[Der lyrische Mittwoch, Folge 20] Sophie Reyer – Zuerst

Und sie takten einander die Zeit.
Und sie schlüpfen in die Stillen.

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

herzlich willkommen zur zwanzigsten Folge des lyrischen Mittwochs! Es ist unglaublich, wie schnell die Zeit vergeht und wie viel Bewegung in der Lyrik ist, auch abseits jeder kommerziellen Aktivität. Möge es die poetische Kraft einrichten, dass sie nicht nur im Dunkel eingeweihter Kreise verharren muss, sondern den Schritt zurück auch in die größeren Verlage schafft.

Eine besondere Ehre ist es, Ihnen diese Woche ein Gedicht einer Dichterin und Künstlerin vorstellen zu dürfen, deren Werke schon den schwierigen Pfad aus der Finsternis heraus gefunden haben. Freuen Sie sich bitte auf das Interview mit der in Wien und Köln lebenden Sophie Reyer. Von der Autorin erschienen zuletzt das Prosawerk „Marias. Ein Nekrolog“ (2013), ihr aktueller Gedichtband „die gezirpte zeit“ (2013) sowie die beiden Lyrikbände „binnen“ (2008) und „flug(spuren)“ (2012). Letzterer erhielt noch im Erscheinungsjahr die Buchprämie des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur. Seit 2011 studiert die Autorin, die bereits einen Master in Komposition und ein Diplom in „Szenisches Schreiben“ führt, Drehbuch‑ und Filmeregie. Von Ihr erschienen bereits zahlreiche Theatertexte unter anderem „vogelglück“ beim S.‑Fischer-Verlag. Die beiden letzten Filme der Künstlerin tragen die Titel „dizzy’s pub“ und „stutzflügel“, mit dem letztgenannten wurde sie 2012 zum Zebra Poesiefilm Festival eingeladen.

Schauen wir zuerst aber ein bisschen auf das heutige Gedicht: Wenn man eine Handvoll Würfel auf einen Tisch wirft, befinden diese sich eindeutig beschreibbar in Abständen zu den Tischkanten. Jeder Würfel wird bestimmt durch die Zahl, die er nach oben streckt. So klar die Tatsachen sind, so sinnlos ist diese Scheinordnung des Geworfenseins. – In „Zuerst“ treffen wir anfangs auch auf solch eine unbestimmte Ordnung. Bilder und Wörter greifen ineinander, spannen ein Gitter in der Zeit auf, um die „Menschen“, die „hinein gestreut“ wurden, aufzufangen, sie im Rasanten des Zeitstrahls irgendwie zu fixieren. Nahezu mechanisch greifen „Falten“ und „Ritzen“ nach sich selbst und nach allem, in das sie sich einhängen können. In diesem architektonischen Gebilde aus verhakten Leibern schaukeln alle im Takt jedes anderen. Wir, die Würfel, schreiben uns ganz langsam Sinn zu, „spielen miteinader Vater Mutter Kind“ und „geben einander Wörter“. Eine, unsere Welt entsteht – mit Menschen, denen der Zeitwind noch immer durchs Haar pustet, die jedoch so fest und gefügt verwoben sind, dass die Zeit scheinbar still steht, nur noch im Hintergrund ein bisschen säuselt und dann sogar „leuchtet“ –

Zuerst

:
Zuerst sind so Menschen in die Zeit hinein gestreut.
Und haben Bindehäute zwischen den Händen.
Und glätten einander die Gesichter.
Und ihre Finger umstricken einander, sind Halteseile.
Und sie hören den lispelnden Himmeln zu.
Und entsteigen dem Schweigen manchmal.
Und machen sich auf am Morgen.
Und wissen: Als außen und innen sind sie ineinander verklammert.
Und die Jungen ziehen den Alten die Jalousien ihrer laschen Haut zu.
Und wohnen in den Falten der Alten.
Und die Menschen legen ihre Ritzen ineinander und legen sich gegenseitig schlafen.
Und der Atem des einen ist die Schaukel des Anderen.
Und sie wissen, dass die Toten sich auffächern in ihnen.
Und sie spielen miteinander Vater Mutter Kind.
Und sie wechseln die Rollen.
Und sie rollen über die Hügel der Momente.
Und sie takten einander die Zeit.
Und sie schlüpfen in die Stillen.
Und die Lichter gelieren ihnen die Haare.
Und sie wissen nichts anders als das: Gestuft sein.
Sie fallen zwischen die Spalten der Zeit.
Und sie haben immer die Engels Segel im Kopf, diese schrecklichen Schatten.
Und sie wissen: Gestern hat die Stadt gesungen.
Und morgen wird wieder Mittagessen sein.
Und wenn die Nacht herankriecht, ist der Schlaf eine Koje.
Und sie geben einander Wörter: Ehrenwörter, Sonnenwörter. Gebogene und gebongte.
Bunte, bucklige, gestrickte Wörter. Und karo-gemusterte Wörter. Gemolkene und

milchige.
Zum Frühstück schenken sie einander Lispel Gras und andere Wucherungen.
Und das Aufknacken der Momente ist nicht mühsam.
Und die Drehleier der Gedanken wird ausgelacht.
So sind diese Menschen in eine Zeit hinein gestreut, die leuchtet.

Sophie Reyer

Sophie Reyer

Textbasis: Ich freue mich, dich heute beim lyrischen Mittwoch begrüßen zu dürfen, Sophie, und danke dir für deine Zusage. Wenn man die Eckpunkte deiner Biografie etwas wirken lässt, erkennt man eine strahlende Begeisterung für die Kunst. Ist das bloße Neigung oder verbirgt sich dahinter auch eine Antwort auf die Frage, was die Kunst heute noch bewirken kann, wo sie doch – im Falle der Poesie – nicht einmal mehr von großen Verlagen, geschweige denn von der breiten Masse wahrgenommen wird?
Sophie Reyer: Ehrlich muss ich gestehen, dass diese Begeisterung für die unterschiedlichen Medien einfach so gewachsen ist. Ich habe immer gerne verschiedene Formen, Materialien und Medien ausprobiert. Wen ich damit erreichen kann, darüber habe ich in meiner Naivität nie nachgedacht. Ich war auch viel zu jung, als ich angefangen habe. Mich hat es da einfach hingezogen: Musik, Film, Text, und die Ränder dazwischen, die Überlappungen. Das hat mich fasziniert.

Textbasis: In deinen Arbeiten verbindest du Videokunst, Sprache und Komposition. Bist du der Meinung, dass das Gedicht als gedruckte Wortfolge auf Papier bestehen bleiben wird? Oder öffnet sich auch die Poesie mehr und mehr der Interdisziplinarität?
Sophie Reyer: Wenn man sich den Ursprung der Lyrik ansieht, so kommt der Begriff selbst ja von „Lyra“, Leier, sprich, Lyrik war auch Wort in Verbindung mit Klang und Rhythmus. Das bedeutet, in gewissem Sinne ist die Wurzel der Poesie ja schon „interdisziplinär“, wenn man so will. Ich denke aber, dass doch eine Tendenz besteht, mehr und mehr auch andere Medien wie Videokunst und Live-Elektronik einzubeziehen. Wobei ich diese Strömungen auch nicht in allen Fällen gutheißen würde. Wenn zum Beispiel das Visuelle nur eine Bebilderung vornimmt, der Klang nichts ist als eine breiige Schichte, die unter die Worte geschmiert wird, dann wäre mir selbst das pure Wort lieber, weil ich im Kopf schönere Bilder und Klänge kriege, wenn ich dem puren Wort zuhöre. Interdisziplinarität birgt eine unglaubliche Chance, aber es kommt immer auf die Umsetzung an.

Textbasis: Ich habe das Gefühl, dass sich die Poesie zur aktuellen Stunde in zwei Stränge teilt. Einerseits in den eher traditionellen mit regulären Veröffentlichungen, andererseits in den der Internetveröffentlichungen. Dieses Spannungsfeld scheint mir wichtig für die nüchterne Beschreibung der gegenwärtigen Lyrik. Welche Chancen, welche Gefahren siehst du in dieser neuen Offenheit für das Gedicht?
Sophie Reyer: Ich glaube, ich würde das nicht so streng einteilen. Es gibt auch einzelne wunderbare kleinere Verlage, die sehr spezielle und ganz und gar individuelle Ansätze vertreten und mit ihren Publikationen etwas riskieren. Dass man mit Lyrik nicht reich wird, ist klar, aber deshalb schreibt man ja auch nicht. Oder ich zumindest nicht. Ich sehe in Internetveröffentlichungen dennoch eine große Möglichkeit. Man ist nicht abhängig von einer Lobby, das ist eine überaus wichtige Entwicklung, die eigenständiges künstlerisches Schaffen ermöglichen und dem Künstler selbst helfen kann, frei von Ideologien zu bleiben. Siehe hierzu zum Beispiel auch Elfriede Jelinek, die nur noch im Netz publiziert, was ich für ein wichtiges politisches Statement halte. Auf der anderen Seite birgt dieses neue Medium natürlich auch Gefahren. Jeder kann jetzt veröffentlichen, sich als Autor fühlen, was zu einer Unmenge an Daten und Material führt. Die Verantwortung liegt beim Rezipienten. Wie filtere ich, was mir da entgegen geschleudert wird?

Textbasis: Eine berechtigte Frage, die wohl auch auf Seiten der Leserschaft die Bereitschaft – und die Fähigkeit – zum reflektierten Abwägen und Entscheiden voraussetzt. Für dich und deine Texte haben sich die Leserinnen und Leser unterdessen schon entschieden. Aus deiner Hand sind zahlreiche Veröffentlichungen entwachsen, deine Texte werden gelesen, deine Kunst wird beachtet. Beeinflusst dich das, gibt es Sicherheit oder drängt es sich manchmal auch heimlich hinein in den Schreib‑ und Schaffensprozess?
Sophie Reyer: Natürlich ist das ein ganz großes Glück. Vor allem die Tatsache, dass ich vom Schreiben leben kann – wobei ich auch zum Leben nicht soviel brauche –, gibt mir immer wieder Mut. Aber freilich besteht gleichzeitig ein gewisser Druck, sicherlich auch innerhalb der Szene, immer wieder Neues zu publizieren, große Verlage zu finden und so fort. Davon muss ich mich auch stets frei machen. Das beeinflusst aber mein Schreiben an sich nicht, sondern eher mein Ego. Die Sprache macht dann zum Glück doch immer, was sie will.

Textbasis: Es tut gut, das zu hören, weil es doch aufzeigt, dass der freie Geist, die Sprache, auch in geordneten Bahnen noch ungehindert wirken kann. Wie ist das bei dir, finden die Themen dich oder begibst du dich auf die Suche nach Ideen? Was braucht es, damit du ein neues Projekt beginnst?
Sophie Reyer: Das ist unterschiedlich. Bei „Marias“ hat das Material mich gefunden. Ich hatte eine Freundin, die einen „Frauenwanderweg“ auf den Spuren der Kindsmörderinnen des 17. und 18. Jahrhunderts gestaltet hat, und das Thema wollte mich nicht mehr loslassen. Manchmal begebe ich mich aber auch ganz bewusst auf Recherche; im Moment beschäftige ich mich mit der Situation von Gefängnisinsassen in Guantanamo, und suche da nach einem Ansatzpunkt für die eigene Arbeit. Ich bekomme hin und wieder auch einfach Aufträge. So war zum Beispiel die Arbeit über Kaiserin Elisabeth in der Villa Feldafing etwas, das mir zwei Freundinnen – Augusta Laar und Judith Pfeifer – vorgeschlagen haben. Im ersten Moment dachte ich: „Jemine, dieser Kitsch?“ Aber wenn man tief genug in ein Thema eindringt, kann man überall äußerst spannende Aspekte entdecken.

Textbasis: Im März dieses Jahres ist das gerade von dir erwähnte Buch „Marias. Ein Nekrolog“ erschienen. Es versteht sich als „außergewöhnliche Form profanen Totengedenkens“, wie auf deiner Internetseite nachzulesen ist. Was hat dich letztendlich dazu bewegt, diesen bewegenden Stoff als Buch aufzuarbeiten?
Sophie Reyer: Was an dem Thema so spannend ist, ist die Tatsache, dass wir von den Frauen dieser Gesellschaftsschicht zwischen 1500 und 1800 nichts wissen würden, gäbe es nicht diese „Täterinnen“. Die Geschichtsschreibung war ja eine, die von Adeligen betrieben wurde und sich demnach nur um Adelige drehte. Das „gemeine“ Volk kam nur vor, wenn etwas nicht funktioniert hat. Nämlich dann, wenn zum Beispiel Verbrechen begangen wurden. Diese Gerichtsakten sind das Einzige, was von den Mägden, den Dienstbotenmädchen geblieben ist. Unterschrieben wurden sie – da diese Frauen alle Analphabetinnen waren – mit einem X. Diesen Menschen im Nachhinein eine Stimme zu geben, war mir wichtig. Das war der Ausgangspunkt; dann habe ich begonnen, mich mit dem Thema „Kindesmord“ an sich auseinanderzusetzen, der Medea-Topos hat sich angeboten, die Frage nach der Verbindung von Weiblichkeit und Monstrosität hat sich mir gestellt, et cetera. Es war eine sehr aufreibende und schwierige aber auch wunderbare Arbeit.

Textbasis: Herzlichen Dank für diese spannenden Einblicke in den Entstehungsprozess von „Marias“. Abschließend noch eine Frage zur Form. Du besitzt ein ausgeprägtes Verständnis für Komposition. Lässt sich dieses auch auf Textebene übertragen? Und wenn ja, wie viel bleibt dennoch immer intuitives, freies Gestalten?
Sophie Reyer: Absolut. Wenn man sich ansieht, wie die Wiener Gruppe oder wie Oulipo mit Texten umgegangen ist, so waren das immer kompositorische Prinzipien, die auf das Sprachmaterial angewandt wurden. Strukturelle Prinzipien der Komposition lassen sich wunderbar auf die Sprache übertragen: Wie baue ich Reihen, Listen, Varianten? Das ist die eine Ebene. Aber auch die klangliche Ebene ist eine, die sich in beiden Fällen anwenden lässt. Ich höre meine Texte immer innerlich, höre sie durch, trimme sie so, dass die einzelnen Worte lautlich wie auch rhythmisch zusammen passen. Aber man darf sich nicht zum Sklaven der Technik machen. Sonst werden die Texte zu „gerade“, zu „gebaut“, zu „konstruiert“. Oft ist es so, dass ich einen intuitiven Wurf mache und den als Steinbruch für eine Komposition nehme, ihn in ein strukturelles Gewand einfüge. Oder aber umgekehrt: Ich erlege mir selbst eine Form (zum Beispiel Anagramm, Liste, Zweizeiler et cetera) auf und versuche dann das, was herauskommt, aus dem Korsett seiner Form zu befreien. Das ist immer eine Gratwanderung. Es bleibt wahrscheinlich auch immer ein Versuch. Aber wenn man arbeitet und sich Zeit nimmt, werden die Versuche besser.

Textbasis: Eine sehr schöne letzte Antwort, Sophie, welche die theoretische Begründung auch gleich in Schreibtipps zum Nachmachen übersetzt. Gerade die zweite Variante scheint mir eine besonders reizvolle zu sein, nicht zuletzt deswegen, da ich mir vorstellen kann, dass sie verhältnismäßig selten angewandt wird. Es war wunderbar, mit dir ein Interview zu führen und eines deiner Gedichte vorzustellen; doch auch diese Folge erreicht nun bald Ihr Ende und mir bleibt nicht viel mehr, als dir ein letztes Mal herzlich zu danken, dass du dir Zeit genommen hast, um beim lyrischen Mittwoch mitzumachen. – Mehr, sehr viel mehr Informationen über das Schaffen der Autorin finden Sie auf ihrer Internetseite: www.sophiereyer.com. Und damit Sie schnellstmöglich dorthin navigieren können, ist hier nun Schluss. Bis zum nächsten Mittwoch.

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Über Sebastian Schmidt

Ich arbeite als freier Lektor (www.lektorat-textbasis.de) und mag gute Bücher. Vor meiner freiberuflichen Tätigkeit habe ich Germanistik und Philosophie studiert (M. A.) sowie als Bibliotheksangestellter gearbeitet. Neben der Zusammenarbeit mit Autoren und Verlagen liebe ich die Musik. Blogadresse: textbasis.wordpress.com Zeige alle Beiträge von Sebastian Schmidt

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