[Poesie, das ist Musik! #3] Gedichte mit „Herzblut“ schreiben? Ein Plä­do­yer für bewusste Wortwahl im Gedicht.

Aktualisierung: Eine Replik von Matthias Engels auf diesen Beitrag finden Sie hier. Vielen Dank! —

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Sahnetorte mit Senf, braunen Zwiebeln und gebratener Leber klingt nicht nach kulinarischem Hochgenuss. Im Gegenteil, das wäre wahrscheinlich so eine Süßspeise, welche die Wahl des Desserts vereinfachte, indem sie sich selbst als Kandidatin ausschließt. Wer isst denn auch so was? Dass Torte, Innereien und gebratenes Senfgemüse nicht die Kombination eingehen, welche Sauerkirschen in Guss, Schokoraspel und Sahne ergeben, ist kaum der Erwähnung wert. Wenn es hieße „Schwarzwälder oder Deftige Lebersahne?“, wäre die Entscheidung vermutlich einfach.

Nehmen wir uns eine französische Köchin, eine Beherrscherin aller feinen Kochkünste. Geben wir ihr eine angemessene Reputation und ein bisschen Experimentierfreudigkeit. Eines Nachts überrascht sie ein Traum von Zwiebeln, Senf, Leber – und Sahnetorte. Dieser Traum verfolgt sie; unter Aufwendung aller Kenntnisse kreiert sie in Wochen harter, fast fiebriger Arbeit – endlich! – die eingangs erwähnte süß-senfige Tortenspeise. „Ein Aufwärtshaken der Kulinarik“, titelt bald schon wohlwollend eine führende Gourmet-Zeitschrift. Experiment geglückt, „Torte revolutioniert“. –
Anders Herr Franzen, der aus Versehen die Reste vom Mittag auf die verkannte Sahnetorte verteilt und sie – in Ermangelung von Alternativen – trotzdem seinen Gästen zum Kaffee vorsetzt. Die genauen Umstände und der Ausgang dieser Episode sind unbekannt, jedoch erzählt man sich, dass Herr Franzen seither keine Gäste mehr empfangen habe …

Wenn das sogenannte Storytelling im Marketing funktioniert, dann kann eine kleine Geschichte zur Verdeutlichung theoretischer Überlegungen nur angemessen sein. Denn natürlich geht es hier nicht um Torte, Leber, und Kochen. Es geht um Wollen, und es geht um Können beim Schreiben. Anlass für den Eintrag dieser Woche waren für mich Gedanken von Matthias Engels aus der vierzehnten Folge des lyrischen Mittwochs. Dort ging es unter anderem darum, ob die Verwendung bestimmter Wörter im Gedicht das Gedicht selbst disqualifiziere und die Verfasserin und den Verfasser als Lieschen und Lilo Müller abstemple. Welche Überlegung steckt hinter dieser Frage? Nehmen wir uns ein paar erfundene Beispielverse her:

Inkasso-Mann, du hast jetzt schon
zwei Mal geklingelt. Hast mir alles genommen,
mir schmerzt mein Herz! Alles was du mir gelassen hast
sind meine vier Wände und mein Gasherd.
Ich merke es ganz deutlich:
Das Leben besteht nicht nur aus Liebe und Herzblut.

Oder etwa:

Lieber Heinz,
Die Liebe ist wie ein Traum,
Sie ist ein gar seltsam’ Ding,
Das du nicht richtig fassen kannst.
Deswegen findest du im Nebenraum
Ein Paar neue Handschuhe und einen
Gummidichtungsring.
Alles Gute zum Geburtstag, lieber Heinz,
Wünscht dein Tantchen Griselinde.

Über die Qualität der Verse soll hier nicht gesprochen werden. Achten wir ein bisschen auf die Wortwahl. Im ersten Gedicht – ich nenne diese Zeilengebilde der Einfachheit halber so – ist sie trist, einfallslos, geprägt von ausgenudelten Redensarten („Herzblut“, „vier Wände“, „mir schmerzt mein Herz“ …). Das zweite Gedicht hat durchaus komische Aspekte, eignet sich eventuell auf einer kleinen Familienfeier zum beschwipsten Vortrag. Aber auch hier wieder: „Liebe“, „gar seltsam’ Ding“, „Traum“ – literarisches Einerlei, ungesalzen. Zu Recht tragen diese Zeilen den Stempel „© Lieschen & Lilo Müller“.

Nun ist es so, dass es nicht gerade einfach ist, gute Gedichte zu schreiben. Aber ebenfalls ist es so, dass dieser Umstand nur wenige Hobbydichterinnen und Hobbydichter abhält, in die Tasten zu hauen. Und das sollen sie auch herzlich gern tun! Ich bin der Meinung, dass auch das schlechteste Gedicht für die Verfasserin oder den Verfasser der wichtigste Text sein kann. Ich bin froh, dass jeder schreiben kann, worauf er Lust hat, und ebenfalls die Möglichkeit besitzt, es ungehindert im Netz zu veröffentlichen. Das ist aber ein ganz anderes Thema, das eventuell noch einmal in einer Folge der „Nahdenken“-Kolumne aufgegriffen werden wird. Worum es mir hier geht: Dieser hindernisfreie Zugang zur Internetveröffentlichung und die Masse von Geschenkbuchlyrik, wie sie Matthias Engels nannte, führen zu einer verschobenen Wahrnehmung der Dichtkunst.

Für viele ist das Gedicht noch immer etwas Feierliches, Gereimtes, etwas Ehernes. Und vor allem: etwas, das sich nie verändert hat im Vergleich zu den vereinzelten Versfragmenten, die man noch aus der Schulzeit in Erinnerung hat – „Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde! …“. Das moderne Gedicht ist nicht in den Köpfen der Masse angekommen, weil es nicht wahrgenommen wurde und wird. Manchmal traut man sich eventuell gar nicht zu sagen, dass man selbst Gedichte schreibe, zu sagen, dass man eine Dichterin sei. „Dann reim’ mal was; und kannst du mir für Onkel Egoberts Geburtstag nicht was ganz Kleines dichten?“. Dann also lieber gleich schweigen; die Vorstellungen der Masse vom Gedicht sind festgefahren und durch engstirnige Schulbildung falsch konditioniert worden. Und das führt dann dazu, dass Gedichte wie die beiden oben ad hoc hingeworfenen, Einzug ins Netz finden – mit bestem Gewissen auf Seiten der Verfasser. Ein Teufelskreis.

Es dominiert also ein falsches Bild der Lyrik und in den Köpfen eine falsche Vorstellung von ihr. Und gerade diese Erwartungen, diese alten und festgefahrenen, gilt es nicht zu erfüllen. Denn wenn man eines seiner mit viel Kreativität geschaffenen, oft überarbeiteten, Gedichte vorträgt und zur Antwort bekommt: „Hmm … schön … Ich schreib ja auch, klingt auch fast wie deins, soll ich mal vorlesen? Ich reim’ aber mehr“, dann kratzt das am Selbstverständnis. Man sieht schon den müllerschen Stempel herniedersausen. Darum gibt es Tendenzen in der modernen Lyrik sich abzugrenzen, die eigenen Fähigkeiten nicht in den Fresstrog zu werfen, sich gar nicht erst diesen Vergleichen stellen zu müssen. Dies geschieht auf vielfältige Weise, kann beginnen bei eigenwilliger Orthografie und Interpunktion, fortgeführt werden über komplizierte, kaum zu enträtselnde Bilder, und enden eventuell in hermetischer Verschlossenheit. Hauptsache, es wird deutlich: Das Gedicht ist nicht wie die Rede von Tante Griselinde auf Heinz’ Geburtstag.

Folgen dieses Vorgehens sind, dass das eigene Können in Ansehen gehalten wird, unweigerlich aber auch, dass diese Verse nicht mehr die Vorstellungen der breiten Masse treffen, weil diese ja gerade die altbackenen Ideen vertritt. Das führt zu einer Art Abkapselung, einer Elitenbildung: Denn wer nicht die Erwartungen vieler erfüllt, der schreibt für eine kleine Gruppe, eventuell nur mehr für sich.

Vor dem Hintergrund der hier angestellten Überlegungen ist es also notwendig, dass die moderne Lyrik sagt: „So nicht, wer mich nicht will, der kann mich mal – getrost ignorieren.“ Und für dieses notwendige Abgrenzen braucht es Ideen (ein hohes Maß an Sprachgefühl, das jede Lyrik notwendigerweise braucht, setze ich unhinterfragt voraus) und vor allem das, was ich „bewusstes Schreiben“ nenne. Bewusstes Schreiben ist immer kreatives Schreiben, jedoch reflektierter. Heißt: Ich weiß, warum ich etwas so schreibe, wie ich es schreibe, und: ich weiß, wie ich es eventuell auch anders schreiben könnte.

Nun sind wir also bei unserem Bild vom Anfang dieses Beitrags angekommen: Herr Franzen hat es falsch gemacht, weil er nicht anders konnte, als die verdorbene Torte anzubieten, ihm fehlten die Alternativen. Unsere Spitzenköchin hingegen hat sich bewusst die Zutaten herausgepickt, hat bewusst ihr Traumrezept umgesetzt, auf das Ziel hingearbeitet, es nicht nur irgendwie erreicht. Und darin verbirgt sich auch meine eigene Überzeugung, was die Wortwahl beim Schreiben moderner Lyrik anbelangt.

Ich halte es ebenfalls für notwendig, sich abzugrenzen von der Geschenkbuchlyrik, um die Qualität moderner Dichtung aufrechtzuerhalten. Gerne mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln. Was ich jedoch nicht für notwendig halte, ist die Verteufelung einer klaren Sprache, von einfachen Bildern, ehrlicher, unaufgeregter Beschreibung. Warum nicht die Wörter Herz, Schmerz, Liebe, Traum, Seele et cetera im Gedicht verwenden? Wenn man sie bewusst platziert, dann ist dagegen nichts einzuwenden. Die Angst, sich selbst abzustempeln, kann nur dort aufkommen, wo man annimmt, sich zwanghaft rechtfertigen zu müssen, unter Überwachung zu stehen. Aber beim Schreiben solche Gedanken zu hegen, befördert keine guten Ergebnisse. Es befördert ein Schreiben nach den Erwartungen einer Gruppe Auserwählter. Gutes Schreiben hingegen ist frei – aber immer bewusst.

Dann wird beispielsweise aus dem „Gasherd“ im ersten Gedicht oben ein „Herd“ und aus den „vier Wänden“ eine „Hütte“. Der „Inkasso-Mann“, gut, der wird im Original zu „Zeus“. Und die Verse aus Goethes „Prometheus“, die werden unvergesslich und bleiben dabei erdig-ehrlich. Hier wurden Wörterfolgen zu verdichteten Wortfolgen.

[…]
Müßt mir meine Erde
Doch lassen stehn,
Und meine Hütte, die du nicht gebaut,
Und meinen Herd,
Um dessen Gluth
Du mich beneidest.
[…]

Es kommt demnach gar nicht darauf an, ob man eine Leber-Sahnetorte bäckt oder nicht, ob man Worte wie Liebe, Schmerz und so fort schreibt oder nicht. Worauf es ankommt ist zu wissen, dass man Worte verwendet, die vorbelastet sind durch die Verse aller Lieschens und Lilos. Und wenn man sich dessen bewusst ist, dann kann man entscheiden, ob man sie trotz allem verwenden möchte und ob sie wirklich nötig sind. Denn dann weiß man ja, gleich unserer Spitzenköchin, was man damit anrichtet.

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Über Sebastian Schmidt

Ich arbeite als freier Lektor (www.lektorat-textbasis.de) und mag gute Bücher. Vor meiner freiberuflichen Tätigkeit habe ich Germanistik und Philosophie studiert (M. A.) sowie als Bibliotheksangestellter gearbeitet. Neben der Zusammenarbeit mit Autoren und Verlagen liebe ich die Musik. Blogadresse: textbasis.wordpress.com Zeige alle Beiträge von Sebastian Schmidt

4 responses to “[Poesie, das ist Musik! #3] Gedichte mit „Herzblut“ schreiben? Ein Plä­do­yer für bewusste Wortwahl im Gedicht.

  • nebelmade

    Bewußte Entscheidung für die Art und Platzierung jeden Elements in einem Kunstwerk ist das Kriterium zumindest für den eigenen künstlerischen Anspruch. Eventuell abweichende Rezeptionsurteile muss man dabei natürlich in Kauf nehmen, da die z.B. durch bestimmte Wörter ausgelösten Konnotationen bei verschiedenen Leuten unterschiedlich sind.

    • Sebastian Schmidt

      Vielen Dank für Deinen Kommentar, nebelmade. Ich stimme Dir völlig zu. Die Rezeptionsurteile, auf diese hat man keinen Einfluss. Man kann die wunderlichsten Sachen schreiben. Aber, und da möchte ich ansetzen, man sollte es bewusst tun, den „eigenen künstlerischen Anspruch“ (wie du schreibst) formen und nach diesem schreiben.

      Daran scheint es aber manches Mal zu scheitern, oft begünstigt durch die schnellen Publikationsmöglichkeiten im Internet. Denn das Ergebnis ist nur dann ein künstlerisches, wenn der Weg zum Ergebnis selbst ein bewusster war. Dann wird aus einem bloßen Herstellen Kunst (in Abgrenzung zum Alltäglichen, also ganz ohne Pathos).

      Denn manchmal denke ich, ohne mir dessen wirklich sicher zu sein, dass das Ergebnis, das Kunstwerk an sich, gar nicht so wichtig ist, sondern der Entstehungsprozess das künstlerische Moment enthält. Ich denke dabei gerade an Marcel Duchamps „Fountain“. (Was die Kritik und die Rezipienten dann aus den Ergebnissen machen, das ist wieder eine andere Sache.)

  • Wilkening, Günter

    Hallo,

    Bitte höflich darum um gratis ein Gedicht über die wahre und innige Liebe zu scheiben, wonach sich doch viele unter uns so sehr sehnen.:

    Liebe

    Liebe ist ein Geschenk des Himmels, nimm es an.

    Liebe ist, Gefühle auszutauschen, lasse sie zu.

    Liebe ist so köstlich, wie der schönste Wein, geniesse Ihn.

    Liebe ist der Nektar des Lebens, koste Ihn.

    Liebe ist die Quelle, die immer wieder zu neuem Leben erweckt, trinke von Ihr.

    Liebe ist, wie ein Zauber der Natur, lass Dich von Ihr verzaubern.

    Liebe ist der Austausch von Gefühlen, die vom Herzen kommen, erlebe sie.

    Liebe ist, wie das siebte Weltwunder, lasse das Wunder geschehen.

    Liebe ist, Zärtlichkeiten auszutauschen, tausche sie aus.

    Liebe ist, dass unerreichbare zu verwirklichen, verwirkliche es.

    Liebe ist, wenn zwei Herzen zu einer Einheit werden, lasse es zu.

    Liebe ist Hingabe und das höchste Glück dieser Erde, lasse es geschehen.

    Liebe ist, wie der Treibsand einer Düne, lasse Dich treiben.

    Liebe ist, wenn zwei Seelen miteinander verschmelzen, lasse es zu .

    Text: Günter Wilkening (Urheber) Minden/Westfalen

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