Wie soll das nur enden? Niemand weiß es …, oder: Der Cliffhänger, Teil 1

Text zitiert aus (mit freundlicher Genehmigung des Autors):

Adriaen Cliffhanger. Sein letztes Abenteuer.“ (S. 643)

„… Adriaen ließ los und stürzte in die Tiefe. Er hatte all die Jahre gesucht, hatte sich verrannt und war dem Tod nicht nur ein Mal haarscharf entkommen. Er schlug hart auf. Weit über ihm schlossen sich gerade die schweren Steintüren, die riesige Halle um ihn herum zitterte. Er wusste, er durfte jetzt nicht an die Schmerzen oder den Rückweg denken, alles was zählte, war die Frau. Sie stand in einem Mantel aus warmem Licht vor ihm, schwebte ein paar Zentimeter über dem Boden. Wer war sie? Der Schatten eines Felsvorsprungs verdeckte hüpfend ihr Gesicht im Schein der Fackeln. Für ihn gab es nur noch den Weg nach vorn, er ging auf sie zu. Langsam legte er seinen Kopf nach hinten, seine Augen fuhren über ihren weißen Körper und über ihre feenzarten Brüste. Wer war diese Frau? Seit zwanzig Jahren suchte er die Antwort, und jetzt sollte er in ihr Gesicht blicken, mit ihr sprechen können? Er konnte sie sehen, ihr Wesen erschien ihm unendlich fremd – und doch so vertraut wie das einer Freundin. Seine Gedanken spielten Himmel und Hölle, ja, es gab sie wirklich, er hatte sie endlich gefunden! Das war das grand final seines Lebens; nun würde alles gut werden …“

Ende

Einleitung

Kaum etwas in der Welt der Literatur ist mit solch schönen Gefühlen behaftet wie der Cliffhänger. Ist er doch am Ende eines jeden Buches Garant dafür, dass man am liebsten in die Seiten beißen würde. Kein Film ist so schön, wie derjenige, der im Kino mit einem romantischen „Fortsetzung folgt …“ endet. – Der Cliffhänger besitzt die Kraft, gleichzeitig unbändige Wut und ein hohes Maß an Ernüchterung hervorzurufen, eine Fähigkeit, die er wohl mit keinem anderen Stilmittel sonst teilt.

Wahrscheinlich sind es gerade solche Beispiele, die den Cliffhänger unbeliebt und etwas anrüchig machen, weshalb sein Einsatz nicht mehr ganz zum guten Stil unserer Zeit gehört. Gerade dann nicht, wenn Leserinnen und Leser aufgrund des stressigen Alltags ohnehin nicht mehr so viel und auch nicht mehr so lang am Stück lesen. Falsch eingesetzt ist der Cliffhänger eine Garantie, dass Sie Ihre Leser verärgern werden, im schlimmsten Fall sogar enttäuschen. Doch was so starke Emotionen auszulösen vermag, das kann unmöglich an sich schlecht sein. Die Kunst ist es also, den Cliffhänger bewusst einzusetzen und so seine nützliche Wirkung auszuschöpfen. Darum soll es in diesem und in den beiden kommenden Teilen dieses Artikels gehen.

Lesen als Reise

Um zu verstehen, wie man den Cliffhänger am besten einsetzt, ist es erforderlich ein bisschen nachzudenken. Nämlich darüber, wie und warum der Cliffhänger eigentlich funktioniert. Dies soll hier daher an erster Stelle geschehen, bevor wir eingehen auf Einsatzmöglichkeiten und Wirkungsweisen. Stellen wir uns zu Beginn die einfache Frage: „Warum nervt es uns, wenn wir am Ende nicht erfahren, wie eine Geschichte ausgeht?“ Die Antwort darauf ist verhältnismäßig simpel und nachvollziehbar:

Jeder der freiwillig einen Text liest, der möchte irgendwie unterhalten werden (sonst würde er nicht lesen). Die meisten Texte sind so angelegt, dass sie von ihrer Struktur her die Leserschaft an die Hand nehmen und sie durch spannendere und weniger spannende Textbereiche führen. Immer so, dass der Leser das Gefühl hat, sacht geleitet zu werden ohne je vor Langeweile einzuschlafen oder in wirrer Action völlig den Überblick zu verlieren. Zumindest im Idealfall sollte das so sein. Damit Lesende jedoch überhaupt an die Hand genommen werden können, bedarf es eines Zieles; und das ist – ganz pragmatisch gesprochen – das Ende des Buches.

Sie haben ihr Ziel (nicht) erreicht

Am Buchende will die Leserin erfahren, warum es sich gelohnt hat, will der Leser erfahren, was er nicht wusste. Nämlich das, was die Geschichte die ganze Zeit ausgespart hatte: ihre Auflösung; ihr Finale; eine letzte große Wendung; ein Rätsel, das plötzlich keines mehr ist; den Kuss der Verliebten oder, oder, oder (nicht selten auch die Rettung der Welt im letzten Moment). So sind wir es als Leser gewohnt und so funktionieren auch die meisten Bücher. Am Ende steht das, was man am Anfang noch nicht wissen soll. Freilich gibt es verschiedene Möglichkeiten, kreativ mit diesem Strukturmerkmal aller Prosa umzugehen. Etwa in der Kurzgeschichte, die oft das offene Ende zum Stilmittel erhebt, um genau zwei oder mehr Lesarten anzubieten, und den Leser, quasi interaktiv, entscheiden zu lassen. Doch das ist die Ausnahme.

Wenn also nun eine Geschichte, zu deren Ende man hin lesen möchte, dieses Ende ausspart, aber vorher im Text keinerlei Hinweis darauf gegeben hat, dass am Ende eben nicht das Ende, sondern lediglich ein Cliffhänger stehen wird – natürlich!, dann enttäuscht das alle, die am Ende auch das Ende erwartet hatten! Dann hat der Cliffhänger es wieder einmal geschafft, er hat erbost, die Leser haben keine Lust mehr. Sie werfen das Buch womöglich in die Ecke oder aus dem Fenster (oder ganz tief ins Regal, da müssen sie es hinterher nicht einmal mehr wegräumen). Und Sie, die Autorin, der Autor, haben nur eines erreicht: Ihr gesamtes Buch zu ruinieren und sich selbst zu schaden. Alles wegen ein paar Zeilen, die ebenso gut noch hätten stehen können.

Denn nichts ist für die Schaffung einer langfristigen Bindung zwischen Ihren Werken und Ihren Lesern hinderlicher, als die Leser nicht strahlend und zufrieden im Lesesessel zurückzulassen. Wenn nicht die Situation entsteht wie nach guten Filmen, wo man noch kurz in Gedanken verharrt und heimlich immer denjenigen verflucht, der zuerst „Ja, war nicht schlecht, oder?“ et cetera sagt, dann fehlt etwas Entscheidendes: Das Glück und die Freude der Leserin, des Lesers, ihr Buch gelesen und es unglaublich toll gefunden zu haben.

Ausblick

Bis hierher scheint der Cliffhänger also recht wenig sinnvoll zu sein, spielt er gerade mit dieser sensiblen Stelle der Leserzufriedenheit. Wenn man nun ein bisschen um die Ecken denkt und nachfragt, wie man dieses gefühlige Verhältnis nutzen könnte, ohne es auszunutzen, dann muss man fragen, an welchen Stellen der Cliffhänger überhaupt eingesetzt werden kann, ganz unabhängig von der Wirkung die er erzielt. Wo also die Stellen im Manuskript sind, wo man auf dieses Stilmittel gewinnbringend zurückgreifen kann.

Im zweiten Teil dieser kleinen Artikelserie wird es um genau jene Fragestellung gehen: Welche Stellen bieten Ihnen als Autorinnen und Autoren die Möglichkeit zum Einsatz des Cliffhängers? Im dritten Teil wird dann zusammen mit den Überlegungen der ersten beiden Teile geprüft werden, wie sich der heikle Einsatz des Cliffhängers risikofrei bewerkstelligen lässt und wie sich das auf das Lese-Erlebnis auswirkt. Doch für nun erst einmal genug Gedankennahrung. Bon appétit!

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Über Sebastian Schmidt

Ich arbeite als freier Lektor (www.lektorat-textbasis.de) und mag gute Bücher. Vor meiner freiberuflichen Tätigkeit habe ich Germanistik und Philosophie studiert (M. A.) sowie als Bibliotheksangestellter gearbeitet. Neben der Zusammenarbeit mit Autoren und Verlagen liebe ich die Musik. Blogadresse: textbasis.wordpress.com Zeige alle Beiträge von Sebastian Schmidt

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