Monatsarchiv: Oktober 2013

[Der lyrische Mittwoch, Folge 22] Wiebke Plett und Hanna Scotti – Sommerliebe; oder: Das Projekt „kunstvollaltern“ vorgestellt.

Im Dunkel deines Nabels
versank meine Nasenspitze

Liebe Leserinnen und liebe Leser,

eine ganz besondere Folge des lyrischen Mittwochs erwartet Sie heute nach langer Abstinenz! Gemeinsam mit den Bremerinnen Hanna Scotti und Wiebke Plett möchte ich Ihnen das Projekt „kunstvollaltern“ vorstellen. Die Autorinnen, Dichterinnen und Bildkünstlerinnen rücken das ins Licht, was oftmals dunkel Schatten, zumindest aber Falten wirft: das Altern. Auf ihrer Internetseite, die kombiniert ist mit den Blogs Mundwerkerin und Bildwerkerin, entsteht ein Projekt, welches sie selbst wie folgt umschreiben: „Die Kunst ist das Altern. Sie beschäftigt uns, manchmal lustvoll, manchmal nackt, demütig oder dynamisch – alternativ. Gelegentlich schlingern wir auch in unsere bodenlosen Hautschluchten und stürzen ab. Aber eben nur beinahe.“ Das Altern als Kunst bietet nicht nur Möglichkeiten zur Bewältigung, sondern auch für einen kreativen Prozess hin zu Neuem und dadurch zu einem Verständnis der Generationen untereinander. Denn wo die Hülle als solche entlarvt wird, da will man weiter fragen, mehr über das erfahren, was eventuell schon lang darin und darunter verborgen liegt. Denn beides hängt aneinander, auch wenn es zuweilen weit entrückt scheint.

Doch ganz ohne lyrische Handreiche geht es natürlich auch in dieser Folge nicht, deswegen ist es umso schöner, dass Hanna Scotti Ihr wundervolles Gedicht „Sommerliebe“ unseren Augen als Rauschmittel dargereicht hat. Jedoch, allein auf die Augen zielen diese Verse nicht. Eine Festivität der Sinne, von Würzigem, von Düften, die aus den Buchstaben kriechen, strömt heraus. Vereint im knusprigen Mantel von Erotik und der Exotik des Unbekannten wehen uns Worte so zart wie „Fisch gewürzt mit Anis“ oder so geheimnisvoll wie „Mandeln in saurer / Abschiedsmilch“ entgegen. Das ist eine Reise der Sinne, die Nase vergraben in Haut – und doch immer reich gegen den warmen Wind –

Sommerliebe

iftha ya semsem

Im Dunkel deines Nabels
versank meine Nasenspitze
weit öffnete Sesam deine
Dschellaba aus den Narben
quollen die Düfte der
Kasbah mit Gassen aus
Zitronen und getrocknetem
Fisch gewürzt mit Anis und
Kardamom scharf oder
süß oder bitter wie
Mandeln in saurer
Abschiedsmilch

Porträt Hanna Scotti und Wiebke Plett

Hanna Scotti und Wiebke Plett

Vorgeplänkel:

Textbasis: Bitte verratet mir doch, was „iftha ya semsem“ heißt.

Hanna:
Sesam öffne dich ist die Übersetzung.

Textbasis: Oh, vielen Dank.

Wiebke:
Auch mich öffnet dieses Gedicht – zu Bildern im Kopf und zur praktischen Umsetzung in Digital Art. Hanna und ich ergänzen uns gut : Sie ist eine Frau des Wortes und der Taten, ich dagegen eine Frau des Schweigens und der Taten.
So antwortet Hanna hier in gemeinsamem Sinne. Ich lege dann notfalls von hinten ein Veto ein.

Interview:

Textbasis: Ich freue mich, dass ihr heute zu Gast seid im lyrischen Mittwoch, Hanna und Wiebke. Nun habe ich in der Einleitung schon ein paar Worte zu eurem großen Projekt „kunstvollaltern“ geschrieben. Was ist euch besonders wichtig in all der Kreativität und der Kunst, die ihr darauf verwendet, und wie kam es überhaupt zu der Idee, das Altern und die Kunst zu verbinden?

Wiebke und Hanna:

Altern macht Angst, besonders auch uns. Was tun wir also? Liften, Botox und andere Kleinigkeiten? Neee, Sport also und Veganerin werden! Wir könnten eine Menge Gegenmaßnahmen aufzählen – sterben und uns einfrieren lassen ist auch ein guter Vorschlag.

Über diese Vorstellungen entschlüpfte uns ein unbändiges, sehr lautes (ähem!) Gelächter. Das war wohl nix: Wir essen gern, Sport findet eher beim Fotografieren oder beim Clownsspiel statt und Falten sind hart erarbeitetes Leben. Punkt.

So haben wir das Altern selbst zu unserer Kunst erhoben. Wir sind sozusagen Künstler und Objekt.
Die Kreative in uns beobachtet das sich unentwegt wandelnde Objekt, also uns selbst. Das erfordert ein hohes Maß an Abstraktion, der wir uns aber aufgrund unseres reflektierten Lebens gewachsen fühlen – immer wieder mit Versuch und Irrtum natürlich. Schließlich stecken wir ja mitten drin im Prozess.

Dann setzt die künstlerische Arbeit ein, es wird gedichtet, fotografiert, Videoclips werden gedreht und seit Neuestem auch Musik gemacht, immer mit Fokus auf dem Alterungsprozess und der Gewissheit des Todes.
Wir stellen uns vor, dass diese Haltung auch für andere Menschen interessant sein könnte.

Textbasis: Und mit den „anderen Menschen“ meint ihr eigentlich „alle Menschen“, wenn ich euch recht verstehe. Denn im Prinzip ist das Altern ja ein Prozess ganz unabhängig vom Alter. Würdet ihr das unterschreiben wollen?

Hanna:
Ja, alle Menschen sind gemeint, auch die die sich mit diesem Thema nicht beschäftigen können oder wollen. Das ist ihr gutes Recht. Wir allerdings suchen nach Wegen, diesen Lebensabschnitt im Hinblick auf den demografischen Wandel lustvoll lebbar zu machen. Das bedeutet für uns Solidarität – besonders auch mit den jungen Menschen, wir haben zu diesem „Schlamassel“ erheblich beigetragen –, Bescheidenheit, Verantwortungsgefühl, alles das, was wir uns an ethischen Werten erarbeitet haben, was nicht in einen religiösen Kontext gehört, aber human ist.

Textbasis: In „Sommerliebe“, aber auch im angefügten Bild, wird das Altern gerade nicht als Zerfallsprozess dargestellt, sondern als Sammelsurium von Erfahrungen und dem Herausarbeiten von Charakteristiken, die sich sinntragend über die sichtbare Oberfläche legen. Was zeichnet Kunst im Kontext des Alterns für euch aus, was muss sie schließlich auch leisten können?

Wiebke und Hanna:
Zum einen ist der Prozess des „Tuns“, das Sich-selbst-verlieren im Werkeln, ein zutiefst befriedigender Zustand. Zum anderen ist es uns wichtig, zu lernen: Theorie zur Lyrik (mein Pferdchen unter den Steckenpferden), Theorien zur Fotografie (Wiebkes Lipizzaner) und natürlich alles, was nötig ist, um in den modernen Medien kommunizieren zu können. Dafür danken wir ganz herzlich allen, die uns geholfen haben, im Netz heimisch zu werden. Unser Dank gilt auch den Bäumen, an die wir unsere schmerzenden Rücken lehnen durften und der Stubenfliege, die uns mit ihren Streicheleien zur Pause mahnt und … und …
Matthias Engels und Dir.

Matthias, der unsere Beiträge gelesen und uns einfühlsam ermuntert hat. Er ist wie eine Oase in der vertrockneten Wüste der Beliebigkeiten, besonders im Netz. – Und Dir; dieses wunderbare „Ding“ zwischen uns dreien, dieser Faden zwischen Jung und Alt. Mögen viele, viele ihn finden.

Kunst unterstützt also auch befriedigende Begegnungen und schürt den Kamin, damit das Feuer und die Liebe zum Leben nicht erlischt. Wenn sie dann auch noch überzeugt, kommen wir unserem Ziel – das es gar nicht gibt, wir sind ja auch nur auf dem Weg – deutlich näher.

Textbasis: Ich danke euch für die lieben Worte, und kann beidem nur zustimmen: Ich finde ebenfalls, dass wir einen sehr harmonischen Faden zwischen uns gestrickt haben, worüber ich mich sehr freue. Dass dabei die Kunst aus sich herausgreift und direkt auf das Leben einwirkt, das ist schon etwas Besonderes. Und dennoch entsteht ja Kunst nicht aus dem Nichts. Hanna, du sprachst oben von deinem Pferdchen unter den Steckenpferden, also ganz allgemein von der Theorie. Nun ist ja die Theorie nicht unbedingt immer das Erquickende, nach dem man gleich nach dem Aufstehen lechzt. Wie steht ihr dazu: Nach wie viel Theorie verlangt die Kür in der Kunst – oder sollte die Kunst sich ganz von allem lösen, was sie zu sehr ins Trockene holt?

Hanna:
Frau Meier interessiert sich fürs Stricken, dazu braucht sie Grundfertigkeiten und Fantasie, danach kann sie sich entscheiden, ob sie ihr Leben lang Schals strickt, aufgibt oder lernt, Handschuhe und Socken zu stricken, oder den Faden zu einem „Hinguckerpullover“ verdichten will.
Ich liebe selbst erarbeite Unikate.

Dichtung wird gewöhnlich definiert als die Kunst, etwas in klangvollen Worten auszudrücken, bei der Schöpfungen des Gefühls, der Fantasie und der Einbildung entstehen (nach Toshimitsu Hasumi).
Im Sinne der japanischen Dichtung, der ich mich sehr verbunden fühle, ist sie nichts anderes als der seelische Ausdruck des Lebens in diesem Moment. Außerdem bedeutet poetische Betrachtung in der japanischen Lyrik immer Mit-Wirkung des Lesers, das heißt Mit-Dichtung.

Nun fragt sich hier natürlich der geneigte Leser, die kritische Leserin, was unsere wunderschöne, klangvolle Sprache nun mit Japans Literatur zu tun hat? Bei dem für mich trostlosen Gezerre vieler deutschsprachiger Kollegen, was nun ein Gedicht sei und was nicht, suchte ich einen ganz persönlichen Zugang und fand meine Ansprüche an meine Gedichte in der Tradition asiatischer Kulturen, ohne dass ich meine sprachlichen Wurzeln, mein Denken und Fühlen verlassen musste.

Das Besinnen auf das, was in meistens kurzen Gedichten nicht geschrieben worden ist, also zwischen den Zeilen steht, ist eine Kunst, die ich sehr schätze. Wird nur ein Teil gesagt und das übrige der Vermutung, Einsicht oder eigenen Erfahrungen, also dem Leser überlassen, entsteht ein Miteinander, ein Du. Ich schreibe dann nicht ins Blaue, sondern mein Gedicht wird zu einem Geschenk an Dich, oder an …
Dich? Ja, Dich meine ich.
Ich lasse es frei und du machst damit, was dir gefällt …
Alle Inhalte meiner Texte sind Momentaufnahmen, eine sinnliche Wahrnehmung in poetischer Form zu Papier gebracht.

Meine Gedanken sind hier nur kurz skizziert, um meinen Zugang zur Poesie zu verdeutlichen.(hoffentlich). Dieses „Konzept“ haben Wiebke und ich uns im Laufe der Jahre erarbeitet. Es lässt sich mühelos auf andere künstlerische Tätigkeiten übertragen:

Multikulturelle, möglichst unverstellte Sicht auf diesen Moment, den einzigen, den es gibt (gestern war gestern, und morgen kommt vielleicht nie) und diese Sicht mit wachen Sinnen künstlerisch umsetzen.

Textbasis: Deine Vorstellung von dem, was Kunst ist, wie Kunst und Dichtung für dich und Wiebke funktionieren sind weit weg von der (grauen) Theorie, man könnte sagen, sie sind eher mitten im momentanen Fühlen, das ist ein durchaus reizvoller Punkt, der offensichtlich zu solch intensiven Gedichten wie „Sommerliebe“ führt. Der lyrische Mittwoch soll neben den Einblicken in die Werke und Vorstellungen seiner Autorinnen und Autoren aber immer auch über den kreativen Prozess aufklären. Er soll Eigenheiten zeigen, wie Kunst entsteht, wie sich Schaffen und Schreiben mit dem Leben verbinden. Deswegen an euch die Frage: Wie gestaltet sich euer Kunst-Alltag, wie entsteht bei euch, was am Ende zu Kunst wird?

Wiebke und Hanna
:
Mit dieser Frage zerrst du an unserer Achillesferse. Es war ein langer schmerzhafter Prozess, die vielen Rollen einer Frau aus Kinder – Küche – Kirche herauszuschälen, nach Wichtigkeit zu ordnen und uns dann auch noch das Recht zuzugestehen, dieses „Projekt“ des kunstvollen Alterns an die erste Stelle zu setzen. Das akzeptiert das Umfeld nur sehr schwer bis gar nicht, da trennen sich manchmal Familienbande und Freundschaften sehr schmerzhaft. Aber das Leben ist eben ein ununterbrochenes Abschiednehmen und Sterben. So üben wir uns in diesen Disziplinen; und Generationen können sich aneinander reiben.

Das hätten wir gerne:
Der letzte Atemzug, Künstler jeden Alters und Genres (auch Lebenskünstler sind eingeladen ) um uns herum, zu Füßen spielende Windhunde und hoffnungsvolle Säuglinge … Naja, Humor und ein bisschen Bitterkeit müssen eben auch sein.

Einen richtigen Alltags- und Arbeitsrhythmus haben wir nicht. Wir tun, was dran ist: Salat schnipseln, Fotos bearbeiten und nicht zu vergessen, immer aufs Wohlbefinden achten. Da hilft Meditieren, Shakuhachi und Didgeridoo üben. Wir können uns das leisten, nicht unbedingt immer finanziell, aber Zeit und Raum stricken wir selbst.

Wiebke:
Bis hier her habe ich alles abgesegnet und Kaffee getrunken. Hanna schreibt nämlich auf meinem PC, ihrer ist – wie so oft –nicht einsatzfähig, er ist so alt und voller Flausen, wie sie selbst. Ohne mich würde sie in den Himmel steigen oder platzen, wir sind das beste Team der Welt.

Textbasis:
Wohl dem, der solches von sich sagen kann! Was zeichnet denn das beste Team der Welt noch so aus? Natürlich auch vom künstlerischen Standpunkt her gesehen: Wie fließen die Inspirationsströme? Nebeneinander her und ins gemeinsame Delta, oder als reißender Strom, sprudelnd aus gemeinsamer Quelle?

Wiebke:
Hannas beschriebenen Zugang zur Gestaltung und Einordnung unserer Kunst will ich ein wenig relativieren. Wir kennen uns seit zwanzig Jahren und haben nie nachgelassen, an unserer Beziehung zu basteln. Das erfordert eine intensive Auseinandersetzung mit der „Liebe“ und der Entdeckung, dass sie sich im Laufe des Lebens loslöst von bürgerlichen Moralvorstellungen und Eingrenzungen, auch von sex and drugs an’ rock ’n’ roll. Die genitale Fixierung löst sich auf und gestattet ein zärtliches Miteinander und Vertrauen.
Nur vor diesem Hintergrund sind solche Gedichte wie „Sommerliebe“ oder meine Karikaturen von uns selbst möglich.

Inspirationsströme: Sie fließen oder sie fließen nicht, sie reißen mit oder nicht, wie bei allen Menschen. Bei Künstlern fällt das einfach mehr auf, wenn die Quelle grad’ trocken ist.
Wir stellen fest, je älter wir werden und je breiter der Strom der Akzeptanz allen Lebens fließt, umso freier fühlen wir uns – auch mit unserer Kunst.
Ach, klingt das genial!

Heute Morgen suchte ich verzweifelt meinen Schlüssel, ich hatte einen Arzttermin, Hanna hatte Kopfweh und keine Lust zu nichts, und die Sonne schien.

Textbasis: Liebe Wiebke, liebe Hanna, für eure ehrlichen und offenen Worte bedanke ich mich. Schon oft sind Künstler sehr persönlich geworden im lyrischen Mittwoch, doch euer offener Appell an die Freiheit der Kunst: Der Freiheit, frei zu sein von kleinlichen Prinzipien und frei zu sein von den damit verbundenen Vorurteilen, ist eine Liebeserklärung von allen Seiten betrachtet: an die Liebe selbst, die Kunst selbst, an ein Miteinander ohne Schranken. Zwar nicht wirklich sex and drugs an’ rock ’n’ roll, wie Wiebke schon schrieb, aber doch ein Revival der der 68er, etwas moderner vielleicht, nicht minder ehrlich und um die Dimension des Alterns erweitert. – Ich wünsche euch, dass das Projekt „kunstvollaltern“ viele anspricht und näher zusammenbringt, wie es auch schon uns näher zusammengebracht hat. Auf die Zukunft! Schön, dass ihr heute dabei wart; und nun bitte alle einmal hier entlang zum: kunstvollaltern.

Bis zum nächsten Mal, in alter Frische – und bleiben Sie lyrisch!


Wie soll das nur enden? Niemand weiß es …, oder: Der Cliffhänger, Teil 1

Text zitiert aus (mit freundlicher Genehmigung des Autors):

Adriaen Cliffhanger. Sein letztes Abenteuer.“ (S. 643)

„… Adriaen ließ los und stürzte in die Tiefe. Er hatte all die Jahre gesucht, hatte sich verrannt und war dem Tod nicht nur ein Mal haarscharf entkommen. Er schlug hart auf. Weit über ihm schlossen sich gerade die schweren Steintüren, die riesige Halle um ihn herum zitterte. Er wusste, er durfte jetzt nicht an die Schmerzen oder den Rückweg denken, alles was zählte, war die Frau. Sie stand in einem Mantel aus warmem Licht vor ihm, schwebte ein paar Zentimeter über dem Boden. Wer war sie? Der Schatten eines Felsvorsprungs verdeckte hüpfend ihr Gesicht im Schein der Fackeln. Für ihn gab es nur noch den Weg nach vorn, er ging auf sie zu. Langsam legte er seinen Kopf nach hinten, seine Augen fuhren über ihren weißen Körper und über ihre feenzarten Brüste. Wer war diese Frau? Seit zwanzig Jahren suchte er die Antwort, und jetzt sollte er in ihr Gesicht blicken, mit ihr sprechen können? Er konnte sie sehen, ihr Wesen erschien ihm unendlich fremd – und doch so vertraut wie das einer Freundin. Seine Gedanken spielten Himmel und Hölle, ja, es gab sie wirklich, er hatte sie endlich gefunden! Das war das grand final seines Lebens; nun würde alles gut werden …“

Ende

Einleitung

Kaum etwas in der Welt der Literatur ist mit solch schönen Gefühlen behaftet wie der Cliffhänger. Ist er doch am Ende eines jeden Buches Garant dafür, dass man am liebsten in die Seiten beißen würde. Kein Film ist so schön, wie derjenige, der im Kino mit einem romantischen „Fortsetzung folgt …“ endet. – Der Cliffhänger besitzt die Kraft, gleichzeitig unbändige Wut und ein hohes Maß an Ernüchterung hervorzurufen, eine Fähigkeit, die er wohl mit keinem anderen Stilmittel sonst teilt.

Wahrscheinlich sind es gerade solche Beispiele, die den Cliffhänger unbeliebt und etwas anrüchig machen, weshalb sein Einsatz nicht mehr ganz zum guten Stil unserer Zeit gehört. Gerade dann nicht, wenn Leserinnen und Leser aufgrund des stressigen Alltags ohnehin nicht mehr so viel und auch nicht mehr so lang am Stück lesen. Falsch eingesetzt ist der Cliffhänger eine Garantie, dass Sie Ihre Leser verärgern werden, im schlimmsten Fall sogar enttäuschen. Doch was so starke Emotionen auszulösen vermag, das kann unmöglich an sich schlecht sein. Die Kunst ist es also, den Cliffhänger bewusst einzusetzen und so seine nützliche Wirkung auszuschöpfen. Darum soll es in diesem und in den beiden kommenden Teilen dieses Artikels gehen.

Lesen als Reise

Um zu verstehen, wie man den Cliffhänger am besten einsetzt, ist es erforderlich ein bisschen nachzudenken. Nämlich darüber, wie und warum der Cliffhänger eigentlich funktioniert. Dies soll hier daher an erster Stelle geschehen, bevor wir eingehen auf Einsatzmöglichkeiten und Wirkungsweisen. Stellen wir uns zu Beginn die einfache Frage: „Warum nervt es uns, wenn wir am Ende nicht erfahren, wie eine Geschichte ausgeht?“ Die Antwort darauf ist verhältnismäßig simpel und nachvollziehbar:

Jeder der freiwillig einen Text liest, der möchte irgendwie unterhalten werden (sonst würde er nicht lesen). Die meisten Texte sind so angelegt, dass sie von ihrer Struktur her die Leserschaft an die Hand nehmen und sie durch spannendere und weniger spannende Textbereiche führen. Immer so, dass der Leser das Gefühl hat, sacht geleitet zu werden ohne je vor Langeweile einzuschlafen oder in wirrer Action völlig den Überblick zu verlieren. Zumindest im Idealfall sollte das so sein. Damit Lesende jedoch überhaupt an die Hand genommen werden können, bedarf es eines Zieles; und das ist – ganz pragmatisch gesprochen – das Ende des Buches.

Sie haben ihr Ziel (nicht) erreicht

Am Buchende will die Leserin erfahren, warum es sich gelohnt hat, will der Leser erfahren, was er nicht wusste. Nämlich das, was die Geschichte die ganze Zeit ausgespart hatte: ihre Auflösung; ihr Finale; eine letzte große Wendung; ein Rätsel, das plötzlich keines mehr ist; den Kuss der Verliebten oder, oder, oder (nicht selten auch die Rettung der Welt im letzten Moment). So sind wir es als Leser gewohnt und so funktionieren auch die meisten Bücher. Am Ende steht das, was man am Anfang noch nicht wissen soll. Freilich gibt es verschiedene Möglichkeiten, kreativ mit diesem Strukturmerkmal aller Prosa umzugehen. Etwa in der Kurzgeschichte, die oft das offene Ende zum Stilmittel erhebt, um genau zwei oder mehr Lesarten anzubieten, und den Leser, quasi interaktiv, entscheiden zu lassen. Doch das ist die Ausnahme.

Wenn also nun eine Geschichte, zu deren Ende man hin lesen möchte, dieses Ende ausspart, aber vorher im Text keinerlei Hinweis darauf gegeben hat, dass am Ende eben nicht das Ende, sondern lediglich ein Cliffhänger stehen wird – natürlich!, dann enttäuscht das alle, die am Ende auch das Ende erwartet hatten! Dann hat der Cliffhänger es wieder einmal geschafft, er hat erbost, die Leser haben keine Lust mehr. Sie werfen das Buch womöglich in die Ecke oder aus dem Fenster (oder ganz tief ins Regal, da müssen sie es hinterher nicht einmal mehr wegräumen). Und Sie, die Autorin, der Autor, haben nur eines erreicht: Ihr gesamtes Buch zu ruinieren und sich selbst zu schaden. Alles wegen ein paar Zeilen, die ebenso gut noch hätten stehen können.

Denn nichts ist für die Schaffung einer langfristigen Bindung zwischen Ihren Werken und Ihren Lesern hinderlicher, als die Leser nicht strahlend und zufrieden im Lesesessel zurückzulassen. Wenn nicht die Situation entsteht wie nach guten Filmen, wo man noch kurz in Gedanken verharrt und heimlich immer denjenigen verflucht, der zuerst „Ja, war nicht schlecht, oder?“ et cetera sagt, dann fehlt etwas Entscheidendes: Das Glück und die Freude der Leserin, des Lesers, ihr Buch gelesen und es unglaublich toll gefunden zu haben.

Ausblick

Bis hierher scheint der Cliffhänger also recht wenig sinnvoll zu sein, spielt er gerade mit dieser sensiblen Stelle der Leserzufriedenheit. Wenn man nun ein bisschen um die Ecken denkt und nachfragt, wie man dieses gefühlige Verhältnis nutzen könnte, ohne es auszunutzen, dann muss man fragen, an welchen Stellen der Cliffhänger überhaupt eingesetzt werden kann, ganz unabhängig von der Wirkung die er erzielt. Wo also die Stellen im Manuskript sind, wo man auf dieses Stilmittel gewinnbringend zurückgreifen kann.

Im zweiten Teil dieser kleinen Artikelserie wird es um genau jene Fragestellung gehen: Welche Stellen bieten Ihnen als Autorinnen und Autoren die Möglichkeit zum Einsatz des Cliffhängers? Im dritten Teil wird dann zusammen mit den Überlegungen der ersten beiden Teile geprüft werden, wie sich der heikle Einsatz des Cliffhängers risikofrei bewerkstelligen lässt und wie sich das auf das Lese-Erlebnis auswirkt. Doch für nun erst einmal genug Gedankennahrung. Bon appétit!


[Ausschreibung: die Gewinner!] Matthias Engels – Seestück

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Herzlichen Glückwunsch an

Matthias Engels

zum

1. Platz

der Ausschreibung
Des Sommers dunkle Seite,
mit der Erzählung

–Seestück–

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Das Meer ist seit jeher des Himmels Reim, mit verminderter Transparenz, anders im Aggregatszustand und ohne zweifelhafte Transzendenz

Matthias Engels dürfte Ihnen nicht unbekannt sein, wenn Sie häufiger auf dem textbasis.blog lesen. Der in Westfalen lebende Sortimentsbuchhändler, Herausgeber und Literaturreferent war bereits Gast in der vierzehnten Folge des lyrischen Mittwochs und kann inzwischen auf zahlreiche Publikationen zurückblicken (zuletzt: Engels & Brusius – dingfest. collagen & gedichte, 2013). Mit „–Seestück–“, dieser kurzen, melancholisch wogenden Erzählung, die Betrachtung und Nachdenken sanft ineinandergreifen lässt, setzte er sich gegen die Konkurrenz durch und belegt den ersten Platz der Ausschreibung „Des Sommers dunkle Seite“. Tändelnd verbinden sich in ihr Beobachtung und Selbstbezogenheit, wird das Meer auf den Kopf gestellt zur Nachtszene. Doch die Idylle ist nicht nur Meeresrauschen, Sonnenschein und Strandurlaub – in allem scheint sich ein Teil vom Protagonisten Jan zu verstecken. Und Jan selbst scheint Bestandteil von allem zu sein. (Klicken Sie das Video für den gelesenen Text.)

–Seestück–

Am Sommerurlaub haben sie bisher nicht gespart, auch wenn er Jan für den Rest des Jahres mit immer mulmigerem Gefühl die Kontoauszüge ziehen ließ. Er empfand beim Prüfen dieser Zettel immer dieselbe merkwürdige Enttäuschung und nicht einmal nur wegen der zum Monatsende hin gen Null tendierenden Zahlen. Ein schönes Wochenende, ein Urlaub, besondere Momente, alles war darauf in Buchungen übersetzt und die Erlebnisse, die damit verbunden waren, nicht erwähnt.

Ein gemeinsames Essen, (die Kinder liebten das chinesische Büffet) an einem Tisch, in den unter einer Glasplatte eine kleine Landschaft aus Bambus eingelassen war; konzentriertes, unbeholfenes Stochern mit Stäbchen in Reis war hier nur eine Abbuchung von 54 Euro von einem Empfänger namens Lotus-Lokal. Und der verfluchte Glückskeks, der mit der Rechnung gebracht wurde, barg bei Jan den Spruch auf einem Zettel: Es ist Zeit, ein wenig Geld zu sparen!

Ein Ausflug in die Stadt, an einem klaren Frühlingstag, ein Bummel um den See und durch Geschäfte, mit einem neuen Buch für die Tochter und einem kleinen Spielzeug für den Sohn, ist auf diesen Auszügen nur:
– 8 Euro 95 an ihre bevorzugte Buchhandelskette und
– 7 Euro 50 an den Spielzeugladen.
Trostlos, denkt Jan dann und hat einen neuen Grund, sich diese lichtempfindlichen Zettel nicht mehr anzusehen.

Es ist eigentlich alles so einfach. Allein das Fehlen jeglicher Verpflichtungen lässt ihn herunterschalten. Er war schon als Kind begeistert gewesen vom flackernden Schnee im Fernsehen in Sendepausen (auch etwas, das es nicht mehr gab und was er den Kindern erst hätte erklären müssen). Für ihn hatte es immer etwas Beruhigendes gehabt. Ähnlich geht es ihm jetzt mit der monochromen Fläche Silbergrau, vor der er steht.
Ein Ärobier an seinen Elementsgrenzen, den aufrechten Gang gewohnt als Ausweis seiner fortgeschrittenen Spezies, doch ahnend, der Quastenflosser belächelt beharrlich die Zentralperspektive. Das Meer ist seit jeher des Himmels Reim, mit verminderter Transparenz, anders im Aggregatszustand und ohne zweifelhafte Transzendenz: Neptun und die Mischwesen aus Mensch und Fisch sind längst schon Disney und harmloser Kitsch. Und die Atlanter? – Sie gähnen gelangweilt.

Es ist immer noch derselbe Parkplatz, den sie zuerst ansteuern, nur teurer. Immer noch derselbe See, um den sie laufen, um ans Meer zu gelangen. Jetzt gibt es dort auch Tretboote. Was damals ein Verliebtenparadies war, ist jetzt ein Kinderversprechen geworden, das von der Gegend gottlob (noch?) mühelos gehalten wird.
Jan weiß, später werden die Kinder über diese Urlaube eventuell anders denken, werden sie spießig oder altmodisch finden und vielleicht wenigstens mit einem Lächeln sagen, dass die Alten sich halt nie weiter weg getraut haben. Oder sich schämen, wenn die Freunde und Klassenkameraden erzählen, an welchen exotischen Orten sie selbst ihre Ferien verbracht haben.

Jan registriert andere Dinge. Die Einheimischen sind geschäftsmäßiger geworden und weniger ruppig, seit die Flüge ins Ausland so billig sind. Ein wenig spürt er die Schäbigkeit des Ganzen, bemerkt plötzlich die Familien, die mit ihnen hier sind. Sie wirken nicht, als führen sie aus Überzeugung hierher, sondern weil das Budget nichts anderes zulässt. Zwar werden hier und da nutzlose Dinge allzu freigiebig gekauft, aber das ein oder andere Eis dann ohne Begründung gestrichen. Er fragt sich, ob sie auch so wirken, und kann das zum Glück (noch?) verneinen.

Unglaublich klein sind die Kinder, wenn sie nur 30 Meter entfernt von ihm im Watt stehen, mit ihren Schaufeln Dämme anlegen und zum Einsturz bringen und neue aufbauen. Als er damals mit Sonja allein hier war, hat er auch Familien beobachtet, aber die wirkten anders. Bollerwagen mit Kindern hinter sich herziehend, Eimer oder Schaufeln schleppend, ganz gewöhnlich. Ganz wie heute auch, aber damals kam ihm das erstrebenswert vor. Das wollten sie auch und wenn ein Pärchen ungefähr ihrer beider Statur hatte oder etwas in der Wirkung ähnlich war, haben sie sich oft vorgestellt, dass sie das sein könnten, zehn Jahre älter.

Vor diesen grauen Flächen; vor dieser leise schwappenden See, diesem diesigen Himmel ohne jede Tiefe, fühlt sich Jan erstaunlicherweise beruhigt. Grobes, unregelmäßiges Gras im klumpigen Sand, Pfützen vom gerade erst abgezogenen Regen wie große Scherben darin. Es riecht nach Meer – das heißt, genau genommen – nach salzigem Schmodder und Schlick, alles andere als fein. Plärrende Kinderstimmen und polterndes Elterngeschimpfe in unattraktiven Dialekten wehen vom Spielplatz herüber. Auf der Bank links schweigt eine bärbeißige Alte mit Krampfadern ihren Bildzeitung lesenden Mann an. Von Mutterschaft und Langeweile völlig zerstörte Körper liegen in pedantisch aufgehäuften Sandfestungen mit Deutschlandfähnchen, am Fähranleger drängeln ältere Eltern mit ihren sportiven Hightech-Kinderwagen in der Schlange vor. Trekking-Jacken, Künstlerschals um Vertreterhälsen, gut gelaunte Männergesangsvereine aus dem Rheinland mit Fischerhemden aus dem Andenkenladen über den Bierbäuchen. Trostlos tobendes Menschengewirr in einer denkbar unwirtlichen Enttäuschung aller Sommerträume.

Das sind wir nicht. Das sind wir immer noch nicht, denkt er. Wir sind immer noch: etwas Anderes, etwas anders. Bei allen Elternabenden, bei allen Besuchen von Disney-Filmen, allem Kuchenbacken für den Sonntagskaffee ist das Andere nicht in der Mehlschwitze der deftigen Bratensoße ertrunken.

Ein Streifen helles Blau oben, ein Streifen dunkles Blau unten. Ein Tag am Meer. Wenn du es auf den Kopf stellst, wird es eine Nacht mit einem dunklen Himmel, und einem vom Restlicht aufgehellten Meer. Als habe sich das Meer für die nächsten Milliarden Jahre für das Gleiten als vorübergehenden Zustand entschieden. Er weiß ja, dass das Meer das schon ewig tut, dieses Hin und dieses Her. Wenn es still liegt, kann man sich nicht vorstellen, dass es rau und wild sein kann. Wenn es aufgewühlt Wellen an den Strand wirft, glaubt man, es wird nie wieder damit aufhören. Wenn Jan sich besinnt, weiß er, dass niemand sagen kann, ob es immer so weitergeht: Ebbe, Flut, Ebbe, Flut, ständige Wiederholung, die ja angeblich nirgendwo hinführt. Gleichmaß, Gleichförmigkeit, im ewig gleichen Rhythmus, wie Herzschlag. Fort sein, anschwellen, da sein, abschwellen. Nie für immer da, nie für immer fort.
Er weiß ja, dass auch nach 1000 Seiten, nach 30, 40 oder 70 Jahren nicht alles gesagt ist. Das letzte Wort; noch nicht gesprochen, welches wird es sein? Er weiß, er kann nur versuchen, Fäden zu finden und festzuhalten, bis sich eine Art Netz bildet, einzelne Fundstücke, Knüppel von Treibgut sammeln und zusammenzufügen, bis das Gebaute einem Floß gleicht, auf dem man theoretisch fahren kann. Er kann nur Puzzleteil auf Puzzleteil versuchen unterzubringen und nicht zweifeln, wenn auch nach Jahren nur ein unwesentlich abgestuftes Blau zu sehen ist. Er kann nur Karte um Karte umdrehen, in der Hoffnung, dass die richtige irgendwann kommt. In seinen Träumen muss er Auto fahren, stundenlang im Kreisverkehr, und er tut das erstaunlich langmütig, immer dran glaubend, dass die richtige Ausfahrt irgendwann, wie aus dem Nichts, auftaucht und irgendwo hinführt.

Jan sitzt auf einer Bank am Wasser und besieht die Wolken. Sie ziehen sehr langsam, sehr tief. Jan sieht ein um das andere Mal eine tiefschwarze Regenwolke auf eine helle folgen, beide jeweils von der sinkenden Sonne grell beleuchtet, in ihrer Farbkraft verstärkt. Jan sieht den Schwarm Möwen auf der nahen Düne unter jeder dunklen Wolke, die darüber zieht, sich nervös erheben und sich unter der folgenden hellen wieder niederlassen. Er empfindet, an einem Bonbon lutschend, auf einmal das Glück, nichts anderes zu tun zu haben, und erwartet das Endes dieses Gefühls. Er nimmt sich das erste Mal seit Langem als handelnde Person mit einem Effekt wahr, als auf sein Rascheln mit dem Bonbonpapier ein dicker schwarzer Vogel neben ihm auf der Bank landet.
Es ist, als probiere er ein Spiel aus, als Zeitvertreib; das Spiel, die Dinge genau andersherum zu betrachten als gewohnt. Er sieht, wie das Meer endlos Wellen an den Strand stößt, die dort schnell versanden; wie die Wolken ständig kleine, vom Wind bald aufgelöste Teile absondern, und weiß plötzlich, er hat die ganze Zeit ebenso Teile von sich abgestoßen und ist trotz dessen immer noch der, der er ganz am Anfang war. Alles, was er an Selbstauslöschung und Auflösung betrieben hat, ist gescheitert.
Ist er gescheitert?
Er weiß es nicht.
Als wäre alles, was er sich nicht zugestehen wollte, ihm heimlich gefolgt und nun, da er einen Augenblick unachtsam war, unwiderruflich zu ihm zurückgekehrt. Er weiß noch nicht, ob er das gutheißen soll, aber er weiß, er muss es nicht jetzt entscheiden, und das tut ihm wohl.


[Ausschreibung: die Gewinner!] Benjamin Bläsi – Violetter Wind

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Herzlichen Glückwunsch an

Benjamin Bläsi

zum

2. Platz

der Ausschreibung
Des Sommers dunkle Seite,
mit dem Gedicht

Violetter Wind

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Ethanol siedet in meinen kraftlosen Adern
kribbelt in der Haut unter meinen Augen

Nun schnell, ehe der Sommer ganz in unseren Händen einschläft! Benjamin Bläsi – Jahrgang 1989 – studiert BWL und wohnt im Kanton Freiburg in der Schweiz. Sein Gedicht „Violetter Wind“ lädt Sie noch einmal auf eine letzte Sommerreise: Lassen Sie Ihre Augen über Verse einer geradezu hypnotischen Umgebung gleiten, lassen Sie sich treiben vom Geruch des Apérogebäcks hinan an Glaswogen eines sprudelnden Baches und hinein in das „gespenstische Summen des Äthers“. Diese Reise ist betörend und mystisch – bis an ihr Ende.

Violetter Wind

Mit dem Abend kommt der süssliche Wein:
Lavenderwind und eine milchig orange Sonne
verhüllen eine endlos steinerne Terrasse;
Hitze lastet bleiern auf fläzenden Körpern
und stürzt von schroffen Efeu-Pergolas;
zwischen Apérogebäck bricht ihr Lachen hervor
melodisch wie eine Perlenkette, die reisst;
Nachtschatten klettern die Hauswände hoch
tauchen den Abend in lindernde Dunkelheit;
ihre Wangen schimmern im Licht des Halbmonds
als würden mich ihre Mundwinkel verspotten;
sie zieht mich in den wuchernden Garten hinaus
schlank weisse Finger umklammern meine Hand;
bald kommen wir zu einem sprudelnden Bach
samtenes Moos säumt seine gläsernen Wogen;
ihre Lippen murmeln süsse Nichtigkeiten
ich antworte mit schieferartigem Schweigen;
nun weit weg von den Lichtern der Stadt
blicken wir ins Herz der Milchstrasse;
Ethanol siedet in meinen kraftlosen Adern
kribbelt in der Haut unter meinen Augen;
Schweisstropfen rinnen von ihrer Stirn
mäandrieren über erhitzte Hautlandschaften;
ich höre das gespenstische Summen des Äthers
im Takt mit ihren stürmisch atmenden Lungen;
ich sehe Gestalten dicht unter dem Firmament
semitransparent treiben sie im Sternenglanz;
ich spüre ihre Finger zwischen meinen Rippen
bedächtig zerpflücken sie mein junges Herz;
ich schliesse die Augen und die Welt erlischt
öffne sie wieder und ihr Lächeln verblasst;
Regen bricht eisig aus einst weissen Wolken
hüllt ihren zarten Körper in graue Schlieren;
silbern lachend tritt sie einen Schritt zurück
verschwindet im gewittrig anbrechenden Tag;
Sekunden später finde ich mich anderswo wieder:
Stehe nass und alleine vor meiner Haustüre.

PS: Benjamin Bläsi wird bald Gast im lyrischen Mittwoch sein, freuen Sie sich bitte gemeinsam mit mir auf noch mehr Poesie von diesem vielversprechenden Dichter!