Monatsarchiv: Juli 2013

[Ausschreibung] Des Sommers dunkle Seite (beendet)

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Die Ausschreibung ist beendet!

26.09.2013: Die Gewinner stehen fest! (Zusammenfassung)

01.10.2013: Platz 2: Benjamin Bläsi – Violetter Wind

06.10.2013: Platz 1: Matthias Engels – –Seestück–

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Liebe Leserinnen, liebe Leser,

es ist so weit: Der textbasis.blog wagt eine erste kleine Ausschreibung! Herzlich lade ich alle Autorinnen und Autoren, alle Dichterinnen und Dichter ein, teilzunehmen und ein paar kleine Preise abzustauben.

Hier gibt es die Ausschreibung als kompakte PDF: PDF herunterladen.
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Thema:
Des Sommers dunkle Seite
Einsendeschluss:
15.09.2013
E-Mail:
info@lektorat-textbasis.de
Art:
Gedicht (bevorzugt) oder Prosa; unveröffentlicht
Umfang:
max. 1500 Wörter

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Der Sommer fährt auf warmen Sonnenstrahlen

… durchs Land – und es wird Zeit. Doch die Wärme bringt nicht nur Freibad und Grillabende. Es mischen sich Sonnenbrände und Sommergrippen ins Wohlsein und zu viel Sonne verursacht manchmal gar seltsame Sommeranfangs-Depressionen und fiese Sonnenstiche.

Nicht immer muss ein klarer Himmel zu klareren Gedanken führen, unter dem erbarmungslosen Herabstürzen der goldenen Glutstrahlen vermengt sich im Geist manches, was am besten geordnet geblieben wäre. Das ist die andere Seite von tirilierenden Vögeln und gefüllten Fastfood-Restaurant-Außenbereichen. Das ist das Finstere vom Sommer, das viel privater und tiefer ist, das ist der rätselhafte Übergang vom durchwachsenen Mai in den brütenden Juni.

Der textbasis.blog sucht Ihre Texte, die sich diesem heißen Thema einfallsreich nähern, die sich mit dem wallenden Kontrast zwischen Hitze und Einbildung beschäftigen. (Denn man hat gehört von Halluzinationen reicher Oasen, die nichts anderes als zu viel Wüstensonne und ein Knick in der Optik waren.) Also: Schlagen auch Sie aufs Gemüt der Leserschaft und senden Sie Ihre Prosatexte oder Gedichte an den textbasis.blog.

Die beiden besten Texte

… werden auf textbasis.wordpress.com veröffentlicht und gewinnen jeweils einen Überraschungs-Gedichtband. Der erste Platz erhält überdies eine Einladung zur Teilnahme am lyrischen Mittwoch, der Plattform des textbasis.blogs für talentierte Autorinnen und Autoren, auf welcher man sich durch einen kurzen Text (Prosa oder Gedicht) und ein anschließendes E-Mail-Interview empfehlen kann. Bisher fanden bereits einundzwanzig Folgen des lyrischen Mittwochs statt und immer wurden sie positiv und lobend aufgenommen.

Ich freue mich auf Ihre Zusendungen und Ihre Ideen!

Vielen Dank und herzliche Grüße
Sebastian Schmidt

PS: Alle bisherigen Teilnehmerinnen und Teilnhemer des Lyrischen Mittwochs sind natürlich ebenfalls herzlich eingeladen, Texte einzureichen!

Hier gibt es die Ausschreibung als kompakte PDF: PDF herunterladen.

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[Der lyrische Mittwoch, Folge 15] Aka Teraka – FERNERHIN

Ich sehe in der Ferne
Eine Linie grüner Bäume

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

bereits zum fünfzehnten Mal heißt der Mittwoch Sie verweilen zu verdichteter Sprache. Ich freue mich, Ihnen diese Woche den Autor und Dichter Che Chidi Chukwumerije vorstellen zu dürfen. Unter seinem Pseudonym Aka Teraka veröffentlicht er regelmäßig Gedichte und kurze Prosa in drei Sprachen. Auf seinem englischsprachigen Blog hat er sogar ein Jahr kreativen Schreibens ausgerufen, während welchem er jeden Tag ein neues Gedicht und jede Woche eine neue short story veröffentlicht. In Buchform liegen zahlreiche Gedichtbände und Erzählungen vor, weitere sind für 2013 geplant. Es ist schön, Ihnen heute eines von Aka Terakas deutschsprachigen Gedichten vorstellen zu dürfen, in dem die Zeit harmonisch fließend durch die Versumgebung paddelt.

In der Folge mit Constanze aus dem poetischen Zimmer klang das Motiv der verwandelten Wahrnehmung schon einmal an, und auch in den Versen von „FERNERHIN“ begegnet das lyrische Ich einer Welt, deren Grenzen aufgelöst werden. Das Transzendieren des Persönlichen hinein ins Gegenüberliegende der Umgebung verwebt sanft Landschaft und Empfinden. In atmenden Bildern erschließt das lyrische Ich Sinnebenen in so gewöhnlichen Dingen wie einem vorbeifahrenden Kanu oder einer entfernt stehenden Baumkette. Emotionale Lyrik, die nicht darauf verzichtet, auf das Bekannte zurückzugreifen, um die „unklaren Umrisse“ deutlicher nachzuzeichnen, Ahnungen wiederzufinden und das Innere im Äußeren verankert zu entdecken. Sich auf diese Weise als Teil im Gesamtgefüge verstehen; das Ich begreifen als Verschmelzen und Verwachsen zwischen Innen und Außen, sich selbst möglichst sinnhaft werden –

FERNERHIN

Ich sehe in der Ferne
Eine Linie grüner Bäume
Am anderen Ufer

Einen unklaren Umriss
Nebelumgeben
Eine sagenumwobene ferne Zeit
In der Vergangenheit oder in der Zukunft
Aber nicht in der Gegenwart

Gegenwart ist dieser Tisch
Gegenwart ist das vorbeiziehende Kanu
Gegenwart ist die Lagune, das Ufergras, meine Sehnsucht
Ich kann sie alle tasten, schmecken
Und verstehen

Doch die grünen Träume dort in der Ferne
Sind ungewiss –
Sie sind das Schlummernde in mir …

Aka Teraka

Aka Teraka

Textbasis: Lieber Che, dafür, dass ich heute eines deiner Gedichte vorstellen darf und du dir Zeit genommen hast, am lyrischen Mittwoch teilzunehmen, danke ich dir recht herzlich. Folgt man deinen Spuren im Netz ein bisschen, stößt man auf zahlreiche Bücher, die alle deinen Namen tragen und bereits eine beachtliche Liste bilden. Wo findest du überall die Ideen für deine Texte, was inspiriert dich am meisten?
Aka Teraka: Ich als Dichter komme nie zur Ruhe. Meine Seele habe ich der Dichtkunst für die Ewigkeit verpachtet. Mit dem Herausgeben laufe ich frustrierend hinterher, denn es gibt noch so viel mehr. Mit dem Schreiben ist es schlimmer: Ich muß noch viel und vieles mehr niederschreiben, was mich innerlich beschäftigt. Die Zeit fehlt, manchmal die Kraft auch oder die endgültige Reifung der jeweiligen Idee. Trotzdem. Da bin ich kompromisslos – alles, was eine, wenn auch nur winzige, dichterische Schwingung in mir auslöst, muß den Preis dafür zahlen und als Text unter meiner Feder enden. Herkunft, Ursprung, Auslöser, Art und auch Zeitpunkt der Inspiration sind immateriell und ändern sich ständig. Manchmal lassen sie sich auch nicht klar ermitteln, sondern der Gedanke, das Bild oder der Drang ist auf einmal einfach da und will sofort erfüllt werden.

Textbasis: Wenn du eine gute Idee, eine gelungene Eingebung erspürt oder erlebt hast, wie geht es dann weiter? Wie gestaltet sich bei dir der Weg von der Idee zum fertigen Text?
Aka Teraka: An dem Tag, an dem ich sterbe, egal wo, wird man wahrscheinlich Papier und Stift an meiner Person oder in meiner unmittelbaren Nähe finden. Wenn nicht, dann wäre selbst ich im Jenseits überrascht. Denn die habe ich fast immer dabei. Zu meinen grausamsten Ängsten gehört, daß ein flüchtiger Gedanke auftaucht und ich in dem Augenblick keine Möglichkeit habe, ihn schriftlich festzuhalten, und ihn dann irgendwann wieder vergesse, was ab und zu passiert. Das nervt mich ohne Ende. Wenn ich allein bin oder die nötige Freiheit habe, dann schreibe ich sofort das nieder, was mich juckt. Heutzutage hilft auch das Smartphone. Gedichte schreibe ich dann meistens in einer Sitzung ganz zu Ende. Kann sein, daß ich sie später überarbeite, aber sie sind schon da. Geschichten sind problematischer, da die Geschichte selbst sich mir erzählen muß. Da wird manchmal ein hohes Maß an Geduld von mir verlangt, denn ich will alles immer sofort fertigstellen. Aber manchmal muss man erst reifer werden, um zu erfahren, um zu begreifen, wie – oder ob – eine Geschichte weitergeht. Bei einigen Geschichten dauert das jedoch Jahre.

Textbasis: Du schreibst auf Deutsch, Englisch und Igbo. Gibt es für dich Unterschiede, wenn du in der einen oder der anderen Sprache Texte verfasst? Lässt sich manches nur in einer bestimmten Sprache ausdrücken oder spielt das nur eine untergeordnete Rolle?
Aka Teraka: Das Umgekehrte ist richtig. Nicht die Sprache ist in der ersten Linie wichtig, sondern die Dichtung an sich. Sie wirkt unaufhörlich in mir und sucht immer nach Ausdruckskanälen und Möglichkeiten. Schreiben bietet eine gute Brücke, ist aber nicht die einzige Form. Am Anfang schrieb ich nur auf Englisch. Als ich es einmal auf Deutsch probierte, spürte ich sofort, daß jede Sprache der Dichtung und dem Innenleben andere Möglichkeiten bietet, sich auszudrücken. Als ich soweit war, lösten sich die jeweiligen Sprachen dann teilweise von ihren beherbergenden Kulturen. Das Gedicht hier oben – „FERNERHIN“ – habe ich zum Beispiel in Lagos, Nigeria, geschrieben, als ich an einer Lagune saß. Auf Deutsch schreiben ist für mich häufig mit der Empfindung eines Ausflugs verbunden, auf Igbo jedoch mit der eines seltenen Besuchs im Heimatdorf. Englisch verkörpert für mich das tägliche Leben. Geistig gesehen, meine ich. Es ist dann egal, wo ich bin oder was ich gerade mache. In dem Augenblick, in dem ich in das Schreiben eintauche, geht es mir immer entsprechend anders. Diese Unterschiede, muß ich sagen, sind aber nur Feinheiten. Oft verarbeite ich auch denselben Gedanke einmal in dieser und ein anderes Mal in einer anderen Sprache, je nachdem, wie es mir gerade ist.

Textbasis: Und wie verhält es sich mit der jeweiligen Textsorte? Musst du entscheiden, ob du ein Gedicht schreibst oder eine Kurzgeschichte – oder hängen Form und Inhalt untrennbar verbunden aneinander?
Aka Teraka: „The Lake of Love“ habe ich mit 17 als ein kurzes Gedicht geschrieben. Vier Jahre später griff ich auf den ursprünglichen Gedanke zurück und dachte mir, daß Prosa eigentlich geeigneter wäre, um alles auszuarbeiten, was diese Allegorie, die sowohl schlicht als auch tiefsinnig ist, in sich birgt. So entstand dann die Novelle „The Lake of Love“. Das ist mir ein paar Mal passiert, daß ich einen inspirierenden Impuls zuerst in die eine Form einbette, und schließlich zu dem Gefühl komme, eine andere wäre passender. Den Impuls zu dem Gedicht „Gewalt und Gefühl“, das auch in meinem Blog zu lesen ist, wollte ich zum Beispiel ursprünglich erzählerisch ausarbeiten.

Textbasis: Würdest du sagen, dass die Bedeutung von Dichtung darin liegt, das Innere, das Subjektive in eine Form zu bringen, oder eher darin, eine Botschaft zu vermitteln? Oder trifft beides für dich nicht den Kern der Sache?
Aka Teraka: Dichtung ist Verdichtung. Die Fähigkeit, lose Umherschwirrendes, Abstraktes oder sogar Höheres, auf jeden Fall Eingebung oder Erkenntnis, in eine kompakte Form einzuverleiben, dem Verstand greifbar. Jeder hat die freie Wahl, diese Fähigkeit zu dem Zweck zu verwenden, der ihm nahe liegt und ihn weiterbringt als Mensch. Für alles gibt es einen Empfänger, vor allem wenn es einigermaßen gut geschrieben ist. Nur darf die Schönheit nicht fehlen, denke ich. Viele schreiben jedoch, was Inhalt betrifft, mal so, mal so. Ich ebenfalls. Aber ich muß auch dazu sagen, daß es immer eine Botschaft gibt. Der, dem sie gilt oder dem sie etwas Wertvolles gibt, der wird sie immer erkennen und schätzen.

Textbasis: In einer E-Mail hast du mir geschrieben, dass du für 2013 einige Projekte anvisiert hast. Was erwartet uns von dir in den kommenden Monaten des verbleibenden Jahres; und hast du schon über das Jahr 2013 hinaus geplant?
Aka Teraka: Für mich als Dichter ist es immer schwierig, zu entscheiden, welche Gedichte oder Geschichten in welchen Konstellationen oder Bänden zusammengehören. Denn ich habe vor, noch viele Gedichtbände über die nächsten Jahre hinweg zu veröffentlichen. In den unterschiedlichen Anthologien werden auch viele Gedichte sich wiederfinden, die heute in meinen Blogs zu lesen sind. Neben den Gedichten sind spezifisch für dieses Jahr zwei Novellen geplant, eine – „Dance Again in Harmattan Haze“ – auf Englisch geschrieben, eine Liebesgeschichte, die Ende der Neunzigerjahre in Lagos stattfindet; die andere – Der zum Leben verurteilte Dichter – ist auf Deutsch geschrieben und ein bisschen abstrakter, aber auch eine Liebesgeschichte. Wie alle meine anderen Veröffentlichungen werden auch diese auf Amazon erhältlich sein. Einen Überblick über den aktuellen Stand meiner Werke kann man stets in meinem Blog finden.

Textbasis: Das hört sich vielversprechend an. Zum Abschluss noch eine etwas ungewöhnlichere Frage. Nehmen wir an, dass es nur ein Gedicht auf der Welt gäbe. Über was würde man in den Schlussversen dieses Gedichtes deiner Meinung nach lesen können?
Aka Teraka: Darüber, daß alles Vergängliche nur ein Gleichnis ist.

Textbasis: Kurz und prägnant, vielen Dank für deine Worte, Che! Gerade der Umstand, dass du in mehreren Sprachen schreibst und uns ein bisschen darüber erzählt hast, wie sich das im gesamten Schreibprozess niederschlägt, macht deine Ausführung für mich besonders interessant. Ich wünsche dir für alle geplanten und anstehenden Schreibarbeiten bestes Gelingen, viel Inspiration und viele gute Ideen. – Konnten die Verse Aka Terakas Ihre Neugierde wecken, so bieten sich an dieser Stelle ungewöhnlich viele Möglichkeiten, um die nachfolgenden Minuten und eventuell auch Stunden zu füllen. Folgen Sie dazu den Links und finden Sie auf den Blogs des Autors (auf Deutsch, Englisch und Igbo) viele weitere Gedichte sowie kurze Prosa.

PS: Wer von Ihnen ebenfalls Lust hat, einen seiner Texte, eines seiner Gedichte oder Lieder hier vorzustellen und ein paar Worte über sich zu sagen, folge mir mit seinem Blog, oder mache auf andere Weise auf sich aufmerksam. Ich würde mich freuen, ein Zeichen von Ihnen zu erhalten.


-Schönheit, Freiheit, Harmonie- Gedanken zu Kunst & Kitsch

Matthias Engels (Teilnehmer der vierzehnten Folge des lyrischen Mittwochs) hat das Thema „Wortwahl in der Lyrik“ auf seinem Blog erneut aufgegriffen und die Taschenlampe ausgepackt. Er durchleuchtet anhand zahlreicher Beispiele, was sich in der Poesie verändert hat und wo sie angekommen ist. Bestandsaufnahme: „Keine Utopien, Allegorien finden mehr statt, dafür Diagnosen und Fallberichte.

Durchdacht, nachvollziehbar, leichtfüßig – unbedingt lesen.

DINGFEST

Bild

Sebastian Schmidt machte sich aktuell in seinem Blog noch einmal Gedanken über die Lyrik und den Lieschen Müller-Stempel, den er nach unserem Interview für den lyrischen Mittwoch erfunden hat.

https://textbasis.wordpress.com/2013/07/07/poesie-das-ist-musik-3-gedichte-mit-herzblut-schreiben-ein-pla%C2%ADdo%C2%ADyer-fur-bewusste-wortwahl-im-gedicht/

Gibt es Worte, die ein Gedicht von vornherein disqualifizieren. Worte, die zu profan oder anderweitig „unlyrisch“ sind. In einer Zeit, in der man alles sagen kann und darf, in der verschiedene Epochen und Schulen den Wortschatz der Lyrik aus den unterschiedlichsten Feldern ergänzt und erweitert haben? Wir sprachen im Interview davon, dass heutige Lyriker bestimmte Begriffe zu scheuen scheinen wie der Teufel das Weihwasser. Ich erzählte ihm von vielen Kritiken (von anderen Lyrikern und Kennern), die ich erhielt, da ich gelegentlich gerne Herz und ähnliche Begriffe benutze. Andersherum wurde ich neulich (von einem Leser) kritisiert, da ich das Wort Krisengebiet in einem Gedicht auftauchen ließ, das sicher bei modernen Lyrikern kein Grund zum Anstoßnehmen gewesen wäre. Woher kommt diese…

Ursprünglichen Post anzeigen 1.496 weitere Wörter


[Poesie, das ist Musik! #3] Gedichte mit „Herzblut“ schreiben? Ein Plä­do­yer für bewusste Wortwahl im Gedicht.

Aktualisierung: Eine Replik von Matthias Engels auf diesen Beitrag finden Sie hier. Vielen Dank! —

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Sahnetorte mit Senf, braunen Zwiebeln und gebratener Leber klingt nicht nach kulinarischem Hochgenuss. Im Gegenteil, das wäre wahrscheinlich so eine Süßspeise, welche die Wahl des Desserts vereinfachte, indem sie sich selbst als Kandidatin ausschließt. Wer isst denn auch so was? Dass Torte, Innereien und gebratenes Senfgemüse nicht die Kombination eingehen, welche Sauerkirschen in Guss, Schokoraspel und Sahne ergeben, ist kaum der Erwähnung wert. Wenn es hieße „Schwarzwälder oder Deftige Lebersahne?“, wäre die Entscheidung vermutlich einfach.

Nehmen wir uns eine französische Köchin, eine Beherrscherin aller feinen Kochkünste. Geben wir ihr eine angemessene Reputation und ein bisschen Experimentierfreudigkeit. Eines Nachts überrascht sie ein Traum von Zwiebeln, Senf, Leber – und Sahnetorte. Dieser Traum verfolgt sie; unter Aufwendung aller Kenntnisse kreiert sie in Wochen harter, fast fiebriger Arbeit – endlich! – die eingangs erwähnte süß-senfige Tortenspeise. „Ein Aufwärtshaken der Kulinarik“, titelt bald schon wohlwollend eine führende Gourmet-Zeitschrift. Experiment geglückt, „Torte revolutioniert“. –
Anders Herr Franzen, der aus Versehen die Reste vom Mittag auf die verkannte Sahnetorte verteilt und sie – in Ermangelung von Alternativen – trotzdem seinen Gästen zum Kaffee vorsetzt. Die genauen Umstände und der Ausgang dieser Episode sind unbekannt, jedoch erzählt man sich, dass Herr Franzen seither keine Gäste mehr empfangen habe …

Wenn das sogenannte Storytelling im Marketing funktioniert, dann kann eine kleine Geschichte zur Verdeutlichung theoretischer Überlegungen nur angemessen sein. Denn natürlich geht es hier nicht um Torte, Leber, und Kochen. Es geht um Wollen, und es geht um Können beim Schreiben. Anlass für den Eintrag dieser Woche waren für mich Gedanken von Matthias Engels aus der vierzehnten Folge des lyrischen Mittwochs. Dort ging es unter anderem darum, ob die Verwendung bestimmter Wörter im Gedicht das Gedicht selbst disqualifiziere und die Verfasserin und den Verfasser als Lieschen und Lilo Müller abstemple. Welche Überlegung steckt hinter dieser Frage? Nehmen wir uns ein paar erfundene Beispielverse her:

Inkasso-Mann, du hast jetzt schon
zwei Mal geklingelt. Hast mir alles genommen,
mir schmerzt mein Herz! Alles was du mir gelassen hast
sind meine vier Wände und mein Gasherd.
Ich merke es ganz deutlich:
Das Leben besteht nicht nur aus Liebe und Herzblut.

Oder etwa:

Lieber Heinz,
Die Liebe ist wie ein Traum,
Sie ist ein gar seltsam’ Ding,
Das du nicht richtig fassen kannst.
Deswegen findest du im Nebenraum
Ein Paar neue Handschuhe und einen
Gummidichtungsring.
Alles Gute zum Geburtstag, lieber Heinz,
Wünscht dein Tantchen Griselinde.

Über die Qualität der Verse soll hier nicht gesprochen werden. Achten wir ein bisschen auf die Wortwahl. Im ersten Gedicht – ich nenne diese Zeilengebilde der Einfachheit halber so – ist sie trist, einfallslos, geprägt von ausgenudelten Redensarten („Herzblut“, „vier Wände“, „mir schmerzt mein Herz“ …). Das zweite Gedicht hat durchaus komische Aspekte, eignet sich eventuell auf einer kleinen Familienfeier zum beschwipsten Vortrag. Aber auch hier wieder: „Liebe“, „gar seltsam’ Ding“, „Traum“ – literarisches Einerlei, ungesalzen. Zu Recht tragen diese Zeilen den Stempel „© Lieschen & Lilo Müller“.

Nun ist es so, dass es nicht gerade einfach ist, gute Gedichte zu schreiben. Aber ebenfalls ist es so, dass dieser Umstand nur wenige Hobbydichterinnen und Hobbydichter abhält, in die Tasten zu hauen. Und das sollen sie auch herzlich gern tun! Ich bin der Meinung, dass auch das schlechteste Gedicht für die Verfasserin oder den Verfasser der wichtigste Text sein kann. Ich bin froh, dass jeder schreiben kann, worauf er Lust hat, und ebenfalls die Möglichkeit besitzt, es ungehindert im Netz zu veröffentlichen. Das ist aber ein ganz anderes Thema, das eventuell noch einmal in einer Folge der „Nahdenken“-Kolumne aufgegriffen werden wird. Worum es mir hier geht: Dieser hindernisfreie Zugang zur Internetveröffentlichung und die Masse von Geschenkbuchlyrik, wie sie Matthias Engels nannte, führen zu einer verschobenen Wahrnehmung der Dichtkunst.

Für viele ist das Gedicht noch immer etwas Feierliches, Gereimtes, etwas Ehernes. Und vor allem: etwas, das sich nie verändert hat im Vergleich zu den vereinzelten Versfragmenten, die man noch aus der Schulzeit in Erinnerung hat – „Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde! …“. Das moderne Gedicht ist nicht in den Köpfen der Masse angekommen, weil es nicht wahrgenommen wurde und wird. Manchmal traut man sich eventuell gar nicht zu sagen, dass man selbst Gedichte schreibe, zu sagen, dass man eine Dichterin sei. „Dann reim’ mal was; und kannst du mir für Onkel Egoberts Geburtstag nicht was ganz Kleines dichten?“. Dann also lieber gleich schweigen; die Vorstellungen der Masse vom Gedicht sind festgefahren und durch engstirnige Schulbildung falsch konditioniert worden. Und das führt dann dazu, dass Gedichte wie die beiden oben ad hoc hingeworfenen, Einzug ins Netz finden – mit bestem Gewissen auf Seiten der Verfasser. Ein Teufelskreis.

Es dominiert also ein falsches Bild der Lyrik und in den Köpfen eine falsche Vorstellung von ihr. Und gerade diese Erwartungen, diese alten und festgefahrenen, gilt es nicht zu erfüllen. Denn wenn man eines seiner mit viel Kreativität geschaffenen, oft überarbeiteten, Gedichte vorträgt und zur Antwort bekommt: „Hmm … schön … Ich schreib ja auch, klingt auch fast wie deins, soll ich mal vorlesen? Ich reim’ aber mehr“, dann kratzt das am Selbstverständnis. Man sieht schon den müllerschen Stempel herniedersausen. Darum gibt es Tendenzen in der modernen Lyrik sich abzugrenzen, die eigenen Fähigkeiten nicht in den Fresstrog zu werfen, sich gar nicht erst diesen Vergleichen stellen zu müssen. Dies geschieht auf vielfältige Weise, kann beginnen bei eigenwilliger Orthografie und Interpunktion, fortgeführt werden über komplizierte, kaum zu enträtselnde Bilder, und enden eventuell in hermetischer Verschlossenheit. Hauptsache, es wird deutlich: Das Gedicht ist nicht wie die Rede von Tante Griselinde auf Heinz’ Geburtstag.

Folgen dieses Vorgehens sind, dass das eigene Können in Ansehen gehalten wird, unweigerlich aber auch, dass diese Verse nicht mehr die Vorstellungen der breiten Masse treffen, weil diese ja gerade die altbackenen Ideen vertritt. Das führt zu einer Art Abkapselung, einer Elitenbildung: Denn wer nicht die Erwartungen vieler erfüllt, der schreibt für eine kleine Gruppe, eventuell nur mehr für sich.

Vor dem Hintergrund der hier angestellten Überlegungen ist es also notwendig, dass die moderne Lyrik sagt: „So nicht, wer mich nicht will, der kann mich mal – getrost ignorieren.“ Und für dieses notwendige Abgrenzen braucht es Ideen (ein hohes Maß an Sprachgefühl, das jede Lyrik notwendigerweise braucht, setze ich unhinterfragt voraus) und vor allem das, was ich „bewusstes Schreiben“ nenne. Bewusstes Schreiben ist immer kreatives Schreiben, jedoch reflektierter. Heißt: Ich weiß, warum ich etwas so schreibe, wie ich es schreibe, und: ich weiß, wie ich es eventuell auch anders schreiben könnte.

Nun sind wir also bei unserem Bild vom Anfang dieses Beitrags angekommen: Herr Franzen hat es falsch gemacht, weil er nicht anders konnte, als die verdorbene Torte anzubieten, ihm fehlten die Alternativen. Unsere Spitzenköchin hingegen hat sich bewusst die Zutaten herausgepickt, hat bewusst ihr Traumrezept umgesetzt, auf das Ziel hingearbeitet, es nicht nur irgendwie erreicht. Und darin verbirgt sich auch meine eigene Überzeugung, was die Wortwahl beim Schreiben moderner Lyrik anbelangt.

Ich halte es ebenfalls für notwendig, sich abzugrenzen von der Geschenkbuchlyrik, um die Qualität moderner Dichtung aufrechtzuerhalten. Gerne mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln. Was ich jedoch nicht für notwendig halte, ist die Verteufelung einer klaren Sprache, von einfachen Bildern, ehrlicher, unaufgeregter Beschreibung. Warum nicht die Wörter Herz, Schmerz, Liebe, Traum, Seele et cetera im Gedicht verwenden? Wenn man sie bewusst platziert, dann ist dagegen nichts einzuwenden. Die Angst, sich selbst abzustempeln, kann nur dort aufkommen, wo man annimmt, sich zwanghaft rechtfertigen zu müssen, unter Überwachung zu stehen. Aber beim Schreiben solche Gedanken zu hegen, befördert keine guten Ergebnisse. Es befördert ein Schreiben nach den Erwartungen einer Gruppe Auserwählter. Gutes Schreiben hingegen ist frei – aber immer bewusst.

Dann wird beispielsweise aus dem „Gasherd“ im ersten Gedicht oben ein „Herd“ und aus den „vier Wänden“ eine „Hütte“. Der „Inkasso-Mann“, gut, der wird im Original zu „Zeus“. Und die Verse aus Goethes „Prometheus“, die werden unvergesslich und bleiben dabei erdig-ehrlich. Hier wurden Wörterfolgen zu verdichteten Wortfolgen.

[…]
Müßt mir meine Erde
Doch lassen stehn,
Und meine Hütte, die du nicht gebaut,
Und meinen Herd,
Um dessen Gluth
Du mich beneidest.
[…]

Es kommt demnach gar nicht darauf an, ob man eine Leber-Sahnetorte bäckt oder nicht, ob man Worte wie Liebe, Schmerz und so fort schreibt oder nicht. Worauf es ankommt ist zu wissen, dass man Worte verwendet, die vorbelastet sind durch die Verse aller Lieschens und Lilos. Und wenn man sich dessen bewusst ist, dann kann man entscheiden, ob man sie trotz allem verwenden möchte und ob sie wirklich nötig sind. Denn dann weiß man ja, gleich unserer Spitzenköchin, was man damit anrichtet.


[Der lyrische Mittwoch, Folge 14] Matthias Engels – In Armstrongs Aufzeichnungen keine Engel

in einem waldstück fraß ein bär
behutsam früchte von einem busch.

Warum erscheint uns das Normale fremd? Dieser Frage wird in der heutigen Folge des lyrischen Mittwochs ein bisschen nachgefühlt werden. Ich heiße Sie dazu herzlich willkommen! Begrüßen Sie bitte gemeinsam mit mir Matthias Engels, von welchem auch die beiden einleitenden Verse stammen. Matthias lebt mit seiner Familie in Westfalen und schreibt Gedichte seit er 15 ist. Schon mehrere Romane und zwei Gedichtbände wurden inzwischen veröffentlicht: Springprozession (2011) und in Versen In Armstrongs Aufzeichnungen keine Engel (2012). Matthias arbeitet als Sortimentsbuchhändler, betreut kulturelle Projekte, ist tätig als Herausgeber und Referent für Literatur – und heute ist er Gast im lyrischen Mittwoch, worüber ich mich besonders freue.

Das Titelgedicht des aktuellen Gedichtbandes ist wie das giftige Fauchen einer Katze, übersetzt in das Schnurren eines Löwen: es ist relativ. Wie sonst ist es möglich, dass uns der fressende Bär im Waldstück so seltsam, seltsam vertraut, anmutet? In Matthias’ Gedicht wird der Blick ausgeworfen; dahin, wo wir nicht mehr hinschauen, beispielsweise zu Bahnschranken, die mit jedem Auf und Nieder Leben retten. Für alle ist alles gleichgültig und in dieser umfassenden Gleichgültigkeit kann für das Gewöhnliche kein Platz mehr sein. Eingepackt in Sensationen, reicht uns als Sinn des Lebens nicht mehr der „sherry zur suppe“. Die Antwort ist: Schweigen überall, wenn man nur an der richtigen Stelle horcht. Langsam aus dem Gewöhnlichen herausevolutionieren wie die Fische aus den Netzmaschen. Und am traurigen Ende stellen wir fest, dass das Außergewöhnlichste, auf das wir die ganze Zeit noch gewartet hatten, nicht lediglich vergessen wurde, es existierte nicht – und das hat auch Armstrong sehen müssen, egal von wie weit draußen er schaute. Denn unten ist alles beim Alten –

In Armstrongs Aufzeichnungen keine Engel

I

an der ecke gehen die schranken runter,
aber davon steht nichts in der zeitung.
sie gehen wieder hoch,
aber nichts kommt darüber im radio.
im zug sitzt ein stigmatisierter,
aber das interessiert zum beispiel
die steine im gleisbett wenig.
etwas prallt an die scheibe,
der umriss auf der netzhaut sagt: vogel,
ohne spezifikation: vogel,
aber das interessiert zum beispiel
die gartengruppe gar nicht.

II

tägliches existenzfragen-voodoo
kein suchergebnis für Ihre anfrage: -Ich-.
im fernsehen: ein special über fallenden schnee.
eilmeldungen als schriftband: nichts passiert.
heute-nachrichten:
weltweit wurde geatmet,
alte männer starben natürliche tode in betten.
paare zeugten kinder.
in einem waldstück fraß ein bär
behutsam früchte von einem busch.
das im spiegel bist du.

III

in einem labor entsteht eine neue waffe,
aber das interessiert zum beispiel die paarhufer wenig.
die lottozahlen werden gezogen,
aber der brahmaputra fließt weiter.
sherry zur suppe!, sagt der zen-meister
auf die frage nach der letzten wahrheit.
der gorilla sitzt glücklich lächelnd
an der ameisenstraße während die bäume fallen,
die schöpferkraft edisons ist ein gottesbeweis,
die energiesparlampe aber nicht.

IV

im meer schrumpfen sich fische
durch netzmaschen,
vögel imitieren mobiltelefone.
eine stadtamsel versteht keine landamsel
und die haut des eisbären ist schwarz.
10 jahre arbeit für ein stück ton,
das am ende aussieht wie kreidezeit.
baal und beelzebub lesen sich aus der bibel vor,
aber in armstrongs aufzeichnungen keine engel.

Matthias Engels

Matthias Engels

Textbasis: Hallo Matthias, ich freue mich, dass du heute am lyrischen Mittwoch teilnimmst. Bevor wir auf dein Gedicht und das vermeintlich allzu Normale zu sprechen kommen, eine etwas allgemeinere Frage. Du schreibst Prosa und Gedichte, in welchem Verhältnis stehen beide Formen für dich, was zieht dich in die eine und was in die andere Richtung?
Matthias Engels: Hallo und danke für die Einladung. Prosa und Lyrik sind wirklich zwei sehr unterschiedliche Gattungen – bei denen es zwar Überschneidungen und Berührungspunkte gibt, die sich aber für mich, was die Arbeitsweise angeht, fast konträr gegenüberstehen. Bei den Gedichten entsteht ein Text über ein Wort, eine einzelne Wendung, Parallelen in ganz unterschiedlichen Wortfeldern. Mir fällt ein Wort zu, ein anderes gesellt sich dazu, drei weitere fallen mir ein, und dann wird es mehr und die Frage nach der Form, der Struktur stellt sich, die dem Material die größtmögliche Wirkungsfreiheit lässt, es aber dennoch miteinander verbindet. In der Prosa ist es fast genau anders herum. Hier entzündet sich ein Text, zumindest ein klassischer, am Fetzen einer Geschichte, einem Umstand oder einfach der plötzlich präsenten Stimme einer Figur. Die Romanform bietet zwar auch Freiheiten, ist aber, was ihre Zutaten angeht, stärker eingeschränkt als die Lyrik. Man sucht hier eher eine passende Sprache, passende Worte für seine Geschichte, während in der Lyrik oft die Sprache selbst der „Leistungsträger“ ist. Bei mir gibt es Phasen, in denen nur das eine oder das andere geht; zuletzt entstand meine Lyrik aber neben einem großen Roman, sozusagen als Warmschreiben und auch als Abschalten des kalkulierenden Erzählers zugunsten des Wortklaubers.

Textbasis: Wenn also für dich besonders Situation und Intuition eine Rolle spielen, damit überhaupt Texte entstehen, würdest du dann sagen, dass es noch bestimmte Inhalte gibt, jetzt einmal ganz unabhängig von der Textlänge, die nur in Versen oder nur in Sätzen funktionieren?
Matthias Engels: Die Nähe der Lyrik zur Prosa ist ja heute sehr groß. Oftmals, und das sind nicht die gelungensten Gedichte, erscheint Lyrik nur als „Prosa mit Zeilenumbruch“. Es sind vielleicht nicht unbedingt die Inhalte – bei Lyrik ist das ja sowieso oft schwierig: zu sagen, was der Inhalt ist –, es ist eher die Haltung. Ich würde schon sagen, dass man zum Beispiel über Pflaumen im Kühlschrank oder ein treibendes Messer im Spülwasser sowohl ein Gedicht, als auch einen Prosatext schreiben kann (für beides gibt es Beispiele), aber die Ergebnisse werden sehr unterschiedlich ausfallen. Wenn ich etwa das Thema „Vergeblichkeit“ in einem Prosatext darstellen möchte, werde ich es über eine Geschichte tun. Das geht begrenzt auch im Gedicht, aber die Lyrik böte auch die Möglichkeit, es allein anhand einzelner Worte und Wortgruppen zu illustrieren, die die gewünschte Atmosphäre transportieren und dazu vielleicht noch aus einem völlig unerwarteten Sprachbereich stammen.

Textbasis: In unserer E-Mail-Korrespondenz erwähntest du, dass du mit deinen Gedichten den „Spagat zwischen Moderne und Lesbarkeit“ schaffen willst. Klingt darin eher Vorwurf oder Feststellung mit?
Matthias Engels: Damit wir uns an da richtig verstehen: Ich begrüße alle Strömungen der modernen Lyrik – auch die totale Hermetik, Syntaxzertrümmerung und Einbeziehung von technischen und Hipster-Begriffen haben alle ihre Berechtigung und sind zum Teil ja auch nicht wirklich neu. Ich persönlich – und da gehe ich wahrscheinlich mit vielen Lesern konform – mag es aber, wenn mir ein Gedicht beim ersten Lesen nicht ungefähr so verschlossen bleibt, als wäre es in Urdu geschrieben. Es ist sicher oft zu Unrecht, dass die Leute sagen: „Mit Lyrik kann ich nix anfangen“, aber in manchen Fällen – und da ist es jetzt wirklich Kritik – scheint es, als wolle der Lyriker sein Publikum bewusst einschränken, nicht reinlassen, und das finde ich dann eher nicht so gut. Es gibt heute eine sehr kleine Zahl von Lyrikern, die überhaupt wahrgenommen werden und diese bilden einen Zirkel, der sich sehr stark abgrenzt, ja: abgrenzen muss, eben weil es so viele Leute gibt, die Gedichte schreiben oder die meinen, es zu tun. Man glaubt ja nicht, wie viele klassisch gereimte und strukturell im 19. Jahrhundert steckengebliebene Texte man in irgendwelchen „Dichterforen“ findet. Dann noch die unzähligen Gedichtbände im Selbstverlag, die alle so eine Art Geschenkbuchmarkt bedienen. Die breite Masse nimmt das dann also als Lyrik wahr und wirft alles in diesen einen Topf. Dass die moderne Avantgarde dann einen ultra-coolen, distanzierten und fast technischen Blick auf die Welt an den Tag legen muss, um sich abzugrenzen, ist verständlich. Ich bin schon kritisiert worden, weil ich ab und an die Worte Herz benutze und Glück und Traum. Im Moment ist es etwas verpönt, so etwas zu schreiben, weil es eben nach Lieschen Müllers Gedichten aus der Gartenlaube riecht. Und da kommen wir dann zum Spagat. Muss denn ein Gedicht, das Herz sagt, zwangsläufig uncool und unmodern sein? Auf diesem Grenzstreifen treibe ich mich so rum: meine Gedichte sind zu kitschig für die Avantgarde und für den Kitschmarkt zu Avantgarde, glaube ich. In meinem Fall hat Lyrik auch mit Klang und Gefühl zu tun und nicht nur mit Analytik und der Anwendung postmoderner Techniken. Das ist wohl mein Manko, in den Augen einiger. Ich staune immer, wenn Leser sagen, meine Texte seien so schwer zu verstehen. Ich erkläre dann, dass es für die „echten“ modernen Lyriker vermutlich Kindergarten-Texte aus dem Poesiealbum sind. Ein wenig empfinde ich diese enorme Diskrepanz zwischen Schreibern und Publikum als tragisch.

Textbasis: Dass sich Lyrik „lesen lassen“ soll, heißt ja dann auch, dass man sie verstehen können muss. „In Armstrongs Aufzeichnungen keine Engel“ bietet in dieser Hinsicht Bilder, die so vertraut anmuten, dass allein ihre Verwendung im Gedicht sie hervorhebt. Denn hinter den „Schranken“ aus den ersten Versen verstecken sich ja nicht nur die mechanischen Bewegungen eines zyklischen Auf und Ab, sondern es versteckt sich darin auch, zumindest in meiner Auslegung, ein Sinnbild für das Vergessenwerden. Ist es das, was das Lyrische auszeichnet: der Blick hinter das Offenkundige des Normalen?
Matthias Engels: „Verstehen“ ist immer so ein Begriff, was Lyrik betrifft. Ich würde sagen: Wenn der Text dem Leser etwas sagt, dann ist er gelungen – es geht nicht zwingend darum, was er ihm sagt. Lyrik ist interpretationsoffen und die Vermittlung einer einzigen richtigen Aussage ist nicht ihr Hauptanliegen. Was „Armstrong“ konkret angeht, macht es in meinen Augen die Mischung: „der Blick hinter das Offenkundige des Normalen“ ist schon einmal eine Komponente. So viel ist „normal“, als unverrückbar festgeschrieben und somit der Wahrnehmung schon fast nicht mehr wert. Das sollte man überdenken. Manchmal steckt mehr dahinter. Manches Profane verbirgt etwas. Im Fall der Schranken will ich in diese selbst gar nicht zu viel hineininterpretieren; hier geht es mehr um den Fakt, dass man diesen reibungslosen Ablauf der Dinge nicht mehr wahrnimmt, darum, dass es, wenn die Schranken runtergehen, nicht zwangsläufig heißt, dass sie auch wieder raufgehen. Soviel kann in dieser Minute passieren. Wir nehmen unser normales, alltägliches Leben als selbstverständlich und sind uns nicht bewusst, dass zwischen „Schranke rauf“ und „Schranke runter“ uns Herztod oder Terror ereilen können, dem Nebenmann am Bahnsteig gerade der Krebs den Leib zerfrisst, oder einer vor uns aussteigt, der gerade auf dem Weg zu einem Amoklauf oder zum ersten Treffen mit seiner großen Liebe ist. Hier ist die nächste Zeile im Text wichtig. Die Schranken sind profan, aber: „im zug sitzt ein stigmatisierter“ – würden wir es wahrnehmen, wenn ein in irgendeiner Form besonderer Mensch neben uns im Abteil säße oder wären wir zu abgestumpft dazu? Die Mischung, wie gesagt: In all dem Kleinen schlummert eventuell etwas Großes, aber in all den großen Sensationen und Katastrophen, die oft eigentlich Banalitäten sind, geht es unter. Als Beispiel: Wen interessiert schon wirklich das Baby von Kate und Prinz William? Dennoch nimmt es weitaus mehr Platz in unserm Leben ein, als eigentlich angemessen wäre. Andere Dinge, die uns angehen sollten, die Schönheit enthalten, werden in den Medien nicht einmal erwähnt. Der Bär zum Beispiel, der Früchte vom Busch frisst. All das passiert parallel in dieser modernen Welt, aber unsere Wahrnehmung davon ist leider sehr stark selektiert. Ich hätte es gern einmal, dass die Nachrichten verkünden, dass nichts passiert ist, dass alles ruhig ist, dass alles normal und nicht kranke Sensation ist.

Textbasis: Nach diesen theoretischen Überlegungen vielleicht eine etwas lebensweltlichere Frage: Was motiviert dich und wo findest du Ideen für deine Bücher und Gedichte?
Matthias Engels: Ich weiß es nicht. Das ist die einzige ehrliche Antwort. Ich weiß nicht, warum ich schreibe, und wer das eindeutig zu beantworten weiß, der lügt in meinen Augen. Das Schreiben, wenn man es nicht wirklich professionell mit einem ertragsorientierten Plan anfängt, gleicht ja dem Klingeln mit Glöckchen oder dem Aufbauen und Umstürzen von Bauklötzchen: gesellschaftliche Relevanz hat es nicht mehr, die Leser werden immer weniger, es heilt auch keine Krankheiten. Die Motivation, der Grund, warum man sich nutzlos fühlt, wenn man mal kein Manuskript in Arbeit hat, muss also irgendwo in einem selbst liegen. Geltungsdrang? – Da sollte einem klar sein, dass jeder drittklassige Soap-Schauspieler mehr Fans und Facebook-Freunde hat als ein noch so erfolgreicher Autor. Da böte sich dann eher eine Karriere als Fußballprofi oder Prominenten-Gattin an. Nein, ich merke, dass ich das Schreiben brauche, um mir meiner Sicht der Dinge etwas bewusster zu werden. In das Schreiben fließen meine Verwirrungen und meine Fragen. Natürlich gibt es Stoffe und Themen, die mich offensichtlich nicht loslassen und immer wieder auftauchen. Das scheinen dann wohl die Themen meines Lebens zu sein: Liebe, Familie, menschliches Miteinander. Politik dagegen oder wirtschaftliche Zusammenhänge interessieren mich als Zeitgenossen, aber nicht wirklich als Autor. Meine Geschichten kommen irgendwoher. Ich stoße auf einen Sachverhalt und habe schlagartig das Gefühl, dass er ein toller Ausgangspunkt für etwas wäre. Meine Gedichte, wie gesagt, kommen aus der Sprache selbst: ein Wort, eine Wendung. Neulich lief ich eine Woche lang mit dem Wort Luftbrücke umher. In der Prosa wäre der Begriff klar: Berlin, die Alliierten, Rosinenbomber et cetera. Lyrisch aber sieht das Wort ganz anders aus: eine Brücke aus Luft, über die Luft, in der Luft – ein paradoxes, aber schönes Bild. Dann kamen die Luft-linie dazu und der Luft-raum. Ergänzt mit der Bedeutung von Luft-nummer oder Luft-buchung wird das Ganze dann auch noch etwas kritisch erweitert zu etwas Nichtigem, nur Vorgetäuschtem – so entsteht Lyrik manchmal, wobei das Endergebnis, das letztlich aus diesem Begriff hervorging, ganz, ganz anders ausgefallen ist, als ich es anfangs gedacht hatte.

Textbasis: Gibt es da nicht einen Punkt, gerade beim Verfassen von Gedichten, an dem man sich fragt: Wozu noch Verse schreiben, wenn es eigentlich keinen richtigen Markt gibt? Oder eröffnet das eher Möglichkeiten?
Matthias Engels: In dem Moment, in dem ich ein Gedicht bearbeite, gibt es nichts anderes – kein Text auf dieser Welt ist gerade interessanter und wichtiger als dieser. Da denkt man nicht an den Markt. Generell ist es aber natürlich schon so, dass man weiß: es ist eigentlich unsinnig. Aber das Unsinnige – Karaoke singen, Billard spielen, Karneval – kann ja mitunter großen Spaß machen und für den ein oder anderen sogar zum wichtigen Lebensbestandteil werden. Es ist nicht so, dass ich keinen Ehrgeiz diesbezüglich hätte: man freut sich, wenn ein Gedicht in einer Zeitschrift oder einer Anthologie gedruckt wird. Man ist stolz auf positives Feedback wie dies hier gerade! Dass es einem kein Geld bringt, ist aber schnell klar. Es ist ja auch paradox, dass diese meines Erachtens intensivste und intimste Auseinandersetzung mit sich und dem Wort diejenige mit der geringsten Beachtung von außen ist – aber, wie du sagst: es eröffnet auch Möglichkeiten. Man ist nicht gezwungen, jedes Jahr einen neuen Gedichtband auf den Markt zu schmeißen, um sich sein Publikum zu erhalten – es gibt ja in der Regel kein nennenswertes! Man kann in allen Formen und Themen wildern, ohne auf Marktgängigkeit zu schielen. Man ist im besten Sinne für sich und keinen Regeln unterworfen. Man kann in aller Ruhe sein Programm, seinen eigenen Anspruch finden, ausbilden und umsetzen. Wenn die ein oder andere Veröffentlichung dabei rausspringt – schön! Aber darauf bauen, um seinen Lebensunterhalt oder seinen Wert für die Gesellschaft und die Menschheit darauf zu begründen, sollte man tunlich nicht. Dann eröffnet es Möglichkeiten.

Textbasis: Diese Umkehrung – weg vom Markt hin zur Möglichkeit – gefällt mir sehr gut. Zum Abschluss vielleicht ein kleiner Ausblick: Wo wird deine literarische Reise hingehen, sind schon neue Ziele angepeilt? Was hilft dir beim Weitermachen, und welchen Tipp hast du eventuell für junge und angehende Autorinnen und Autoren?
Matthias Engels: Meine literarische Reise? Passt gut, denn ich habe eben einen großen Roman fertiggestellt, der jetzt bei einigen Verlagen liegt. Und darin geht es um das Reisen – oder besser gesagt: die Reisen zweier realer Größen der Literaturgeschichte, die den Anstoß zu dem Text gaben. Oscar Wilde und Knut Hamsun: zwei Autoren, die charakterlich unterschiedlicher kaum sein können, waren im Jahre 1882 parallel in den USA unterwegs. Wilde als gefeierter Vortragskünstler, Hamsun als armer Emigrant auf der Suche nach dem Glück. Auch in ihrem weiteren Leben verbanden sie einige unerwartete Parallelen, auf die ich längst hätte stoßen können, da beide Autoren seit Jahren zu meinen Säulenheiligen gehören. Aber wie Schuppen von den Augen fiel es mir erst vor zwei Jahren. Die Umsetzung zweier realer Personen als Romanfiguren erforderte natürlich eine Menge Recherche und Einfühlungsvermögen. Ich schrieb in meinem Blog ein kleines Werkstatt-Tagebuch darüber. Im Moment gibt es folglich nichts, was wichtiger wäre, als diesen Roman endlich gedruckt zu sehen. Es ist mein bisher umfangreichster und meines Erachtens auch bester. Darin ist alles enthalten, was mich interessiert und was ich bis zum jetzigen Zeitpunkt literarisch vermag. Das Weitermachen ergibt sich immer irgendwie von allein. Ich habe schon nach meinem ersten Buch gedacht: „So, jetzt hast du nichts mehr zu erzählen.“ Aber innerhalb eines Jahres war das zweite draußen. Ich dachte auch nach der Fertigstellung meines Gedichtbandes In Armstrongs Aufzeichnungen keine Engel: „So, das war’s jetzt, mehr Gedichte wirst du nicht mehr schreiben.“ Aber seitdem sind fast so viele neue entstanden, wie der Band enthält, für den ich jahrelang gesammelt habe.
Ich kann jungen Autoren kaum Ratschläge geben, denke ich. Schreiben, Schreiben, Schreiben vielleicht. Unter allen Bedingungen und Umständen. Nicht auf den Markt gucken, auch mal bewusst was für die Schublade machen, in dem Wissen, dass es sie nie verlassen wird. Nichts erzwingen und sich nicht zu stark daran klammern als Existenzberechtigung. Weiterhin noch: Lesen und !Leben!, denn Literatur – Lyrik wie Prosa – speist sich immer aus Erfahrungen.

Textbasis: Es scheint mir der Hinweis auf die Kombination von Leben, Lesen und Schreiben überaus wichtig, um zu erkennen, dass die Qualität der eigenen Texte sehr schnell kippen kann, wenn sich die Balance ungünstig verlagert. Aus dieser Überlegung kann jeder Reifung erlangen! Vielen Dank für deine ausführlichen Antworten, Matthias. Ich denke, dass auch diese Woche wieder viele spannende Aspekte angeschnitten und abgedeckt werden konnten, die sonst hinter den Worten zurückbleiben. Ich wünsche dir für deinen aktuellen Roman und die Zukunft alles Gute und weiterhin einen so treffsicheren Sinn für unaufgeregte, starke Bilder (dieser Bär will mich einfach nicht verlassen …) – Und damit Sie sich im Anschluss noch ein paar schöne Gedichtzeilen vorsagen können, empfehle ich einen Blick auf die Webseite und den Blog des Autors, auf denen Sie Informationen zu aktuellen Veröffentlichungen sowie umfangreiche Leseproben finden. Also schweben Sie noch ein bisschen …

PS: Wer von Ihnen ebenfalls Lust hat, einen seiner Texte, eines seiner Gedichte oder Lieder hier vorzustellen und ein paar Worte über sich zu sagen, folge mir mit seinem Blog, oder mache auf andere Weise auf sich aufmerksam. Ich würde mich freuen, ein Zeichen von Ihnen zu erhalten.