Ausblick: Wo wird deine literarische Reise hingehen, sind schon neue Ziele angepeilt? Was hilft dir beim Weitermachen, und welchen Tipp hast du eventuell für junge und angehende Autorinnen und Autoren?
Matthias Engels: Meine literarische Reise? Passt gut, denn ich habe eben einen großen Roman fertiggestellt, der jetzt bei einigen Verlagen liegt. Und darin geht es um das Reisen – oder besser gesagt: die Reisen zweier realer Größen der Literaturgeschichte, die den Anstoß zu dem Text gaben. Oscar Wilde und Knut Hamsun: zwei Autoren, die charakterlich unterschiedlicher kaum sein können, waren im Jahre 1882 parallel in den USA unterwegs. Wilde als gefeierter Vortragskünstler, Hamsun als armer Emigrant auf der Suche nach dem Glück. Auch in ihrem weiteren Leben verbanden sie einige unerwartete Parallelen, auf die ich längst hätte stoßen können, da beide Autoren seit Jahren zu meinen Säulenheiligen gehören. Aber wie Schuppen von den Augen fiel es mir erst vor zwei Jahren. Die Umsetzung zweier realer Personen als Romanfiguren erforderte natürlich eine Menge Recherche und Einfühlungsvermögen. Ich schrieb in meinem Blog ein kleines Werkstatt-Tagebuch darüber. Im Moment gibt es folglich nichts, was wichtiger wäre, als diesen Roman endlich gedruckt zu sehen. Es ist mein bisher umfangreichster und meines Erachtens auch bester. Darin ist alles enthalten, was mich interessiert und was ich bis zum jetzigen Zeitpunkt literarisch vermag. Das Weitermachen ergibt sich immer irgendwie von allein. Ich habe schon nach meinem ersten Buch gedacht: „So, jetzt hast du nichts mehr zu erzählen.“ Aber innerhalb eines Jahres war das zweite draußen. Ich dachte auch nach der Fertigstellung meines Gedichtbandes In Armstrongs Aufzeichnungen keine Engel: „So, das war’s jetzt, mehr Gedichte wirst du nicht mehr schreiben.“ Aber seitdem sind fast so viele neue entstanden, wie der Band enthält, für den ich jahrelang gesammelt habe.
Ich kann jungen Autoren kaum Ratschläge geben, denke ich. Schreiben, Schreiben, Schreiben vielleicht. Unter allen Bedingungen und Umständen. Nicht auf den Markt gucken, auch mal bewusst was für die Schublade machen, in dem Wissen, dass es sie nie verlassen wird. Nichts erzwingen und sich nicht zu stark daran klammern als Existenzberechtigung. Weiterhin noch: Lesen und !Leben!, denn Literatur – Lyrik wie Prosa – speist sich immer aus Erfahrungen.

Textbasis: Es scheint mir der Hinweis auf die Kombination von Leben, Lesen und Schreiben überaus wichtig, um zu erkennen, dass die Qualität der eigenen Texte sehr schnell kippen kann, wenn sich die Balance ungünstig verlagert. Aus dieser Überlegung kann jeder Reifung erlangen! Vielen Dank für deine ausführlichen Antworten, Matthias. Ich denke, dass auch diese Woche wieder viele spannende Aspekte angeschnitten und abgedeckt werden konnten, die sonst hinter den Worten zurückbleiben. Ich wünsche dir für deinen aktuellen Roman und die Zukunft alles Gute und weiterhin einen so treffsicheren Sinn für unaufgeregte, starke Bilder (dieser Bär will mich einfach nicht verlassen …) – Und damit Sie sich im Anschluss noch ein paar schöne Gedichtzeilen vorsagen können, empfehle ich einen Blick auf die Webseite und den Blog des Autors, auf denen Sie Informationen zu aktuellen Veröffentlichungen sowie umfangreiche Leseproben finden. Also schweben Sie noch ein bisschen …

PS: Wer von Ihnen ebenfalls Lust hat, einen seiner Texte, eines seiner Gedichte oder Lieder hier vorzustellen und ein paar Worte über sich zu sagen, folge mir mit seinem Blog, oder mache auf andere Weise auf sich aufmerksam. Ich würde mich freuen, ein Zeichen von Ihnen zu erhalten.

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Über Sebastian Schmidt

Ich arbeite als freier Lektor (www.lektorat-textbasis.de) und mag gute Bücher. Vor meiner freiberuflichen Tätigkeit habe ich Germanistik und Philosophie studiert (M. A.) sowie als Bibliotheksangestellter gearbeitet. Neben der Zusammenarbeit mit Autoren und Verlagen liebe ich die Musik. Blogadresse: textbasis.wordpress.com Zeige alle Beiträge von Sebastian Schmidt

9 responses to “[Der lyrische Mittwoch, Folge 14] Matthias Engels – In Armstrongs Aufzeichnungen keine Engel

  • -Der lyrische Mittwoch 14- Interview beim textbasis.blog | DINGFEST

    […] -Der lyrische Mittwoch 14- Interview beim textbasis.blog […]

  • finbarsgift

    Hi Sebastian, erneut eine SEHR interessante Folge mit einem Autor, dessen Ansichten mir wirklich ein Kopfnicken nach dem anderen zu den Themen Lyrik, Romane und Schreiben und Lesen und LEBEN abgerungen haben…
    lg vom Lu

  • Wolfgang Schnier

    Vielen Dank für dieses Interview, in dem ich mich sehr oft wieder gefunden habe. Mir sind zwei Sachen eingefallen beim Lesen, das eine weniger wichtiger als das andere:

    Ich denke, wenn man unterwegs ist zum ersten Treffen mit seiner großen Liebe weiß man noch nicht, dass es die große Liebe werden wird. Daher weiß man höchstens, dass man unterwegs ist. Aber wohin? Das kann man erst im Nachhinein sagen. Aber es stimmt trotzdem: die Erwartungshaltung erweckt das Großartige, Erhabene – sonst wäre es keine Liebe. Und da werde ich den Teufel tun und irgendjemandem erklären, ob er nun unterwegs ist zu seiner großen Liebe oder doch nur zu einer mittelmäßigen – und allein daran merkt man schon: Es kann wirklich nur die große Liebe sein. Jedesmal wieder. Liebe so verstanden ist dann auch wirklich großartig (und am Rande des Kitsches mit Tendenz zum Herunterfallen. Aber so ist das eben).

    Das andere betrifft die hermetischen Gedichte. Ich denke, hermetische Dichtung will sich – und wollte sich schon immer – gegenüber der empirischen Realität verschließen und eben nicht dem Rezipienten gegenüber. Das ist ein gewaltiger Unterschied, der, zugegebenermaßen, manchmal verwischt. Aber diese Gedichte bleiben stumm angesichts der Verwertbarkeit durch die Kulturindustrie. Sie werden nicht mitgerissen und versuchen dadurch den Rezipienten als Du anzusprechen, wo er an anderen Stellen oftmals nur noch als Kunde wahrgenommen wird – auch von so manchem Lyriker, der die Leserin und den Leser als eine Art Akklamationsanhängsel des eigenen Schaffens sehen mag, ihn dadurch auf eine Funktion reduziert und damit bereits von jeglicher Menschlichkeit absieht (was alleine schon angesichts der Anzahl der Leute, die überhaupt Gedichte wahrnehmen, ein wenig schräg ist).
    Die hermetische Dichtung rückte mit ihrer und in ihrer Form schon immer real existierenden Dingen auf den Leib und brachte sie erst dadurch voll zur Geltung. Ein vielleicht etwas weniger bekanntes Beispiel dafür stellt die Dichtung von Lajser Ajchenrand dar, dessen Gedichte seit einigen Jahren in einer hervorragenden Übersetzung vorliegen.

  • matthiasengels

    Ich danke auch noch einmal für das gute Interview. Vielleicht darf ich hier kurz auf den vorangegangenen Kommentar antworten: die Gedanken zur großen Liebe sind sehr schön und richtig, Wolfgang Schnier. Es war im Interview nur ein Beispiel für eine Person in einem größeren, über-normalen Zustand und Zusammenhang. Der Gedanke, dass derjenige, dem man gegenübersteht, unter Umständen mehr ist als ein Werktätiger oder flüchtiger Passant, sollte hiermit illustriert werden. Man sollte seine jeweiligen Gegenüber als ebenso komplexe und in große Geschichten eingesponnene Individuen sehen, als die man sich auch selbst mitunter empfindet und nicht nur als Herr Meier oder Frau Müller.
    Die hermetische Lyrik als Stil- und Gattungsbegriff (Celan, Bachmann etc.) gehört zu meinen ganz großen Inspirationsquellen. Sie war hier allerdings gar nicht konkret gemeint. Ich spielte eher auf gewisse Gegenwartslyrik an, deren Hauptaugenmerk m.E. oft darin liegt, unter keinen Umständen zugänglich zu sein – Gedichte, die den Zugang bewußt fast bis zur Unmöglichkeit erschweren und dies als Ausweis für Modernität verstehen. Dieser Meinung bin ich halt nicht uneingeschränkt.
    Wie gesagt sehe ich die Berechtigung dessen und begrüße es auch, aber richte meine eigene Lyrik bewußt anders aus.
    Schön, dass man hier solche Dialoge führen kann! An alle: Danke für das Interesse. An Sebastian: freue mich schon auf die nächste Folge!

  • Wolfgang Schnier

    D’accord! Mir ging es auch nur darum, auf den benannten Umstand aufmerksam zu machen, damit steht und fällt das Verständnis für solche Dichtung, noch bevor man ein einziges Gedicht dieser Sorte vor Augen hatte.

  • Miss Hava

    Einen Dank an den Gastgeber für die Einführung des „Lyrischen Mittwochs“. Da ich diesen erst recht neu entdeckt habe, freue ich mich auf den genussvollen Konsum der früheren Folgen.
    Diese hier war schon mal ausgesprochen lecker.
    Schöne Gedanken zur Lyrik, schön in verständliche Worte gekleidet.
    Und ein dreifaches Ja! für den Rat, zu leben und zu lesen. Vor allem das Leben und all die Erfahrungen, in die es einen Menschen tunkt, macht aus ansonsten leeren Phrasen einen Text mit Inhalt.

  • Mit Engels’ Zungen: Die heiklen Passagen der wundersamen Herren Wilde & Hamsun – brauchen Unterstützung! | textbasis.blog

    […] Nun, das wollte ich meinem eigentlichen Anliegen nur kurz vorausschicken, denn um was es hier geht, ist etwas ganz Tolles. Den Leserinnen und Lesern, die schon länger auf dem textbasis.blog mitlesen, wird Matthias Engels vom Dingfest-Blog wohl ein Begriff sein. Der Autor und Lyriker aus Steinfurt in Westfahlen blickt inzwischen auf einige Publikationen zurück und wurde hier schon des Öfteren erwähnt, nicht zuletzt im gemeinsamen literarischen Gespräch mit Wolfgang Schnier und im lyrischen Mittwoch. […]

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