[Der lyrische Mittwoch, Folge 15] Aka Teraka – FERNERHIN

Ich sehe in der Ferne
Eine Linie grüner Bäume

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

bereits zum fünfzehnten Mal heißt der Mittwoch Sie verweilen zu verdichteter Sprache. Ich freue mich, Ihnen diese Woche den Autor und Dichter Che Chidi Chukwumerije vorstellen zu dürfen. Unter seinem Pseudonym Aka Teraka veröffentlicht er regelmäßig Gedichte und kurze Prosa in drei Sprachen. Auf seinem englischsprachigen Blog hat er sogar ein Jahr kreativen Schreibens ausgerufen, während welchem er jeden Tag ein neues Gedicht und jede Woche eine neue short story veröffentlicht. In Buchform liegen zahlreiche Gedichtbände und Erzählungen vor, weitere sind für 2013 geplant. Es ist schön, Ihnen heute eines von Aka Terakas deutschsprachigen Gedichten vorstellen zu dürfen, in dem die Zeit harmonisch fließend durch die Versumgebung paddelt.

In der Folge mit Constanze aus dem poetischen Zimmer klang das Motiv der verwandelten Wahrnehmung schon einmal an, und auch in den Versen von „FERNERHIN“ begegnet das lyrische Ich einer Welt, deren Grenzen aufgelöst werden. Das Transzendieren des Persönlichen hinein ins Gegenüberliegende der Umgebung verwebt sanft Landschaft und Empfinden. In atmenden Bildern erschließt das lyrische Ich Sinnebenen in so gewöhnlichen Dingen wie einem vorbeifahrenden Kanu oder einer entfernt stehenden Baumkette. Emotionale Lyrik, die nicht darauf verzichtet, auf das Bekannte zurückzugreifen, um die „unklaren Umrisse“ deutlicher nachzuzeichnen, Ahnungen wiederzufinden und das Innere im Äußeren verankert zu entdecken. Sich auf diese Weise als Teil im Gesamtgefüge verstehen; das Ich begreifen als Verschmelzen und Verwachsen zwischen Innen und Außen, sich selbst möglichst sinnhaft werden –

FERNERHIN

Ich sehe in der Ferne
Eine Linie grüner Bäume
Am anderen Ufer

Einen unklaren Umriss
Nebelumgeben
Eine sagenumwobene ferne Zeit
In der Vergangenheit oder in der Zukunft
Aber nicht in der Gegenwart

Gegenwart ist dieser Tisch
Gegenwart ist das vorbeiziehende Kanu
Gegenwart ist die Lagune, das Ufergras, meine Sehnsucht
Ich kann sie alle tasten, schmecken
Und verstehen

Doch die grünen Träume dort in der Ferne
Sind ungewiss –
Sie sind das Schlummernde in mir …

Aka Teraka

Aka Teraka

Textbasis: Lieber Che, dafür, dass ich heute eines deiner Gedichte vorstellen darf und du dir Zeit genommen hast, am lyrischen Mittwoch teilzunehmen, danke ich dir recht herzlich. Folgt man deinen Spuren im Netz ein bisschen, stößt man auf zahlreiche Bücher, die alle deinen Namen tragen und bereits eine beachtliche Liste bilden. Wo findest du überall die Ideen für deine Texte, was inspiriert dich am meisten?
Aka Teraka: Ich als Dichter komme nie zur Ruhe. Meine Seele habe ich der Dichtkunst für die Ewigkeit verpachtet. Mit dem Herausgeben laufe ich frustrierend hinterher, denn es gibt noch so viel mehr. Mit dem Schreiben ist es schlimmer: Ich muß noch viel und vieles mehr niederschreiben, was mich innerlich beschäftigt. Die Zeit fehlt, manchmal die Kraft auch oder die endgültige Reifung der jeweiligen Idee. Trotzdem. Da bin ich kompromisslos – alles, was eine, wenn auch nur winzige, dichterische Schwingung in mir auslöst, muß den Preis dafür zahlen und als Text unter meiner Feder enden. Herkunft, Ursprung, Auslöser, Art und auch Zeitpunkt der Inspiration sind immateriell und ändern sich ständig. Manchmal lassen sie sich auch nicht klar ermitteln, sondern der Gedanke, das Bild oder der Drang ist auf einmal einfach da und will sofort erfüllt werden.

Textbasis: Wenn du eine gute Idee, eine gelungene Eingebung erspürt oder erlebt hast, wie geht es dann weiter? Wie gestaltet sich bei dir der Weg von der Idee zum fertigen Text?
Aka Teraka: An dem Tag, an dem ich sterbe, egal wo, wird man wahrscheinlich Papier und Stift an meiner Person oder in meiner unmittelbaren Nähe finden. Wenn nicht, dann wäre selbst ich im Jenseits überrascht. Denn die habe ich fast immer dabei. Zu meinen grausamsten Ängsten gehört, daß ein flüchtiger Gedanke auftaucht und ich in dem Augenblick keine Möglichkeit habe, ihn schriftlich festzuhalten, und ihn dann irgendwann wieder vergesse, was ab und zu passiert. Das nervt mich ohne Ende. Wenn ich allein bin oder die nötige Freiheit habe, dann schreibe ich sofort das nieder, was mich juckt. Heutzutage hilft auch das Smartphone. Gedichte schreibe ich dann meistens in einer Sitzung ganz zu Ende. Kann sein, daß ich sie später überarbeite, aber sie sind schon da. Geschichten sind problematischer, da die Geschichte selbst sich mir erzählen muß. Da wird manchmal ein hohes Maß an Geduld von mir verlangt, denn ich will alles immer sofort fertigstellen. Aber manchmal muss man erst reifer werden, um zu erfahren, um zu begreifen, wie – oder ob – eine Geschichte weitergeht. Bei einigen Geschichten dauert das jedoch Jahre.

Textbasis: Du schreibst auf Deutsch, Englisch und Igbo. Gibt es für dich Unterschiede, wenn du in der einen oder der anderen Sprache Texte verfasst? Lässt sich manches nur in einer bestimmten Sprache ausdrücken oder spielt das nur eine untergeordnete Rolle?
Aka Teraka: Das Umgekehrte ist richtig. Nicht die Sprache ist in der ersten Linie wichtig, sondern die Dichtung an sich. Sie wirkt unaufhörlich in mir und sucht immer nach Ausdruckskanälen und Möglichkeiten. Schreiben bietet eine gute Brücke, ist aber nicht die einzige Form. Am Anfang schrieb ich nur auf Englisch. Als ich es einmal auf Deutsch probierte, spürte ich sofort, daß jede Sprache der Dichtung und dem Innenleben andere Möglichkeiten bietet, sich auszudrücken. Als ich soweit war, lösten sich die jeweiligen Sprachen dann teilweise von ihren beherbergenden Kulturen. Das Gedicht hier oben – „FERNERHIN“ – habe ich zum Beispiel in Lagos, Nigeria, geschrieben, als ich an einer Lagune saß. Auf Deutsch schreiben ist für mich häufig mit der Empfindung eines Ausflugs verbunden, auf Igbo jedoch mit der eines seltenen Besuchs im Heimatdorf. Englisch verkörpert für mich das tägliche Leben. Geistig gesehen, meine ich. Es ist dann egal, wo ich bin oder was ich gerade mache. In dem Augenblick, in dem ich in das Schreiben eintauche, geht es mir immer entsprechend anders. Diese Unterschiede, muß ich sagen, sind aber nur Feinheiten. Oft verarbeite ich auch denselben Gedanke einmal in dieser und ein anderes Mal in einer anderen Sprache, je nachdem, wie es mir gerade ist.

Textbasis: Und wie verhält es sich mit der jeweiligen Textsorte? Musst du entscheiden, ob du ein Gedicht schreibst oder eine Kurzgeschichte – oder hängen Form und Inhalt untrennbar verbunden aneinander?
Aka Teraka: „The Lake of Love“ habe ich mit 17 als ein kurzes Gedicht geschrieben. Vier Jahre später griff ich auf den ursprünglichen Gedanke zurück und dachte mir, daß Prosa eigentlich geeigneter wäre, um alles auszuarbeiten, was diese Allegorie, die sowohl schlicht als auch tiefsinnig ist, in sich birgt. So entstand dann die Novelle „The Lake of Love“. Das ist mir ein paar Mal passiert, daß ich einen inspirierenden Impuls zuerst in die eine Form einbette, und schließlich zu dem Gefühl komme, eine andere wäre passender. Den Impuls zu dem Gedicht „Gewalt und Gefühl“, das auch in meinem Blog zu lesen ist, wollte ich zum Beispiel ursprünglich erzählerisch ausarbeiten.

Textbasis: Würdest du sagen, dass die Bedeutung von Dichtung darin liegt, das Innere, das Subjektive in eine Form zu bringen, oder eher darin, eine Botschaft zu vermitteln? Oder trifft beides für dich nicht den Kern der Sache?
Aka Teraka: Dichtung ist Verdichtung. Die Fähigkeit, lose Umherschwirrendes, Abstraktes oder sogar Höheres, auf jeden Fall Eingebung oder Erkenntnis, in eine kompakte Form einzuverleiben, dem Verstand greifbar. Jeder hat die freie Wahl, diese Fähigkeit zu dem Zweck zu verwenden, der ihm nahe liegt und ihn weiterbringt als Mensch. Für alles gibt es einen Empfänger, vor allem wenn es einigermaßen gut geschrieben ist. Nur darf die Schönheit nicht fehlen, denke ich. Viele schreiben jedoch, was Inhalt betrifft, mal so, mal so. Ich ebenfalls. Aber ich muß auch dazu sagen, daß es immer eine Botschaft gibt. Der, dem sie gilt oder dem sie etwas Wertvolles gibt, der wird sie immer erkennen und schätzen.

Textbasis: In einer E-Mail hast du mir geschrieben, dass du für 2013 einige Projekte anvisiert hast. Was erwartet uns von dir in den kommenden Monaten des verbleibenden Jahres; und hast du schon über das Jahr 2013 hinaus geplant?
Aka Teraka: Für mich als Dichter ist es immer schwierig, zu entscheiden, welche Gedichte oder Geschichten in welchen Konstellationen oder Bänden zusammengehören. Denn ich habe vor, noch viele Gedichtbände über die nächsten Jahre hinweg zu veröffentlichen. In den unterschiedlichen Anthologien werden auch viele Gedichte sich wiederfinden, die heute in meinen Blogs zu lesen sind. Neben den Gedichten sind spezifisch für dieses Jahr zwei Novellen geplant, eine – „Dance Again in Harmattan Haze“ – auf Englisch geschrieben, eine Liebesgeschichte, die Ende der Neunzigerjahre in Lagos stattfindet; die andere – Der zum Leben verurteilte Dichter – ist auf Deutsch geschrieben und ein bisschen abstrakter, aber auch eine Liebesgeschichte. Wie alle meine anderen Veröffentlichungen werden auch diese auf Amazon erhältlich sein. Einen Überblick über den aktuellen Stand meiner Werke kann man stets in meinem Blog finden.

Textbasis: Das hört sich vielversprechend an. Zum Abschluss noch eine etwas ungewöhnlichere Frage. Nehmen wir an, dass es nur ein Gedicht auf der Welt gäbe. Über was würde man in den Schlussversen dieses Gedichtes deiner Meinung nach lesen können?
Aka Teraka: Darüber, daß alles Vergängliche nur ein Gleichnis ist.

Textbasis: Kurz und prägnant, vielen Dank für deine Worte, Che! Gerade der Umstand, dass du in mehreren Sprachen schreibst und uns ein bisschen darüber erzählt hast, wie sich das im gesamten Schreibprozess niederschlägt, macht deine Ausführung für mich besonders interessant. Ich wünsche dir für alle geplanten und anstehenden Schreibarbeiten bestes Gelingen, viel Inspiration und viele gute Ideen. – Konnten die Verse Aka Terakas Ihre Neugierde wecken, so bieten sich an dieser Stelle ungewöhnlich viele Möglichkeiten, um die nachfolgenden Minuten und eventuell auch Stunden zu füllen. Folgen Sie dazu den Links und finden Sie auf den Blogs des Autors (auf Deutsch, Englisch und Igbo) viele weitere Gedichte sowie kurze Prosa.

PS: Wer von Ihnen ebenfalls Lust hat, einen seiner Texte, eines seiner Gedichte oder Lieder hier vorzustellen und ein paar Worte über sich zu sagen, folge mir mit seinem Blog, oder mache auf andere Weise auf sich aufmerksam. Ich würde mich freuen, ein Zeichen von Ihnen zu erhalten.

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Über Sebastian Schmidt

Ich arbeite als freier Lektor (www.lektorat-textbasis.de) und mag gute Bücher. Vor meiner freiberuflichen Tätigkeit habe ich Germanistik und Philosophie studiert (M. A.) sowie als Bibliotheksangestellter gearbeitet. Neben der Zusammenarbeit mit Autoren und Verlagen liebe ich die Musik. Blogadresse: textbasis.wordpress.com Zeige alle Beiträge von Sebastian Schmidt

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