[Kurze Schreibtipps #02] Die Abtöner, oder: „Ich war eigentlich wohl irgendwie doch schon zu spät.“

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

auch diese Woche nur ein kleiner Bissen für zwischendurch. Aber zwischendurch bessere Texte zu schreiben hat ja auch seinen Reiz. Oder sollte es heißen: „… hat seinen Reiz.“? Womit wir mittendrin im kurzen Artikel dieses Sonntags wären.

Abtönungspartikel oder Modalpartikel nennen sich die kleinen Wörtchen, die zu Unrecht oft einen schlechten Ruf genießen. Wohl besitzen sie für die Aussage eines Satzes manches Mal die Nützlichkeit einer dritten Schulter („Willst du ein Eis?“ – „Irgendwie schon.“ – „Ja oder Nein?“ – „Sag ich doch: Ja.“). Aber was zählt allein die Satzaussage, wenn es um Lesefluss, Satzrhythmus oder Figurenrede geht?

Denn anhand folgender zwei Punkte, können Sie ganz einfach überprüfen, ob die Verwendung eines Abtönungspartikels gerechtfertigt ist: Verschleiert ein Abtönungspartikel die Verständlichkeit, wo es auf diese ankommt, sollte er vermieden werden („Man nehme so 10 Gramm Salz …“). Dient der Abtönungspartikel jedoch dazu, etwas abzutönen, das heißt etwas auf bestimmte Weise zu sagen, ihm einen persönlichen Anstrich zu verleihen, dann ist er überaus nützlich („Oh nein, ich habe mir das Bein gebrochen. Ein Glück, dass Sie gerade Ihre Doktorarbeit schreiben, wissen Sie nicht, was ich jetzt tun soll?“ – „Das weiß ich doch nicht, ich promoviere schließlich in Betriebswirtschaftlehre!“).

Allgemein gilt: Je wissenschaftlicher der Text, umso weniger Abtönungspartikel, denn umso deutlicher muss die Aussage sein. Dasselbe gilt auch für den Erzähler: Je distanzierter und unauffälliger der Erzähler sein soll, umso weniger Abtönungspartikel sollten verwendet werden. Anders die Figurenrede. Hier kann durch bewussten Einsatz der Abtönungspartikel individuell und nuanciert gestaltet werden. Denn im alltäglichen Sprechen wimmelt es nur so von diesen Modalpartikelchen, im alltäglichen Sprechen Ihrer Figuren darf es das auch tun; achten Sie lediglich darauf, dass Sie nicht ins Belanglose driften.

Wenn Sie sich dieser Unterscheidungen bewusst sind, dann brauchen Sie keine Angst davor haben, zu sehr in die Umgangssprache abzurutschen. Denn Abtönungspartikel sind wirkmächtige Werkzeuge, wenn man sie nicht irgendwie falsch einsetzt.

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Über Sebastian Schmidt

Ich arbeite als freier Lektor (www.lektorat-textbasis.de) und mag gute Bücher. Vor meiner freiberuflichen Tätigkeit habe ich Germanistik und Philosophie studiert (M. A.) sowie als Bibliotheksangestellter gearbeitet. Neben der Zusammenarbeit mit Autoren und Verlagen liebe ich die Musik. Blogadresse: textbasis.wordpress.com Zeige alle Beiträge von Sebastian Schmidt

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