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„Papier: Ich liebe dich.“ Warum zum Buch mehr als nur der Text gehört

Das Papier versteckt sich zwar hinter den Buchstaben, ist jedoch für das Buch wie das Mehl für die Brötchen. Und wie jedes Mehl erst seine ganz eigene Semmel macht, so macht auch jedes Papier erst sein Büchlein. Es ist wahr: Oft kauf man sich ein Buch nicht deswegen, da man es auf dessen Papier abgesehen hat, sondern vielmehr, weil man den Inhalt lesen möchte. Wahr ist aber auch, dass wir ein Buch ohne Papier nur in den seltensten Fällen als Buch bezeichnen würden. Ich möchte erstgenannten Vergleich mit der Bäckersstube im Folgenden nicht überstrapazieren, jedoch darf er hier und da gern von Ihnen erinnert werden. Damit herzlich willkommen zum Blogeintrag dieser Woche.

Im Buch „Basiswissen Herstellung für Buchhändler“ von Hans-Heinrich Ruta1 findet sich ein sehr schönes und kompaktes Kapitel über Papierarten und Papierherstellung (vgl. Ruta 2010: S. 83–99). Darauf beziehe ich mich folgend, empfehle jedoch zur Vertiefung, selbst einen Blick in besagtes Buch zu werfen, da hier natürlich nur angeschnitten werden kann, was dort ausgeführt wurde.

Dass für die Herstellung von Papier Holz benötigt wird, ist allgemein bekannt. Weniger bekannt dürfte hingegen sein, dass „50 Prozent des in der Zellstoff- und Papierindustrie eingesetzten Holzes […] aus der Durchforstung von Waldbeständen“ stammt. (ebd. S. 84) Im weiteren Produktionsverlauf entsteht aus diesem Holz entweder Holzschliff oder Zellstoff. Dabei unterscheidet sich Zellstoff vom Holzschliff in der Hauptsache dadurch, dass er kein Lignin (der Stoff, der für die Vergilbung verantwortlich ist) enthält und zu weißerem, saubererem Papier führt. Gemeinsam ist Holzschliff und Zellstoff, dass sie die begehrten Holzfasern enthalten, welche dem Papier seine Reißfestigkeit verleihen. Papier aus Holzschliff wird holzhaltiges und Papier aus Zellstoff holzfreies Papier genannt.

Ein weiterer wichtiger Faktor, um Papiere zu unterscheiden, ist die Beziehung zwischen Produktion und Umwelt bzw. Umweltschutz (nämlich damit man auch in Zukunft den Wald vor lauter Bäume nicht sehen kann; und nicht: wegen keiner Bäume mehr). Eingesetzte Bleichmittel (1), die Verwendung von Altpapier (2) oder das Beziehen von Holz aus nachhaltiger Forstwirtschaft (3) sind Anhaltspunkte zur Unterteilung. Wird im Arbeitsschritt der Zellstoffbleiche auf den Einsatz von schädlichem Chlor und schädlichen Chlorverbindungen verzichtet und stattdessen Sauerstoff und Wasserstoffperoxid eingesetzt, so spricht man von chlorfreiem Papier (1). Recyclingpapier entsteht unter Verwendung von Altpapier und wird dementsprechend als altpapierhaltiges Papier (2) bezeichnet. Kommt das verwendete Holz aus Wäldern, die nach speziellen Richtlinien bewirtschaftete werden, so kann es verschieden zertifiziert werden, beispielsweise nach den strengen FSC– oder den lockereren PEFC-Vorschriften für Nachhaltigkeit (vgl. ebd.: S. 97–99).

Über die erwähnten Punkte hinaus kann das hergestellte Papier in weiteren Arbeitsschritten noch zusätzlich veredelt werden, um zum Beispiel sehr glattes und gleichmäßiges Papier zu erhalten, das sich besonders gut zum Abdrucken hochauflösender Bilder eignet. Auch beeinflusst man durch Zugabe bestimmter Zusatzstoffe die Transparenz des Papiers oder dessen ganz eigene, charakteristische Papierfarbe (von mattgrau über cremegelb bis hin zu glanzweiß). Die Möglichkeiten sind nahezu unbegrenzt (und werden durch einen passenden Papiernamen überdies unterstrichen: „Mondenschein hell“, „Cheesecake“ ect. etc.) Ohne an dieser Stelle weiter ins Detail gehen zu wollen (und ohne alle Unterscheidungsmerkmale genannt zu haben, welche bei Ruta behandelt werden), wird ersichtlich, dass nicht ein Papier dem anderen gleicht.

Wenn man nun eines seiner geliebten Bücher in die Hand nimmt und ganz bewusst auch auf die Wechselwirkung zwischen dem Berührungsgefühl, der Papierfarbe und anderen Papiereigenschaften achtet (die oft im Impressum genannt werden), so fügt man dem Lesegenuss eine weitere Dimension hinzu. Ebenso wie die Schrift und das Layout das Lesen beeinflussen, so beeinflusst auch das verwendete Papier den Eindruck, welchen ein Buch in uns hinterlässt. Damit wird deutlich die Überzeugung unterstrichen, dass die Liebe zum Buch viel mehr ist als die Liebe, beim Lesen nur irgendetwas in der Hand zu halten.

Die Liebe zum Buch ist auch immer die Liebe zu den Details. Dabei spielt es keine Rolle, ob diese Details sich äußern in einer raffinierten Handlung, schönen Worten und Sätzen, einer besonderen Schrift, einem harmonischen Layout oder der Verwendung eines speziellen Papiers. Lesen bedeutet Lieben. Und Bücher kann man nur im Ganzen lieben: als Kunstwerke, die nicht allein vom Inhalt bestimmt werden. Denn dieser braucht das Buch (und sei es auch ein elektronisches) ebenso, wie kein Buch auf seine Wörter verzichten kann. In diesem Sinne: Denken Sie sich ein Brötchen ohne Mehl, und übrig bleibt ein Buch ohne Papier – man mag einfach nicht reinbeißen.

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Quellenangabe:
1 Ruta, Hans-Heinrich: Basiswissen Herstellung für Buchhändler. S. 83–99.
Frankfurt a. M.: Bramann,
2010. – ISBN 987-3-934054-27-1

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