Monatsarchiv: August 2013

[Der lyrische Mittwoch, Folge 21] Arnd Dünnebacke – Ich war hier

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

herzlich willkommen zum lyrischen Mittwoch. Als Gast darf ich heute den im Sauerland geborenen und aufgewachsenen Lyriker Arnd Dünnebacke begrüßen. Er absolvierte eine Bäckerlehre und experimentierte im Bereich Bewusstseinserweiterung. Derzeit bewegt er sich, neben seiner dichterischen und schriftstellerischen Tätigkeit, „als Faktotum durch die bundesrepublikanische Arbeitswelt“. Seine Gedichte wurden bisher in verschiedenen Anthologien und Literaturzeitschriften veröffentlicht, 2012 erschien zudem sein erster Gedichtband mit dem Titel „Glück ist ein brennendes Flugzeug“. Der Nachfolgeband wird noch dieses Jahr erscheinen, der erste Roman befindet sich im Entstehen.
In seinem Gedicht „Ich war hier“ blicken wir hinein in den Alltag. In klaren und deutlichen Worten ruft dort ein Film-Asteroideneinschlag die alte Frage nach dem Sinn des Seienden hervor. In einer Abendbrot-Unterhaltung, zwischen Bier, Fernseh-Nachrichten und den Simpsons, klingt die Antwort darauf ebenso vertraut wie verständlich: Nicht in Rechtfertigung und falschen Idealen, sondern in der Zufriedenheit, dass es alles überhaupt gegeben hat, müsse der Sinn liegen. Befreit von engenden Vorstellungen, vollkommen aufgehend im Jetzt jeder Situation, verbreitet sich Glücklichsein, das von der Fernsehcouch ausschwärmt ins Allgemeine und zu einer beruhigenden Sicherheit wird –

Ich war hier

Etwas Unsterbliches vollbringen,
wie Beethoven oder Fante oder Rodin,
Neil Armstrong oder Sophie Scholl –
ist es nicht diese Aussicht
auf die Unsterblichkeit einiger
weniger, die uns diesen Marathon
aus Einkaufszetteln und Liebe
und Totgeburten und Fettflecken,
Spritpreiswahnsinn, Krebs
und Sex und Schlachthöfen
und Rosen und Jahreszeiten
durchhalten lässt?

»Willst du noch was?«
fragte Helena aus der Küche,
als ich vom Sofa aus
durchs Vorabendprogramm
zappte und auf N24 hängen
blieb, dem Sender,
wo mindestens zehnmal
am Tag die Welt unterging –
atomare Supergaus,
Menschheit ohne Öl,
Monsterwellen
und Asteroiden
so groß wie Hamburg.
»Bring mir noch’n Bier mit«,
rief ich zurück und dachte,
hm, von ‘nem Kühlschrank
ohne Bier ham sie noch
nie berichtet – die wirklich
naheliegenden Katastrophen
sparten sie einfach aus.

»Hier«, sagte sie
und stellte die Flasche
neben ihren Salat.
»Oh nee, Tjaden, komm,
schalt um. Das geht mir
echt auf die Nerven …«
Der Asteroid schlug grade
im Atlantik ein und
entfesselte einen
Riesentsunami, der auf
New York losfetzte.
Na gut, dann halt Springfield,
wo Homer und Bart ihre
katastrophentauglichen
Talente testeten.

Ich machte das Bier auf
und schaute in unser
Bücherregal, das unter
unzähligen Romanen und Kunst-
und Gedichtbänden ächzte.
»Suchst du was?«
»Nee. Ich überlege nur,
was wäre, wenn wirklich
morgen so’n Ding
auf die Erde plumpst
und hier mit einem Schlag
die Lichter ausgingen …
Was wäre all das dann
wert, was komponiert
oder gemalt oder
geschrieben wurde?
Was für einen Sinn
hätte es gehabt?«

Sie spießte ein Stück
Tomate mit Feta auf die Gabel,
schob es sich in den Mund
und kaute.

»Es war da«, sagte sie schließlich.

Und da ging mir zum ersten Mal auf,
dass eigentlich überhaupt
nichts schiefgehen
konnte.

Arnd Dünnebacke

Arnd Dünnebacke (Bild: Studio Seikel, Hanau)


Textbasis:
Ich freue mich, dass du heute beim lyrischen Mittwoch dabei bist, Arnd. Auf deiner Internetseite kann man den „Klassiker des Monats“ lesen. Dort veröffentlichst du ältere Gedichte von dir „aus der Zeit, als der Dünnebacke die Abartigkeiten und Wunder des Lebens noch in Reime drechselte“. Was hat sich verändert, warum reimst du nicht mehr?
Arnd Dünnebacke: Na ja, ab und zu reim ich mir schon noch was zusammen, das ist dann aber eher ‘ne Fingerübung oder aus Langeweile oder Lust an der Freude. Als ich vor knapp zwanzig Jahren mit dem Schreiben anfing, und das in einem, sagen wir mal, etwas bildungsfernen Milieu, waren die Texte der Rockbands, die ich hörte, die einzige Orientierung, also schrieb ich zunächst Songtexte, die ja üblicherweise in Reimen verfasst sind, ohne dass ich auch nur ein Instrument spielen, geschweige denn singen konnte. Zu Beginn meiner Bäckerlehre besorgte ich mir dann eine E-Gitarre, merkte aber relativ schnell, dass meine Motivation sich aufs Schreiben begrenzte. Ich verkaufte die Gitarre und begab mich auf die Suche nach etwas, was mich voranbringen würde.
Ich fand es schließlich bei Heine, Fontane, Nietzsche, Baudelaire, Borges, Kästner, Kafka, Trakl, Jim Morrison und Rimbaud. Rimbauds „Eine Zeit in der Hölle” war denn auch mein absoluter Augenöffner, zumal ich mich schon einige Zeit vorher mit diversen Drogenexperimenten an die Entregelung aller Sinne gemacht hatte. Was mir jetzt noch fehlte war, aus diesen Kinderschuhen rauszukommen, die mich immer noch in das Korsett der Reime zwangen. Ein paar zaghafte Versuche gab es, ja, aber letzten Endes fiel ich immer wieder in das alte Muster zurück. Bis ich 2005 mit meiner Frau vom platten Land in die Stadt zog und Bukowski in die Finger bekam.
Hatte mir Rimbaud einst klargemacht, was ich bin, hier war einer der mir zeigte, wie ich es sein konnte. Wohlgemerkt, wie ich es sein konnte, nicht wie Bukowski es war. Na, und von da an schrieb ich, wie ich mir immer gewünscht hatte zu schreiben. Und das war’s dann mit den Reimen. Was ich aber auf keinen Fall abwertend meine – ich denke heute noch, dass ich damals ein paar außerordentliche Dinger rausgefetzt habe, und für ein gut gereimtes Gedicht, das in sich stimmig ist, bin ich nach wie vor zu begeistern.

Textbasis: Der Weg dahin ist interessant, bis du so schreiben konntest, wie du es dir gewünscht hattest: Fontane, Nietzsche und Kästner … Aber natürlich: Mit Rimbaud und Bukowski erfährt das Ganze eine drastische Öffnung. Wie hast du gemerkt, dass du einen Punkt erreicht hattest, an dem du bei dir selbst angekommen warst? Steht dann plötzlich auf dem Papier, was man sagen wollte; oder eher das Gesagte, genau so wie man es sagen wollte?
Arnd Dünnebacke: Bei mir selbst ankommen möchte ich eigentlich nie. Wo bliebe da der Spaß, wenn ich nicht jeden Morgen erwachte und mich fragte: Was jetzt? Nur wer hungrig und neugierig bleibt, stellt Fragen; wer Fragen stellt, sucht nach Antworten; und wer auf der Suche ist, befindet sich auf dem Weg. Das ist ja schon mal die halbe Miete. Und irgendwann auf diesem Weg ergab es sich eben, beziehungsweise hatte ich es mir erarbeitet, dass ich das, was ich zu sagen habe, genau so sagen kann, wie ich es sagen will. Schließlich schreibe ich den Text, und nicht umgekehrt. Ich hatte damals ja keine konkrete Vision meiner Schreibe oder sonst irgendeinen blassen Schimmer. Ich wusste nur, dass ich schreiben wollte, wie ich es wollte, und nicht wie ich es mir angelesen hatte, also auf keinen Fall bis zur Ewigkeit in ABAB. Und da waren Bukowskis Gedichte genau der passende Schlüssel zur richtigen Zeit. Klar, meine ersten Gedichte im neuen Schaffensrausch waren ein unsäglicher Abklatsch des Dirty Old Mans, doch ich streifte diesen epigonalen Mantel schnell wieder ab und schuf mir eine neue, und zum ersten Mal auch eine eigene Identität als Schriftsteller. Und dass ich zuerst die Klassiker statt Bukowski gelesen hatte, war dabei sicher ganz hilfreich.

Textbasis: Heißt das, zu viel oder nur Bukowski lesen berge (Stil)Risiken? Das Klischee des „saufenden Genies“ – zumindest dessen Nachahmung – scheint ja nicht mehr allzu viel Aufsehen erregen zu können.
Arnd Dünnebacke: Das ist wie mit Kochbüchern: Wenn ich immer nur Fleischrezepte durchstöbere, werde ich kaum je ein ausgewogenes, pfiffiges Essen zusammenbringen. Wer sich jedoch auf Dauer den Besuch vom Leib halten will, der mag das gerne so halten.

Textbasis: Damit dir der Besuch nicht ausbleibt, tischst du bald schon wieder auf. Im September dieses Jahres soll „Gehobene Wohnlage“ erscheinen, der Nachfolger deines 2012 veröffentlichten Lyrikbandes „Glück ist ein brennendes Flugzeug“. Die Titel beider Bände klingen programmatisch, verfolgen sie auch ebensolche Ziele? Oder allgemeiner: Was passt eigentlich alles in einen Lyrikband rein?
Arnd Dünnebacke: Wenn es überhaupt ein Ziel gibt dann das, die Dinge, die mich bewegen oder denen ich begegne, so schnörkellos wie möglich wiederzugeben. Wie gesagt, ich komme aus und lebe immer noch in sehr einfachen Verhältnissen, und das werde ich weder vergessen noch jemals zu kaschieren suchen, denn das ist das, was mich geprägt hat. Und genau in dieser Einfachheit, oder auch im scheinbar Banalen, findet sich fast immer ein überraschender Aha-Effekt, etwas völlig Ungekünsteltes und Direktes, das kein Abitur oder Studium voraussetzt, um es zu begreifen – die Annäherung an die Antworten auf Gott und Tod und Liebe bedarf keiner philosophischen Standardwerke oder hochtrabenden Verse, sondern Herz und Augen und Ohren, die man auch als solche benutzt.
Leider ist diese Tatsache bei den großen Verlagen inzwischen völlig hinten runtergefallen, und dann wundern die sich, dass sie selbst die paar veröffentlichten, bis zum Kotzen verkopften Gedichtbände kaum unters Volk kriegen und machen einen „Erledigt”-Stempel unter die Lyrik, während ihre wenigen verlegten Dichter wie aufgeblähte, vertrocknete Kröten in ihrem Elfenbeinturm hocken und darauf warten, dass ihnen Gott auf die Schulter klopft. Und ja, das ist wohl auch noch ein Ziel, wenn auch ein hehres: Die Gedichte wieder da hinzubringen, wo sie hingehören – unter die Menschen, die sind wie du und ich.
Natürlich weiß ich, dass es da eine Menge elitärer Widerstände an den großen Schalthebeln gibt, die das, was ich schreibe und wie ich es schreibe, als Gedicht vollkommen ablehnen. Ein Alt-68er zum Beispiel, der sich außerordentlich darin gefiel mir seinen Doktortitel in Germanistik unter die Nase zu reiben und einen Bauern wie mich nach Strich und Faden auseinander nehmen wollte, fragte mich einmal nach meiner Definition des Gedichts, worauf ich antwortete: „Ein Gedicht ist … einen Augenblick mit der größtmöglichen Intensität zu durchleben, um ihn dann loszulassen und weiterzugeh’n …” Ich fand diesen Mensch in seiner Überheblichkeit einfach nur arm, aber das er mir das abgerungen hat, dafür bin ich ihm beinah dankbar. Denn genau das macht ein gutes Gedicht aus – die Intensität des Augenblicks und die Erkenntnis, die man daraus zieht. Und alle Texte, die diesem Kriterium entsprechen, passen auch in einen Gedichtband.

Textbasis: Das war eine direkte Ansage. Dennoch, meine ich, sind auch für das unverstellte und schnörkellose Wiedergeben des Erlebten ein gerüttelt Maß Fingerspitzengefühl und Beobachtungsgabe notwendig. Dazu braucht es natürlich kein Abitur oder Studium, aber Talent zum Schreiben sollte schon vorhanden sein. Oder würdest du so weit gehen zu sagen, dass die Qualität nur eine zweitrangige Rolle spielt, solange überhaupt geschrieben wird?
Arnd Dünnebacke: Nein, überhaupt nicht, denn ohne ein Mindestmaß an Talent sowie Beobachtungs- und Auffassungsgabe sollte man sich wohl besser ein anderes Betätigungsfeld suchen. Und, um Himmelswillen, ich wetter doch hier nicht gegen Bildung und geistiges Fortkommen, ganz im Gegenteil. Die Möglichkeit sich nach eigenem Ermessen weiterzubilden ist die beste Errungenschaft, die ich mir vorstellen kann. Die Frage ist halt nur, was man daraus macht.
Und da, finde ich, haben die großen Verlage, die ja nun definitiv nicht von Bäckern und Friseusen geleitet werden, was die Lyrik betrifft, absolut versagt. Ich meine, les dir das Zeug mal durch, was Suhrkamp & Co auf den Markt schmeißen, da möchte der durchschnittliche Mensch doch an die Stirn des Dichters klopfen und sagen: „Hallooo, mein Freund, ‘tschuldige, aber ich bin hier draußen!
Die schreibende Zunft beschwert sich sehr gerne darüber, dass gegen PlayStation, Social Media und Privatfernsehen kaum noch ein Kraut gewachsen sei. Vielleicht aber beginnt es damit, gerade den Teenies, den potentiellen zukünftigen Lesern, klarzumachen, dass auch Goethe manchmal einen gelben Fleck in der Hose hatte, und das echte Poesie zum Anfassen ist und so real wie ein Sonnenaufgang oder Krebs oder die Pille danach. Ich bin überzeugt, es gibt noch einen ganzen Haufen von außerordentlichen Dichtern, die auch von den Kids verstanden und verschlungen würden, wenn man den Dichtern und den Kids eine Chance gäbe. Macht aber kaum einer mehr, und das Wenige, was von der Lyrik wahrgenommen wird, bleibt ein weißgekacheltes Luxusscheißhaus ohne Kratzer, Punkt und Komma. Aber warum eigentlich, wo sich doch alles um Gewinnmaximierung und Dividenden dreht? Ein Gerät, das nur mit Suaheli-Kenntnissen zu bedienen ist, tausch ich ja auch um oder schaff’s mir gar nicht erst an – und im TV läuft ein Realityformat nach dem andern: Richter, Gärtner, Kontrolleure, brüllende Ehemänner, keifende Mütter, tollwütige Teenies, schreiende Alkoholiker, wimmernde Weicheier und Schrotthändler und Maler und Lackierer, Abrissbirnen, Schiffsfriedhöfe, Panzerfriedhöfe, Flughäfen, Braunkohlebagger und die größten Burger der Welt, die die Werbung unterbrechen, diesen Bumerang, auf dessen vergoldete Wiederkehr Millionen verwettet werden – aber Gedichte?  „Igitt! Geh mir bloß weg damit! – oder hier: erzähl’s meiner Hand …
Dabei liegen sie auf der Straße, massenhaft gutes Zeug, dem du das Schwarze unter den Nägeln abringen kannst, das du niemals ganz begreifen wirst, den Schwachsinn, es überhaupt begreifen zu wollen, diesen Zwang, laufend neue Fragen zu stellen und nach Antworten zu suchen, beziehungsweise nach Antworten zu suchen, ohne die richtigen Fragen gestellt zu haben – doch das ist das, was die Leute haben wollen, zu merken, dass du genauso, oder besser noch, ratloser bist als sie selbst, dass du trotzdem nach der Ritze in der Mauer suchst, dabei dieselben Verrücktheiten pflegst, dieselben Qualen leidest, dieselben Zweifel mit dir rumschleppst wie der nächste Mensch.
Und deshalb gingen nach der Lesung vor dieser Hauptschulklasse, die gerade ihren Abschluss machte und deren Schüler sonst höchstens in der Fernsehzeitung blätterten, neun meiner Gedichtbände weg, wobei der Tenor war: „Ah, ach so … so geht das auch? Das ist ja mal geil!” Die Parallelklasse hatte weniger Glück – deren Deutschlehrer wollte sich von mir partout nicht in seine bildungsbürgerliche Pädagogik pfuschen lassen, und was er, vielleicht, bei einem oder zweien, mit Brecht nicht geschafft hat, erledigt dann der große Literaturbetrieb: „Du schreibst Gedichte? Na, danke auch, mir ist schon schlecht genug.“ Gott sei Dank gibt es immer noch so Leute wie Rodrigo Riedrich vom Acheron Verlag, oder andere Kleinverleger, die mit ihrem Idealismus immer haarscharf über dem Abgrund segeln und sich es trotzdem nicht nehmen lassen, Schriftstellern wie mir eine Stimme zu geben. Diese Kleinverleger, dass sind für mich die wahren Retter und Helden des Gedichts.

Textbasis: Harte Worte, aber leidenschaftlich und ehrlich. Die Lesung vor der Hauptschulklasse finde ich beachtenswert. Gerade der Umgang mit Lyrik an Schulen ist ein Thema, das auch mir Kopfschmerzen bereitet. Denn ich sehe es ebenso: Wenn es Brecht und andere große Dichter und Schriftsteller der deutschen Literatur nicht mehr schaffen, gegen den Wust und Schwall minderer Unterhaltung anzukommen, dann müssen andere Wege gefunden werden. Für zukünftige Aktionen wünsche ich dir und allen Verlagen, die den Mut haben, Lyrik zu verlegen, weiterhin gutes Gelingen. Mögen deine Worte viele erreichen, die schwer erreichbar geworden sind. Ich danke dir an dieser Stelle herzlich für das Interview und deine offenen Antworten.
Um selbst noch ein bisschen mehr Lyrik aus der Feder des Autors zu lesen, empfiehlt sich ein Klick auf den folgenden Verweis zur Autoren-Internetseite. Dort finden Sie Leseproben, den Klassiker des Monats, Videos und weitere Informationen über Dichter und Werk. Bis zum nächsten Mal – und bleiben Sie lyrisch.

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[Gute Dialoge schreiben #1] „Ob es wohl regnen wird?“ – „Woher soll ich das wissen?“, oder: Grundlegendes und die »Person-hinter-Wand-und-Hund-Szene«

„Kommst du heute zum Fernsehen?“
„Wie spät soll ich kommen?“
„Um fünf Uhr.“
„Was schauen wir an?“
„Keine Ahnung.“
„Ob es wohl regnen wird?“
„Woher soll ich das wissen?“
„Hätte ja sein sein können“
„Nein, weiß ich nicht.“
„Okay, tschüss.“
„Ja, tschüss.“

Ich hoffe, Sie sind nicht bereits eingeschlafen. Als bittere Schlaftablette erfüllt oben stehender Dialog sicherlich gut seine Aufgabe. Wenn schon elf Dialogzeilen es schaffen, so uninspiriert und lustlos zu sein, wie wird es sich dann erst mit dem restlichen Buch verhalten? Im heutigen Artikel (und in den folgenden dieser Reihe) soll es darum gehen, wie man seine Dialoge ein bisschen aufpeffert und wie man Charaktere schafft, die schon an ihrer Stimme und ihrem Sprechverhalten zu unterscheiden sind.

Damit ein Dialog im Buch funktionieren kann, sollte man sich über drei Punkte klar sein. Der erste ist dabei ganz fundamentaler Natur: Ein Dialog in einem Buch ist nicht wie ein Gespräch im wirklichen Leben. Der zweite hat mit dem Inhalt selbst zu tun: Es muss einen Grund geben, warum gesprochen wird. Schlussendlich der dritte Punkt: Personenstimmen im Roman haben nur eine zweitrangige Akustik. Das bedeutet, dass die Stimmen der Personen im Kopf der Leser zwar irgendwie „klingen“, dass sie aber nicht wirklich hörbar sind. – Im Folgenden sollen diese drei Aspekte ein bisschen näher betrachtet werden.

1. Ein Buch-Dialog ist kein wirkliches Gespräch

Das klingt nicht unbedingt nach einem Geheimnis. Sich dessen bewusst zu sein, ist für gute Dialoge dennoch schon der wichtigste Schritt. Hauptunterschied zwischen Gesprächen im Buch und Gesprächen in der Welt: Gespräche im Buch finden nicht wirklich statt, sie werden geschaffen. Ganz anders im Alltag, hier werden Gespräche nicht geschaffen, hier entstehen sie: in der Warteschlange der Kantine, im Haarstudio oder an der Ausleihe in der Bibliothek. Im realen Leben kann man sich verquatschen oder man gerät in Rechtfertigungsdruck, wo man am liebsten geschwiegen hätte.
In einem Buch wird es nicht passieren, dass eine Person zu lange geschnackt hat und daraufhin den Bus verpasst – wenn die Autorin das nicht will. Darin liegt der Unterschied.

Wer wem begegnet, das ist keinesfalls zufällig, auch wenn es auf den Leser so wirken kann. Warum sollte im Buch also gerade nicht nach dem Wetter gefragt werden, wenn es doch ums Fernschauen geht (wie oben)? – Weil die Dialoge im Buch nicht so funktionieren wie im Leben. Das äußert sich schon darin, dass gesprochene Sprache und Schriftsprache ungefähr so ähnlich sind wie eine lila Socke und eine Aubergine. Gemessen an der Schriftsprache ist gesprochene Sprache ein heilloses Durcheinander, oder andersherum: Gemessen an der gesprochenen Sprache ist Schriftsprache ein Betonkorsett. Wie man es auch wenden will: Als Autor muss man sich von dem Gedanken lösen, dass Gespräche im Buch auch nur ansatzweise Gespräche des wirklichen Lebens wiedergeben (weder in der Themenentfaltung, noch sprachlich). Sie sind weniger schweifend, sie sind sprachlich geglättet, sie entstehen nicht zufällig und sie dauern nur so lange, wie die Autorin die Personen sprechen lässt.

2. Es muss einen Grund geben

Halten wir fest bis hierhin: Gespräche im Buch sind, gemessen an der Realität, sehr eigenwillig. – Und da sie nicht zufällig passieren, muss es irgend einen Grund geben, warum sie stattfinden. Diese Gründe können vielfältig sein. Befinden sich beispielsweise zwei Personen in einem Raum, wird es nahezu unumgänglich sein, sie miteinander sprechen zu lassen. Hat eine Person eine Frage, muss sie eine andere Person fragen. Das scheint so selbstverständlich, dass es kaum der Erwähnung wert ist. Und diese allgemeine Tatsache, dass in einem Buch oft Dialoge vorkommen, soll hier auch nicht thematisiert werden. Weitaus wichtiger ist die Frage, warum die Personen im Buch überhaupt sprechen und warum dies für die Geschichte wichtig ist.

Bleiben wir bei den beiden Personen, die sich gemeinsam in einem Raum aufhalten. Dass sie miteinader sprechen werden, ist ohnehin wahrscheinlich, schließlich sind sie gemeinsam in einem Raum. Aber worüber sie sprechen werden, das ist der Dreh- und Angelpunkt eines guten Dialoges. Denn obschon die Situation Rechtfertigung zum Miteinadersprechen ist, so muss doch wenigstens eine der sprechenden Personen ein Anliegen haben, ein Ziel verfolgen. Dieses Ziel darf nicht die reine Neugierde sein („Sagen Sie mal, Sie haben aber schöne Schuhe, wo haben Sie die denn gekauft?“) Der Dialog muss dazu dienen, die Handlung voranzubringen und das, worüber gesprochen wird, muss zumindest einer Person nutzen. Tut es das nicht, so tritt einfach folgender Fall ein: Sie langweilen Ihre Leser, diese erfahren nichts Neues und das, was sie erfahren, ist für die Handlung uninteressant.

3. Die Buchstaben müssen tönen

Diese zwei grundlegenden Dinge zusammengefasst: Es gibt ein Buch, in dem finden buchtypische Dialoge statt (keine realen), und das Stattfinden dieser Dialoge hat einen Grund, der für die Handlung wichtig ist. – Damit ist nun die Voraussetzung geschaffen, dass Sie einfallsreich werden können, denn jetzt geht es an die kreative Substanz. Sollen ihre Dialoge mehr werden als sich abwechselnde Zeilen im Buch, so brauchen sie zuerst Figuren und diese Figuren benötigen Stimmen. Zur Stimmgestaltung finden Sie weiter unten ein paar Hinweise, für das Ausdenken von Figuren möchte ich hingegen auf die sehr schöne Artikelfolge „A Typical Hero“ bei Katharina V. Haderer’s Kaleidoskop verweisen.

Also zur Stimme. Damit sich nicht zwei Pappenstiele unterhalten, ist es wichtig, die Sprache der Personen einzufärben. Das hat nichts damit zu tun, theoretisch und verkopft an die Sache zu gehen, sondern damit, wie Sie es verstehen, Ihre Charaktere einzigartig zu machen. Die erste Faustregel, eine Charakterstimme markant zu gestalten, ist: Die Eigenheiten seines Charakters sehr gut zu kennen. Ist er zurückhaltend, dann wird er weniger sprechen, ist er aufdringlich, wird er unterbrechen und dauernd schwätzen. Redet ihr Charakter schnell oder schläft er fast ein, ist er ein Obdachloser, ein Arbeiter, ein Professor, ein Lügner, ein Prophet oder ein Weltherrscher? Lassen Sie Merkmale wie Dialekt, grammatikalische Richtigkeit sowie Wortschatzbreite (wiederholt er oft Wörter, spricht er gehoben, variantenreich …) und Höflichkeit mit einfließen.

Doch da es sich, wie in Punkt 1 angesprochen, nicht um reale Gespräche handelt, ist es damit noch nicht getan. Sie haben die Kontrolle über die gesamte Situation. Beschreiben Sie zwischen der wörtlichen Rede der Personen, was die Personen tun, wohin sie schauen. Wenn ihr Erzähler das zulässt, beschreiben Sie auch, was die Personen denken. Haben Sie einen Ich-Erzähler, legen Sie Pausen ein. Obwohl real das Gespräch direkt weitergehen würde, können Sie ab und an den Gedanken Ihres Haupt-Protagonisten nachhängen. Lassen Sie ihn sein Gegenüber bewerten, sodass der Leser indirekt einen weiteren Eindruck des Dialogpartners erhält, eventuell auch einen ganz überraschenden. (Stellen Sie sich eine geifernde Hexe vor, über die der Ich-Erzähler denkt, sie würde engelsgleich sprechen.)

Eine weitere nahezu unerschöpfliche Möglichkeit, einem Protagonisten eine eigene Stimme zu verleihen, funktioniert allerdings gar nicht über die Art und Weise, wie derjenige spricht, sondern mittels seiner Sichtweise auf die Dinge. Nehmen wir an, zwei unterhalten sich über den Tat-Hergang eines Verbrechens. Der klassische Fall: Beide sehen dasselbe, aber einer sieht immer nur die Fakten („Aber da waren doch die Fußabdrücke!“), der andere das Psychologische („Aber warum sollte er das getan haben?“). Diese Personen werden unterscheidbar. Schaffen sie sich Inspector Lestrade/Sherlock Holmes-Situationen, in denen die Gesprächspartner den Gegenstand der Unterhaltung aus ganz verschiedenen Blickwinkeln betrachten und jeweils andere Aspekte betonen.

Schreibübung: Die Person-hinter-Wand-und-Hund-Szene

Da es sich bei diesem Beitrag um den ersten einer Reihe von mehreren Beiträgen handelt (die irgendwann einmal folgen werden), bitte ich um Nachsicht, dass ich hier ganz allgemein spreche und die einzelnen Fälle nicht im Detail durchspiele. Dies soll Material für spätere Artikel werden. Dennoch! Leicht lässt es sich üben, an der Sprache einzelner Personen zu feilen. Die Person-hinter-Wand-und-Hund-Szene eignet sich hierfür sehr gut.

Anleitung (siehe Skizze):

Wir brauchen: eine Bestie von einem Hund (#nn~), eine breite hohe Wand (|=|) und eine geheimnisvolle Person (?). Weiterhin: ein Rollenmodell (R). Und die Spielregeln: Unser Rollenmodell soll die geheimnisvolle Person davon überzeugen, hinter der Wand hervorzutreten, den Hund zu beruhigen und so den Weg freizugeben. (Unnötig zu erwähnen, dass die geheimnisvolle Person hinter der Wand gerade das nicht tun möchte, nämlich unter gar keinen Umständen).

R____#nn~__|=|__?

———————————–>

Und nun ist es nur noch eine Frage von Ideenreichtum und Kreativität, aus dieser Situation die besten Figuren und Figurenstimmen zu entwickeln.

Ein Beispiel zum Abschluss:

R = Fischverkäufer in Eile

„Ich muss zu meinem Fisch! Wenn ich nich in den nächsten fünf Minuten Nachschub in’er Auslage liegen hab, bringt mich der Boss um!“ Noch während er die Worte sprach, ging er auf die Wand zu, die der Unbekannte vor der Tür zum Fischvorratslager errichtet hatte.
„Du wirst deinen Fischvorrat nie wieder sehen, sag Adieu zu deinem fischigen Leben.“ Zusammen mit diesem Satz schoss hinter der Mauer ein Monster hervor, das direkt dem Grimpon Myre zu entstammen schien. Zähnefletschend postierte es sich sich zwischen dem Fischverkäufer und der mysteriösen Wand.
„Schon gut, is schon gut, so war das nich gemeint, Meister, nehm’ Sie die Töle weg.“ Langsam wich der Verkäufer ein paar Schritte zurück, strich sich nervös blinzelnd das Transpirant von der Stirn.
Das Kläffen des Hundes hallte im Korridor wider und schaukelte sich auf zu einhundert Gespensterschreien.
„Nie wieder sollst du frischen Fisch haben!“
„Mensch, was soll’n der Scheiß, ich mach hier nur meine Arbeit, ich hab keine Nerven, mich noch beim Fischeholn rumzuärgern. Den verfluchten Hund weg oder ich kümmre mich um die Sache.“
„Der Hund bleibt – für immer! HAHAHAHA!“
„Du Nase has’ es so gewollt!“ Der Fischverkäufer verschwand hinter seine Theke im Nebenraum und kehrte mit einem mächtigen Zander zurück.
„Wenn du das Viech nich freiwillig aus’m Weg schaffst, dann mach ich das eben.“ Er blickte dem Zander ein letztes Mal tief in die Augen (ganz so als wollte er sich von ihm verabschieden), dann warf er den Fisch nach dem geifernden Hundemaul.
„Dumm, was, dass dein Hund nich zwischen Fleisch von ’nem Menschen und ’nem Fisch unterscheiden kann, was, Meister? Jetzt setzt ’s Prügel.“ Am Hund und an der dicken Mauer vorbei stürmte der Hüter der Fischtheke.
„Du wirs’ meine fischigen Finger zu spüren bekommen“, donnerte es aus dem Bierbauch des Verkäufers. – Aber hinter der Wand war niemand, er schloss kurz die Augen – Wie konnte das sein? –, als er sie wieder öffnete stand er ganz allein mit glibberigen Händen vor der schweren Tür des Kühlraumes. Nur ein halbzerfledderter Zander lag hinter ihm auf dem Boden. Erneut strich er sich mit dem Handrücken über die nasse Stirn und mischte unappetitlich Schweiß und Zanderschleim.

Viel Spaß beim Ausprobieren, bis bald.


„Kommen wir zum nächsten Kapitel!“, oder: Gastbeitrag der Textbasis im Autoren-Newsletter »The Tempest«

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

einiges wurde auf dem textbasis.blog schon zur Textgestaltung geschrieben. Ein Thema jedoch, das lange erwähnt werden sollte, habe ich immer wieder aufgeschoben: Das Kapitel.

Unspektakulär ist es auf den ersten Blick und als Textbaustein nahezu unsichtbar (Was bleibt von einem Kapitel übrig, wenn es keinen Text enthält?). Dennoch bietet es die Möglichkeit, Textprojekte zu planen und Bücher besser lesbar zu machen, indem es den Prozess der Texterstellung und die Texte selbst strukturiert.

Aus dieser Überlegung heraus ist ein umfangreicher Artikel entstanden, der sich dem Problem in ein paar verschiedenen Herangehensweisen nähert – und in diesem Zusammenhang freue ich mich besonders über die tolle Möglichkeit, welche mir die Redaktion des renommierten Autoren-Newsletter The Tempest eröffnet hat: In den nächsten Ausgaben (vom 20.08.2013 und 20.09.2013) wird mein Kapitel-Artikel dort als zweiteiliger Gastbeitrag erscheinen!

Es ist mir eine große Ehre, einen meiner Texte in diesem Rahmen veröffentlicht zu sehen. Mein Beitrag reiht sich damit in eine lange Reihe bereits im Tempest erschienener Schreib- und Literaturtipps ein. Ich hoffe, er kann diesen gute Gesellschaft sein und ebenfalls ein bisschen Nützliches für den Schreiballtag vermitteln. Der Text orientiert sich an der Schreibpraxis und verweilt nicht in trister Theorie; er bietet Schreibanregungen … und um Schwarzbrot wird es auch gehen.

The Tempest erscheint ein Mal im Monat als E-Mail. Es wäre schön, wenn wir uns dort am 20.08. wieder lesen würden. Zur kostenfreien und unverbindlichen Anmeldung geht es hier entlang: The Tempest abonnieren. (Und die Anmeldung lohnt sich für alle Scheiberinnen und Schreiber selbstverständlich auch ganz unabhängig von meinem Artikel).


[Der lyrische Mittwoch, Folge 20] Sophie Reyer – Zuerst

Und sie takten einander die Zeit.
Und sie schlüpfen in die Stillen.

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

herzlich willkommen zur zwanzigsten Folge des lyrischen Mittwochs! Es ist unglaublich, wie schnell die Zeit vergeht und wie viel Bewegung in der Lyrik ist, auch abseits jeder kommerziellen Aktivität. Möge es die poetische Kraft einrichten, dass sie nicht nur im Dunkel eingeweihter Kreise verharren muss, sondern den Schritt zurück auch in die größeren Verlage schafft.

Eine besondere Ehre ist es, Ihnen diese Woche ein Gedicht einer Dichterin und Künstlerin vorstellen zu dürfen, deren Werke schon den schwierigen Pfad aus der Finsternis heraus gefunden haben. Freuen Sie sich bitte auf das Interview mit der in Wien und Köln lebenden Sophie Reyer. Von der Autorin erschienen zuletzt das Prosawerk „Marias. Ein Nekrolog“ (2013), ihr aktueller Gedichtband „die gezirpte zeit“ (2013) sowie die beiden Lyrikbände „binnen“ (2008) und „flug(spuren)“ (2012). Letzterer erhielt noch im Erscheinungsjahr die Buchprämie des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur. Seit 2011 studiert die Autorin, die bereits einen Master in Komposition und ein Diplom in „Szenisches Schreiben“ führt, Drehbuch‑ und Filmeregie. Von Ihr erschienen bereits zahlreiche Theatertexte unter anderem „vogelglück“ beim S.‑Fischer-Verlag. Die beiden letzten Filme der Künstlerin tragen die Titel „dizzy’s pub“ und „stutzflügel“, mit dem letztgenannten wurde sie 2012 zum Zebra Poesiefilm Festival eingeladen.

Schauen wir zuerst aber ein bisschen auf das heutige Gedicht: Wenn man eine Handvoll Würfel auf einen Tisch wirft, befinden diese sich eindeutig beschreibbar in Abständen zu den Tischkanten. Jeder Würfel wird bestimmt durch die Zahl, die er nach oben streckt. So klar die Tatsachen sind, so sinnlos ist diese Scheinordnung des Geworfenseins. – In „Zuerst“ treffen wir anfangs auch auf solch eine unbestimmte Ordnung. Bilder und Wörter greifen ineinander, spannen ein Gitter in der Zeit auf, um die „Menschen“, die „hinein gestreut“ wurden, aufzufangen, sie im Rasanten des Zeitstrahls irgendwie zu fixieren. Nahezu mechanisch greifen „Falten“ und „Ritzen“ nach sich selbst und nach allem, in das sie sich einhängen können. In diesem architektonischen Gebilde aus verhakten Leibern schaukeln alle im Takt jedes anderen. Wir, die Würfel, schreiben uns ganz langsam Sinn zu, „spielen miteinader Vater Mutter Kind“ und „geben einander Wörter“. Eine, unsere Welt entsteht – mit Menschen, denen der Zeitwind noch immer durchs Haar pustet, die jedoch so fest und gefügt verwoben sind, dass die Zeit scheinbar still steht, nur noch im Hintergrund ein bisschen säuselt und dann sogar „leuchtet“ –

Zuerst

:
Zuerst sind so Menschen in die Zeit hinein gestreut.
Und haben Bindehäute zwischen den Händen.
Und glätten einander die Gesichter.
Und ihre Finger umstricken einander, sind Halteseile.
Und sie hören den lispelnden Himmeln zu.
Und entsteigen dem Schweigen manchmal.
Und machen sich auf am Morgen.
Und wissen: Als außen und innen sind sie ineinander verklammert.
Und die Jungen ziehen den Alten die Jalousien ihrer laschen Haut zu.
Und wohnen in den Falten der Alten.
Und die Menschen legen ihre Ritzen ineinander und legen sich gegenseitig schlafen.
Und der Atem des einen ist die Schaukel des Anderen.
Und sie wissen, dass die Toten sich auffächern in ihnen.
Und sie spielen miteinander Vater Mutter Kind.
Und sie wechseln die Rollen.
Und sie rollen über die Hügel der Momente.
Und sie takten einander die Zeit.
Und sie schlüpfen in die Stillen.
Und die Lichter gelieren ihnen die Haare.
Und sie wissen nichts anders als das: Gestuft sein.
Sie fallen zwischen die Spalten der Zeit.
Und sie haben immer die Engels Segel im Kopf, diese schrecklichen Schatten.
Und sie wissen: Gestern hat die Stadt gesungen.
Und morgen wird wieder Mittagessen sein.
Und wenn die Nacht herankriecht, ist der Schlaf eine Koje.
Und sie geben einander Wörter: Ehrenwörter, Sonnenwörter. Gebogene und gebongte.
Bunte, bucklige, gestrickte Wörter. Und karo-gemusterte Wörter. Gemolkene und

milchige.
Zum Frühstück schenken sie einander Lispel Gras und andere Wucherungen.
Und das Aufknacken der Momente ist nicht mühsam.
Und die Drehleier der Gedanken wird ausgelacht.
So sind diese Menschen in eine Zeit hinein gestreut, die leuchtet.

Sophie Reyer

Sophie Reyer

Textbasis: Ich freue mich, dich heute beim lyrischen Mittwoch begrüßen zu dürfen, Sophie, und danke dir für deine Zusage. Wenn man die Eckpunkte deiner Biografie etwas wirken lässt, erkennt man eine strahlende Begeisterung für die Kunst. Ist das bloße Neigung oder verbirgt sich dahinter auch eine Antwort auf die Frage, was die Kunst heute noch bewirken kann, wo sie doch – im Falle der Poesie – nicht einmal mehr von großen Verlagen, geschweige denn von der breiten Masse wahrgenommen wird?
Sophie Reyer: Ehrlich muss ich gestehen, dass diese Begeisterung für die unterschiedlichen Medien einfach so gewachsen ist. Ich habe immer gerne verschiedene Formen, Materialien und Medien ausprobiert. Wen ich damit erreichen kann, darüber habe ich in meiner Naivität nie nachgedacht. Ich war auch viel zu jung, als ich angefangen habe. Mich hat es da einfach hingezogen: Musik, Film, Text, und die Ränder dazwischen, die Überlappungen. Das hat mich fasziniert.

Textbasis: In deinen Arbeiten verbindest du Videokunst, Sprache und Komposition. Bist du der Meinung, dass das Gedicht als gedruckte Wortfolge auf Papier bestehen bleiben wird? Oder öffnet sich auch die Poesie mehr und mehr der Interdisziplinarität?
Sophie Reyer: Wenn man sich den Ursprung der Lyrik ansieht, so kommt der Begriff selbst ja von „Lyra“, Leier, sprich, Lyrik war auch Wort in Verbindung mit Klang und Rhythmus. Das bedeutet, in gewissem Sinne ist die Wurzel der Poesie ja schon „interdisziplinär“, wenn man so will. Ich denke aber, dass doch eine Tendenz besteht, mehr und mehr auch andere Medien wie Videokunst und Live-Elektronik einzubeziehen. Wobei ich diese Strömungen auch nicht in allen Fällen gutheißen würde. Wenn zum Beispiel das Visuelle nur eine Bebilderung vornimmt, der Klang nichts ist als eine breiige Schichte, die unter die Worte geschmiert wird, dann wäre mir selbst das pure Wort lieber, weil ich im Kopf schönere Bilder und Klänge kriege, wenn ich dem puren Wort zuhöre. Interdisziplinarität birgt eine unglaubliche Chance, aber es kommt immer auf die Umsetzung an.

Textbasis: Ich habe das Gefühl, dass sich die Poesie zur aktuellen Stunde in zwei Stränge teilt. Einerseits in den eher traditionellen mit regulären Veröffentlichungen, andererseits in den der Internetveröffentlichungen. Dieses Spannungsfeld scheint mir wichtig für die nüchterne Beschreibung der gegenwärtigen Lyrik. Welche Chancen, welche Gefahren siehst du in dieser neuen Offenheit für das Gedicht?
Sophie Reyer: Ich glaube, ich würde das nicht so streng einteilen. Es gibt auch einzelne wunderbare kleinere Verlage, die sehr spezielle und ganz und gar individuelle Ansätze vertreten und mit ihren Publikationen etwas riskieren. Dass man mit Lyrik nicht reich wird, ist klar, aber deshalb schreibt man ja auch nicht. Oder ich zumindest nicht. Ich sehe in Internetveröffentlichungen dennoch eine große Möglichkeit. Man ist nicht abhängig von einer Lobby, das ist eine überaus wichtige Entwicklung, die eigenständiges künstlerisches Schaffen ermöglichen und dem Künstler selbst helfen kann, frei von Ideologien zu bleiben. Siehe hierzu zum Beispiel auch Elfriede Jelinek, die nur noch im Netz publiziert, was ich für ein wichtiges politisches Statement halte. Auf der anderen Seite birgt dieses neue Medium natürlich auch Gefahren. Jeder kann jetzt veröffentlichen, sich als Autor fühlen, was zu einer Unmenge an Daten und Material führt. Die Verantwortung liegt beim Rezipienten. Wie filtere ich, was mir da entgegen geschleudert wird?

Textbasis: Eine berechtigte Frage, die wohl auch auf Seiten der Leserschaft die Bereitschaft – und die Fähigkeit – zum reflektierten Abwägen und Entscheiden voraussetzt. Für dich und deine Texte haben sich die Leserinnen und Leser unterdessen schon entschieden. Aus deiner Hand sind zahlreiche Veröffentlichungen entwachsen, deine Texte werden gelesen, deine Kunst wird beachtet. Beeinflusst dich das, gibt es Sicherheit oder drängt es sich manchmal auch heimlich hinein in den Schreib‑ und Schaffensprozess?
Sophie Reyer: Natürlich ist das ein ganz großes Glück. Vor allem die Tatsache, dass ich vom Schreiben leben kann – wobei ich auch zum Leben nicht soviel brauche –, gibt mir immer wieder Mut. Aber freilich besteht gleichzeitig ein gewisser Druck, sicherlich auch innerhalb der Szene, immer wieder Neues zu publizieren, große Verlage zu finden und so fort. Davon muss ich mich auch stets frei machen. Das beeinflusst aber mein Schreiben an sich nicht, sondern eher mein Ego. Die Sprache macht dann zum Glück doch immer, was sie will.

Textbasis: Es tut gut, das zu hören, weil es doch aufzeigt, dass der freie Geist, die Sprache, auch in geordneten Bahnen noch ungehindert wirken kann. Wie ist das bei dir, finden die Themen dich oder begibst du dich auf die Suche nach Ideen? Was braucht es, damit du ein neues Projekt beginnst?
Sophie Reyer: Das ist unterschiedlich. Bei „Marias“ hat das Material mich gefunden. Ich hatte eine Freundin, die einen „Frauenwanderweg“ auf den Spuren der Kindsmörderinnen des 17. und 18. Jahrhunderts gestaltet hat, und das Thema wollte mich nicht mehr loslassen. Manchmal begebe ich mich aber auch ganz bewusst auf Recherche; im Moment beschäftige ich mich mit der Situation von Gefängnisinsassen in Guantanamo, und suche da nach einem Ansatzpunkt für die eigene Arbeit. Ich bekomme hin und wieder auch einfach Aufträge. So war zum Beispiel die Arbeit über Kaiserin Elisabeth in der Villa Feldafing etwas, das mir zwei Freundinnen – Augusta Laar und Judith Pfeifer – vorgeschlagen haben. Im ersten Moment dachte ich: „Jemine, dieser Kitsch?“ Aber wenn man tief genug in ein Thema eindringt, kann man überall äußerst spannende Aspekte entdecken.

Textbasis: Im März dieses Jahres ist das gerade von dir erwähnte Buch „Marias. Ein Nekrolog“ erschienen. Es versteht sich als „außergewöhnliche Form profanen Totengedenkens“, wie auf deiner Internetseite nachzulesen ist. Was hat dich letztendlich dazu bewegt, diesen bewegenden Stoff als Buch aufzuarbeiten?
Sophie Reyer: Was an dem Thema so spannend ist, ist die Tatsache, dass wir von den Frauen dieser Gesellschaftsschicht zwischen 1500 und 1800 nichts wissen würden, gäbe es nicht diese „Täterinnen“. Die Geschichtsschreibung war ja eine, die von Adeligen betrieben wurde und sich demnach nur um Adelige drehte. Das „gemeine“ Volk kam nur vor, wenn etwas nicht funktioniert hat. Nämlich dann, wenn zum Beispiel Verbrechen begangen wurden. Diese Gerichtsakten sind das Einzige, was von den Mägden, den Dienstbotenmädchen geblieben ist. Unterschrieben wurden sie – da diese Frauen alle Analphabetinnen waren – mit einem X. Diesen Menschen im Nachhinein eine Stimme zu geben, war mir wichtig. Das war der Ausgangspunkt; dann habe ich begonnen, mich mit dem Thema „Kindesmord“ an sich auseinanderzusetzen, der Medea-Topos hat sich angeboten, die Frage nach der Verbindung von Weiblichkeit und Monstrosität hat sich mir gestellt, et cetera. Es war eine sehr aufreibende und schwierige aber auch wunderbare Arbeit.

Textbasis: Herzlichen Dank für diese spannenden Einblicke in den Entstehungsprozess von „Marias“. Abschließend noch eine Frage zur Form. Du besitzt ein ausgeprägtes Verständnis für Komposition. Lässt sich dieses auch auf Textebene übertragen? Und wenn ja, wie viel bleibt dennoch immer intuitives, freies Gestalten?
Sophie Reyer: Absolut. Wenn man sich ansieht, wie die Wiener Gruppe oder wie Oulipo mit Texten umgegangen ist, so waren das immer kompositorische Prinzipien, die auf das Sprachmaterial angewandt wurden. Strukturelle Prinzipien der Komposition lassen sich wunderbar auf die Sprache übertragen: Wie baue ich Reihen, Listen, Varianten? Das ist die eine Ebene. Aber auch die klangliche Ebene ist eine, die sich in beiden Fällen anwenden lässt. Ich höre meine Texte immer innerlich, höre sie durch, trimme sie so, dass die einzelnen Worte lautlich wie auch rhythmisch zusammen passen. Aber man darf sich nicht zum Sklaven der Technik machen. Sonst werden die Texte zu „gerade“, zu „gebaut“, zu „konstruiert“. Oft ist es so, dass ich einen intuitiven Wurf mache und den als Steinbruch für eine Komposition nehme, ihn in ein strukturelles Gewand einfüge. Oder aber umgekehrt: Ich erlege mir selbst eine Form (zum Beispiel Anagramm, Liste, Zweizeiler et cetera) auf und versuche dann das, was herauskommt, aus dem Korsett seiner Form zu befreien. Das ist immer eine Gratwanderung. Es bleibt wahrscheinlich auch immer ein Versuch. Aber wenn man arbeitet und sich Zeit nimmt, werden die Versuche besser.

Textbasis: Eine sehr schöne letzte Antwort, Sophie, welche die theoretische Begründung auch gleich in Schreibtipps zum Nachmachen übersetzt. Gerade die zweite Variante scheint mir eine besonders reizvolle zu sein, nicht zuletzt deswegen, da ich mir vorstellen kann, dass sie verhältnismäßig selten angewandt wird. Es war wunderbar, mit dir ein Interview zu führen und eines deiner Gedichte vorzustellen; doch auch diese Folge erreicht nun bald Ihr Ende und mir bleibt nicht viel mehr, als dir ein letztes Mal herzlich zu danken, dass du dir Zeit genommen hast, um beim lyrischen Mittwoch mitzumachen. – Mehr, sehr viel mehr Informationen über das Schaffen der Autorin finden Sie auf ihrer Internetseite: www.sophiereyer.com. Und damit Sie schnellstmöglich dorthin navigieren können, ist hier nun Schluss. Bis zum nächsten Mittwoch.


„‚So!‘?“, oder: Zeichensetzung bei wörtlicher Rede.

Ab und an trifft man auf sehr abenteuerliche Zeichensetzung, wenn wörtliche Rede verwendet wird. Der heutige Artikel soll etwas Licht zwischen die Punkte und Kommata bringen.

Oft werden vier Arten der Zitation verwendet. Unser Beispielsatz zur Verdeutlichung soll lauten:

„Herr Ober, bringen Sie mir bitte die Rechnung.“

Im Text kann er folgendermaßen verwendet werden:

1) Direkt, wenn die Sprecher bekannt und unterscheidbar sind. Der Satz wird ganz normal in Anführungszeichen eingeschlossen. Regel: Die Zeichensetzung erfolgt ohne Veränderung.

„Herr Ober, bringen Sie mir bitte die Rechnung.“
„Der Abend geht auf’s Haus, Frank!“
„Na, da dank’ ich schön!“

2) Direkt, mit Nennung des Sprechers. Oft in dramatischen Texten zu finden, trifft man auch in Prosatexten auf die eindeutigere Variante. Regel: Die ursprüngliche Zeichensetzung wird unverändert übernommen, der Satz selbst folgt jedoch der Personennennung und einem Doppelpunkt.

Alle blickten sich im Lokal um, plötzlich erhob einer seine Stimme. Frank (sagte): „Herr Ober, bringen Sie mir bitte die Rechnung.“

Beiden Varianten ist gemeinsam, dass der Erzähler weitestgehend unsichtbar bleibt. Zudem wird die ursprüngliche Zeichensetzung beibehalten.

3) Die dritte Variante bedient sich der Inquit-Formeln und findet dann Einsatz, wenn die Sprecher nicht eindeutig unterscheidbar sind und wenn aus stilistischen Gründen eine vorausgehende Nennung unterbleiben soll. Regel 1: Endet der Satz der wörtlichen Rede mit einem Satzpunkt, entfällt dieser; Ausrufungs- und Fragezeichen bleiben erhalten. Regel 2: Der angehängten Inquit-Formel geht ein Komma voraus.

Falsch: „Herr Ober, bringen Sie mir bitte die Rechnung.“, schrie Frank aufgeregt.

Richtig: „Herr Ober, bringen Sie mir bitte die Rechnung“, schrie Frank aufgeregt.
Richtig: „Herr Ober, bringen Sie mir bitte die Rechnung!“, schrie Frank aufgeregt.

4) Variante vier unterscheidet sich von den vorher genannten dadurch, dass sie die wörtliche Rede unterbricht. Die Gründe für eine solche Unterbrechung sind unterschiedlich, dienen aber oft der besonderen Betonung von Satzteilen. Regel 1: Die Unterbrechung wird durch Kommata eingeschlossen; nach dem zweiten Komma wird klein weitergeschrieben. Regel 2: Erfolgt die Unterbrechung an einem Komma, dann entfällt dieses.

Falsch: „Herr Ober,“, schrie Frank aufgeregt, „bringen Sie mir bitte die Rechnung.“

Richtig: „Herr Ober“, schrie Frank aufgeregt, „bringen Sie mir bitte die Rechnung.“
Richtig: „Herr Ober, bringen Sie mir“, natürlich wollte wieder der Lebemann zahlen, „bitte die Rechnung.“
Richtig: „Herr Ober, bringen Sie mir“, natürlich wollte wieder der Lebemann zahlen, „bitte die Rechnung“, schrie Frank aufgeregt.

Besonderheiten, Ausnahmen und Kuriositäten

Alle Regeln besitzen sie – die Ausnahmen. Auch hier ist es so. Eine sture Anwendung kann in seltenen Fällen zu unschönen, mehrdeutigen Ergebnissen führen.

Besonderheit: Zitat im Zitat

„Wo bist du?“, hörte man Frank schnaufen.
„Wie bitte, was hast du gesagt?“, fragte Miriam.
–> „Ich sagte ‚Wo bist du?‘.“ oder: „Ich sagte ‚Wo bist du?‘!“

Unschön, aber notwendig ist der Satzpunkt/das Ausrufungszeichen am Schluss. Denn das Fragezeichen gehört zum Zitat, der Satzpunkt/das Ausrufungszeichen schließt ganz regulär den Satz ab. An solchen Stellen empfiehlt sich jedoch meist eine Umformulierung, um nicht etwa zu Zeichensetzungen wie der folgenden Kuriosität zu gelangen:

„Ich hab das Ende nicht verstanden, aber hat der zu mir gesagt ‚Bist du noch ganz saube’ …?!‘?“, fragte Joachim.

Zwar korrekt, aber ein Angriff auf die Augen. Die Zeichenfolge ’ …?!‘?“, sollte in keinem gedruckten Satz auftauchen dürfen. Es handelt sich dabei um einen Apostroph () zur Verdeutlichung, dass „sauber“ nicht ausgesprochen wurde; die Kennzeichnung, dass ein Satzteil von Joachim nicht verstanden wurde, geschieht durch Auslassungspunkte (); gefolgt von „?!“, welches die Betonung des zitierten Satzes anzeigt. Dann folgt das einfache Ausführungszeichen () der im Satz zitierten wörtlichen Rede; gefolgt vom Fragezeichen (?), welches die wörtliche Rede von Joachim zusammen mit den regulären Ausführungszeichen () beendet. Zu guter Letzt noch das Komma, welches die Inquit-Formel anhängt. – „Das“, betonte er mit Nachdruck, „ist eindeutig zu viel.“

Ausnahme: Komplizierte Sätze

Der Satz der wörtlichen Rede laute:

„Mensch Frank!, jetzt schrei doch nicht so herum.“

Soll dieser Satz zusammen mit einer Unterbrechung wiedergegeben werden, und soll diese Unterbrechung  nach dem Ausrufungszeichen erfolgen, kann es zu folgendem seltsamen Gebilde kommen:

„Mensch Frank!“, mischte sich Miriam ein, „jetzt schrei doch nicht so herum.“

Hier empfiehlt es sich nicht, an der Regel festzuhalten, dass nach der Unterbrechung klein weitergeschrieben werden soll. Denn dann wirkt es so, als habe sich ein Fehler eingeschlichen. Hier sollten Sie zu folgender Variante greifen:

„Mensch Frank!“, mischte sich Miriam ein. „Jetzt schrei doch nicht so herum.“

Das bedeutet zwar eine minimale Abweichung vom ursprünglichen Satz (da es nun zwei Sätze sind), aber dem Leser und sich tun Sie einen großen Gefallen, indem das Geschriebene eindeutig ist.

Stilblüte: Falsche Auslassungspunkte

Unnötig und unschön wirken Sätze wie der folgende:

„Das ist doch …“, meinte er, „… nicht dein Ernst!“

Nicht nur sieht es befremdlich aus, es ist auch überflüssig. Dass eine wörtliche Rede geteilt wurde, wird nämlich angezeigt durch die Kleinschreibung bei Wiederaufnahme des Zitates:

„Das ist doch“, meinte er, „nicht dein Ernst!“

Obendrein lässt sich der Satz mit den Auslassungspunkten auch nicht auflösen, denn es kann nicht heißen:

„Das ist doch … … nicht dein Ernst.“

Soll (als zu unterbrechende wörtliche Rede) dennoch unbedingt folgender Satz verwendet werden:

„Das ist doch … nicht dein Ernst!“

Dann empfiehlt sich höchstens:

„Das ist doch …“, meinte er, „nicht dein Ernst!“

Aber auch hier scheint es wohl ratsam umzuformulieren und die Auslassungspunkte wegzulassen. Die Sprechpause, die „Er“ einlegt, wird durch die Unterbrechung des Erzählers ganz von allein erzeugt. Das ist zwar ein bisschen gemogelt, aber immer noch besser, als Verwirrung zu stiften. Im Zweifel also einfach und schlicht:

„Das ist doch“, meinte er, „nicht dein Ernst!“