Von Fehlern, Arbeitsabläufen und überhöhten Erwartungen

In einem schon etwas weiter zurückliegenden Beitrag („Du kanst misch mal lesen!“) habe ich darüber geschrieben, warum es wichtig ist, seine Texte möglichst fehlerfrei zu verfassen. Ich kam zu dem Schluss, dass gute Rechtschreibung die Höflichkeit ist, mit der Autorinnen und Autoren ihren Lesern begegnen. Das heißt nicht, dass jeder perfekt schreiben können muss (dann wären alle Korrektorate ihrer Arbeit beraubt), das heißt aber, dass jeder zumindest das Gefühl vermitteln sollte, sich bemüht zu haben. An dieser Meinung halte ich nach wie vor fest: Der Fehler gehört zum Text und zum Buch, wie Text und Buch zum Menschen gehören – alles andere wäre auch wirklich gruselig. Davon abgesehen, ist diese menschliche Seite nie eine Freikarte für unflätiges orthografisches Verhalten.

So zumindest die Theorie, die mit der Wirklichkeit nicht immer Hand in Hand geht. Zwar ist es so, dass jede auch nur halbwegs geübte Leserin sofort bemerkt, ob ein Autor sein Handwerk versteht, schlicht aufgrund der Tatsache, dass sie erkennt: Oh, der schreibt echt gut. Andererseits ist es aber keinesfalls die Aufgabe der Autoren, perfekte Texte abzuliefern oder später aufgrund von Fehlerteufelchen verurteilt zu werden. Dieses Dilemma erklärt sich leicht und kann ebenfalls leicht aufgelöst werden.

Zuerst einmal sollten sich alle Bewohner der Wortwelt (Autoren, Leser, Lektorate, Korrektorate et cetera) bewusst sein, dass eine klare Trennung existiert zwischen Textschaffen, Textbearbeitung und Textkonsum. Die Hauptaufgabe des Autors ist das Hervorbringen von Text, das Umwandeln seiner Kreativität (im fiktionalen Bereich) und seines Sachverstands (im nicht fiktionalen Bereich) in Worte. Dies ist der Ausgangspunkt von allem: der rohe Text, das rohe Gemüse, aus dem erst noch ein leckeres Gericht gezaubert werden muss. Dabei wäre es völlig verfehlt, wenn sich Autorinnen und Autoren schon beim Schreiben die Köpfe zermarterten über dieses und jenes Komma oder knifflige grammatische Fragen. Das schränkt nur ein, das verhindert und mindert am Ende das Ergebnis, welches dadurch seinen Zug verliert und im schlimmsten Fall verkopft und angestrengt wirkt. Textschaffende sollen Text schaffen, den Rest übernehmen die anderen in gemeinsamer Textarbeit.

Steht die Rohfassung eines Textes oder eines Kapitels, so ist es natürlich die Aufgabe jedes Autors, zu kontrollieren, zu verbessern und umzuschreiben, bis er selbst mit der Fassung seines Texte zufrieden ist. In diesem Moment kommt die Höflichkeit gegenüber den Leserinnen und Lesern ins Spiel. Und in diesem Moment trennen sich die Guten vom Rest. Denn, blickt man der Tatsache rau ins Auge, so muss man eingestehen, dass ohnehin zu viel Text produziert wird, und nur der überhaupt die Möglichkeit hat, einmal einen größeren Leserkreis zu erreichen, der in der Lage ist, aus seinem Textrohdiamanten ein kleines Schmuckstück zu machen. Doch wie im Bergbau ist es auch beim Texteschreiben: Erst einmal müssen die Ideen abgetragen und an die Oberfläche befördert werden, dann kann die Veredelung beginnen.

Um in der Metapher zu bleiben: Nicht jedes Schmuckstück ist gleich schön und wertvoll. Je nachdem, wie viel Zeit und Arbeit man in seinen Text investieren möchte, gibt es Möglichkeiten, die eigenen Texte in gemeinsamer Arbeit aufzupolieren. Sei es durch eine Textredaktion, die Fakten und Argumente auf Herz und Nieren prüft, ein Lektorat, in dem Stil, Textanlage und Textgestaltung geprüft werden, ein Korrektorat, das sich um Orthografiedämonen kümmert, oder aber durch Testleser aus dem Freundes- und Bekanntenkreis, deren Rückmeldungen, sofern ehrlich und kritisch, überaus bedeutsam sind.

Darum ist es folgendermaßen: Erst der Text, dann das Finish. So einleuchtend diese Aussage klingen mag, so wenig wird sie doch beachtet. Da gibt es Autoren, die nie zu einem Ende kommen, weil sie an sprachlichen Details festhängen. Dann sind da andere, die zu einem Ende kommen, jedoch nicht sehen, dass zwar das letzte Wort geschrieben, der Text aber noch weit am Anfang steht. Nicht zuletzt sind dann noch diejenigen Leser, die alle Fehler vergeben und meinen, es sei doch unwichtig, ob einer gut (recht)schreiben könne oder nicht, es komme auf den Inhalt an (das sind meist die, die es selbst nicht besser können), und dann gibt es noch die Leser, die meinen, jeder Text sei unwürdig, gelesen zu werden, sobald sich ein paar Fehler eingeschlichen haben (das sind meist die, die gern selbst Texte schreiben wollen, denen neben allen Rechtschreibkenntnissen aber der schöpferische Geist fehlt). Das alles sind Gruppen, deren Herangehensweise an Texte antiquiert und einseitig ist.

Denn Autorin oder Autor zu sein, zeichnet sich lange nicht mehr dadurch aus, dass man Text verfasst und ihn dann verlegt (bekommt). Es zeichnet sich dadurch aus, alles zumindest gut zu können, die Abläufe zu kennen und nicht zuletzt, sich selbst als Performer verkaufen zu können, der aus Lesungen Events und aus Texten Erlebnisse macht. Das Internet und allen voran Blogs bieten der neuen Literatur unzählige Möglichkeiten, die von Unzähligen auch genutzt werden. Das hat den ungeheuren liberalen Vorteil, dass jeder und jede Meinung gelesen werden kann; das birgt allerdings auch das Risiko, dass eine Masse minderer Qualität den hochwertigen Beiträgen die Bodenlatten unter den Füßen abträgt.

Je mehr ein Autor im Netz veröffentlicht, umso mehr muss er in sich Textschaffenden, Lektorat und Korrektorat vereinen. Denn gerade Blogtexte leben von ihrer Aktualität, von dem kurzen Weg heraus aus der Word-Datei und hinauf auf den Blog. Umso wichtiger ist es, sich nicht zu verrennen: Erst wird geschrieben, dann wird verbessert, am Ende korrigiert und zum Schluss wird veröffentlicht. Dass diese Netzveröffentlichungen nicht die Qualität von Verlagsveröffentlichungen erreichen, zumindest nur in seltenen Fällen, ist ganz natürlich. Denn wäre jede Autorin nicht nur Autorin, sondern ebenso gute Lektorin und Korrektorin, so bräuchte es am Ende gar keine Lektorate und Korrektorate mehr.

Vor diesem Hintergrund ist also nicht nur den Textschaffenden, sondern auch allen kritischen Augen und kritischen Lesern geraten, die aufgerissenen Augen im Falle von Netzveröffentlichungen einen Spaltbreit zuzudrücken. Denn den Anspruch eines professionell bearbeiteten Textes an einen selbst verfassten und selbst bearbeiteten zu legen, ist vermessen – und unterschwellig die paradoxe Forderung nach Einstampfung der eigenen Profession.

Fazit: Das Bemühen zu spüren, dass sich ein Autor Mühe gegeben hat, auch nicht davor zurückgeschreckt ist, in ein (Online-)Wörterbuch zu schauen und seinen Text zumindest ein Mal am Stück gelesen zu haben, das ist es, was spürbar werden muss. Das ist auch das, wonach selbstveröffentliche Texte streben sollten: zu vermitteln, dass das, was dort steht, genau so dort stehen soll. Dann ist das Kriterium der Höflichkeit auf beiden Seiten des Textes erfüllt, dann kann man guten Beiträgen kleine Schwächen verzeihen und man setzt nicht jeden Autor unter Druck, er müsse selbst alles perfekt beherrschen.
Denn im Leben ist es doch auch so, dass man Menschen schätzt, obwohl sie Fehler haben, dass manche Fehler einige Menschen sogar erst sympathisch machen. Warum sollte uns das bei Texten nicht auch gelingen?

Ist das zu nachgiebig oder immer noch zu hart? Ich würde mich über Ihre Meinung in den Kommentaren freuen.

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Über Sebastian Schmidt

Ich arbeite als freier Lektor (www.lektorat-textbasis.de) und mag gute Bücher. Vor meiner freiberuflichen Tätigkeit habe ich Germanistik und Philosophie studiert (M. A.) sowie als Bibliotheksangestellter gearbeitet. Neben der Zusammenarbeit mit Autoren und Verlagen liebe ich die Musik. Blogadresse: textbasis.wordpress.com Zeige alle Beiträge von Sebastian Schmidt

13 responses to “Von Fehlern, Arbeitsabläufen und überhöhten Erwartungen

  • sinn.wort.spiel.

    dazu nur eines:
    das menschliche gehirn neigt dazu, fehler zu überlesen, die man selber gemacht hat.
    es liest einfach das, was da stehen sollte – nicht, was tatsächlich da steht.

    deshalb ist es sogar einem lektor oft unmöglich, jeden fehler auszumerzen – zumindest in seinem eigenen text.

    also ist das selber.korrigieren zwar brav und gut gemeint – in sachen echtes buch aber darf es nicht die einzige korrektur bleiben.
    blogeinträge sind natürlich etwas anderes.

  • Sebastian Schmidt

    Vielen Dank für den Kommentar. Genau darum geht es mir ja, dass kurze Veröffentlichungswege oft gar nicht die Möglichkeit bieten, selbst alle Fehler zu finden. – Und dass die Forderung danach paradox ist, denn, wie du geschrieben hast, rennt einem, gerade bei eigenen Texten, der Kopf so schnell zum Sinn, dass er gar keine Zeit mehr hat, über die Fehler zu stolpern.

  • Susanne

    Da drücke ich doch mal die aufgerissenen Augen einen Spalt zu: fünfter Absatz, vierte Zeile – Fehler (ein e zu viel bei Arbeit).
    Aber jetzt im Ernst: Völlig richtiger und zumindest für mich zutreffender Text. Nur zügiges Schreiben ermöglicht Zug im Text, die Feinarbeit folgt später. Nun schreibe ich keine Bücher, sondern nur Zeitungs- und Blogtexte, sehe aber auch das Problem. Zeitungen haben Redaktionen, die jeden Text vor der Veröffentlichung noch ein bis drei Mal auf inhaltliche Schlüssigkeit und Rechtschreibung abklopfen. Der Blogger, erst recht, wenn er sein Blog nur als Hobby betreibt, ist allein damit, zu texten und sich selber zu korrigieren. Die eigenen Fehler sieht man sowieso nicht, und auch sonst ist selbst korrigieren problematisch. Zwar helfen Rechtschreibprogramme, doch das einzig richtige ist aus meiner Erfahrung, Texte vor der Veröffentlichung einen Tag lang liegen zu lassen. Mit etwas Abstand springt dem Autor dann manche falsche Fomulierung, Wortwiederholung oder unschlüssige Schlussfolgerung ins Auge, die kein Rechtschreibprogramm je gefunden hätte. Dass meistens doch noch ein klitzekleiner – oder mehrere – Fehler drin bleiben, ist nur menschlich. Also: aufgerissene Augen ein bisschen zudrücken.

    • Sebastian Schmidt

      Ebenfalls vielen Dank für den Kommentar! Den Fehler hat mir ein sehr aufmerksamer Leser übrigens schon per E-Mail mitgeteilt, er ist inzwischen getilgt. 😉
      Aber das ist natürlich wahr, dass die Distanz wohl die wichtigste Rolle spielt. Den Text einen Tag liegenzulassen, ist eine gute Möglichkeit. Dabei wäre länger oft noch besser, aber das beißt sich wieder mit den kurzen Publikationswegen im Internet. Es ist schwierig, gerade für diejenigen, die es am meisten betrifft, die (Blog-)Autorinnen und Autoren, denen man zumindest im Netz viel abfordert.

  • Wolfgang Schnier

    Es ist doch meist so: Beim dritten gefundenen Fehler legt man das Buch aus der Hand, wenn man dem Buch oder dem Autor nicht aus anderen Gründen äußerst wohlwollend gesinnt ist. Ähnlich geht es mir bei Blogbeiträgen. Man merkt einfach, wenn sich jemand schonmal mit Sprache beschäftigt hat. Allerdings kommt es auch auf das Genre an. Einem Literaturblog wird man mit anderen Erwartungen lesen wollen als einen Fanblog zu einer Musikband oder einen Techblog, der von Google, Apple & Co berichtet. Für alle kenne ich Beispiele und lese sie regelmäßig und muss sagen, bei den Literaturblogs ist man fehlertechnisch am Besten aufgehoben. Aber das trübt andere Blogs in anderen Genres nicht, wenn man das Gefühl hat, dass die AutorInnen sich Mühe geben. . Man muss schlicht ein unterschiedlich stark ausgeprägtes Sprachgefühl konstatieren, und nur dem (vermeintlich) Fehlerfreien die Leserschaft zuzusichern kommt mir ein wenig elitär vor.

    • Sebastian Schmidt

      Danke, Wolfgang, ich sehe das ähnlich. Die Unterscheidung nach Genre ist wichtig, da stimme ich dir zu, denn nicht jeder Gartenblog ist ein Literaturblog und nicht jede Gartenbeschreibung im Roman wird die Wertschätzung der Gartenblogs finden.
      Dass nun Fehlerfreiheit Leserschaft garantiert, das will ich keineswegs behaupten, aber du hast ja selbst geschrieben, ein Buch wegzulegen, nachdem man viele Fehler gefunden hat, ist nicht das Abwegigste. Im Netz kann man, ich erinnere mich da auch an eine schöne E-Mail von dir, jedoch etwas freizügiger sein, wobei das ideale Ziel die Fehlerfreiheit bleibt, das pragmatische hingegen, sich Mühe gegeben zu haben.

  • 500woerterdiewoche

    Sagen wir mal so: je anstrengender ein Text zu lesen ist (z.B. wegen schlechter Rechtschreibung), desto besser muss er sein, damit ich ihm meine Zeit schenke. Im Internet hat ja nicht nur der Schreiber wenig Zeit, auch der Leser hat hunderte andere Seiten in Klickreichweite.

    Natürlich drücke ich trotzdem immer wieder ein Auge zu. Ich weiß, dass meine Texte auch Tippfehler enthalten und ich es mir deshalb nicht leisten kann, da überkritisch zu sein. Im Großen und Ganzen würde ich deinem Fazit also zustimmen. Wo jeder Einzelne sein Gleichgewicht zwischen Nachsicht und Ein-Fehler-zu-viel findet, lässt sich aber vermutlich nicht verallgemeinern. Zumal manche Leute manche Fehler nicht mal als solche wahrnehmen.

    • Sebastian Schmidt

      Vielen Dank für die Antwort! Der letzte Punkt ist wirklich interessant, denn da hast du völlig recht, dass man zwar, wenn man Fehler sieht, sie meist in anderen Texten findet, dass aber gar nicht alle Fehler gefunden werden. Gerade wenn man Texte liest, an deren Aussage man will, so wie auch Wolfgang Schnier es geschrieben hat, dann sieht man einige Tippser gar nicht – oder man will sie gar nicht sehen, da sie eine schnelle Informationsaufnahme sogar erschweren. Allerdings, da möchte ich meiner Argumentation treu bleiben, sollte das keine Freikarte sein nach dem Motto: Ich habe keinen Literaturblog, ich habe keine sprachlichen „Verpflichtungen“.

      • 500woerterdiewoche

        Nein, ganz sicher keine Freikarte. Ich finde auch, dass Rechtschreibung eine Form der Höflichkeit ist, ebenso wie gute Formatierung (du kannst der nächste Goethe sein, aber wenn deine Gedichte hellgrün auf weißen Hintergrund sind, lese ich sie nicht). Meist merkt man einem Text aber doch recht schnell an, ob seine Fehler Tippfehler sind oder nur von der Gleichgültigkeit seines Verfassers zeugen.

  • Miss Hava

    Nun gehöre ich ja zwar zu denen, die bei jedem Fehler (was das geschriebene Wort betrifft) körperlich zusammenzucken; jedoch bin ich dann immer wieder überrascht und bestürzt, wie viele Fehler sich in meinen eigenen Texten finden, wenn ich diese nach längerer Zeit wieder lese. Obwohl ich überzeugt davon war, sie sorgfältig korrigiert zu haben!
    Darum bin ich inzwischen zähneknirschend gnädig, wenn mir fehlerhafte Fremdtexte unterkommen, selbst in gedruckter Form.
    So findet dieser Dein Artikel auch in vielem meine Zustimmung, ganz abgesehen davon, dass er wieder sehr vergnüglich zu lesen war.

    „unflätiges orthografisches Verhalten“ – Was musste ich da schmunzeln!

    • Sebastian Schmidt

      Du sprichst mir da aus der Seele, indem du Leid und Nachsicht gegenüberstellst. 🙂 Aber genau so ist es, und das hängt, finde ich, vor allem damit zusammen, was auch sinn.wort.spiel. geschrieben hat: Dass man eben die eigenen Fehler nicht, jedoch die der anderen meist sofort sieht. Das fördert wahrscheinlich bei einem selbst das trügerische Gefühl, Fehler wären eine Sache der anderen, aber, und so ehrlich bin auch ich, wenn man eigene Texte mit reichlich Abstand noch einmal liest, dann sieht man Sachen, vor denen man am liebsten die Augen schließen mag.

  • Andrea

    Der MENSCH täte gut daran erstmal bei sich selbst anzufangen…..mit seinen FEHLER(n)die sich so langsam eingeschlichen haben in die WÖRTER((lacht))HERZlichst ANDREA:))

  • Karin Taiber

    Guten Tag,

    ein sehr inspirierender Artikel. Vielen Dank für die neuen Eindrücke. Gerne lese ich mehr von Ihnen. Auch der Textaufbau hat mir sehr gefallen.

    Beste Grüße
    Karin Taiber

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