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[Gastbeitrag] Kinder bilingual erziehen – Chance oder Risiko?

Laut wissen.dradio.de hat jedes neunte in Deutschland geborene Kind binationale Eltern und lernt neben Deutsch eine weitere Muttersprache. Doch auch bei deutschen Familien ohne internationalen Hintergrund liegt die mehrsprachige Erziehung derzeit im Trend, da Eltern versuchen, ihre Kinder so früh wie möglich auf unsere immer internationalere Welt vorzubereiten. Diese Entwicklung ist zu begrüßen, dennoch sollte man sich mit dem Thema Bilinguität ausreichend befassen, bevor man sich entscheidet, sein Kind mehrsprachig zu erziehen.

Kann Bilinguität schaden?

In den Sechzigerjahren war man noch der Meinung, dass Bilinguität das Hirn überfordern und dem Kind große Probleme in seiner sprachlichen Entwicklung bereiten würde. Diese Behauptung wurde jedoch größtenteils widerlegt, denn Psychologen betonen mittlerweile, dass es keine Sprachverwirrung oder Verzögerung in der Entwicklung gebe, solang die Eltern keine zu hohen Ansprüche haben und keinen Druck auf das Kind ausüben. Denn sobald das Kind beginnt, durch die zweite Sprache Stress zu verspüren, assoziiert es die Sprache mit etwas Negativem und blockiert. Dies kann in der Tat zu Problemen beim Sprechen und Schreiben führen.

Eine tolle Alternative zur bilingualen Erziehung sind frühe spielerische Annäherungen mit der Fremdsprache oder positive Erlebnisse, die damit verbunden werden. Beliebt sind in diesem Zusammenhang zum Beispiel Sprachreisen auf Englisch, die es mittlerweile für die ganze Familie gibt. Schließlich lernt man eine Sprache nirgendwo so gut, wie in dem Land, wo sie gesprochen wird.

Emotionale Bindung

Aus Angst, das eigene Kind könnte der internationalen Welt nicht gewachsen sein, versuchen auch Eltern, die selbst keine Fremdsprache fließend sprechen, ihre Kinder bilingual zu erziehen. Man sollte sich jedoch vorher genau überlegen, ob man sich als Elternteil in der Fremdsprache wirklich wohlfühlt, denn nur dann kann man sie authentisch vermitteln. Ob die Kinder die Fehler der Eltern annehmen oder nicht, darüber gehen die Meinungen auseinander, doch grundsätzlich ist es gut für das Kind, sich mit mehreren Sprachen zu beschäftigen, auch wenn die Sprache nicht perfekt gesprochen wird.

Viele Erziehungswissenschaftler, darunter beispielsweise Nicola Küpelikilinc, vertreten die Meinung, dass eine emotionale Bindung zur Sprache wichtig ist. Demnach sollten rein intellektuelle Motive möglichst nicht der Hintergrund für eine bilinguale Erziehung sein. Ist der Großvater jedoch zum Beispiel Engländer oder wohnt im Ausland, hat das Kind einen emotionalen und kulturellen Bezug, der das Lernen erleichtert und dieses für das Kind nachvollziehbar macht.

Für eine authentische Vermittlung der Sprache ist es sehr wichtig, dass sie möglichst vollständig in den Alltag integriert wird. Es ist nicht besonders effektiv, wenn man dem Kind wiederholt Dinge sagt wie „‚Spielzeug‘ heißt auf Englisch ‚toys‘!“, schließlich lernen wir unsere Muttersprache auch hauptsächlich dadurch, dass wir Bezugspersonen zuhören, sie beobachten und im Trail-and-Error-Verfahren nachahmen. Aus diesem Grund ist es sinnvoll, dass nur eine Bezugsperson die Fremdsprache spricht und der andere Elternteil die Muttersprache. Natürlich ist es schwierig, dabei konsequent zu bleiben, doch für das Kind ist gerade dies wichtig, um eine emotionale Beziehung zur Zweitsprache aufzubauen. Es ist auch denkbar, dass man beispielsweise nur zu Hause zwei Sprachen spricht und sobald man unterwegs ist, die Muttersprache gesprochen wird. Das Entscheidende ist, dass es Regelmäßigkeit und Konsequenz gibt, an denen sich das Kind orientieren kann.

Erwartungen herunterschrauben

Entscheidet man sich für eine mehrsprachige Erziehung, sollte man sich jedoch vor Augen führen, dass Erfolg nicht vorprogrammiert ist. Es gibt in der Tat viele Beispiele, bei denen sich das Kind weigert, die zweite Sprache zu sprechen oder zu schreiben, und ausschließlich die Muttersprache anwendet, gleich wie es angesprochen wird. Natürlich zeigt das bereits, dass das Kind die zweite Sprache durchaus versteht, sie aber gänzlich nicht anwenden möchte. Dies sollte man als Elternteil akzeptieren und den Gebrauch der verweigerten Sprache auf keinen Fall erzwingen, denn dann entstehen negative Assoziationen, die dem Kind in seiner sprachlichen Entwicklung langfristig schaden können. Oft kommt der Zeitpunkt im Leben des Kindes, an dem es sich bewusst oder unbewusst dafür entscheidet, die zweite Sprache doch noch aktiv anzuwenden. Bis dahin müssen die Eltern Geduld aufbringen und das Kind bestmöglich in seiner individuellen Entwicklung unterstützen.

Weitere Informationen zum Thema Sprachen lernen finden Sie auf der Internetseite: Linguista Sprachaufenthalte.

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