Archiv der Kategorie: Der lyrische Mittwoch

[Der lyrische Mittwoch, Folge 24] Lilo Wessel – so/weit ist alles fern

im spiegelkabinett leerer versprechungen
so/oft so/weit ist alles nichts so fern

Liebe Leserinnen und Leser,

heute als Gast im lyrischen Mittwoch begrüße ich ganz herzlich die Autorin Lilo Wessel, und ich freue mich, eines ihrer Gedichte vorstellen zu dürfen. Die in Deutschland und Griechenland lebende Autorin widmet sich seit ihrer Pensionierung und nach 40-jähriger Lehrerinnentätigkeit in den Fächern Deutsch und Sozialkunde wieder vermehrt dem Schreiben. Die studierte Germanistin und Politikwissenschaftlerin kehrt damit nun stärker zu ihren akademischen Wurzeln zurück, wendet sich bevorzugt der Prosa zu, besitzt aber ein ausgesprochenes Talent für eingängige Verse und eigenwillige Gestaltung.

Eines ihrer experimentellen Gedichte fand heute seinen Weg in den lyrischen Mittwoch. In Anlehnung an ein Lied Miriam Makebas entsteht eine Momentaufnahme, die so bunt ist wie ein Testbild, jedoch ungleich mehrdeutiger. Die Vermengung von Wahrnehmung und Reiz, die subjektive Interpretation der Situation wird hier nicht als Ganzes vollzogen, sondern geteilt in ihre Momente. Entlang den Textzeilen von Makebas Ring Bell, die von Hoffnung und schöner Erwartung erzählen, rieselt auf das lyrische Ich der gesamte Rest der Welt ein. Von Flughafendurchsagen über Hunde, die sich durch ihre Namen mit Sternzyklen vermischen, aber sich dann auflösen in einen „sternhimmel / mit typischem winter / charakter“. – Und das lyrische Ich in dieser Flut von simultanen, chronologisch freigelegten Erfahrungen? Es bleibt trotz der Fülle doch irgendwo verloren in sich, im „spiegelkabinett leerer versprechungen“ und am Ende „in erwartung des maximalen nichts“, verharrend in den Gegensätzen –


.

so/weit ist alles fern

miriam makeba münchen 1972 E0719
if i could be a shimmering star
….i’d shine now. how i would shine.
realiter paris (05/01/05) betrachtender: sternenhimmel
mit typischem winter
charakter dem himmels
jäger folgen
zwei hunde sothis & prokyon die erde (lucy)
passagiert sonnennächsten punkt acht minuten &
zehn sec. – sonne licht erde (conakry cky – paris cdg?)
………someone
i love has promised to be mine now
im spiegelkabinett leerer versprechungen
so/oft so/weit ist alles nichts so fern
ich immer noch
geschlagen
mit blindheit usw.
in erwartung des maximalen nichts

Porträt Lilo Wessel

Lilo Wessel

Textbasis: Hallo Lilo, ich freue mich, dass du dich heute den Fragen des lyrischen Mittwochs stellst und eines deiner Gedichte für einen schöneren Mittwoch gespendet hast. Ich möchte gleich zu Beginn von außen an deine Tätigkeit als Autorin herantreten. Nach vielen Jahren Erfahrung mit Kindern und Jugendlichen veränderte sich dadurch auch deine eigene Art zu schreiben oder wirken diese Eindrücke im Schreibprozess weniger nach als man meinen mag?

Lilo Wessel:
Das Zusammensein mit den jungen Menschen hat mich in meiner gesamten Persönlichkeitsentwicklung geprägt. Das schlägt sich unter anderem nieder in meiner Art des Denkens … Ich denke zwar logisch und kritisch, aber nicht in festumrissenen, eingefahrenen Bahnen wie viele in meinem Alter. Ich experimentiere gedanklich, treibe Gedankenspiele. Aber immer schaue ich auch hinter die Dinge, bis dorthin wo sie kompliziert und traurig werden. Das habe ich bereits als jugendlicher Mensch getan, aktuell scheint mir das weniger verbreitet. Damals war ich sehr stark von Thomas Manns „Tonio Kröger“ beeinflusst, wie du vielleicht an der Formulierung merkst. –

Mir ist Jugendsprache vertraut, deren Entwicklung. Natürlich gibt es eine Menge Ausdrücke, Wörter und Phrasen in meinem Wortschatz; inwieweit ich sie aktiv verwende, hängt im realen Leben vom Adressatenbezug ab, im fiktionalen von der Konzeption der jeweiligen Figur.

Heute gehe ich salopper, unverkrampfter um mit Sprache, andererseits wiederum sehr präzise; das stellt für mich keinen Widerspruch dar.

Textbasis: Salopp, aber präzise. Das klingt nach: Wer die Regeln kennt, der darf sie auch brechen. Ist es das, woran man vor allem auch angehende Schreibende erinnern sollte, dass Wagnis nie ohne Wissen funktioniert? Und dann eher in der Lyrik oder der Literatur ganz allgemein – wie ist dein Eindruck der gegenwärtigen Situation?

Lilo Wessel:
Um deine These aufzugreifen: Das Kennen der Regeln ist meines Erachtens Bedingung dafür, dass man sie brechen kann. Wagnis ohne Wissen funktioniert nicht! Und zwar in allen Bereichen, natürlich auch in der Literatur. Die Frage ist, was man kennen/können muss fürs literarische Schreiben, was man lernen kann, was nicht. Gegenwärtig boomt der „Creative-writing-Markt“: Zahlreiche Schreibratgeber, Schreibseminare online und live, Autorenforen und Schreibgruppen im Internet sowie universitäre Studiengänge suggerieren, dass man literarisches Schreiben lernen könne. Klar, ein Autor muss  entsprechend seiner Gattung mit den Bauformen des Erzählens, des lyrischen und dramatischen Schreibens vertraut sein, mit rhetorischen Stilmitteln; das Regelsystem seiner Sprache kennen, überhaupt meisterlich sein im Umgang mit Sprache. Allerdings reicht selbst die perfekte Beherrschung eines entsprechenden Instrumentariums nicht aus, um einen wirklich guten Text hervorzubringen. Dazu bedarf es einer literarischen Begabung, eines Talents, das sich weder durch Fleiß noch durch wie auch immer geartete Schreibkurse ersetzen lässt.

Es gibt genügend Bücher auf dem Markt, die handwerklich perfekt sind, aber immer nette „Einmal-Bücher“ bleiben werden. Und vermutlich noch mehr, die es gar nicht erst auf den Buchmarkt geschafft haben.

Textbasis: Nun sind nicht alle deine Gedichte so experimentell wie das oben stehende „so/weit ist alles fern“. Dennoch wird darin, ganz unabhängig vom Inhalt, dein Hang zum Spiel mit Sprache deutlich, deine Lust, Wirkung durch Abweichung zu erzielen. Was zeichnet für dich ein gelungenes Gedicht aus?

Lilo Wessel: Wenn du mich als Germanistin fragst: Ein Gedicht ist dann gelungen, wenn es den Erwartungshorizont des Lesers destruiert. Denn sonst hat ein lyrischer Text lediglich Konsumcharakter. Über jedes erdenkliche Thema ist bereits geschrieben worden. Ein gelungenes Gedicht muss daher inhaltlich, sprachlich, textlich und konzeptionell, eventuell auch medial neu konstruiert sein. Mich begeistert die – oft atemlose – Fetzensprache von Friederike Mayröcker in ihren scheinbar formlosen Gedichten genauso wie die strengen Formen von Durs Grünbein im Zusammenspiel mit ihrer eigenen Tonalität. – Ich kann aber ganz banal antworten: Ein Gedicht ist dann gelungen, wenn es mir gefällt, dergestalt, dass es eine bestimmte Befindlichkeit trifft, in der ich gerade bin. Auch das leisten die Gedichte meiner beiden Lieblingslyriker Mayröcker und Grünbein.

Textbasis: Das sind zwei interessante Punkte, die du nebeneinander aufführst: der Bruch mit dem Erwartungshorizont einerseits und andererseits das subjektive Gefallen. Es scheint so, als solle die Dichterin ihre Leserschaft aus der Reserve locken mit Zuckergebäck, um es bildlich zu sagen. Worin besteht die Kunst, diese beiden Ebenen zusammenzubringen, zu destruieren und dabei zu gefallen? Oder ist das zu theoretisch und Lyrik besteht – im Endeffekt – doch eher im Drauflosschreiben?

Lilo Wessel:
Nein, nicht im Drauflosschreiben. Das wenigste entsteht spontan. Basis für gelungenes Schreiben ist – ich sagte es bereits – handwerkliches Können und Talent. Bruch des Erwartungshorizontes und subjektives Gefallen schließen sich nicht aus. In seinem „Don Quijote“ bricht Cervantes strukturell und inhaltlich mit der Tradition des Schäferromans und des ritterlichen Abenteuerromans. Er spielt mit den Lesererwartungen, die, zunächst auf diese Tradition ausgerichtet, im Laufe der ersten dreißig Seiten systematisch zerstört werden. Sein Roman wurde schon zu Erscheinungszeiten ein Riesenerfolg.
Durs Grünbein arbeitet mit klassischen Strophenformen und füllt sie mit einer neuen, saloppen Sprache. Er zählt zu den bedeutenden Lyrikern des deutschsprachigen Raums.

Mir persönlich gefallen lyrische Texte, die meine Erwartungen demontieren; ich begreife derartige Texte als Herausforderung zur stilistischen, formalen und inhaltlichen Auseinandersetzung und gleichzeitig als Horizonterweiterung. Aber eine solche Leseweise ist nicht jedem eigen. Und ehrlich gesagt lese ich ganz gerne auch mal nur zu Unterhaltungszwecken. Ob ein (lyrischer) Text gefällt oder nicht, hängt von der Lesehaltung des Einzelnen ab. Hat einer eine identifikatorische Lesehaltung, eine analytisch-kritische? Geht es um ästhetisches Lesen, um unterhaltendes oder um pures Statuslesen? Inwieweit ein Lyriker solche Fragen bei seinem Schreibprozess berücksichtigt, sei dahingestellt.

Textbasis: In unserer E-Mail-Korrespondenz schriebst du mir, dass du dich sehr zur Prosa hingezogen fühlst und dich ihr wieder stärker widmen möchtest. Gibt es schon konkrete Pläne, Wünsche, Hoffnungen, wo deine literarische Reise hingehen soll? Was wäre denn so ein Traumziel, dem du gern nachhängst?

Lilo Wessel:
Zurzeit arbeite ich an Erzählungen mit der Thematik „Misslungene Kommunikation und Interaktion“. Deren Inhalte basieren auf skurrilen Erlebnissen, die ich während meiner zahlreichen Aufenthalte in Griechenland hatte. Ein befreundeter Künstler entwickelt derweil Illustrationen zu den Texten. Der schwierigste Part wird wohl die Suche nach einem geeigneten Verlag sein. Self Publishing oder ein Bezahlverlag kommen für mich nicht in Frage. –

Mein Traumziel: Endlich Zeit haben, nur fürs Schreiben. Ich habe Stoff und Ideen für drei sehr unterschiedliche Romane im Kopf. Da hat sich im Laufe der Jahre vieles angesammelt und festgesetzt, was sich gedanklich stets weiterentwickelt hat. Leider hatte ich berufs- und familienbedingt niemals Zeit, um kontinuierlich an langen Texten zu schreiben. Angesichts meines numerischen Alters muss ich mich nun ranhalten. Aber zunächst einmal die Kurzformen. Natürlich habe ich auch Lust, wieder Gedichte zu schreiben.

Textbasis: Das klingt im ersten Moment hart, wenn du schreibst, dass Self Publishing nicht in Frage komme (vom Bezahlverlag sehe ich aus offenkundigen Gründen einmal ab). Bieten sich für Self Publisher nicht auch Möglichkeiten, die vor allem in den schwächeren Marktsegmenten (Kurzgeschichten, Lyrik et cetera) Möglichkeiten bieten? Wie bewertest du diesbezüglich heute noch die Rolle der Verlage?

Lilo Wessel:
Mir ist bekannt, dass mittlerweile namhafte Autorinnen und Autoren den Weg über Self Publishing gegangen sind, weil sich zunächst kein Verlag fand, der ihre Texte publizieren wollte. Die gegenwärtig sehr erfolgreiche Krimi-Autorin Nele Neuhaus ist ein Beispiel dafür; sie wurde später von Ullstein unter Vertrag genommen. Und man weiß, dass die Verlage inzwischen unter den Self Publishern nach Talenten stöbern. Insofern hast du natürlich Recht, dass sich hier neue Möglichkeiten auftun. Andererseits findet man in diesem Bereich eine Fülle von Texten, die besser niemals das Licht der Welt erblickt hätten. – Laut dem Börsenblatt des deutschen Buchhandels werden in Deutschland jährlich rund 350 Millionen Bücher verkauft, davon 30 Prozent Belletristik. Angesichts solcher Zahlen ist ein Ende der herkömmlichen Verlage noch nicht in Sicht, wenngleich große Umstrukturierungsprozesse in Gang sind.

Was Bücher betrifft, bin ich altmodisch. E-Books lese ich keine, besitze kein digitales Lesegerät; ich brauche das Haptische. Ich möchte Papier fühlen, unterstreichen, markieren, anmerken können … alles mit Bleistift in Habachthaltung der Hand.

Ich liebe es, Zeit in Buchhandlungen und Bibliotheken zu verbringen, mit den Leuten dort zu plaudern, zu stöbern, mag diesen speziellen Geruch, der dort vorherrscht, mag es, mich dort in eine kuschelige Leseecke zu verziehen. Und wenn eines Tages dort ein Buch von mir im Regal stünde, wäre ich überglücklich.

Textbasis: Ich zumindest halte dir die Daumen, dass schon bald auch Bücher aus deiner Feder sich mit in die Regale reihen. Gerade im Spannungsfeld zwischen elektronischem Publizieren und klassischer Verlagsveröffentlichung bieten sich Möglichkeiten (einfache Publikation) aber auch Risiken (unbemerktes Untergehen). Die persönliche Vorliebe zum Haptischen, zum Buch in der Hand, prägt noch viele Autoren, wie auch in deinen Antworten deutlich wurde. Dennoch meine ich: Wer heute schreibt, der muss sich mehr Gedanken machen über die Publikationsform als vormals. Es bleibt abzuwarten, inwieweit die Veränderungen am Buchmarkt auch die Textproduktion und das Schreiben beeinflussen werden. Jedoch eines, Lilo Wessel hat es erwähnt, ist immer von Vorteil: Sein Handwerk zu beherrschen, auch wenn es womöglich einen Rest gibt, der nur durch Talent ausgefüllt werden kann. Vielen Dank für das Interview!

Bis zum nächsten Mal, und bleiben Sie lyrisch!


[Der lyrische Mittwoch, Folge 23] Joanna Lisiak – Betrachtet westlich

Vorerst ist alles primär wie gehabt.
An der Oberfläche kräuselt sich das Empfinden

Liebe Leserinnen und liebe Leser,

auch heute wird der Mittwoch wieder schön. Ich freue mich sehr, Ihnen in der aktuellen Ausgabe die Dichterin, Schriftstellerin und Künstlerin Joanna Lisiak vorstellen zu dürfen. Bereits zahlreiche Anthologie-Beiträge und Veröffentlichungen, Stücke, Hörspiele und Kollaborationen zieren ihr Œuvre. Zuletzt erschienen von der 1971 in Polen geborenen, seit 1981 in der Schweiz lebenden Autorin der Kurzprosaband „Besonderlinge – Galerie der Existenzen I“ (2012) und der Gedichtband „Klee composé, Lyrik mit Paul Klee“ (2010/2013 als E‑Book). Der Nachfolgeband der „Besonderlinge“ ist für 2014 bereits geplant.

Joanna Lisiaks Lyrik zeichnet sich durch einen nüchternen Grundtenor aus, ein unaufgeregtes Fühlen und Mitfühlen. Aus einfachen Worten strickt sie, was komplexe Zusammenhänge einfängt. Ein Blick nach Basel, ein Moment so gewöhnlich wie das Leben. Doch ihm wird das Gewöhnliche entzogen, er wird zum Sinnbild, an dem sich die Gedanken des lyrischen Ichs bis hinauf zu den Göttern entlanghangeln. Verortet zwischen Naturlyrik, Prosa und Mystik lustwandeln die Verse befreiten Schrittes hin und wider – und zur selben Zeit doch auch neben den Lesern wie ein guter Freund auf langer Reise. Er ist nah, aber hält doch beide Arme von sich gestreckt, um zu umarmen, um in alle Himmelsrichtungen zu fassen –

Betrachtet westlich

Schaue ich ins westliche Tal sehe ich
Basel das heisst ich sehe es nicht doch
weiss ich hinter den Hügeln ist Basel
Basel von hinten.
Basel weiss nichts davon kennt
diesen Blickwinkel kaum verzeichnet ihn
im Stadtführer nie.

Auch Kater du wie sollst du ahnen können
dass du heute nicht rein darfst weil wir
verreisen weil ich dich jetzt anschauend
um die Sorge weiss die ich mir machte
wenn du bliebst.
Du hast Wärme und Schlafplatz im Sinn
vermagst meinen Gedanken nicht zu folgen.

So etwa stelle ich mir die Götter vor wie sie
in ihren Wolken lachen und auf mich zeigen
habe ich mir eine Theorie zurechtgelegt mir
ernsthafte Gedanken über mein Leben gemacht.
Als könnte ich mich je sehen sehen von hinten
aus westlicher Sicht so als Beispiel.

Tatsache ist ich schaffe es nicht aus meiner
Gedankenwelt geschweige denn in andere hinein
ich hafte in eigenen Dimensionen fest
und sie lachen schenken etwas Phantasie
einen Traum mir zum Trost.
Ich weiss nur wenig.
Das weiss ich gut.

Vorerst ist alles primär wie gehabt.
An der Oberfläche kräuselt sich das Empfinden
bald verpufft eine Idee ins Unbekannte.
Alles andere den lachenden Göttern.

Joanna Lisiak

Joanna Lisiak

Textbasis: Herzlich willkommen beim lyrischen Mittwoch, Joanna. Schon nach einem kurzen Blick auf deine Veröffentlichungen erkennt man, dass es dich zwischen den Genres umhertreibt. Wie siehst du dich selbst als Künstlerin, eher als Grenzgängerin oder Weltenbummlerin?

Joanna Lisiak:
Herzlichen Dank, Sebastian, für die Einladung! Ist der Weltbummler derjenige, der umherschweift, um das zu finden, was er schon in sich hat und was ihn ausmacht, oder sucht er das Fremde, das ihn Ergänzende? Auf gewisse Weise tun wir das doch alle, aber ich tue mich schwer damit, mich derart klar zu zeichnen. Grenzgängerin insofern, als dass ich aufbreche, um zu sammeln und mich durchaus reizt, was ich noch nicht kenne. Neue Dinge auszuprobieren hat mir schon immer Türen geöffnet – und wenn es die der Erkenntnis waren, dass es nämlich die falschen Türen waren, die ich aufgebrochen habe.

Immerhin schaffe ich somit Reflexionen, die mich ebenfalls weiterbringen. Wenn eine bestimmte Idee, die ich habe, mich in eine bestimmte Richtung drängt, dann folge ich ihr und versuche nicht, den Weg umzulenken. Ein Einfall, der ganz klar eine Szene darstellt, gehört in mein dramatisches Werk, ein lyrisches Bild in die Lyrik und so weiter. Da ich keine Romane schreibe – zumindest habe ich das vorerst nicht vor – kann ich mir diese Ideen nicht für diesen Roman aufsparen. Insofern haben es die Romanautoren leichter, trotz des weit bekannten langen und mühsamen Atems, der ja vonnöten ist, um Romane zu schreiben: Diese Autoren können alle ihre Ideen in einen Roman verpacken, der dann alle lyrischen, essayistischen Aspekte, lebendigen Gespräche, Erzählungen und so weiter beinhalten kann.

Ich aber möchte mich schon sehr bald entscheiden, wohin ich die Idee verpflanze und wo sie dann blühen soll. Es ist auch eine Charaktersache. Ein reiner Lyriker würde seine Gedanken solange wälzen, bis sie in die Form der Lyrik passen. Ich aber bin meistens so von der Idee angetan, dass ich keine Zeit verlieren möchte, sie unnötig lange gären zu lassen, mit der Idee verunsichert zu sein. Wobei ich hiermit anfügen muss, dass ich durchaus eine dicke Mappe mit notierten Ideen habe, die ich erst viel später verwerte. Es ist also ein Prozess.

Vielleicht hat es damit zu tun, ob man jemand ist, der eher ein homogener Künstler, Autor, Mensch ist, oder jemand, der heterogen veranlagt ist. Ich glaube, dass ich eher heterogen bin. Das herauszufinden, ist vielleicht etwas Grundlegendes für jemanden, der etwas schaffen möchte, denn so kann man mit einer gewissen Authentizität und mit einem bestimmten Zug weiterarbeiten. Wer sich zu früh eine Poetologie anlegt, verhindert möglicherweise das, was er später seine eigene Handschrift nennen möchte.

Textbasis: Das ist eine interessante Unterscheidung zwischen Homogenität und Heterogenität, gerade wenn sie angewendet wird auf Worte und Zuschreibungen wie Künstler, Autor oder Mensch. Wie könnte man als angehende Autorin, als angehender Autor denn herausfinden, ob man eher zu der einen, eher zu der anderen Art gehört? Und sind (verfrühte) Poetologien für dich immer nur eine Schablone, durch welche man leichtfertig ein Bild von seiner Kunst zeichnet, wie man sie gern hätte?

Joanna Lisiak:
Ein Autor oder vielmehr der Mensch, der auch Autor ist, sollte, egal, ob er sich grob, genau, temporär, unter gewissen Umständen oder überhaupt nicht zuteilen möchte, möglichst aufrichtig sein in dem, was er tut oder denkt. Mit gelebter Aufrichtigkeit ist man ganz nah an etwas, das sehr wertvoll ist. Ich möchte das lieber nicht an grossen Worten festmachen, sondern damit sagen, dass dieser Weg kein verkehrter sein kann und oftmals einfach nur Klarheit und innere Ruhe schafft. Es ist nicht so, dass ich nicht auch Theorien gelesen, mich daran gerieben oder gar ergötzt hätte. Aber ich fand es für mein Schaffen bislang immer hilfreicher, meine eigenen, simplen Fragen zu stellen, als die Texte, die ich schrieb, durch komplizierte Dogmen zu hinterfragen: Was würde XY zu dieser Textstelle sagen, wenn er damals von Z sprach? Oder: Warum gefällt mir dieses Gedicht der Lyrikerin B so gut und was ist es, das mich bei D langweilt, nicht überzeugt? Solche inneren Zwiegespräche sind für mich leichter annehmbar, als ganze Theorien zu wälzen und nach Fertigstellung eines Textes nicht zu wissen, wo anfangen, um ihn wie einzuschätzen.

Letztendlich geht es darum, sich gelegentlich zu orientieren, neu zu orten, abzulenken und so weiter, bevor es auf der Reise weitergeht. Egal ob man dazu Schablonen, Krücken, persönlichen Austausch oder ganz andere Reize braucht. Diese reflektierenden, ordnenden Dinge spielen sich jedoch, was mein eigenes Schaffen angeht, in einer anderen Phase ab, auch zeitlich, und nicht, wenn ich mittendrin im Schreibprozess bin. Ich habe während des Schreibens nicht eine Unmenge an Zeit und Energie vorrätig, um zugleich zu analysieren, auf einer theoretischen Ebene philosophisch abzuheben. Auch in den Momenten der absoluten Aufrichtigkeit gibt es keine weiteren Störfaktoren, da bin ich ganz alleine auf mich gestellt, wissend, dass nur ich in dem Moment weiss oder eben nicht weiss.

Textbasis: In „Betrachtet westlich“ entspinnt sich der Verlauf des Gedichtes ja um einen Blick hinüber zu dem hinter Hügeln verborgenen Basel. Keine Luftschlösser oder kryptische Rätselbotschaften sind es, sondern der Blick auf das Reale (auch wenn davon nicht alles sichtbar ist). Wie wichtig ist diese Verankerung der Lyrik im Jetzt, in der alltäglichen Situation für dich?

Joanna Lisiak:
Sie ist nicht per se wichtig oder per se unwichtig. Manche Texte werden der Realität entrissen und schweifen derart ab, dass es beinah ein Tabu wäre, dem interessierten Leser zu verraten, wo der Ursprung des Textes liegt. Für den Leser ist dies an sich ja nicht wichtig. Den umgekehrten Fall gibt es natürlich auch. Mir passt beides sehr gut, also, ob eine Gedankenreise zu verankern vermag, was sich unmittelbar in der Realität abspielte (beziehungsweise abspielen könnte) oder ob eine Erfahrung ihre Bahn des Erlebnisses verlassen kann und sich in neuen Perspektiven, neuen Sphären ein Zuhause sucht. Ich geniesse beides: die Nähe der Wirklichkeit, aber auch die wilden Ausblühungen, die mich staunen lassen können. Ich bewerte und kategorisiere nicht, was ausgedacht, aber verdichtet ist, was reell, aber gänzlich transformiert, verwässert ist.

Was mir am Schreiben sehr wichtig ist, ist die Tatsache, dass ich mit der entfachten Begeisterung mitgehen, mich davontragen lassen kann, und auf diesem Weg bin ich ziemlich tolerant und scheue auch das Tempo nicht, das gegeben ist. Vielleicht ist das vergleichbar mit einem Rosenzüchter, der nur eine ganz bestimmte Rose mit dieser Färbung, dieser Dorndichte, dieser Wuchshöhe, diesem Duft et cetera als Rose anerkennt oder ob er jemand ist, der die Natur in seiner Vielfalt annehmen kann. Ich bin wohl die, die mit einem vollen Rosenkorb nach Hause kommt und beim Aussortieren merkt, dass sich da noch ganz andere Pflanzen im Korb befinden, die mit der Rose gar nichts zu tun haben. Die anschliessende Arbeit bleibt in beiden Fällen nicht aus, aber mir fällt es in der Tat leichter, mich aus der grösseren Menge, der Vielfalt und dem Reichtum auf etwas zu fokussieren oder etwas Bestimmtes darin zu finden. Dies ist wohl ebenfalls Veranlagungssache.

Ich finde, man muss das für sich ausprobieren und es ist absolut legitim, es mal so und dann anders zu handhaben. Der Mensch, auch der Autor, verändert sich zeitlebens. Das heisst, um auf die Frage zurückzukommen: Ich möchte nicht entscheiden, ob meine Lyrik dort oder dort steht, sondern wo das einzelne Gedicht sich verankert. Und in meiner Lyrik kommen alle möglichen Mischformen vor.

Textbasis: Dass du dich als Künstlerin nicht selbst der Möglichkeiten berauben möchtest, frei zu schaffen, halte ich für nachvollziehbar und gut. Dennoch, gerade in der Rückschau, ergibt sich ja doch oft ein Pfad, auf dem man bewusst oder unbewusst entlanggegangen ist. Wo hat deine künstlerische, literarische Reise begonnen und wo bist du inzwischen überall gewesen? Kannst du in deinem Werk diesbezüglich bereits Tendenzen ausmachen?

Joanna Lisiak:
Ich veröffentliche seit 2000, das heisst seit rund dreizehn Jahren. Ist das nun lang oder kurz? Ich empfinde das als eine zu kurze Zeit, um retrospektiv zu werden. Seit ich mit dem Schreiben angesteckt wurde (deutlich vor 2000 übrigens), ist dennoch viel passiert und ich habe viel geschrieben, ausprobiert, gelesen, gehört. Momentan habe ich acht bis zehn fertige Manuskripte vorliegen: Kurzprosa, Lyrik (verschiedener Mach/Art), eine Unmenge an Dramoletten, Reflexionen, Theaterstücke, Kolumnen, Essays, sogar ein Ratgeber ist dabei! Zudem sind Projekte angedacht und im Tun – und es will vorläufig kein Ende nehmen. Was ich damit sagen will, ist: Ich bin permanent am selben Ort wie damals, als ich mit dem Schreiben begonnen habe. Ich befinde mich eben in diesem Schreiben, das vorderhand noch nicht versiegen möchte. Einzig mit dem Unterschied, dass das eine oder andere zwischenzeitlich veröffentlicht wurde, jemand gelegentlich darüber spricht oder ich selbst ein paar Worte über das Schreiben verliere.

Im Grunde schreibe ich aber einfach nur (weiter), weil ich nämlich dieses absolute Bedürfnis habe, es zu tun. Das ist der Hauptpfad, den ich ausmachen kann. Das Spiel mit Worten zudem, das Ausdrücken von Stimmungen, für die man de facto gar keine Worte finden kann, weil sie sich in anderen Sphären abspielen, sind weitere Begleiterscheinungen.

Textbasis: Wie viel Zeit verbringst du momentan mit dem Schreiben? Ist dein Schreiballtag durchstrukturiert oder gestaltet sich dein Tagesablauf eher geprägt von kreativen Phasen und Geistesblitzen? Erzähl doch bitte ein bisschen, wie Schreiben und Leben bei dir zusammenkommen.

Joanna Lisiak:
Kreative Pause ist eine schöne, fast diplomatisch anmutende Formulierung, die man auch benutzen kann, um zu rechtfertigen, warum es so viele Schreibpausen gibt. De facto komme ich viel weniger zum Schreiben, als ich das gerne möchte. Ich habe einen Beruf, wie die meisten Autoren, und schreibe in den Randzeiten, sehr oft am Wochenende, wenn ich nichts anderes vorhabe. Würde ich sehr lange nicht arbeiten müssen und nur schreiben können, wäre ich selbst äusserst gespannt, wie viele Schreibprozente ich konsequent aufbringen würde.

Ich schreibe dann, wenn die Zeit stimmt. Ich kenne mich gut und weiss daher, was mich anregt, was ich brauche, um zu schreiben, wann es funktioniert und wann ich mich lieber anderem zuwenden soll. Und die Zeit stimmt sicher auch dann, wenn mich unvermittelt ein Geistesblitz trifft (oder getroffen hat), die Stimmung und Aussicht auf ein paar ungestörte Stunden da ist. Ich spüre gut, wann ich nah des Schreibflusses, des „Flows“ bin. Die Zeit stimmt aber rein theoretisch auch dann, wenn ich viel von dieser Zeit habe, was so perfekt wie prekär sein kann: Ich habe vor gut einem Jahr die Erfahrung gemacht, dass ich zwar viel Zeit, viele aufnotierten Ideen zur Verfügung hatte, jedoch die entsprechende Schreibstimmung nicht aufkommen wollte.

Vom saloppen Wort „Schreibblockade“ wollte ich jedoch nichts wissen, denn das klingt für meine Verhältnisse viel zu dramatisch, ist ein dicker Stempel, den man sich da aufdrückt, und das wollte ich mir nicht antun. Ich wollte nichts deklarieren und mich somit auch nicht paralysieren. Und weil ich sehr diszipliniert bin, habe ich mir vorgenommen in einer unverbindlichen, beinahe meditativen Art und Weise meine Ideen, die sich über die vielen Jahre gesammelt hatten durchzulesen: wieder und wieder. Nach einigen Tagen war ich mittendrin in einer höchst kreativen Phase. Ich erinnere mich gut, dass ich die Initialzündung suchte wie jemand, der zwar die Nadel im Heuhaufen sucht, und nicht von der Idee loskommen will, zu glauben, dass diese Nadel tatsächlich existiert.

Ich hätte auch, wie ich das oft tue, etwas ganz anderes unternehmen können, um dann zurückzukommen auf diese Schachtel mit den Ideen, doch ich wollte es diesmal wirklich wissen und erfahren: Passiert etwas oder passiert nichts, wenn ich einfach dran bleibe? Beharrlichkeit, ein gewisses Selbstbewusstsein und etwas Nonchalance (denn mir war stets bewusst, dass die Welt – auch die meine nicht – keineswegs untergehen würde, wenn ich jetzt kein ordentliches Gedicht zustande bringe) helfen da sicherlich. Was auch nicht schadet, ist, wenn man sich einer solchen Aufgabe, bei der nicht sicher ist, ob sie gelöst werden kann, trotzdem mit einer gewissen Freude, Würde und aufrichtiger Hingabe widmet.

Textbasis: Vielen Dank für diesen offenen Einblick in dein Schaffen. Ich denke, du zeigst sehr eindringlich, wie Kunst immer auch eingebunden ist in den Alltag, gleich wie intensiv man sie lebt und betreibt. – Würdest du dieses bewusste, hingabevolle Vorgehen uneingeschränkt empfehlen oder bist du der Meinung, dass gerade Literatur, die viel mehr für Unterhaltungszwecke geschrieben wird, ungleich pragmatischer vorgehen sollte? Denn – ob dies gut oder schlecht ist, sei dahingestellt – der Wunsch vieler bleibt ja nach wie vor Popularität und reichlich finanzieller Erfolg.

Joanna Lisiak:
Da ich nicht von Popularität oder finanziellem Erfolg getrieben bin, kann ich wenig dazu sagen, geschweige denn Empfehlungen machen. Ich bin aber überzeugt, dass derjenige Autor, der Ruhm und Geld auf dem Radar hat, um die Mechanismen und Hebel, die anzukurbeln sind, weiss, die ihn an sein gewünschtes Ziel bringen. Ein finanzieller Nebeneffekt ist sicherlich fast jedem Autor willkommen, aber für einen echten Antrieb reicht mir das nicht aus. Mich interessiert nicht die Frage, ob eine Literatur für Unterhaltungszwecke, für Geld, für fachliche oder breite Anerkennung gemacht wurde, sondern wie sich der Autor zum Werk verhält. Es ist möglich mit Leidenschaft und tiefer Überzeugung Schund zu schreiben, wie es wahrscheinlich auch möglich ist, vernünftige, ja hochwertige Literatur auf der Basis von Fingerübungen, Fleiss und Disziplin zu machen. Aber noch interessanter als die Frage nach dem Autor oder dem Hintergrund ist doch: Wo ist diejenige Literatur, die für mich gut ist, die mich unterhält, mich anregt, mich wegfegt, die mich überrascht, anrührt, die mehr aus dem Leben macht und somit mehr aus mir? Die Vielfalt der Literatur macht ja deutlich, dass es viele Richtungen, Geschmäcker, Wege des Schreibens und des Lesens gibt. Jeder muss, ob als Autor oder Leser, selbst suchen und sich glücklich schätzen, wenn er etwas gefunden hat, das bei ihm anklingt. Kurz und gut: Jedem das Seine, so oder so oder anders.

Textbasis: Die Sichtweise aus deiner letzten Antwort finde ich sehr erfrischend. Im Prinzip ist es ermüdend, immer den alten Kontrast zu lesen: Kommerz versus Kunst. Du betonst eher das Schreiben an sich und auch das Moment der Selbstfindung, am Ende vielleicht ein bisschen zu wissen, was man will und wie man es am besten erreichen kann. Das finde ich gut, denn Schreiben, ob nun finanziell erfolgreich oder intim und einsam, bleibt doch immer: Schreiben.
Ich bedanke mich sehr für deine ausführlichen und ehrlichen Antworten, Joanna! Ich bin mir sicher, dass sich einige der Ideen und Ratschläge auch in Ihre jeweils eigene Schreibpraxis einarbeiten lassen.

In diesem Sinne: Bis zum nächsten Mal, und bleiben Sie lyrisch!


[Der lyrische Mittwoch, Folge 22] Wiebke Plett und Hanna Scotti – Sommerliebe; oder: Das Projekt „kunstvollaltern“ vorgestellt.

Im Dunkel deines Nabels
versank meine Nasenspitze

Liebe Leserinnen und liebe Leser,

eine ganz besondere Folge des lyrischen Mittwochs erwartet Sie heute nach langer Abstinenz! Gemeinsam mit den Bremerinnen Hanna Scotti und Wiebke Plett möchte ich Ihnen das Projekt „kunstvollaltern“ vorstellen. Die Autorinnen, Dichterinnen und Bildkünstlerinnen rücken das ins Licht, was oftmals dunkel Schatten, zumindest aber Falten wirft: das Altern. Auf ihrer Internetseite, die kombiniert ist mit den Blogs Mundwerkerin und Bildwerkerin, entsteht ein Projekt, welches sie selbst wie folgt umschreiben: „Die Kunst ist das Altern. Sie beschäftigt uns, manchmal lustvoll, manchmal nackt, demütig oder dynamisch – alternativ. Gelegentlich schlingern wir auch in unsere bodenlosen Hautschluchten und stürzen ab. Aber eben nur beinahe.“ Das Altern als Kunst bietet nicht nur Möglichkeiten zur Bewältigung, sondern auch für einen kreativen Prozess hin zu Neuem und dadurch zu einem Verständnis der Generationen untereinander. Denn wo die Hülle als solche entlarvt wird, da will man weiter fragen, mehr über das erfahren, was eventuell schon lang darin und darunter verborgen liegt. Denn beides hängt aneinander, auch wenn es zuweilen weit entrückt scheint.

Doch ganz ohne lyrische Handreiche geht es natürlich auch in dieser Folge nicht, deswegen ist es umso schöner, dass Hanna Scotti Ihr wundervolles Gedicht „Sommerliebe“ unseren Augen als Rauschmittel dargereicht hat. Jedoch, allein auf die Augen zielen diese Verse nicht. Eine Festivität der Sinne, von Würzigem, von Düften, die aus den Buchstaben kriechen, strömt heraus. Vereint im knusprigen Mantel von Erotik und der Exotik des Unbekannten wehen uns Worte so zart wie „Fisch gewürzt mit Anis“ oder so geheimnisvoll wie „Mandeln in saurer / Abschiedsmilch“ entgegen. Das ist eine Reise der Sinne, die Nase vergraben in Haut – und doch immer reich gegen den warmen Wind –

Sommerliebe

iftha ya semsem

Im Dunkel deines Nabels
versank meine Nasenspitze
weit öffnete Sesam deine
Dschellaba aus den Narben
quollen die Düfte der
Kasbah mit Gassen aus
Zitronen und getrocknetem
Fisch gewürzt mit Anis und
Kardamom scharf oder
süß oder bitter wie
Mandeln in saurer
Abschiedsmilch

Porträt Hanna Scotti und Wiebke Plett

Hanna Scotti und Wiebke Plett

Vorgeplänkel:

Textbasis: Bitte verratet mir doch, was „iftha ya semsem“ heißt.

Hanna:
Sesam öffne dich ist die Übersetzung.

Textbasis: Oh, vielen Dank.

Wiebke:
Auch mich öffnet dieses Gedicht – zu Bildern im Kopf und zur praktischen Umsetzung in Digital Art. Hanna und ich ergänzen uns gut : Sie ist eine Frau des Wortes und der Taten, ich dagegen eine Frau des Schweigens und der Taten.
So antwortet Hanna hier in gemeinsamem Sinne. Ich lege dann notfalls von hinten ein Veto ein.

Interview:

Textbasis: Ich freue mich, dass ihr heute zu Gast seid im lyrischen Mittwoch, Hanna und Wiebke. Nun habe ich in der Einleitung schon ein paar Worte zu eurem großen Projekt „kunstvollaltern“ geschrieben. Was ist euch besonders wichtig in all der Kreativität und der Kunst, die ihr darauf verwendet, und wie kam es überhaupt zu der Idee, das Altern und die Kunst zu verbinden?

Wiebke und Hanna:

Altern macht Angst, besonders auch uns. Was tun wir also? Liften, Botox und andere Kleinigkeiten? Neee, Sport also und Veganerin werden! Wir könnten eine Menge Gegenmaßnahmen aufzählen – sterben und uns einfrieren lassen ist auch ein guter Vorschlag.

Über diese Vorstellungen entschlüpfte uns ein unbändiges, sehr lautes (ähem!) Gelächter. Das war wohl nix: Wir essen gern, Sport findet eher beim Fotografieren oder beim Clownsspiel statt und Falten sind hart erarbeitetes Leben. Punkt.

So haben wir das Altern selbst zu unserer Kunst erhoben. Wir sind sozusagen Künstler und Objekt.
Die Kreative in uns beobachtet das sich unentwegt wandelnde Objekt, also uns selbst. Das erfordert ein hohes Maß an Abstraktion, der wir uns aber aufgrund unseres reflektierten Lebens gewachsen fühlen – immer wieder mit Versuch und Irrtum natürlich. Schließlich stecken wir ja mitten drin im Prozess.

Dann setzt die künstlerische Arbeit ein, es wird gedichtet, fotografiert, Videoclips werden gedreht und seit Neuestem auch Musik gemacht, immer mit Fokus auf dem Alterungsprozess und der Gewissheit des Todes.
Wir stellen uns vor, dass diese Haltung auch für andere Menschen interessant sein könnte.

Textbasis: Und mit den „anderen Menschen“ meint ihr eigentlich „alle Menschen“, wenn ich euch recht verstehe. Denn im Prinzip ist das Altern ja ein Prozess ganz unabhängig vom Alter. Würdet ihr das unterschreiben wollen?

Hanna:
Ja, alle Menschen sind gemeint, auch die die sich mit diesem Thema nicht beschäftigen können oder wollen. Das ist ihr gutes Recht. Wir allerdings suchen nach Wegen, diesen Lebensabschnitt im Hinblick auf den demografischen Wandel lustvoll lebbar zu machen. Das bedeutet für uns Solidarität – besonders auch mit den jungen Menschen, wir haben zu diesem „Schlamassel“ erheblich beigetragen –, Bescheidenheit, Verantwortungsgefühl, alles das, was wir uns an ethischen Werten erarbeitet haben, was nicht in einen religiösen Kontext gehört, aber human ist.

Textbasis: In „Sommerliebe“, aber auch im angefügten Bild, wird das Altern gerade nicht als Zerfallsprozess dargestellt, sondern als Sammelsurium von Erfahrungen und dem Herausarbeiten von Charakteristiken, die sich sinntragend über die sichtbare Oberfläche legen. Was zeichnet Kunst im Kontext des Alterns für euch aus, was muss sie schließlich auch leisten können?

Wiebke und Hanna:
Zum einen ist der Prozess des „Tuns“, das Sich-selbst-verlieren im Werkeln, ein zutiefst befriedigender Zustand. Zum anderen ist es uns wichtig, zu lernen: Theorie zur Lyrik (mein Pferdchen unter den Steckenpferden), Theorien zur Fotografie (Wiebkes Lipizzaner) und natürlich alles, was nötig ist, um in den modernen Medien kommunizieren zu können. Dafür danken wir ganz herzlich allen, die uns geholfen haben, im Netz heimisch zu werden. Unser Dank gilt auch den Bäumen, an die wir unsere schmerzenden Rücken lehnen durften und der Stubenfliege, die uns mit ihren Streicheleien zur Pause mahnt und … und …
Matthias Engels und Dir.

Matthias, der unsere Beiträge gelesen und uns einfühlsam ermuntert hat. Er ist wie eine Oase in der vertrockneten Wüste der Beliebigkeiten, besonders im Netz. – Und Dir; dieses wunderbare „Ding“ zwischen uns dreien, dieser Faden zwischen Jung und Alt. Mögen viele, viele ihn finden.

Kunst unterstützt also auch befriedigende Begegnungen und schürt den Kamin, damit das Feuer und die Liebe zum Leben nicht erlischt. Wenn sie dann auch noch überzeugt, kommen wir unserem Ziel – das es gar nicht gibt, wir sind ja auch nur auf dem Weg – deutlich näher.

Textbasis: Ich danke euch für die lieben Worte, und kann beidem nur zustimmen: Ich finde ebenfalls, dass wir einen sehr harmonischen Faden zwischen uns gestrickt haben, worüber ich mich sehr freue. Dass dabei die Kunst aus sich herausgreift und direkt auf das Leben einwirkt, das ist schon etwas Besonderes. Und dennoch entsteht ja Kunst nicht aus dem Nichts. Hanna, du sprachst oben von deinem Pferdchen unter den Steckenpferden, also ganz allgemein von der Theorie. Nun ist ja die Theorie nicht unbedingt immer das Erquickende, nach dem man gleich nach dem Aufstehen lechzt. Wie steht ihr dazu: Nach wie viel Theorie verlangt die Kür in der Kunst – oder sollte die Kunst sich ganz von allem lösen, was sie zu sehr ins Trockene holt?

Hanna:
Frau Meier interessiert sich fürs Stricken, dazu braucht sie Grundfertigkeiten und Fantasie, danach kann sie sich entscheiden, ob sie ihr Leben lang Schals strickt, aufgibt oder lernt, Handschuhe und Socken zu stricken, oder den Faden zu einem „Hinguckerpullover“ verdichten will.
Ich liebe selbst erarbeite Unikate.

Dichtung wird gewöhnlich definiert als die Kunst, etwas in klangvollen Worten auszudrücken, bei der Schöpfungen des Gefühls, der Fantasie und der Einbildung entstehen (nach Toshimitsu Hasumi).
Im Sinne der japanischen Dichtung, der ich mich sehr verbunden fühle, ist sie nichts anderes als der seelische Ausdruck des Lebens in diesem Moment. Außerdem bedeutet poetische Betrachtung in der japanischen Lyrik immer Mit-Wirkung des Lesers, das heißt Mit-Dichtung.

Nun fragt sich hier natürlich der geneigte Leser, die kritische Leserin, was unsere wunderschöne, klangvolle Sprache nun mit Japans Literatur zu tun hat? Bei dem für mich trostlosen Gezerre vieler deutschsprachiger Kollegen, was nun ein Gedicht sei und was nicht, suchte ich einen ganz persönlichen Zugang und fand meine Ansprüche an meine Gedichte in der Tradition asiatischer Kulturen, ohne dass ich meine sprachlichen Wurzeln, mein Denken und Fühlen verlassen musste.

Das Besinnen auf das, was in meistens kurzen Gedichten nicht geschrieben worden ist, also zwischen den Zeilen steht, ist eine Kunst, die ich sehr schätze. Wird nur ein Teil gesagt und das übrige der Vermutung, Einsicht oder eigenen Erfahrungen, also dem Leser überlassen, entsteht ein Miteinander, ein Du. Ich schreibe dann nicht ins Blaue, sondern mein Gedicht wird zu einem Geschenk an Dich, oder an …
Dich? Ja, Dich meine ich.
Ich lasse es frei und du machst damit, was dir gefällt …
Alle Inhalte meiner Texte sind Momentaufnahmen, eine sinnliche Wahrnehmung in poetischer Form zu Papier gebracht.

Meine Gedanken sind hier nur kurz skizziert, um meinen Zugang zur Poesie zu verdeutlichen.(hoffentlich). Dieses „Konzept“ haben Wiebke und ich uns im Laufe der Jahre erarbeitet. Es lässt sich mühelos auf andere künstlerische Tätigkeiten übertragen:

Multikulturelle, möglichst unverstellte Sicht auf diesen Moment, den einzigen, den es gibt (gestern war gestern, und morgen kommt vielleicht nie) und diese Sicht mit wachen Sinnen künstlerisch umsetzen.

Textbasis: Deine Vorstellung von dem, was Kunst ist, wie Kunst und Dichtung für dich und Wiebke funktionieren sind weit weg von der (grauen) Theorie, man könnte sagen, sie sind eher mitten im momentanen Fühlen, das ist ein durchaus reizvoller Punkt, der offensichtlich zu solch intensiven Gedichten wie „Sommerliebe“ führt. Der lyrische Mittwoch soll neben den Einblicken in die Werke und Vorstellungen seiner Autorinnen und Autoren aber immer auch über den kreativen Prozess aufklären. Er soll Eigenheiten zeigen, wie Kunst entsteht, wie sich Schaffen und Schreiben mit dem Leben verbinden. Deswegen an euch die Frage: Wie gestaltet sich euer Kunst-Alltag, wie entsteht bei euch, was am Ende zu Kunst wird?

Wiebke und Hanna
:
Mit dieser Frage zerrst du an unserer Achillesferse. Es war ein langer schmerzhafter Prozess, die vielen Rollen einer Frau aus Kinder – Küche – Kirche herauszuschälen, nach Wichtigkeit zu ordnen und uns dann auch noch das Recht zuzugestehen, dieses „Projekt“ des kunstvollen Alterns an die erste Stelle zu setzen. Das akzeptiert das Umfeld nur sehr schwer bis gar nicht, da trennen sich manchmal Familienbande und Freundschaften sehr schmerzhaft. Aber das Leben ist eben ein ununterbrochenes Abschiednehmen und Sterben. So üben wir uns in diesen Disziplinen; und Generationen können sich aneinander reiben.

Das hätten wir gerne:
Der letzte Atemzug, Künstler jeden Alters und Genres (auch Lebenskünstler sind eingeladen ) um uns herum, zu Füßen spielende Windhunde und hoffnungsvolle Säuglinge … Naja, Humor und ein bisschen Bitterkeit müssen eben auch sein.

Einen richtigen Alltags- und Arbeitsrhythmus haben wir nicht. Wir tun, was dran ist: Salat schnipseln, Fotos bearbeiten und nicht zu vergessen, immer aufs Wohlbefinden achten. Da hilft Meditieren, Shakuhachi und Didgeridoo üben. Wir können uns das leisten, nicht unbedingt immer finanziell, aber Zeit und Raum stricken wir selbst.

Wiebke:
Bis hier her habe ich alles abgesegnet und Kaffee getrunken. Hanna schreibt nämlich auf meinem PC, ihrer ist – wie so oft –nicht einsatzfähig, er ist so alt und voller Flausen, wie sie selbst. Ohne mich würde sie in den Himmel steigen oder platzen, wir sind das beste Team der Welt.

Textbasis:
Wohl dem, der solches von sich sagen kann! Was zeichnet denn das beste Team der Welt noch so aus? Natürlich auch vom künstlerischen Standpunkt her gesehen: Wie fließen die Inspirationsströme? Nebeneinander her und ins gemeinsame Delta, oder als reißender Strom, sprudelnd aus gemeinsamer Quelle?

Wiebke:
Hannas beschriebenen Zugang zur Gestaltung und Einordnung unserer Kunst will ich ein wenig relativieren. Wir kennen uns seit zwanzig Jahren und haben nie nachgelassen, an unserer Beziehung zu basteln. Das erfordert eine intensive Auseinandersetzung mit der „Liebe“ und der Entdeckung, dass sie sich im Laufe des Lebens loslöst von bürgerlichen Moralvorstellungen und Eingrenzungen, auch von sex and drugs an’ rock ’n’ roll. Die genitale Fixierung löst sich auf und gestattet ein zärtliches Miteinander und Vertrauen.
Nur vor diesem Hintergrund sind solche Gedichte wie „Sommerliebe“ oder meine Karikaturen von uns selbst möglich.

Inspirationsströme: Sie fließen oder sie fließen nicht, sie reißen mit oder nicht, wie bei allen Menschen. Bei Künstlern fällt das einfach mehr auf, wenn die Quelle grad’ trocken ist.
Wir stellen fest, je älter wir werden und je breiter der Strom der Akzeptanz allen Lebens fließt, umso freier fühlen wir uns – auch mit unserer Kunst.
Ach, klingt das genial!

Heute Morgen suchte ich verzweifelt meinen Schlüssel, ich hatte einen Arzttermin, Hanna hatte Kopfweh und keine Lust zu nichts, und die Sonne schien.

Textbasis: Liebe Wiebke, liebe Hanna, für eure ehrlichen und offenen Worte bedanke ich mich. Schon oft sind Künstler sehr persönlich geworden im lyrischen Mittwoch, doch euer offener Appell an die Freiheit der Kunst: Der Freiheit, frei zu sein von kleinlichen Prinzipien und frei zu sein von den damit verbundenen Vorurteilen, ist eine Liebeserklärung von allen Seiten betrachtet: an die Liebe selbst, die Kunst selbst, an ein Miteinander ohne Schranken. Zwar nicht wirklich sex and drugs an’ rock ’n’ roll, wie Wiebke schon schrieb, aber doch ein Revival der der 68er, etwas moderner vielleicht, nicht minder ehrlich und um die Dimension des Alterns erweitert. – Ich wünsche euch, dass das Projekt „kunstvollaltern“ viele anspricht und näher zusammenbringt, wie es auch schon uns näher zusammengebracht hat. Auf die Zukunft! Schön, dass ihr heute dabei wart; und nun bitte alle einmal hier entlang zum: kunstvollaltern.

Bis zum nächsten Mal, in alter Frische – und bleiben Sie lyrisch!


[Der lyrische Mittwoch, Folge 21] Arnd Dünnebacke – Ich war hier

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

herzlich willkommen zum lyrischen Mittwoch. Als Gast darf ich heute den im Sauerland geborenen und aufgewachsenen Lyriker Arnd Dünnebacke begrüßen. Er absolvierte eine Bäckerlehre und experimentierte im Bereich Bewusstseinserweiterung. Derzeit bewegt er sich, neben seiner dichterischen und schriftstellerischen Tätigkeit, „als Faktotum durch die bundesrepublikanische Arbeitswelt“. Seine Gedichte wurden bisher in verschiedenen Anthologien und Literaturzeitschriften veröffentlicht, 2012 erschien zudem sein erster Gedichtband mit dem Titel „Glück ist ein brennendes Flugzeug“. Der Nachfolgeband wird noch dieses Jahr erscheinen, der erste Roman befindet sich im Entstehen.
In seinem Gedicht „Ich war hier“ blicken wir hinein in den Alltag. In klaren und deutlichen Worten ruft dort ein Film-Asteroideneinschlag die alte Frage nach dem Sinn des Seienden hervor. In einer Abendbrot-Unterhaltung, zwischen Bier, Fernseh-Nachrichten und den Simpsons, klingt die Antwort darauf ebenso vertraut wie verständlich: Nicht in Rechtfertigung und falschen Idealen, sondern in der Zufriedenheit, dass es alles überhaupt gegeben hat, müsse der Sinn liegen. Befreit von engenden Vorstellungen, vollkommen aufgehend im Jetzt jeder Situation, verbreitet sich Glücklichsein, das von der Fernsehcouch ausschwärmt ins Allgemeine und zu einer beruhigenden Sicherheit wird –

Ich war hier

Etwas Unsterbliches vollbringen,
wie Beethoven oder Fante oder Rodin,
Neil Armstrong oder Sophie Scholl –
ist es nicht diese Aussicht
auf die Unsterblichkeit einiger
weniger, die uns diesen Marathon
aus Einkaufszetteln und Liebe
und Totgeburten und Fettflecken,
Spritpreiswahnsinn, Krebs
und Sex und Schlachthöfen
und Rosen und Jahreszeiten
durchhalten lässt?

»Willst du noch was?«
fragte Helena aus der Küche,
als ich vom Sofa aus
durchs Vorabendprogramm
zappte und auf N24 hängen
blieb, dem Sender,
wo mindestens zehnmal
am Tag die Welt unterging –
atomare Supergaus,
Menschheit ohne Öl,
Monsterwellen
und Asteroiden
so groß wie Hamburg.
»Bring mir noch’n Bier mit«,
rief ich zurück und dachte,
hm, von ‘nem Kühlschrank
ohne Bier ham sie noch
nie berichtet – die wirklich
naheliegenden Katastrophen
sparten sie einfach aus.

»Hier«, sagte sie
und stellte die Flasche
neben ihren Salat.
»Oh nee, Tjaden, komm,
schalt um. Das geht mir
echt auf die Nerven …«
Der Asteroid schlug grade
im Atlantik ein und
entfesselte einen
Riesentsunami, der auf
New York losfetzte.
Na gut, dann halt Springfield,
wo Homer und Bart ihre
katastrophentauglichen
Talente testeten.

Ich machte das Bier auf
und schaute in unser
Bücherregal, das unter
unzähligen Romanen und Kunst-
und Gedichtbänden ächzte.
»Suchst du was?«
»Nee. Ich überlege nur,
was wäre, wenn wirklich
morgen so’n Ding
auf die Erde plumpst
und hier mit einem Schlag
die Lichter ausgingen …
Was wäre all das dann
wert, was komponiert
oder gemalt oder
geschrieben wurde?
Was für einen Sinn
hätte es gehabt?«

Sie spießte ein Stück
Tomate mit Feta auf die Gabel,
schob es sich in den Mund
und kaute.

»Es war da«, sagte sie schließlich.

Und da ging mir zum ersten Mal auf,
dass eigentlich überhaupt
nichts schiefgehen
konnte.

Arnd Dünnebacke

Arnd Dünnebacke (Bild: Studio Seikel, Hanau)


Textbasis:
Ich freue mich, dass du heute beim lyrischen Mittwoch dabei bist, Arnd. Auf deiner Internetseite kann man den „Klassiker des Monats“ lesen. Dort veröffentlichst du ältere Gedichte von dir „aus der Zeit, als der Dünnebacke die Abartigkeiten und Wunder des Lebens noch in Reime drechselte“. Was hat sich verändert, warum reimst du nicht mehr?
Arnd Dünnebacke: Na ja, ab und zu reim ich mir schon noch was zusammen, das ist dann aber eher ‘ne Fingerübung oder aus Langeweile oder Lust an der Freude. Als ich vor knapp zwanzig Jahren mit dem Schreiben anfing, und das in einem, sagen wir mal, etwas bildungsfernen Milieu, waren die Texte der Rockbands, die ich hörte, die einzige Orientierung, also schrieb ich zunächst Songtexte, die ja üblicherweise in Reimen verfasst sind, ohne dass ich auch nur ein Instrument spielen, geschweige denn singen konnte. Zu Beginn meiner Bäckerlehre besorgte ich mir dann eine E-Gitarre, merkte aber relativ schnell, dass meine Motivation sich aufs Schreiben begrenzte. Ich verkaufte die Gitarre und begab mich auf die Suche nach etwas, was mich voranbringen würde.
Ich fand es schließlich bei Heine, Fontane, Nietzsche, Baudelaire, Borges, Kästner, Kafka, Trakl, Jim Morrison und Rimbaud. Rimbauds „Eine Zeit in der Hölle” war denn auch mein absoluter Augenöffner, zumal ich mich schon einige Zeit vorher mit diversen Drogenexperimenten an die Entregelung aller Sinne gemacht hatte. Was mir jetzt noch fehlte war, aus diesen Kinderschuhen rauszukommen, die mich immer noch in das Korsett der Reime zwangen. Ein paar zaghafte Versuche gab es, ja, aber letzten Endes fiel ich immer wieder in das alte Muster zurück. Bis ich 2005 mit meiner Frau vom platten Land in die Stadt zog und Bukowski in die Finger bekam.
Hatte mir Rimbaud einst klargemacht, was ich bin, hier war einer der mir zeigte, wie ich es sein konnte. Wohlgemerkt, wie ich es sein konnte, nicht wie Bukowski es war. Na, und von da an schrieb ich, wie ich mir immer gewünscht hatte zu schreiben. Und das war’s dann mit den Reimen. Was ich aber auf keinen Fall abwertend meine – ich denke heute noch, dass ich damals ein paar außerordentliche Dinger rausgefetzt habe, und für ein gut gereimtes Gedicht, das in sich stimmig ist, bin ich nach wie vor zu begeistern.

Textbasis: Der Weg dahin ist interessant, bis du so schreiben konntest, wie du es dir gewünscht hattest: Fontane, Nietzsche und Kästner … Aber natürlich: Mit Rimbaud und Bukowski erfährt das Ganze eine drastische Öffnung. Wie hast du gemerkt, dass du einen Punkt erreicht hattest, an dem du bei dir selbst angekommen warst? Steht dann plötzlich auf dem Papier, was man sagen wollte; oder eher das Gesagte, genau so wie man es sagen wollte?
Arnd Dünnebacke: Bei mir selbst ankommen möchte ich eigentlich nie. Wo bliebe da der Spaß, wenn ich nicht jeden Morgen erwachte und mich fragte: Was jetzt? Nur wer hungrig und neugierig bleibt, stellt Fragen; wer Fragen stellt, sucht nach Antworten; und wer auf der Suche ist, befindet sich auf dem Weg. Das ist ja schon mal die halbe Miete. Und irgendwann auf diesem Weg ergab es sich eben, beziehungsweise hatte ich es mir erarbeitet, dass ich das, was ich zu sagen habe, genau so sagen kann, wie ich es sagen will. Schließlich schreibe ich den Text, und nicht umgekehrt. Ich hatte damals ja keine konkrete Vision meiner Schreibe oder sonst irgendeinen blassen Schimmer. Ich wusste nur, dass ich schreiben wollte, wie ich es wollte, und nicht wie ich es mir angelesen hatte, also auf keinen Fall bis zur Ewigkeit in ABAB. Und da waren Bukowskis Gedichte genau der passende Schlüssel zur richtigen Zeit. Klar, meine ersten Gedichte im neuen Schaffensrausch waren ein unsäglicher Abklatsch des Dirty Old Mans, doch ich streifte diesen epigonalen Mantel schnell wieder ab und schuf mir eine neue, und zum ersten Mal auch eine eigene Identität als Schriftsteller. Und dass ich zuerst die Klassiker statt Bukowski gelesen hatte, war dabei sicher ganz hilfreich.

Textbasis: Heißt das, zu viel oder nur Bukowski lesen berge (Stil)Risiken? Das Klischee des „saufenden Genies“ – zumindest dessen Nachahmung – scheint ja nicht mehr allzu viel Aufsehen erregen zu können.
Arnd Dünnebacke: Das ist wie mit Kochbüchern: Wenn ich immer nur Fleischrezepte durchstöbere, werde ich kaum je ein ausgewogenes, pfiffiges Essen zusammenbringen. Wer sich jedoch auf Dauer den Besuch vom Leib halten will, der mag das gerne so halten.

Textbasis: Damit dir der Besuch nicht ausbleibt, tischst du bald schon wieder auf. Im September dieses Jahres soll „Gehobene Wohnlage“ erscheinen, der Nachfolger deines 2012 veröffentlichten Lyrikbandes „Glück ist ein brennendes Flugzeug“. Die Titel beider Bände klingen programmatisch, verfolgen sie auch ebensolche Ziele? Oder allgemeiner: Was passt eigentlich alles in einen Lyrikband rein?
Arnd Dünnebacke: Wenn es überhaupt ein Ziel gibt dann das, die Dinge, die mich bewegen oder denen ich begegne, so schnörkellos wie möglich wiederzugeben. Wie gesagt, ich komme aus und lebe immer noch in sehr einfachen Verhältnissen, und das werde ich weder vergessen noch jemals zu kaschieren suchen, denn das ist das, was mich geprägt hat. Und genau in dieser Einfachheit, oder auch im scheinbar Banalen, findet sich fast immer ein überraschender Aha-Effekt, etwas völlig Ungekünsteltes und Direktes, das kein Abitur oder Studium voraussetzt, um es zu begreifen – die Annäherung an die Antworten auf Gott und Tod und Liebe bedarf keiner philosophischen Standardwerke oder hochtrabenden Verse, sondern Herz und Augen und Ohren, die man auch als solche benutzt.
Leider ist diese Tatsache bei den großen Verlagen inzwischen völlig hinten runtergefallen, und dann wundern die sich, dass sie selbst die paar veröffentlichten, bis zum Kotzen verkopften Gedichtbände kaum unters Volk kriegen und machen einen „Erledigt”-Stempel unter die Lyrik, während ihre wenigen verlegten Dichter wie aufgeblähte, vertrocknete Kröten in ihrem Elfenbeinturm hocken und darauf warten, dass ihnen Gott auf die Schulter klopft. Und ja, das ist wohl auch noch ein Ziel, wenn auch ein hehres: Die Gedichte wieder da hinzubringen, wo sie hingehören – unter die Menschen, die sind wie du und ich.
Natürlich weiß ich, dass es da eine Menge elitärer Widerstände an den großen Schalthebeln gibt, die das, was ich schreibe und wie ich es schreibe, als Gedicht vollkommen ablehnen. Ein Alt-68er zum Beispiel, der sich außerordentlich darin gefiel mir seinen Doktortitel in Germanistik unter die Nase zu reiben und einen Bauern wie mich nach Strich und Faden auseinander nehmen wollte, fragte mich einmal nach meiner Definition des Gedichts, worauf ich antwortete: „Ein Gedicht ist … einen Augenblick mit der größtmöglichen Intensität zu durchleben, um ihn dann loszulassen und weiterzugeh’n …” Ich fand diesen Mensch in seiner Überheblichkeit einfach nur arm, aber das er mir das abgerungen hat, dafür bin ich ihm beinah dankbar. Denn genau das macht ein gutes Gedicht aus – die Intensität des Augenblicks und die Erkenntnis, die man daraus zieht. Und alle Texte, die diesem Kriterium entsprechen, passen auch in einen Gedichtband.

Textbasis: Das war eine direkte Ansage. Dennoch, meine ich, sind auch für das unverstellte und schnörkellose Wiedergeben des Erlebten ein gerüttelt Maß Fingerspitzengefühl und Beobachtungsgabe notwendig. Dazu braucht es natürlich kein Abitur oder Studium, aber Talent zum Schreiben sollte schon vorhanden sein. Oder würdest du so weit gehen zu sagen, dass die Qualität nur eine zweitrangige Rolle spielt, solange überhaupt geschrieben wird?
Arnd Dünnebacke: Nein, überhaupt nicht, denn ohne ein Mindestmaß an Talent sowie Beobachtungs- und Auffassungsgabe sollte man sich wohl besser ein anderes Betätigungsfeld suchen. Und, um Himmelswillen, ich wetter doch hier nicht gegen Bildung und geistiges Fortkommen, ganz im Gegenteil. Die Möglichkeit sich nach eigenem Ermessen weiterzubilden ist die beste Errungenschaft, die ich mir vorstellen kann. Die Frage ist halt nur, was man daraus macht.
Und da, finde ich, haben die großen Verlage, die ja nun definitiv nicht von Bäckern und Friseusen geleitet werden, was die Lyrik betrifft, absolut versagt. Ich meine, les dir das Zeug mal durch, was Suhrkamp & Co auf den Markt schmeißen, da möchte der durchschnittliche Mensch doch an die Stirn des Dichters klopfen und sagen: „Hallooo, mein Freund, ‘tschuldige, aber ich bin hier draußen!
Die schreibende Zunft beschwert sich sehr gerne darüber, dass gegen PlayStation, Social Media und Privatfernsehen kaum noch ein Kraut gewachsen sei. Vielleicht aber beginnt es damit, gerade den Teenies, den potentiellen zukünftigen Lesern, klarzumachen, dass auch Goethe manchmal einen gelben Fleck in der Hose hatte, und das echte Poesie zum Anfassen ist und so real wie ein Sonnenaufgang oder Krebs oder die Pille danach. Ich bin überzeugt, es gibt noch einen ganzen Haufen von außerordentlichen Dichtern, die auch von den Kids verstanden und verschlungen würden, wenn man den Dichtern und den Kids eine Chance gäbe. Macht aber kaum einer mehr, und das Wenige, was von der Lyrik wahrgenommen wird, bleibt ein weißgekacheltes Luxusscheißhaus ohne Kratzer, Punkt und Komma. Aber warum eigentlich, wo sich doch alles um Gewinnmaximierung und Dividenden dreht? Ein Gerät, das nur mit Suaheli-Kenntnissen zu bedienen ist, tausch ich ja auch um oder schaff’s mir gar nicht erst an – und im TV läuft ein Realityformat nach dem andern: Richter, Gärtner, Kontrolleure, brüllende Ehemänner, keifende Mütter, tollwütige Teenies, schreiende Alkoholiker, wimmernde Weicheier und Schrotthändler und Maler und Lackierer, Abrissbirnen, Schiffsfriedhöfe, Panzerfriedhöfe, Flughäfen, Braunkohlebagger und die größten Burger der Welt, die die Werbung unterbrechen, diesen Bumerang, auf dessen vergoldete Wiederkehr Millionen verwettet werden – aber Gedichte?  „Igitt! Geh mir bloß weg damit! – oder hier: erzähl’s meiner Hand …
Dabei liegen sie auf der Straße, massenhaft gutes Zeug, dem du das Schwarze unter den Nägeln abringen kannst, das du niemals ganz begreifen wirst, den Schwachsinn, es überhaupt begreifen zu wollen, diesen Zwang, laufend neue Fragen zu stellen und nach Antworten zu suchen, beziehungsweise nach Antworten zu suchen, ohne die richtigen Fragen gestellt zu haben – doch das ist das, was die Leute haben wollen, zu merken, dass du genauso, oder besser noch, ratloser bist als sie selbst, dass du trotzdem nach der Ritze in der Mauer suchst, dabei dieselben Verrücktheiten pflegst, dieselben Qualen leidest, dieselben Zweifel mit dir rumschleppst wie der nächste Mensch.
Und deshalb gingen nach der Lesung vor dieser Hauptschulklasse, die gerade ihren Abschluss machte und deren Schüler sonst höchstens in der Fernsehzeitung blätterten, neun meiner Gedichtbände weg, wobei der Tenor war: „Ah, ach so … so geht das auch? Das ist ja mal geil!” Die Parallelklasse hatte weniger Glück – deren Deutschlehrer wollte sich von mir partout nicht in seine bildungsbürgerliche Pädagogik pfuschen lassen, und was er, vielleicht, bei einem oder zweien, mit Brecht nicht geschafft hat, erledigt dann der große Literaturbetrieb: „Du schreibst Gedichte? Na, danke auch, mir ist schon schlecht genug.“ Gott sei Dank gibt es immer noch so Leute wie Rodrigo Riedrich vom Acheron Verlag, oder andere Kleinverleger, die mit ihrem Idealismus immer haarscharf über dem Abgrund segeln und sich es trotzdem nicht nehmen lassen, Schriftstellern wie mir eine Stimme zu geben. Diese Kleinverleger, dass sind für mich die wahren Retter und Helden des Gedichts.

Textbasis: Harte Worte, aber leidenschaftlich und ehrlich. Die Lesung vor der Hauptschulklasse finde ich beachtenswert. Gerade der Umgang mit Lyrik an Schulen ist ein Thema, das auch mir Kopfschmerzen bereitet. Denn ich sehe es ebenso: Wenn es Brecht und andere große Dichter und Schriftsteller der deutschen Literatur nicht mehr schaffen, gegen den Wust und Schwall minderer Unterhaltung anzukommen, dann müssen andere Wege gefunden werden. Für zukünftige Aktionen wünsche ich dir und allen Verlagen, die den Mut haben, Lyrik zu verlegen, weiterhin gutes Gelingen. Mögen deine Worte viele erreichen, die schwer erreichbar geworden sind. Ich danke dir an dieser Stelle herzlich für das Interview und deine offenen Antworten.
Um selbst noch ein bisschen mehr Lyrik aus der Feder des Autors zu lesen, empfiehlt sich ein Klick auf den folgenden Verweis zur Autoren-Internetseite. Dort finden Sie Leseproben, den Klassiker des Monats, Videos und weitere Informationen über Dichter und Werk. Bis zum nächsten Mal – und bleiben Sie lyrisch.


[Der lyrische Mittwoch, Folge 20] Sophie Reyer – Zuerst

Und sie takten einander die Zeit.
Und sie schlüpfen in die Stillen.

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

herzlich willkommen zur zwanzigsten Folge des lyrischen Mittwochs! Es ist unglaublich, wie schnell die Zeit vergeht und wie viel Bewegung in der Lyrik ist, auch abseits jeder kommerziellen Aktivität. Möge es die poetische Kraft einrichten, dass sie nicht nur im Dunkel eingeweihter Kreise verharren muss, sondern den Schritt zurück auch in die größeren Verlage schafft.

Eine besondere Ehre ist es, Ihnen diese Woche ein Gedicht einer Dichterin und Künstlerin vorstellen zu dürfen, deren Werke schon den schwierigen Pfad aus der Finsternis heraus gefunden haben. Freuen Sie sich bitte auf das Interview mit der in Wien und Köln lebenden Sophie Reyer. Von der Autorin erschienen zuletzt das Prosawerk „Marias. Ein Nekrolog“ (2013), ihr aktueller Gedichtband „die gezirpte zeit“ (2013) sowie die beiden Lyrikbände „binnen“ (2008) und „flug(spuren)“ (2012). Letzterer erhielt noch im Erscheinungsjahr die Buchprämie des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur. Seit 2011 studiert die Autorin, die bereits einen Master in Komposition und ein Diplom in „Szenisches Schreiben“ führt, Drehbuch‑ und Filmeregie. Von Ihr erschienen bereits zahlreiche Theatertexte unter anderem „vogelglück“ beim S.‑Fischer-Verlag. Die beiden letzten Filme der Künstlerin tragen die Titel „dizzy’s pub“ und „stutzflügel“, mit dem letztgenannten wurde sie 2012 zum Zebra Poesiefilm Festival eingeladen.

Schauen wir zuerst aber ein bisschen auf das heutige Gedicht: Wenn man eine Handvoll Würfel auf einen Tisch wirft, befinden diese sich eindeutig beschreibbar in Abständen zu den Tischkanten. Jeder Würfel wird bestimmt durch die Zahl, die er nach oben streckt. So klar die Tatsachen sind, so sinnlos ist diese Scheinordnung des Geworfenseins. – In „Zuerst“ treffen wir anfangs auch auf solch eine unbestimmte Ordnung. Bilder und Wörter greifen ineinander, spannen ein Gitter in der Zeit auf, um die „Menschen“, die „hinein gestreut“ wurden, aufzufangen, sie im Rasanten des Zeitstrahls irgendwie zu fixieren. Nahezu mechanisch greifen „Falten“ und „Ritzen“ nach sich selbst und nach allem, in das sie sich einhängen können. In diesem architektonischen Gebilde aus verhakten Leibern schaukeln alle im Takt jedes anderen. Wir, die Würfel, schreiben uns ganz langsam Sinn zu, „spielen miteinader Vater Mutter Kind“ und „geben einander Wörter“. Eine, unsere Welt entsteht – mit Menschen, denen der Zeitwind noch immer durchs Haar pustet, die jedoch so fest und gefügt verwoben sind, dass die Zeit scheinbar still steht, nur noch im Hintergrund ein bisschen säuselt und dann sogar „leuchtet“ –

Zuerst

:
Zuerst sind so Menschen in die Zeit hinein gestreut.
Und haben Bindehäute zwischen den Händen.
Und glätten einander die Gesichter.
Und ihre Finger umstricken einander, sind Halteseile.
Und sie hören den lispelnden Himmeln zu.
Und entsteigen dem Schweigen manchmal.
Und machen sich auf am Morgen.
Und wissen: Als außen und innen sind sie ineinander verklammert.
Und die Jungen ziehen den Alten die Jalousien ihrer laschen Haut zu.
Und wohnen in den Falten der Alten.
Und die Menschen legen ihre Ritzen ineinander und legen sich gegenseitig schlafen.
Und der Atem des einen ist die Schaukel des Anderen.
Und sie wissen, dass die Toten sich auffächern in ihnen.
Und sie spielen miteinander Vater Mutter Kind.
Und sie wechseln die Rollen.
Und sie rollen über die Hügel der Momente.
Und sie takten einander die Zeit.
Und sie schlüpfen in die Stillen.
Und die Lichter gelieren ihnen die Haare.
Und sie wissen nichts anders als das: Gestuft sein.
Sie fallen zwischen die Spalten der Zeit.
Und sie haben immer die Engels Segel im Kopf, diese schrecklichen Schatten.
Und sie wissen: Gestern hat die Stadt gesungen.
Und morgen wird wieder Mittagessen sein.
Und wenn die Nacht herankriecht, ist der Schlaf eine Koje.
Und sie geben einander Wörter: Ehrenwörter, Sonnenwörter. Gebogene und gebongte.
Bunte, bucklige, gestrickte Wörter. Und karo-gemusterte Wörter. Gemolkene und

milchige.
Zum Frühstück schenken sie einander Lispel Gras und andere Wucherungen.
Und das Aufknacken der Momente ist nicht mühsam.
Und die Drehleier der Gedanken wird ausgelacht.
So sind diese Menschen in eine Zeit hinein gestreut, die leuchtet.

Sophie Reyer

Sophie Reyer

Textbasis: Ich freue mich, dich heute beim lyrischen Mittwoch begrüßen zu dürfen, Sophie, und danke dir für deine Zusage. Wenn man die Eckpunkte deiner Biografie etwas wirken lässt, erkennt man eine strahlende Begeisterung für die Kunst. Ist das bloße Neigung oder verbirgt sich dahinter auch eine Antwort auf die Frage, was die Kunst heute noch bewirken kann, wo sie doch – im Falle der Poesie – nicht einmal mehr von großen Verlagen, geschweige denn von der breiten Masse wahrgenommen wird?
Sophie Reyer: Ehrlich muss ich gestehen, dass diese Begeisterung für die unterschiedlichen Medien einfach so gewachsen ist. Ich habe immer gerne verschiedene Formen, Materialien und Medien ausprobiert. Wen ich damit erreichen kann, darüber habe ich in meiner Naivität nie nachgedacht. Ich war auch viel zu jung, als ich angefangen habe. Mich hat es da einfach hingezogen: Musik, Film, Text, und die Ränder dazwischen, die Überlappungen. Das hat mich fasziniert.

Textbasis: In deinen Arbeiten verbindest du Videokunst, Sprache und Komposition. Bist du der Meinung, dass das Gedicht als gedruckte Wortfolge auf Papier bestehen bleiben wird? Oder öffnet sich auch die Poesie mehr und mehr der Interdisziplinarität?
Sophie Reyer: Wenn man sich den Ursprung der Lyrik ansieht, so kommt der Begriff selbst ja von „Lyra“, Leier, sprich, Lyrik war auch Wort in Verbindung mit Klang und Rhythmus. Das bedeutet, in gewissem Sinne ist die Wurzel der Poesie ja schon „interdisziplinär“, wenn man so will. Ich denke aber, dass doch eine Tendenz besteht, mehr und mehr auch andere Medien wie Videokunst und Live-Elektronik einzubeziehen. Wobei ich diese Strömungen auch nicht in allen Fällen gutheißen würde. Wenn zum Beispiel das Visuelle nur eine Bebilderung vornimmt, der Klang nichts ist als eine breiige Schichte, die unter die Worte geschmiert wird, dann wäre mir selbst das pure Wort lieber, weil ich im Kopf schönere Bilder und Klänge kriege, wenn ich dem puren Wort zuhöre. Interdisziplinarität birgt eine unglaubliche Chance, aber es kommt immer auf die Umsetzung an.

Textbasis: Ich habe das Gefühl, dass sich die Poesie zur aktuellen Stunde in zwei Stränge teilt. Einerseits in den eher traditionellen mit regulären Veröffentlichungen, andererseits in den der Internetveröffentlichungen. Dieses Spannungsfeld scheint mir wichtig für die nüchterne Beschreibung der gegenwärtigen Lyrik. Welche Chancen, welche Gefahren siehst du in dieser neuen Offenheit für das Gedicht?
Sophie Reyer: Ich glaube, ich würde das nicht so streng einteilen. Es gibt auch einzelne wunderbare kleinere Verlage, die sehr spezielle und ganz und gar individuelle Ansätze vertreten und mit ihren Publikationen etwas riskieren. Dass man mit Lyrik nicht reich wird, ist klar, aber deshalb schreibt man ja auch nicht. Oder ich zumindest nicht. Ich sehe in Internetveröffentlichungen dennoch eine große Möglichkeit. Man ist nicht abhängig von einer Lobby, das ist eine überaus wichtige Entwicklung, die eigenständiges künstlerisches Schaffen ermöglichen und dem Künstler selbst helfen kann, frei von Ideologien zu bleiben. Siehe hierzu zum Beispiel auch Elfriede Jelinek, die nur noch im Netz publiziert, was ich für ein wichtiges politisches Statement halte. Auf der anderen Seite birgt dieses neue Medium natürlich auch Gefahren. Jeder kann jetzt veröffentlichen, sich als Autor fühlen, was zu einer Unmenge an Daten und Material führt. Die Verantwortung liegt beim Rezipienten. Wie filtere ich, was mir da entgegen geschleudert wird?

Textbasis: Eine berechtigte Frage, die wohl auch auf Seiten der Leserschaft die Bereitschaft – und die Fähigkeit – zum reflektierten Abwägen und Entscheiden voraussetzt. Für dich und deine Texte haben sich die Leserinnen und Leser unterdessen schon entschieden. Aus deiner Hand sind zahlreiche Veröffentlichungen entwachsen, deine Texte werden gelesen, deine Kunst wird beachtet. Beeinflusst dich das, gibt es Sicherheit oder drängt es sich manchmal auch heimlich hinein in den Schreib‑ und Schaffensprozess?
Sophie Reyer: Natürlich ist das ein ganz großes Glück. Vor allem die Tatsache, dass ich vom Schreiben leben kann – wobei ich auch zum Leben nicht soviel brauche –, gibt mir immer wieder Mut. Aber freilich besteht gleichzeitig ein gewisser Druck, sicherlich auch innerhalb der Szene, immer wieder Neues zu publizieren, große Verlage zu finden und so fort. Davon muss ich mich auch stets frei machen. Das beeinflusst aber mein Schreiben an sich nicht, sondern eher mein Ego. Die Sprache macht dann zum Glück doch immer, was sie will.

Textbasis: Es tut gut, das zu hören, weil es doch aufzeigt, dass der freie Geist, die Sprache, auch in geordneten Bahnen noch ungehindert wirken kann. Wie ist das bei dir, finden die Themen dich oder begibst du dich auf die Suche nach Ideen? Was braucht es, damit du ein neues Projekt beginnst?
Sophie Reyer: Das ist unterschiedlich. Bei „Marias“ hat das Material mich gefunden. Ich hatte eine Freundin, die einen „Frauenwanderweg“ auf den Spuren der Kindsmörderinnen des 17. und 18. Jahrhunderts gestaltet hat, und das Thema wollte mich nicht mehr loslassen. Manchmal begebe ich mich aber auch ganz bewusst auf Recherche; im Moment beschäftige ich mich mit der Situation von Gefängnisinsassen in Guantanamo, und suche da nach einem Ansatzpunkt für die eigene Arbeit. Ich bekomme hin und wieder auch einfach Aufträge. So war zum Beispiel die Arbeit über Kaiserin Elisabeth in der Villa Feldafing etwas, das mir zwei Freundinnen – Augusta Laar und Judith Pfeifer – vorgeschlagen haben. Im ersten Moment dachte ich: „Jemine, dieser Kitsch?“ Aber wenn man tief genug in ein Thema eindringt, kann man überall äußerst spannende Aspekte entdecken.

Textbasis: Im März dieses Jahres ist das gerade von dir erwähnte Buch „Marias. Ein Nekrolog“ erschienen. Es versteht sich als „außergewöhnliche Form profanen Totengedenkens“, wie auf deiner Internetseite nachzulesen ist. Was hat dich letztendlich dazu bewegt, diesen bewegenden Stoff als Buch aufzuarbeiten?
Sophie Reyer: Was an dem Thema so spannend ist, ist die Tatsache, dass wir von den Frauen dieser Gesellschaftsschicht zwischen 1500 und 1800 nichts wissen würden, gäbe es nicht diese „Täterinnen“. Die Geschichtsschreibung war ja eine, die von Adeligen betrieben wurde und sich demnach nur um Adelige drehte. Das „gemeine“ Volk kam nur vor, wenn etwas nicht funktioniert hat. Nämlich dann, wenn zum Beispiel Verbrechen begangen wurden. Diese Gerichtsakten sind das Einzige, was von den Mägden, den Dienstbotenmädchen geblieben ist. Unterschrieben wurden sie – da diese Frauen alle Analphabetinnen waren – mit einem X. Diesen Menschen im Nachhinein eine Stimme zu geben, war mir wichtig. Das war der Ausgangspunkt; dann habe ich begonnen, mich mit dem Thema „Kindesmord“ an sich auseinanderzusetzen, der Medea-Topos hat sich angeboten, die Frage nach der Verbindung von Weiblichkeit und Monstrosität hat sich mir gestellt, et cetera. Es war eine sehr aufreibende und schwierige aber auch wunderbare Arbeit.

Textbasis: Herzlichen Dank für diese spannenden Einblicke in den Entstehungsprozess von „Marias“. Abschließend noch eine Frage zur Form. Du besitzt ein ausgeprägtes Verständnis für Komposition. Lässt sich dieses auch auf Textebene übertragen? Und wenn ja, wie viel bleibt dennoch immer intuitives, freies Gestalten?
Sophie Reyer: Absolut. Wenn man sich ansieht, wie die Wiener Gruppe oder wie Oulipo mit Texten umgegangen ist, so waren das immer kompositorische Prinzipien, die auf das Sprachmaterial angewandt wurden. Strukturelle Prinzipien der Komposition lassen sich wunderbar auf die Sprache übertragen: Wie baue ich Reihen, Listen, Varianten? Das ist die eine Ebene. Aber auch die klangliche Ebene ist eine, die sich in beiden Fällen anwenden lässt. Ich höre meine Texte immer innerlich, höre sie durch, trimme sie so, dass die einzelnen Worte lautlich wie auch rhythmisch zusammen passen. Aber man darf sich nicht zum Sklaven der Technik machen. Sonst werden die Texte zu „gerade“, zu „gebaut“, zu „konstruiert“. Oft ist es so, dass ich einen intuitiven Wurf mache und den als Steinbruch für eine Komposition nehme, ihn in ein strukturelles Gewand einfüge. Oder aber umgekehrt: Ich erlege mir selbst eine Form (zum Beispiel Anagramm, Liste, Zweizeiler et cetera) auf und versuche dann das, was herauskommt, aus dem Korsett seiner Form zu befreien. Das ist immer eine Gratwanderung. Es bleibt wahrscheinlich auch immer ein Versuch. Aber wenn man arbeitet und sich Zeit nimmt, werden die Versuche besser.

Textbasis: Eine sehr schöne letzte Antwort, Sophie, welche die theoretische Begründung auch gleich in Schreibtipps zum Nachmachen übersetzt. Gerade die zweite Variante scheint mir eine besonders reizvolle zu sein, nicht zuletzt deswegen, da ich mir vorstellen kann, dass sie verhältnismäßig selten angewandt wird. Es war wunderbar, mit dir ein Interview zu führen und eines deiner Gedichte vorzustellen; doch auch diese Folge erreicht nun bald Ihr Ende und mir bleibt nicht viel mehr, als dir ein letztes Mal herzlich zu danken, dass du dir Zeit genommen hast, um beim lyrischen Mittwoch mitzumachen. – Mehr, sehr viel mehr Informationen über das Schaffen der Autorin finden Sie auf ihrer Internetseite: www.sophiereyer.com. Und damit Sie schnellstmöglich dorthin navigieren können, ist hier nun Schluss. Bis zum nächsten Mittwoch.