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Alter Grieche! Aristoteles’ Poetik #2 – Einfallsreich und klar schreiben

Schon einige Zeit ist vergangen, seit der erste Artikel in der Reihe „Alter Grieche!“ erschien. In jüngster Vergangenheit nahmen die Vorstellung des lyrischen Mittwochs und die Hinwendung zum Lyrischen breiten Raum ein. Zeit, auch einmal wieder die älteren Kategorien aufleben zu lassen.

Nun also erneut zum alten Griechen Aristoteles. Immer wieder erstaunlich ist es, dass man bei jedem Aufschlagen seiner Poetik fast sofort die besten Hinweise für gutes Schreiben findet. Natürlich, der Staub muss hier und da ein bisschen beiseite gepustet werden. Ebenso wollen seine Ausführungen, damit sie nützlich sind für modernes Schreiben, ein wenig unserer Zeit angepasst werden. Mit der bereits im ersten Artikel vorgestellten Methode, ein Zitat auszuwählen und ausgehend von diesem die Gedanken frei wandern zu lassen, soll auch heute wieder ein bisschen über stilvolles Schreiben nachgedacht werden. Hier das Zitat:

„Die vollkommene sprachliche Form ist klar und zugleich nicht banal. Die sprachliche Form ist am klarsten, wenn sie aus lauter üblichen Wörtern besteht; aber dann ist sie banal. […] Die sprachliche Form ist erhaben und vermeidet das Gewöhnliche, wenn sie fremdartige Ausdrücke verwendet. […] Doch wenn jemand nur derartige Wörter verwenden wollte, dann wäre das Ergebnis entweder ein Rätsel oder ein Barbarismus.“1

Zum besseren Verständnis ersetze ich die „vollkommene sprachlich Form“ mit „guter Text“. Die „fremdartigen Ausdrücke“ werden zu „ungewöhnlichen Wörtern und Formulierungen“. Zu guter Letzt verwandelt sich der „Barbarismus“ in „Kauderwelsch“. Sodann entnehmen wir dem Zitat, dass die besten Texte diejenigen sind, die mit geistreichen Formulierungen aufwarten, diese jedoch mäßig und bewusst einsetzen und deswegen immer klar und verständlich bleiben.

Die nützlichsten Tipps sind immer die einfachen. Diese Eigenschaft teilen sie mit Einfällen und Rezepten. Denn obwohl das, was Aristoteles dort schreibt, schon fast trivial anmutet, vermisst man doch allzu oft, dass sich Autoren an seine Worte erinnern. Woran liegt das? Nun, ich meine, dass es daran liegt, dass ein guter Rat schnell gegeben, die Durchführung jedoch meist ungleich schwieriger ist. Denn jeder weiß, dass ein verständlicher Text besser ist als ein unverständlicher; nur scheitert es meist an der eigenen Umsetzung. Doch indem wir ein bisschen genauer hinsehen, kann sich das leicht ändern lassen.

Ich habe die Verallgemeinerung „guter Text“ gewählt, weil ich alle Texte einbeziehen möchte. Vor allem geht es mir um die Sach- und Fachtexte, die von Aristoteles’ Hinweisen am meisten profitieren können. Klarheit und Verständlichkeit stehen bei Fachtexten an oberster Stelle. Denn wo wir in der fiktionalen Literatur oft sogar gern ein „Rätsel“ oder manchmal ein bisschen „Kauderwelsch“ haben, da ärgern wir uns in Fachtexten umso mehr darüber. Möglicherweise stellt sich Ihnen hier die Frage: „Wenn aber der Fachtext möglichst klar sein soll, warum soll er dann ‚ungewöhnliche Wörter und Formulierungen‘ enthalten?“

Die Frage ist berechtigt und ich versuche sie mit folgenden Ausführungen zu beantworten. Dazu sollen vier Arten von Fach- und Sachtexten genannt und vorgestellt werden: die Gebrauchsanleitung, der Lexikoneintrag, der wissenschaftliche Aufsatz und der kurzweilige Ratgeber. In der Aufzählung ist schon eine gewollte Hierarchie enthalten, die schrittweise von den bloßen Fakten hin zur Möglichkeit kreativen Schreibens führt. Dokumente aus der Technischen Dokumentation tun gut daran, wenn sie mit möglichst „banalen“ Wörtern und anschaulichen Grafiken das höchste Maß an Klarheit erzielen. Über schlampige Gebrauchsanleitungen hat sich schon jeder einmal geärgert, umso besser, dass in diesen nicht noch versucht wird, das Beschriebene verblümt oder gar metaphorisch auszudrücken! So viel Kunstfertigkeit die Erstellung von Dokumenten der Technischen Dokumentation erfordert, so wenig möchte man vom Stil des Autors in ihnen lesen, sie müssen funktionieren und stimmen, mehr nicht. („Lasten bewegen: Spannen Sie die Pferde vor den Wagen und sagen Sie ‚Hüh!‘“)

Dies ist der eine Fall, den ich von Aristoteles’ Überlegungen also ausschließen möchte. Doch schon bei einem Lexikoneintrag sieht die Sache anders aus. Obwohl oft kurz und auf den Punkt, besteht dort schon eher die Möglichkeit, neben allem Relevanten auch das weitläufig Interessante einzubinden, in Form von geistreichen Vergleichen beispielsweise. („Zwei Pferde können Lasten bis zu x Tonnen bewegen und verbrauchen damit in etwa y Liter Kraftstoff auf 100 Kilometern“ – etwas subtiler vielleicht, je nach Lexikon.) Durch die „ungewöhnliche Formulierung“ des Kraftstoffverbrauches der Pferde wird die Schwerfälligkeit etwas genommen. Davon kann auch der wissenschaftliche Aufsatz profitieren.

Dieser besteht oftmals aus vielen Fachwörtern, die das Verständnis für Laien kompliziert machen. Doch nicht nur Laien haben manchmal Probleme mit Texten, in denen sich Fachtermini häufen. Eine Anekdote: Am Anfang unseres Philosophie-Studiums sagte unser Professor sinngemäß, dass die Angst vieler Menschen vor der Philosophie daher stamme, dass sie meinten, sie nicht zu verstehen. Dabei läge es viel öfter daran, dass lediglich viele Autoren nicht in der Lage wären, sich verständlich auszudrücken. – Denn Verständlichkeit, auch im wissenschaftlichen Bereich, wird nicht nur durch die Häufung von vielen Fachbegriffen hergestellt. Lebhafte Sprache, lebendige Satzkonstruktionen, anschauliche Vergleiche, pointierte Zusammenfassungen etc. erleichtern das Lesen und verankern das vermittelte Wissen genau dort, wo es ankommen soll: nicht nur auf dem Papier, sondern in den Köpfen der Leser. („Daraus lässt sich folgende Überlegung ableiten: Kraft und Energie spielen immer eine entscheidende Rolle. Wir könnten Kraftstoff sparen, wenn wir Pferde statt LKWs nutzten, das ist wahr. Wenn aber die Fohlen während des Pferdwerdens nicht verhungern sollen, ist es notwendig, dass der Futter-Lastkraftwagen stets rechtzeitig ankommt.“)

Diese lockere Sprache schafft Sympathie und verankert den Gedanken durch ein Bild im Kopf des Lesers. Zwar ist die Zielgruppe wissenschaftlicher Aufsätze gerade eine, die eventuell auch weitergelesen hätte, wenn der Text staubtrocken gewesen wäre, aber warum sollte man dies herausfordern? Ein bisschen Esprit und Schwung im Text, die schaden nie (Gebrauchsanleitungen ausdrücklich ausgenommen!) Anders als der wissenschaftliche Artikel tritt der Ratgebertext auf. Er kann am stärksten von Aristoteles’ Empfehlungen profitieren.

Denn im Gegensatz zu den Zielgruppen von Gebrauchsanleitungen und wissenschaftlichen Aufsätzen sollen im Ratgeber speziellere Personenkreise angesprochen werden („Trendyoga jetzt!“, „Lieber gar keine Spatzen und Tauben: Anlage extrem!“, „Die Shopping-Diät“). Diese Leser wollen Infotainment, eine kurzweilige Sprache, Lesespaß und Information. Was schon im Text staubt, wird im Regal noch staubiger. Ratgeber müssen den jeweiligen Zielgruppen angepasst werden: die Wortwahl eher konservativ oder frisch? Ist das Buch mit dem Leser schon beim Du? etc. Jeder Einfall, der den Inhalt einprägsamer, den Satz leichtfüßiger macht, zahlt sich aus. Nie Kauderwelsch im Ratgeber, aber auch nie das Banale: einfallsreiche Antworten in klarer Sprache. („Keine Lust auf Laufen und trotzdem Benzin sparen? Kaufen Sie ein Pferd!, oder sparen Sie sich die Kosten für Ross und Reiter und fahren Sie weiterhin mit dem Auto. Tun Sie einfach, worauf Sie Lust haben – Geld kostet Sie das Leben sowieso immer. Gehen Sie also nicht auch noch zu Fuß, das wusste schon „Big B“, Onkel Benjamin Franklin.“)

Wer auch immer Ihre Leser sind, geben Sie ihnen, was auch Sie erwarten: eine schöne Zeit beim Lesen (und das gilt dann auch wieder für Gebrauchsanleitungen, nämlich genau dann, wenn sie funktionieren). Gruß aus Griechenland, bis bald!

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Buchempfehlung und Quellenangabe:
1Aristoteles: Poetik. S. 71f.
Bibliogr. erg. Ausg. Ditzingen: Reclam,
1994. – ISBN 3-15-007828-8


Alter Grieche! Aristoteles’ Poetik #1 – Sympathie

Wie im Roman, so im Leben. Manchmal hört oder liest man einen Satz und denkt sich: da steckt viel Wahrheit drin!. Dabei ist es eigentlich unklar, was man mit „Wahrheit“ genau meint. Der Satz passt eben einfach gerade gut. Eventuell denkt man auch an etwas völlig anderes, als das, was der Autor oder Sprecher meinte. Dies schließt direkt an den Beitrag von vorletzter Woche an, wo es ja um die Möglichkeit ging, Texte absichtlich für den Leser offen und mehrdeutig zu lassen. Denn in einem Text steckt nicht nur, was der Autor sagen wollte, sondern vielmehr eine Blaupause für unendlich viele eigene Gedanken.

Auf diese Weise möchte ich mich auch mit der Poetik von Aristoteles beschäftigen (eine Poetik ist dabei ein Werk, welches Hinweise zum richtigen Schreiben gibt). Weder soll eine wissenschaftliche Auseinandersetzung erfolgen, noch soll die Bedeutung des Werkes mit anderen Poetiken verglichen werden. Vielmehr will ich einzelne Sätze herausgreifen und zusammen mit Ihnen ein bisschen über diese nachdenken und ein paar Überlegungen ableiten, welche für das tägliche Schreiben nützlich sein können. Auf diese Weise geraten die Klassiker nicht in Vergessenheit und es entsteht lebhafter, staubfreier Dialog.

Beschäftigen wir uns also heute mit einem kurzen Zitat gleich aus dem Beginn der Poetik.

„Die Nachahmenden ahmen handelnde Menschen nach. Diese sind notwendigerweise entweder gut oder schlecht. Denn die Charaktere fallen fast stets unter eine dieser beiden Kategorien; alle Menschen unterscheiden sich nämlich, was ihren Charakter betrifft, durch Schlechtigkeit und Güte.“1

Die „Nachahmenden“ können wir als die Autoren verstehen, welche in ihren Büchern die Welt nachahmen. Autoren schreiben erfundene Geschichten in eine Welt, die unserer ähnlich ist. In diesen Geschichten kommen Personen vor, die „entweder gut oder schlecht“ sind. Nun möchte man nicht so schwarz-weiß malen und alle Menschen in gute und schlechte einteilen. Sagen wir also: alle Menschen sind unterschiedlich sympathisch. Dazu zählen die Menschen der realen Welt, als auch die Personen in einem Roman. Geht man nun derart mit Aristoteles mit, so unterscheiden sich eben alle Menschen und Romanfiguren dadurch, dass sie unterschiedlich sympathisch sind.

Behalten wir folgende Worte im Hinterkopf: „die Charaktere fallen fast stets unter eine dieser beiden Kategorien“. Also: sympathisch oder unsympathisch. An dieser Stelle können wir aus dem alten Griechenland ins Jetzt zurückkehren. Wuschhh… Denken wir nur daran, wie schnell wir im Alltag unterscheiden können, ob uns jemand sympathisch ist oder ob wir das Gefühl haben „nicht so richtig warm“ zu werden. Dieses Gefühl kennen wir alle. Und da nun auch jede Figur in einem Buch immer etwas mit einem echten Menschen gemeinsam hat (nämlich das, dass wir sie als menschenähnlich erkennen), so finden wir Romanfiguren ebenfalls sympathisch oder unsympathisch.

Für das Schreiben ergibt sich daraus die einfach gesagte Regel: Die Hauptfigur im Buch, das muss auch die Sympathische sein. Nur wenn der Leser ein Interesse an einer Figur entwickelt, so wird er auch weiterlesen. Dabei muss die Figur natürlich kein Saubermann oder eine Heilige sein. Aber der Leser darf nie das Gefühl haben: „Was für eine Idiotin, was für ein Trottel, keine Lust weiterzulesen.“ Da stellt sich natürlich die Frage: Wie macht man das, dass eine Figur dem Leser sympathisch erscheint, auch wenn Sie eigentlich ein Fiesling ist?

Drei Dinge erscheinen mir wichtig: 1. Die Figur braucht ein Motiv, damit Ihr Handeln nachvollziehbar ist. Robin Hood wäre ein einfacher Verbrecher gewesen, wenn nicht seine Taten durch ein besonderes Motiv gerechtfertigt gewesen wären. 2. Die Figur muss Interesse wecken beim Leser. Denn ein Mensch, dessen Wortschatz beschränkt zu sein scheint auf „Hmm“ und „Hmhm“ wird einem kaum sympathisch erscheinen. Wir erfahren nichts über ihn und haben auch keine Lust weiter nachzufragen. Wir sind nicht interessiert, wie es mit ihm weitergeht (und das ist der wahre Tod einer Hauptfigur). 3. Eine Figur muss den Willen besitzen, Schwierigkeiten zu überwinden. Interessant wird ein Charakter, wenn er eine Lösung sucht, um Schwierigkeiten zu beseitigen, die sein Handeln behindern. „Ein Sturm zieht auf, wir müssen runter vom Himalaya, doch oh! ein Besatzungsmitglied ist verschwunden!“ Falsche Antwort: „Hmhm … egal.“ Wahrlich eine spannende Geschichte mit einer starken Hauptfigur …

Sympathisch wird eine Figur also, wenn sie ein starkes Motiv hat, dass ihre Handlungen rechtfertigt, wenn sie eine interessante Geschichte besitzt, von der wir als Leser gern mehr erfahren möchten, und wenn sie interessant reagiert auf Probleme (die eigentlich jeder Autor seinen Hauptfiguren immer in den Weg zu legen scheint). Umgekehrt heißt das, dass eine Hauptfigur auf dem besten Weg ist, unsympathisch zu werden, wenn sie nicht nachvollziehbare Sachen tut, wenn sie maulfaul und uninteressant ist und wenn sie Probleme ignoriert, anstatt sie zu lösen.

Wenngleich dieses Rezept natürlich nicht verbindlich ist, so gibt es doch ein paar Anhaltspunkte, seine Charaktere so zu erschaffen, dass sie gern gelesen werden. Denn das höchste Gut des Autors ist die Neugier des Lesers, mehr über die Hauptfigur erfahren zu wollen und sie bei ihren Entscheidungen begleiten zu können. Dabei ist es mit den Charakteren so, wie es Aristoteles schon geschrieben hat: Wie jeder Mensch gut oder schlecht ist, so sollten es auch die Romanfiguren sein. Zwar verlassen wir die moralische Ebene, wenn wir statt „gut“ und „schlecht“ „sympathisch“ und „unsympathisch“ einsetzen. Doch darin liegt die Chance, auch moderne Geschichten erzählen zu können, wo nicht immer der Böse auch der Unsympathische ist (man denke an Tarantinos Pulp Fiction und die Bodenwelle).

Rundum: Wie jeder Mensch aus Fleisch und Blut sympathisch oder unsympathisch sein kann, so sind es auch Ihre Romanfiguren für Ihre Leser. Deswegen gestalten Sie Figuren mit interessanten Lebensgeschichten, starken Handlungsmotiven und guten Einfällen,  denn es ist im Roman wie im Leben – und das wusste auch schon Aristoteles.
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Buchempfehlung und Quellenangabe:
1Aristoteles: Poetik. S. 7.
Bibliogr. erg. Ausg. Ditzingen: Reclam,
1994. – ISBN 3-15-007828-8