[Kurze Schreibtipps #01] „Was ist das Geheimnis der Inquit-Formeln?“, posaunte es aus ihm heraus.

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

wieder einmal eröffnet auf dem textbasis.blog eine neue Kategorie, dieses Mal aus rein pragmatischen/zeitlichen Gründen. Denn nur ungern möchte ich mit der liebgewonnenen Tradition brechen, jeden Sonntag zumindest einen kurzen Beitrag zu veröffentlichen.

Lassen Sie uns dem ersten Schreibtipp einen erfundenen Dialog voranstellen:

Die Hasenprinzessin. Dialog aus einem verschollenen Märchen.

„Du bist ein Hase!“, brüllte er freudig zur Tür hereinstürmend.
„Nein … also ich bin doch nicht wirklich ein Hase, oder?“, entgegnete sie ihm irritiert und nachdenklich.
„Naja, kein richtiger Hoppel, aber doch mein Hase“, präzisierte er mit erhobenem Finger.
„Mit viel zu kurzen Ohren aber, also für Hasenverhältnisse“, gab sie ihm daraufhin lachend zu verstehen.
„Ja, die Aussage lasse ich gelten“, ließ er ihre Aussage bejahend gelten.

Irgendetwas passt hier nicht so richtig, und ich bin sicher, dass Sie dieses Gefühl ebenso deutlich beschleicht wie mich. Die direkte Rede ist es nicht, vielmehr sind es die Teile der Sätze, die uns verdeutlichen, welche Person gerade spricht: die sogenannten Inquit-Formeln (zum Beispiel: „… brüllte er …“).

Wenn Sie sich den Dialog noch einmal anschauen, erkennen Sie, dass die gesamte Szene eher einer losen Aneinanderreihung von Comic-Bildern gleicht als einem lebendigen Sprechen zwischen zwei Menschen.

Nun, keinesfalls soll hier mit dem erhobenen Zeigefinger gewedelt werden. Jeder schreibt seine eigenen Texte – und was bei der einen Autorin funktioniert, passt so gar nicht zum Stil eines anderen Autors. Dennoch gibt es Orientierungspunkte, die helfen können, beim Schreiben bewusst auf die eigenen Formulierungen zu achten.

Hauptüberlegung ist folgende: Inquit-Formeln dienen dazu, dem Leser zu verdeutlichen, wer spricht. Punkt. – Und das ist oft ganz klar erkennbar. Auf eine Frage beispielsweise folgt vom Gegenüber meist eine Antwort (und der Fragende wird nicht unerwartet weitersprechen). Der Sprecherwechsel wird im Buch meist durch Zeilenwechsel angezeigt. Auch das gibt dem Leser Anhaltspunkte; zudem sollten Charaktere durch ihre Sprache, die Wortwahl und Gewohnheiten ohnehin unterscheidbar sein.
Das heißt: Genau wie man Satzpunkte beim interessierten Lesen überliest (niemand denkt ständig: „Ah, jetzt beginnt eine neuer Satz … und jetzt wieder …), so überliest man auch Inquit-Formeln irgendwann, denn Sie dienen lediglich der Orientierung im Text.

Daraus folgt: Je auffälliger und ausgeschmückter Inquit-Formeln sind, umso stärker machen Sie auf sich aufmerksam. (Und manchmal werden sie auch absurd: „Ein kühles Bier zu Tisch 3, bitte“, jauchzte er vorfreudig schreiend und hysterisch glucksend dem Ober entgegen.“)

Diese hervorgehobene Verwendung der Inquit-Formeln ist dennoch keinesfalls per se etwas Negatives, aber sie ist etwas, das man sich bewusstmachen sollte beim Schreiben. Denn ausgehend von dieser Überlegung können Sie nun entscheiden: Möchte ich die Inquit-Formel bewusst betonen oder versuche ich, möglichst unauffällig, fließend zu schreiben?
Wenn Sie beim Verfassen auf diese Details achten, dann können Sie ganz leicht zu Texten gelangen, die durch Anwendung simpler Mittel und durch bewusstes Schreiben noch besser werden.

Abschließend eine mögliche Umformulierung des Ausgangsdialogs (da mitunter manch Lektor zu einer solchen geraten hätte):

Die Hasenprinzessin. Dialog aus einem verschollenen Märchen.

Große Schritte eilten durch den Flur und durchbrachen die Stille der Nacht. Näher und näher drangen sie ans Ohr der Geliebten. Und als sie ganz nah waren, drehte diese ihren Kopf und blickte sich um. Dort stand ihr Prinz, etwas außer Atem vom hastigen Steigen.
„Du bist ein Hase!“
Was sollte denn das wieder bedeuten? War er nur deswegen nächtens zu ihr geeilt, um ihr das zu sagen? Oder sollte sie sich wirklich … nein, das gab es doch in der echten Welt gar nicht. Dennoch befühlte sie etwas verlegen ihre Ohren und zog prüfend die Oberlippe ein bisschen nach oben, sodass sich das Weiß des Mondes auf ihren Zahnreihen brach.
„Nein … also ich bin doch nicht wirklich ein Hase, oder?“
Nun schien er ebenso irritiert wie sie. „Naja, kein richtiger Hoppel, aber doch mein Hase.“ –
„Mit viel zu kurzen Ohren aber“, hauchte sie verführerisch, „also für Hasenverhältnisse.“
Ihr Lächeln verwandelte sich in ein sinnliches Lachen, dann lag er neben ihr, fuhr ihr zärtlich durch das lockige Haar, welches ebenfalls den Schein der Luna einzufangen schien. Seine Wange schmiegte sich sanft an ihr Gesicht. „Ja, die Aussage lasse ich gelten.“
Danach löschte sie das kleine Lämpchen auf dem feinen Schrank neben ihrem Bette – und leider zog sogleich auch eine Schar dunkler Wolken vor des Mondes hellen Glanz und vertrieb den letzten Lichtrest aus dem Schlafgemach der Liebenden.

Advertisements

Über Sebastian Schmidt

Ich arbeite als freier Lektor (www.lektorat-textbasis.de) und mag gute Bücher. Vor meiner freiberuflichen Tätigkeit habe ich Germanistik und Philosophie studiert (M. A.) sowie als Bibliotheksangestellter gearbeitet. Neben der Zusammenarbeit mit Autoren und Verlagen liebe ich die Musik. Blogadresse: textbasis.wordpress.com Zeige alle Beiträge von Sebastian Schmidt

One response to “[Kurze Schreibtipps #01] „Was ist das Geheimnis der Inquit-Formeln?“, posaunte es aus ihm heraus.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: