Als er seine – Gedanken strich.

Fackeln sind bisher keine Alternative zu Streichhölzern. Nicht verwunderlich, erfüllen beide doch unterschiedliche Funktionen. Wer verloren im Labyrinth mit einem Streichholz den Weg leuchten muss, den trifft es nicht viel besser als den Raucher, dem als Anzündgelegenheit einzig eine schwelende Fackel geblieben ist. Sie stimmen hoffentlich insofern mit mir überein, dass es zumindest seltsam wäre, falls ab morgen mit Fackeln geraucht und mit Zündhölzern der Weg geleuchtet werden würde.

Dieses Beispiel erscheint trivial, da es nur das Offenkundige vor Augen führt: Weil wir wissen, was die Wörter Fackel und Streichholz bedeuten, wissen wir auch, wie wir die Gegenstände verwenden müssen. Wir haben den Gebrauch der Wörter (und damit den der Dinge) gelernt. Diese Herangehensweise an Sprache stammt natürlich nicht von mir, sondern von Ludwig Wittgenstein, dessen Sprachphilosophie eventuell einmal Thema eines separaten Artikels sein wird.

Ganz analog zum Fackel-Zündholz-Beispiel verhält es sich auch mit Bindestrichen (-) und Gedankenstrichen (–). Prinzipiell weiß jede Autorin und jeder Autor, was beide unterscheidet. Bindestriche verbinden Wörter oder trennen sie über das Zeilenende hinaus. Sie sagen dem Leser: Hier geht ein Wort noch weiter. Anders der Gedankenstrich; dieser erfüllt abweichende Aufgaben. Zu den wichtigsten gehören wohl, dass er Sprech- beziehungsweise Lesepausen anzeigen kann und die Möglichkeit bietet, Einschübe im Satz unterzubringen. Im Gedankenstrich steckt sehr viel kreatives Potenzial; im Bindestrich hingegen gerade nicht. Dieser erfüllt eher die funktionalen Aufgaben, die Wortzusammengehörigkeit oder die Worttrennung am Zeilenende zu verdeutlichen.

Eine Parabel als Beispiel:

Es war einmal ein junger Fisch, der unbedingt wissen woll-
te, wie es am anderen Ende des Meeres aussieht. [Trennstrich]

Er gab seiner Fischmutter einen blubberigen Kuss, streichelte sanft ihre Seitenlinie und packte sein Reise- und Abenteurergepäck. [Ergänzungsstrich]

Er schwamm und schwamm – und schwamm. [Gedankenstrich (Sprechpause)]

Eines Tages wurde er – die Orientierung hatte er längst verloren – der anstrengenden Reise überdrüssig, und beschloss umzukehren. [Gedankenstrich (Einschub)]

Leider ist es keine Seltenheit, dass man in Texten Bindestriche anstelle der korrekten Gedankenstiche findet. Die Ursachen hierfür sind schnell ausgemacht. Es liegt natürlich nicht daran, dass der Unterschied zwischen Gedankenstrich und Bindestrich nicht bekannt wäre; mit Sicherheit nicht. Lediglich die Umsetzung bei der Eingabe via Tastatur oder Schreibmaschine führt zu Fehlern.

Da die Schreibmaschinen des analogen Zeitalters keine eigene Taste für den Gedankenstrich besaßen, finden wir ihn auch heute noch nicht auf den Tastaturen. Zumindest nicht in der Primärbelegung. Zwar korrigieren bekannte Textverarbeitungsprogramme die Eingabe automatisch und ersetzen Bindestriche durch Gedankenstriche, jedoch ist diese automatisierte Korrektur einerseits fehleranfällig und fördert andererseits einen oberflächlichen Umgang mit der korrekten Zeichensetzung. Denn nicht überall, gerade nicht im Internet, läuft im Hintergrund ein Eingabescanner (zumindest keiner, der automatisch Bindestriche in Gedankenstriche umwandelt …)

Daher braucht es also das Wissen um die richtige Eingabe. Für Windows-Nutzer empfiehlt sich erneut die Verwendung der Alt-Codes (die schon einmal im Beitrag über die korrekte Anwendung der Auslassungspunkte erwähnt wurden). Dazu lediglich die Alt-Taste gedrückt halten, auf dem Ziffernblock die Kombination „0150“ eingeben und Alt hernach wieder loslassen. Das funktioniert unter Windows unabhängig von der jeweiligen Eingabe-Umgebung und lässt folgenden schönen Gedankenstrich erscheinen:  –.

Ausgerüstet mit „0150“ können Sie das richtige Zeichen nahezu überall verwenden – und Ihren Aussagen mehr Nachdruck verleihen. Wichtig ist, wie schon des Öfteren betont, dass Sie bewusst schreiben. Den Unterschied zwischen Gedanken- und Bindestrich zu kennen und damit kreativ Texte zu gestalten und zu verfassen, ist ein Vorteil. Nämlich gegenüber all den Texten, die aus Unkenntnis auf diese Möglichkeiten verzichten und sie falsch anwenden.

Nachdem Sie die Eingabe des Gedankenstriches mittels Alt-Codes verinnerlicht haben, wird es Ihnen kaum mehr auffallen, diese ungewöhnliche Fingerübung während des Schreibens anzuwenden. Da Bindestriche und Gedankenstriche sehr oft vertauscht werden, bedeutet dies, dass Sie durch korrekte Anwendung mit Ihrem Text positiv auffallen können. Nutzen Sie diese und andere kleine Möglichkeiten beim Schreiben; in Addition können sie große Wirkung erzielen.

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Über Sebastian Schmidt

Ich arbeite als freier Lektor (www.lektorat-textbasis.de) und mag gute Bücher. Vor meiner freiberuflichen Tätigkeit habe ich Germanistik und Philosophie studiert (M. A.) sowie als Bibliotheksangestellter gearbeitet. Neben der Zusammenarbeit mit Autoren und Verlagen liebe ich die Musik. Blogadresse: textbasis.wordpress.com Zeige alle Beiträge von Sebastian Schmidt

3 responses to “Als er seine – Gedanken strich.

  • summacumlaudeblog

    Sehr geehrter Herr – Gedankenstrich –
    Georg Kreisler – eh er verblich –
    sagte noch einmal Prost zu sich
    dann kam der letzte Gedanke – und wich
    zurüch zu einem…..

  • druckstelle

    Hallo Sebastian! Schön, dass Du Dich dem Gedankenstreichen widmest! Stand auch schon auf meiner Liste und ist jetzt erstmal verstrichen. 😉
    Liebe Grüße
    Franziska

    • Sebastian Schmidt

      Hallo Franziska!

      Danke für das Lob! Ich wollte schon lange einmal darüber schreiben, aber irgendwie blieb das Thema immer liegen. Die Sache mit den Strichen ist so komplex (wenn auch nicht unbedingt kompliziert), dass man gut einen doppelt so umfangreichen Artikel hätte verfassen können. Aber so viele Striche in einem Beitrag wollte ich dann auch wieder nicht. 🙂

      Liebe Grüße

      Sebastian

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