[Der lyrische Mittwoch, Folge 18] l’héroïne – Netzhaut

bis das Sonnenlicht
das Garn entzündet

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

auch diese Woche freue ich mich, Ihnen wieder frische Verse und deren Verfasserin vorstellen zu dürfen. Zu Gast an diesem schönen Mittwoch ist l’héroïne, die schon bald ein Schauspiel-Studium beginnen möchte. Auf ihrem Blog veröffentlicht die Dichterin derzeit Fotos und eigene lyrische Werke. Gedichte der Autorin wurden unter anderem bereits in der Federwelt (2008) und der Jokers-Anthologie (2010) publiziert. Wie sie mir in einer E‑Mail im Vorfeld dieses Interviews schrieb, liege für sie ein besonderer Reiz der Poesie gerade darin, dass lyrische Bilder Sinn vermitteln könnten, ohne dass man unbedingt jedes einzelne Wort verstehen müsse.

Dieser interessante Gedanke findet sich schließlich auch in ihrem Gedicht „Netzhaut“ wieder. Am Bild der Zündschnur entspinnt die Autorin mit viel Sprachgefühl Verse, die mit fortschreitender Lesedauer abbrennen, die auf Wortebene am Ende in sich selbst zerfallen. In dieses Abbrennen eingebettet, finden wir das lyrische Ich, das sich in keine Decke, doch dafür in die Hautnetze seines Gegenübers kuschelt. Durch die Assoziationen von Sonnenlicht als Tagesanfang und Sonnenlicht als Feuerquelle entspinnt sich ein kontrastreicher Verständnisraum, der über die Zeichen‑ und Bildebene hinausragt. Geleitet vom Züngeln kleiner Flammen und von Andeutungen intimer Zweisamkeit wird der Leser durch das Gedicht getragen, um Vergangenheit und Zukunft selbst auszumalen, den eröffneten Gedichtsraum mit sich selbst auszufüllen –

Netzhaut

Hautnetze
gewebt aus deinen Händen
umspannen meinen Körper
in zärtliche Berührungsfäden
schmiege ich mich jede Nacht
bis das Sonnenlicht
das Garn entzündet
und Masche
für Masche
zu Asche
zerfällt

Porträt  l'héroïne

l’héroïne, by a. sophron

Textbasis: Ich freue mich, l’héroïne, dich heute beim lyrischen Mittwoch begrüßen und einen deiner Texte vorstellen zu dürfen. Um dich ein bisschen besser kennenzulernen, schauen wir am besten zurück in die Vergangenheit. Wo findest du den Grund für dein Interesse an der Kunst und dem Schreiben?
l’héroïne: Literatur und Kunst haben mich begeistert, seit ich denken kann. Ich bin mit Kinderbüchern aufgewachsen und mit der Ansicht, Künstlerin zu sein wäre etwas Erstrebenswertes. Bereits in der Grundschule habe ich Kurzgeschichten geschrieben und mich einige Jahre später auch an Lyrik versucht. Da war kein konkreter Anlass, es hat mir einfach Spaß gemacht, und das ist der Grund, warum ich damit begonnen habe und es bis heute nicht lassen kann.

Textbasis: Was beeinflusst dich beim Verfassen eigener Texte? Gibt es Autorinnen oder Autoren, literarische Strömungen, die dich besonders inspirieren, oder versuchst du, möglichst unbeeinflusst zu schreiben?
l’héroïne: Wirklich unbeeinflusst kann man wohl kaum schreiben. Man kann sich höchstens soweit wie möglich jeglichem Einfluss entziehen. Ich bin jedoch der Meinung, dass die Arbeiten anderer Autoren immer eine Inspirationsquelle sein können.
Ich bin mir selbst nur wenig bewusst, ob – und wenn ja, inwiefern – meine Schreibe von irgendetwas beeinflusst wird oder ich beim Schreiben beeinflusst werde. Einmal abgesehen von meiner Intuition spielen dabei aber sicherlich meine Lieblingsautoren eine nicht ganz unbedeutende Rolle. Zu diesen zähle ich neben anderen Paul Celan, dessen eindringliche, bildhafte, starke Sprache mich seit jeher fasziniert und inspiriert.
Im Allgemeinen möchte ich mich beim Lesen weder auf bestimmte Autoren noch auf bestimmte literarische Strömungen beschränken, sondern möglichst offen für neue Eindrücke jedweder Art sein.

Textbasis: Diese Aufgeschlossenheit scheint mir auch dann notwendig zu sein, wenn man sich auf Gedichte einlässt. Gern möchte ich an dieser Stelle noch einmal auf die Formulierung aus deiner E‑Mail an mich zurückkommen. Dort schreibst du, dass lyrische Bilder ganz durch sich selbst sprächen. Bedeutet das für dich, dass vor allem die Bildebene im Gedicht darüber entscheidet, ob es gelungen ist, ob es die Leserinnen und Leser anzusprechen vermag?
l’héroïne: Es gibt nichts, von dem ich sagen würde, dass es grundsätzlich vor allem über die Qualität eines Textes entscheidet. Ich habe keine Prinzipien oder Grundsätze, anhand welcher ich einen Text beurteile. Ob ein Gedicht gelungen ist oder nicht, ergibt sich für mich aus dem Gesamtbild. Dabei kann die Wirkung durch lyrische Bilder erfolgen, muss sie aber nicht. Ein Text kann auch ganz ohne diese auskommen und dennoch – durch andere Aspekte – ansprechen. Ich lege mich da ebenso wenig fest wie bei der Frage nach den literarischen Strömungen.
Meine bisherige Leseerfahrung führt mich aber zu der Behauptung, dass lyrische Bilder Inhalte sehr direkt und intensiv vermitteln können. Dabei wirken sie ganz durch sich selbst: Der Leser muss nicht verstehen, was da steht, er wird dazu angeregt, es nachzufühlen. Diese eindringliche Wirkung durch bildhafte Sprache ist auch etwas, das ich als „Kunstgriff“ in fremden Texten sehr bewundere.

Textbasis: Auf dem textbasis.blog finden seit einiger Zeit eine Diskussion und ein Austausch darüber statt, ob es Worte gibt, die man heute im Gedicht nicht mehr benutzen sollte, da sie zu oberflächlich geworden sind, zu viel Pathos tragen. Meist handelt es sich dabei um große Begriffe wie „Liebe“, „Traum“ et cetera. Wie positionierst du dich in dieser Frage: Geht noch alles oder gibt es inzwischen Limits?
l’héroïne: Da würde ich sagen: „Limit is the Sky“. Oder auch: Lyrik darf alles.
Abgegriffene Wörter wie „Liebe“, „Traum“, „Sehnsucht“ oder „Herz“ in einem Text so zu verwenden, dass der erfahrene Leser sich nicht gleich vor Lachen (oder Weinen) auf dem Boden wälzt, ist meiner Meinung nach eine größere Kunst, als schlichtweg auf solche Begriffe zu verzichten. Zudem kann man mit dem „schlechten Ruf“ dieser Wörter spielen und die Vorurteile des Lesers zur Wirkung des Textes nutzen (ich möchte fast sagen „missbrauchen“), seine Erwartungen konkret brechen und die Begriffe in einen völlig neuen Kontext stellen.
Doch wer weiß … Vielleicht sollte man besser offizielle Grenzwerte für Kitschwörter in Gedichten festlegen? (Man könnte als Grund Gesundheitsrisiken oder Terrorbekämpfung vorschieben, das geht immer durch.) Würde dem interessierten Lyrikleser wahrscheinlich eine Menge Müll ersparen.
Apropos Müll: Es werden auch in andere Richtungen Grenzen gesetzt. Vulgäre Sprache beispielsweise ist ein umstrittenes Thema. Ich bin der Meinung, dass durch solche Stilmittel ebenfalls eine starke Wirkung erzielt werden kann, wenn sie durchdacht eingesetzt werden und die Dosis und der Kontext stimmig sind.

Textbasis: Mit der Erwähnung der „richtigen Dosis“ hast du das passende Stichwort gegeben. Im selben Atemzug dann auch meine zweite Frage, die mich in diesem Zusammenhang brennend interessiert: Wie beurteilst du die Möglichkeit des Internets für die Poesie? Steckt in Gedichtsforen die Liberalisierung der Lyrik oder eher die Gefahr der uferlosen Verwässerung?
l’héroïne: Die Möglichkeit des Internets für die Poesie ist wohl hauptsächlich davon abhängig, was man mit seiner Schreibe erreichen will.
Gedruckte Literatur bietet wegen der Vielzahl von Autoren und des Mangels an Lesern nur noch wenige Möglichkeiten für die Lyrik und ist erst recht keine Option, um Geld zu verdienen. Da stehen die Chancen im Internet wohl auch nicht besser. Wenn man aber von der finanziellen Intention absieht und davon ausgeht, dass Literatur dazu da ist, um gelesen zu werden, bietet das Web den klaren Vorteil: Hier kann jeder gelesen werden. Man hat die Auswahl zwischen diversen Medien wie Blogs, Websites und Foren, um seine Schreibe einer interessierten Leserschaft zu präsentieren und mit Gleichgesinnten über das Thema zu diskutieren. Einfacher, als es im realen Leben möglich ist. Und gerade weil es so einfach ist, machen es verdammt viele. Wo wir dann bei den Nachteilen wären. Vor allem Lyrikforen werden überschwemmt von einer Flut an weniger erfahrenen Autoren, die angeblich konstruktiven Austausch suchen, eigentlich aber nach Anerkennung gieren und dabei keine Kritik akzeptieren.
Ansonsten bietet das Internet dieselben Möglichkeiten für die Poesie wie für alles andere: theoretisch unbegrenzte Kommunikation und freien Zugang zu Wissen und Kultur.

Textbasis: Erzähle uns doch bitte auch noch ein bisschen aus deinem Schreiballtag. Was bewegt dich dazu, Gedichte zu verfassen? Findet das Schreiben bei dir eher intuitiv statt oder geht ihm akribische Planung voraus; Vorbereitung oder Nachbereitung?
l’héroïne:  Mein „Schreiballtag“ existiert in der Form gar nicht. Ich habe die letzten Jahre kaum etwas anderes geschrieben als Schularbeiten und Karteikärtchen zum Lernen. Aber wenn ich Lyrik verfasse, kommen mir die Ideen meist spontan und ich versuche, sie, wie gerade gedacht, zu notieren. Danach kann eine aufwendige Nachbearbeitung folgen, insbesondere bei Texten mit formalem Korsett. Manchmal weicht die endgültige Fassung stark vom ersten Entwurf ab, es kommt aber auch vor, dass ich nach stundenlanger Arbeit am Text auf die ursprüngliche Idee zurückkomme. Das letzte i-Tüpfelchen zur Vollendung ist immer der Titel.

Textbasis: Zum Abschluss eine (all)gemeine Frage: Was zeichnet für dich einen guten Vers aus?
l’héroïne: Gib mir den Vers und ich sage dir, was gut daran ist!

Textbasis: Sehr schön das Verfängliche abgewendet; und vielen Dank für die kurzweiligen Antworten, den Text und die Vertonung, l’héroïne. Dass die lyrischen Bilder ganz frei und aus sich heraus wirken, ist eine interessante Überlegung, die einen guten Zugang auch zu moderner Lyrik ermöglicht. Ebenso beschreibt die von dir angesprochene Mischung aus Intuition und umfassender Nachbearbeitung das, was ich als Grundstein aktueller, ansprechender Lyrik erachte. – Wenn Sie von den Versen und den Überlegungen angeregt, noch ein bisschen mehr von der Autorin lesen möchten, klicken Sie bitte auf folgenden Link: l’héroïne, und lassen Sie das Poesiestündchen auch diese Woche noch nicht zu Ende sein.

PS: Wer von Ihnen ebenfalls Lust hat, einen seiner Texte, eines seiner Gedichte oder Lieder hier vorzustellen und ein paar Worte über sich zu sagen, folge mir mit seinem Blog, oder mache auf andere Weise auf sich aufmerksam. Ich würde mich freuen, ein Zeichen von Ihnen zu erhalten.

Advertisements

Über Sebastian Schmidt

Ich arbeite als freier Lektor (www.lektorat-textbasis.de) und mag gute Bücher. Vor meiner freiberuflichen Tätigkeit habe ich Germanistik und Philosophie studiert (M. A.) sowie als Bibliotheksangestellter gearbeitet. Neben der Zusammenarbeit mit Autoren und Verlagen liebe ich die Musik. Blogadresse: textbasis.wordpress.com Zeige alle Beiträge von Sebastian Schmidt

2 responses to “[Der lyrische Mittwoch, Folge 18] l’héroïne – Netzhaut

  • Neuköllner Botschaft

    „Der Leser muss nicht verstehen, was da steht, er wird dazu angeregt, es nachzufühlen.“

    Sowohl dieser schöne Aspekt, als auch die graphische Interpretation von „Netzthaut“ (die mich professionell besonders interessiert) sind IMHO Zeichen für eine reife Entwicklung. Ich kann nur hoffen, dass das Obst auch gepflückt wird. Vielen Dank !

    • Sebastian Schmidt

      Vielen Dank für den Kommentar, dessen Glückwünschen für die Autorin ich mich gern anschließe!
      Auch ich finde die schlichte aber gelungene Umsetzung mit der variablen Verslänge sehr wirkungsvoll; sie hat mir von Anfang an gleich gefallen, weil sie mögliche Deutungen dezent bereichert.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: