[Der lyrische Mittwoch, Folge 24] Lilo Wessel – so/weit ist alles fern

im spiegelkabinett leerer versprechungen
so/oft so/weit ist alles nichts so fern

Liebe Leserinnen und Leser,

heute als Gast im lyrischen Mittwoch begrüße ich ganz herzlich die Autorin Lilo Wessel, und ich freue mich, eines ihrer Gedichte vorstellen zu dürfen. Die in Deutschland und Griechenland lebende Autorin widmet sich seit ihrer Pensionierung und nach 40-jähriger Lehrerinnentätigkeit in den Fächern Deutsch und Sozialkunde wieder vermehrt dem Schreiben. Die studierte Germanistin und Politikwissenschaftlerin kehrt damit nun stärker zu ihren akademischen Wurzeln zurück, wendet sich bevorzugt der Prosa zu, besitzt aber ein ausgesprochenes Talent für eingängige Verse und eigenwillige Gestaltung.

Eines ihrer experimentellen Gedichte fand heute seinen Weg in den lyrischen Mittwoch. In Anlehnung an ein Lied Miriam Makebas entsteht eine Momentaufnahme, die so bunt ist wie ein Testbild, jedoch ungleich mehrdeutiger. Die Vermengung von Wahrnehmung und Reiz, die subjektive Interpretation der Situation wird hier nicht als Ganzes vollzogen, sondern geteilt in ihre Momente. Entlang den Textzeilen von Makebas Ring Bell, die von Hoffnung und schöner Erwartung erzählen, rieselt auf das lyrische Ich der gesamte Rest der Welt ein. Von Flughafendurchsagen über Hunde, die sich durch ihre Namen mit Sternzyklen vermischen, aber sich dann auflösen in einen „sternhimmel / mit typischem winter / charakter“. – Und das lyrische Ich in dieser Flut von simultanen, chronologisch freigelegten Erfahrungen? Es bleibt trotz der Fülle doch irgendwo verloren in sich, im „spiegelkabinett leerer versprechungen“ und am Ende „in erwartung des maximalen nichts“, verharrend in den Gegensätzen –


.

so/weit ist alles fern

miriam makeba münchen 1972 E0719
if i could be a shimmering star
….i’d shine now. how i would shine.
realiter paris (05/01/05) betrachtender: sternenhimmel
mit typischem winter
charakter dem himmels
jäger folgen
zwei hunde sothis & prokyon die erde (lucy)
passagiert sonnennächsten punkt acht minuten &
zehn sec. – sonne licht erde (conakry cky – paris cdg?)
………someone
i love has promised to be mine now
im spiegelkabinett leerer versprechungen
so/oft so/weit ist alles nichts so fern
ich immer noch
geschlagen
mit blindheit usw.
in erwartung des maximalen nichts

Porträt Lilo Wessel

Lilo Wessel

Textbasis: Hallo Lilo, ich freue mich, dass du dich heute den Fragen des lyrischen Mittwochs stellst und eines deiner Gedichte für einen schöneren Mittwoch gespendet hast. Ich möchte gleich zu Beginn von außen an deine Tätigkeit als Autorin herantreten. Nach vielen Jahren Erfahrung mit Kindern und Jugendlichen veränderte sich dadurch auch deine eigene Art zu schreiben oder wirken diese Eindrücke im Schreibprozess weniger nach als man meinen mag?

Lilo Wessel:
Das Zusammensein mit den jungen Menschen hat mich in meiner gesamten Persönlichkeitsentwicklung geprägt. Das schlägt sich unter anderem nieder in meiner Art des Denkens … Ich denke zwar logisch und kritisch, aber nicht in festumrissenen, eingefahrenen Bahnen wie viele in meinem Alter. Ich experimentiere gedanklich, treibe Gedankenspiele. Aber immer schaue ich auch hinter die Dinge, bis dorthin wo sie kompliziert und traurig werden. Das habe ich bereits als jugendlicher Mensch getan, aktuell scheint mir das weniger verbreitet. Damals war ich sehr stark von Thomas Manns „Tonio Kröger“ beeinflusst, wie du vielleicht an der Formulierung merkst. –

Mir ist Jugendsprache vertraut, deren Entwicklung. Natürlich gibt es eine Menge Ausdrücke, Wörter und Phrasen in meinem Wortschatz; inwieweit ich sie aktiv verwende, hängt im realen Leben vom Adressatenbezug ab, im fiktionalen von der Konzeption der jeweiligen Figur.

Heute gehe ich salopper, unverkrampfter um mit Sprache, andererseits wiederum sehr präzise; das stellt für mich keinen Widerspruch dar.

Textbasis: Salopp, aber präzise. Das klingt nach: Wer die Regeln kennt, der darf sie auch brechen. Ist es das, woran man vor allem auch angehende Schreibende erinnern sollte, dass Wagnis nie ohne Wissen funktioniert? Und dann eher in der Lyrik oder der Literatur ganz allgemein – wie ist dein Eindruck der gegenwärtigen Situation?

Lilo Wessel:
Um deine These aufzugreifen: Das Kennen der Regeln ist meines Erachtens Bedingung dafür, dass man sie brechen kann. Wagnis ohne Wissen funktioniert nicht! Und zwar in allen Bereichen, natürlich auch in der Literatur. Die Frage ist, was man kennen/können muss fürs literarische Schreiben, was man lernen kann, was nicht. Gegenwärtig boomt der „Creative-writing-Markt“: Zahlreiche Schreibratgeber, Schreibseminare online und live, Autorenforen und Schreibgruppen im Internet sowie universitäre Studiengänge suggerieren, dass man literarisches Schreiben lernen könne. Klar, ein Autor muss  entsprechend seiner Gattung mit den Bauformen des Erzählens, des lyrischen und dramatischen Schreibens vertraut sein, mit rhetorischen Stilmitteln; das Regelsystem seiner Sprache kennen, überhaupt meisterlich sein im Umgang mit Sprache. Allerdings reicht selbst die perfekte Beherrschung eines entsprechenden Instrumentariums nicht aus, um einen wirklich guten Text hervorzubringen. Dazu bedarf es einer literarischen Begabung, eines Talents, das sich weder durch Fleiß noch durch wie auch immer geartete Schreibkurse ersetzen lässt.

Es gibt genügend Bücher auf dem Markt, die handwerklich perfekt sind, aber immer nette „Einmal-Bücher“ bleiben werden. Und vermutlich noch mehr, die es gar nicht erst auf den Buchmarkt geschafft haben.

Textbasis: Nun sind nicht alle deine Gedichte so experimentell wie das oben stehende „so/weit ist alles fern“. Dennoch wird darin, ganz unabhängig vom Inhalt, dein Hang zum Spiel mit Sprache deutlich, deine Lust, Wirkung durch Abweichung zu erzielen. Was zeichnet für dich ein gelungenes Gedicht aus?

Lilo Wessel: Wenn du mich als Germanistin fragst: Ein Gedicht ist dann gelungen, wenn es den Erwartungshorizont des Lesers destruiert. Denn sonst hat ein lyrischer Text lediglich Konsumcharakter. Über jedes erdenkliche Thema ist bereits geschrieben worden. Ein gelungenes Gedicht muss daher inhaltlich, sprachlich, textlich und konzeptionell, eventuell auch medial neu konstruiert sein. Mich begeistert die – oft atemlose – Fetzensprache von Friederike Mayröcker in ihren scheinbar formlosen Gedichten genauso wie die strengen Formen von Durs Grünbein im Zusammenspiel mit ihrer eigenen Tonalität. – Ich kann aber ganz banal antworten: Ein Gedicht ist dann gelungen, wenn es mir gefällt, dergestalt, dass es eine bestimmte Befindlichkeit trifft, in der ich gerade bin. Auch das leisten die Gedichte meiner beiden Lieblingslyriker Mayröcker und Grünbein.

Textbasis: Das sind zwei interessante Punkte, die du nebeneinander aufführst: der Bruch mit dem Erwartungshorizont einerseits und andererseits das subjektive Gefallen. Es scheint so, als solle die Dichterin ihre Leserschaft aus der Reserve locken mit Zuckergebäck, um es bildlich zu sagen. Worin besteht die Kunst, diese beiden Ebenen zusammenzubringen, zu destruieren und dabei zu gefallen? Oder ist das zu theoretisch und Lyrik besteht – im Endeffekt – doch eher im Drauflosschreiben?

Lilo Wessel:
Nein, nicht im Drauflosschreiben. Das wenigste entsteht spontan. Basis für gelungenes Schreiben ist – ich sagte es bereits – handwerkliches Können und Talent. Bruch des Erwartungshorizontes und subjektives Gefallen schließen sich nicht aus. In seinem „Don Quijote“ bricht Cervantes strukturell und inhaltlich mit der Tradition des Schäferromans und des ritterlichen Abenteuerromans. Er spielt mit den Lesererwartungen, die, zunächst auf diese Tradition ausgerichtet, im Laufe der ersten dreißig Seiten systematisch zerstört werden. Sein Roman wurde schon zu Erscheinungszeiten ein Riesenerfolg.
Durs Grünbein arbeitet mit klassischen Strophenformen und füllt sie mit einer neuen, saloppen Sprache. Er zählt zu den bedeutenden Lyrikern des deutschsprachigen Raums.

Mir persönlich gefallen lyrische Texte, die meine Erwartungen demontieren; ich begreife derartige Texte als Herausforderung zur stilistischen, formalen und inhaltlichen Auseinandersetzung und gleichzeitig als Horizonterweiterung. Aber eine solche Leseweise ist nicht jedem eigen. Und ehrlich gesagt lese ich ganz gerne auch mal nur zu Unterhaltungszwecken. Ob ein (lyrischer) Text gefällt oder nicht, hängt von der Lesehaltung des Einzelnen ab. Hat einer eine identifikatorische Lesehaltung, eine analytisch-kritische? Geht es um ästhetisches Lesen, um unterhaltendes oder um pures Statuslesen? Inwieweit ein Lyriker solche Fragen bei seinem Schreibprozess berücksichtigt, sei dahingestellt.

Textbasis: In unserer E-Mail-Korrespondenz schriebst du mir, dass du dich sehr zur Prosa hingezogen fühlst und dich ihr wieder stärker widmen möchtest. Gibt es schon konkrete Pläne, Wünsche, Hoffnungen, wo deine literarische Reise hingehen soll? Was wäre denn so ein Traumziel, dem du gern nachhängst?

Lilo Wessel:
Zurzeit arbeite ich an Erzählungen mit der Thematik „Misslungene Kommunikation und Interaktion“. Deren Inhalte basieren auf skurrilen Erlebnissen, die ich während meiner zahlreichen Aufenthalte in Griechenland hatte. Ein befreundeter Künstler entwickelt derweil Illustrationen zu den Texten. Der schwierigste Part wird wohl die Suche nach einem geeigneten Verlag sein. Self Publishing oder ein Bezahlverlag kommen für mich nicht in Frage. –

Mein Traumziel: Endlich Zeit haben, nur fürs Schreiben. Ich habe Stoff und Ideen für drei sehr unterschiedliche Romane im Kopf. Da hat sich im Laufe der Jahre vieles angesammelt und festgesetzt, was sich gedanklich stets weiterentwickelt hat. Leider hatte ich berufs- und familienbedingt niemals Zeit, um kontinuierlich an langen Texten zu schreiben. Angesichts meines numerischen Alters muss ich mich nun ranhalten. Aber zunächst einmal die Kurzformen. Natürlich habe ich auch Lust, wieder Gedichte zu schreiben.

Textbasis: Das klingt im ersten Moment hart, wenn du schreibst, dass Self Publishing nicht in Frage komme (vom Bezahlverlag sehe ich aus offenkundigen Gründen einmal ab). Bieten sich für Self Publisher nicht auch Möglichkeiten, die vor allem in den schwächeren Marktsegmenten (Kurzgeschichten, Lyrik et cetera) Möglichkeiten bieten? Wie bewertest du diesbezüglich heute noch die Rolle der Verlage?

Lilo Wessel:
Mir ist bekannt, dass mittlerweile namhafte Autorinnen und Autoren den Weg über Self Publishing gegangen sind, weil sich zunächst kein Verlag fand, der ihre Texte publizieren wollte. Die gegenwärtig sehr erfolgreiche Krimi-Autorin Nele Neuhaus ist ein Beispiel dafür; sie wurde später von Ullstein unter Vertrag genommen. Und man weiß, dass die Verlage inzwischen unter den Self Publishern nach Talenten stöbern. Insofern hast du natürlich Recht, dass sich hier neue Möglichkeiten auftun. Andererseits findet man in diesem Bereich eine Fülle von Texten, die besser niemals das Licht der Welt erblickt hätten. – Laut dem Börsenblatt des deutschen Buchhandels werden in Deutschland jährlich rund 350 Millionen Bücher verkauft, davon 30 Prozent Belletristik. Angesichts solcher Zahlen ist ein Ende der herkömmlichen Verlage noch nicht in Sicht, wenngleich große Umstrukturierungsprozesse in Gang sind.

Was Bücher betrifft, bin ich altmodisch. E-Books lese ich keine, besitze kein digitales Lesegerät; ich brauche das Haptische. Ich möchte Papier fühlen, unterstreichen, markieren, anmerken können … alles mit Bleistift in Habachthaltung der Hand.

Ich liebe es, Zeit in Buchhandlungen und Bibliotheken zu verbringen, mit den Leuten dort zu plaudern, zu stöbern, mag diesen speziellen Geruch, der dort vorherrscht, mag es, mich dort in eine kuschelige Leseecke zu verziehen. Und wenn eines Tages dort ein Buch von mir im Regal stünde, wäre ich überglücklich.

Textbasis: Ich zumindest halte dir die Daumen, dass schon bald auch Bücher aus deiner Feder sich mit in die Regale reihen. Gerade im Spannungsfeld zwischen elektronischem Publizieren und klassischer Verlagsveröffentlichung bieten sich Möglichkeiten (einfache Publikation) aber auch Risiken (unbemerktes Untergehen). Die persönliche Vorliebe zum Haptischen, zum Buch in der Hand, prägt noch viele Autoren, wie auch in deinen Antworten deutlich wurde. Dennoch meine ich: Wer heute schreibt, der muss sich mehr Gedanken machen über die Publikationsform als vormals. Es bleibt abzuwarten, inwieweit die Veränderungen am Buchmarkt auch die Textproduktion und das Schreiben beeinflussen werden. Jedoch eines, Lilo Wessel hat es erwähnt, ist immer von Vorteil: Sein Handwerk zu beherrschen, auch wenn es womöglich einen Rest gibt, der nur durch Talent ausgefüllt werden kann. Vielen Dank für das Interview!

Bis zum nächsten Mal, und bleiben Sie lyrisch!

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Über Sebastian Schmidt

Ich arbeite als freier Lektor (www.lektorat-textbasis.de) und mag gute Bücher. Vor meiner freiberuflichen Tätigkeit habe ich Germanistik und Philosophie studiert (M. A.) sowie als Bibliotheksangestellter gearbeitet. Neben der Zusammenarbeit mit Autoren und Verlagen liebe ich die Musik. Blogadresse: textbasis.wordpress.com Zeige alle Beiträge von Sebastian Schmidt

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