Archiv der Kategorie: Kurze Schreibtipps

[Kurze Schreibtipps #3] Manuskript 2.0, oder: Schreiben, wieder und wieder schreiben

Auf der Internetseite von Jesse Kellerman, eines Autors, dessen Büchern der Verfasser sehr zugeneigt ist, finden sich Schreibtipps für aufstrebende Autorinnen und Autoren. Griffig und bündig kann daraus jeder, der schreibt, etwas in seinen Korb packen. Einen Punkt aus diesem konglomerierten Fundus möchte ich mir für diesen Artikel herausgreifen. Kellermann sagt, dass er seine Texte mehrmals umschreibe, so lange bis er das Gefühl habe, sie könnten nicht mehr besser werden. Er begründetet dies damit, dass heutzutage viele Lektoren und Agenten nicht mehr die Zeit hätten, gemeinsam mit den Autoren Manuskripte aufzuarbeiten, und es wichtig sei, schnell verkaufbares Material zu liefern.

Seine Begründung soll hier nicht näher betrachtet werden, auch ist der Publikationsweg in Amerika ein anderer als in Deutschland, da noch stärker durch die Arbeit von Literaturagenten geprägt. Allerdings scheint mir die Überlegung des Umschreibens eine durchaus interessante zu sein, die sich in die alltägliche Praxis des Schreibens integrieren lässt. (Auch wenn ich für diesen Artikel eher den Aspekt des Erneut-Schreibens hervorheben möchte, also die radikale Variante des Umschreibens)

Dieser Nutzen nämlich erschließt sich gar nicht so unmittelbar, wie man meinen könnte. Denn nachdem ein Kapitel des eigenen Buches – endlich! – verfasst ist, wer verspürt da die Lust, alles noch einmal zu schreiben? Das lässt sich ungefähr mit dem Hochgefühl vergleichen, welches einen beschleicht, wenn das Schreibprogramm versagt, nachdem man gerade den ganz besonders langen und fantastischen Abschnitt geschrieben hatte – ohne zu speichern.

Dennoch. Tief in dieser Unlust steckt ein großes Potenzial. Stellen Sie sich vor, das unschöne Szenario träte ein und Ihre letzten 3000 Wörter wären verloren. – Es nützt ja nichts, man muss wieder an die Sache rangehen, noch einmal alles tippen … Aber hier, genau an dieser Stelle, züngelt der Kreativitätsfunke. Denn wer schreibt, was er schon geschrieben hatte, der schreibt ganz anders, meist besser.

Denn dann ist es so, als schreibe man über ein schönes Erlebnis. Man kennt alle Details schon ganz genau im Vorfeld. Natürlich, die ein oder andere raffinierte Wendung wird für immer verloren sein, aber es wird sicher auch die ein oder andere dazukommen, die vorher nicht stand. – Ist die Unlust erst einmal verflogen, dass man noch einmal tippen muss, dann schreibt man in einem anderen Modus.

Dieser Modus ist ein zur Kreativität hin weit offener, um es etwas technisch auszudrücken. Denn weil man thematisch wiederholt, was man schon weiß, kann man viel präziser die Facetten herausarbeiten von dem, was man eigentlich sagen will. Man kann schon ganz am Anfang dezente Hinweise und Happen einstreuen, welche die Leserschaft erst am Ende richtig zu verdauen weiß. Das macht aus einer Rohfassung einen garen Text, der mundet.

Nun muss es nicht so weit kommen, dass man immerzu seine Texte löscht, nur um noch einmal schreiben zu müssen. Die Hemmschwelle, Geschriebenes noch einmal zu verfassen, lässt sich auch abtrainieren, meist ist sie ohnehin nur hervorgerufen von der Ausrede, dazu gar keine Zeit zu haben. Und das perfekte Mittel zum Abtrainieren sind Erfolgserlebnisse.

Probieren Sie es ein paar Mal aus, schreiben Sie Ihre Texte ein zweites Mal, ein drittes Mal, machen Sie eventuell dazwischen ein paar Pausen, um nicht doch vom Unlust-Faktor gefressen zu werden. Und dann vergleichen Sie die aktuelle Version mit den vorigen Versionen. Sie werden feststellen, dass die letzten Versuche viel mehr Dynamik und Tiefe haben werden als die ersten; und sie irgendwie auch viel besser das ausdrücken, was Sie wirklich schreiben wollten.

Dieses Vorgehen schärft dabei nicht nur Ihr Fingerspitzengefühl und das Gefühl für kreative Stoffgestaltung während des Schreibvorgangs. Es wird Ihre Texte auch für Dritte attraktiver machen, die zwar nicht den langen Weg zum Resultat kennen, die aber vom ausgereiften Ergebnis, vom Manuskript 2.0 angetan sein werden.


[Kurze Schreibtipps #02] Die Abtöner, oder: „Ich war eigentlich wohl irgendwie doch schon zu spät.“

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

auch diese Woche nur ein kleiner Bissen für zwischendurch. Aber zwischendurch bessere Texte zu schreiben hat ja auch seinen Reiz. Oder sollte es heißen: „… hat seinen Reiz.“? Womit wir mittendrin im kurzen Artikel dieses Sonntags wären.

Abtönungspartikel oder Modalpartikel nennen sich die kleinen Wörtchen, die zu Unrecht oft einen schlechten Ruf genießen. Wohl besitzen sie für die Aussage eines Satzes manches Mal die Nützlichkeit einer dritten Schulter („Willst du ein Eis?“ – „Irgendwie schon.“ – „Ja oder Nein?“ – „Sag ich doch: Ja.“). Aber was zählt allein die Satzaussage, wenn es um Lesefluss, Satzrhythmus oder Figurenrede geht?

Denn anhand folgender zwei Punkte, können Sie ganz einfach überprüfen, ob die Verwendung eines Abtönungspartikels gerechtfertigt ist: Verschleiert ein Abtönungspartikel die Verständlichkeit, wo es auf diese ankommt, sollte er vermieden werden („Man nehme so 10 Gramm Salz …“). Dient der Abtönungspartikel jedoch dazu, etwas abzutönen, das heißt etwas auf bestimmte Weise zu sagen, ihm einen persönlichen Anstrich zu verleihen, dann ist er überaus nützlich („Oh nein, ich habe mir das Bein gebrochen. Ein Glück, dass Sie gerade Ihre Doktorarbeit schreiben, wissen Sie nicht, was ich jetzt tun soll?“ – „Das weiß ich doch nicht, ich promoviere schließlich in Betriebswirtschaftlehre!“).

Allgemein gilt: Je wissenschaftlicher der Text, umso weniger Abtönungspartikel, denn umso deutlicher muss die Aussage sein. Dasselbe gilt auch für den Erzähler: Je distanzierter und unauffälliger der Erzähler sein soll, umso weniger Abtönungspartikel sollten verwendet werden. Anders die Figurenrede. Hier kann durch bewussten Einsatz der Abtönungspartikel individuell und nuanciert gestaltet werden. Denn im alltäglichen Sprechen wimmelt es nur so von diesen Modalpartikelchen, im alltäglichen Sprechen Ihrer Figuren darf es das auch tun; achten Sie lediglich darauf, dass Sie nicht ins Belanglose driften.

Wenn Sie sich dieser Unterscheidungen bewusst sind, dann brauchen Sie keine Angst davor haben, zu sehr in die Umgangssprache abzurutschen. Denn Abtönungspartikel sind wirkmächtige Werkzeuge, wenn man sie nicht irgendwie falsch einsetzt.


[Kurze Schreibtipps #01] „Was ist das Geheimnis der Inquit-Formeln?“, posaunte es aus ihm heraus.

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

wieder einmal eröffnet auf dem textbasis.blog eine neue Kategorie, dieses Mal aus rein pragmatischen/zeitlichen Gründen. Denn nur ungern möchte ich mit der liebgewonnenen Tradition brechen, jeden Sonntag zumindest einen kurzen Beitrag zu veröffentlichen.

Lassen Sie uns dem ersten Schreibtipp einen erfundenen Dialog voranstellen:

Die Hasenprinzessin. Dialog aus einem verschollenen Märchen.

„Du bist ein Hase!“, brüllte er freudig zur Tür hereinstürmend.
„Nein … also ich bin doch nicht wirklich ein Hase, oder?“, entgegnete sie ihm irritiert und nachdenklich.
„Naja, kein richtiger Hoppel, aber doch mein Hase“, präzisierte er mit erhobenem Finger.
„Mit viel zu kurzen Ohren aber, also für Hasenverhältnisse“, gab sie ihm daraufhin lachend zu verstehen.
„Ja, die Aussage lasse ich gelten“, ließ er ihre Aussage bejahend gelten.

Irgendetwas passt hier nicht so richtig, und ich bin sicher, dass Sie dieses Gefühl ebenso deutlich beschleicht wie mich. Die direkte Rede ist es nicht, vielmehr sind es die Teile der Sätze, die uns verdeutlichen, welche Person gerade spricht: die sogenannten Inquit-Formeln (zum Beispiel: „… brüllte er …“).

Wenn Sie sich den Dialog noch einmal anschauen, erkennen Sie, dass die gesamte Szene eher einer losen Aneinanderreihung von Comic-Bildern gleicht als einem lebendigen Sprechen zwischen zwei Menschen.

Nun, keinesfalls soll hier mit dem erhobenen Zeigefinger gewedelt werden. Jeder schreibt seine eigenen Texte – und was bei der einen Autorin funktioniert, passt so gar nicht zum Stil eines anderen Autors. Dennoch gibt es Orientierungspunkte, die helfen können, beim Schreiben bewusst auf die eigenen Formulierungen zu achten.

Hauptüberlegung ist folgende: Inquit-Formeln dienen dazu, dem Leser zu verdeutlichen, wer spricht. Punkt. – Und das ist oft ganz klar erkennbar. Auf eine Frage beispielsweise folgt vom Gegenüber meist eine Antwort (und der Fragende wird nicht unerwartet weitersprechen). Der Sprecherwechsel wird im Buch meist durch Zeilenwechsel angezeigt. Auch das gibt dem Leser Anhaltspunkte; zudem sollten Charaktere durch ihre Sprache, die Wortwahl und Gewohnheiten ohnehin unterscheidbar sein.
Das heißt: Genau wie man Satzpunkte beim interessierten Lesen überliest (niemand denkt ständig: „Ah, jetzt beginnt eine neuer Satz … und jetzt wieder …), so überliest man auch Inquit-Formeln irgendwann, denn Sie dienen lediglich der Orientierung im Text.

Daraus folgt: Je auffälliger und ausgeschmückter Inquit-Formeln sind, umso stärker machen Sie auf sich aufmerksam. (Und manchmal werden sie auch absurd: „Ein kühles Bier zu Tisch 3, bitte“, jauchzte er vorfreudig schreiend und hysterisch glucksend dem Ober entgegen.“)

Diese hervorgehobene Verwendung der Inquit-Formeln ist dennoch keinesfalls per se etwas Negatives, aber sie ist etwas, das man sich bewusstmachen sollte beim Schreiben. Denn ausgehend von dieser Überlegung können Sie nun entscheiden: Möchte ich die Inquit-Formel bewusst betonen oder versuche ich, möglichst unauffällig, fließend zu schreiben?
Wenn Sie beim Verfassen auf diese Details achten, dann können Sie ganz leicht zu Texten gelangen, die durch Anwendung simpler Mittel und durch bewusstes Schreiben noch besser werden.

Abschließend eine mögliche Umformulierung des Ausgangsdialogs (da mitunter manch Lektor zu einer solchen geraten hätte):

Die Hasenprinzessin. Dialog aus einem verschollenen Märchen.

Große Schritte eilten durch den Flur und durchbrachen die Stille der Nacht. Näher und näher drangen sie ans Ohr der Geliebten. Und als sie ganz nah waren, drehte diese ihren Kopf und blickte sich um. Dort stand ihr Prinz, etwas außer Atem vom hastigen Steigen.
„Du bist ein Hase!“
Was sollte denn das wieder bedeuten? War er nur deswegen nächtens zu ihr geeilt, um ihr das zu sagen? Oder sollte sie sich wirklich … nein, das gab es doch in der echten Welt gar nicht. Dennoch befühlte sie etwas verlegen ihre Ohren und zog prüfend die Oberlippe ein bisschen nach oben, sodass sich das Weiß des Mondes auf ihren Zahnreihen brach.
„Nein … also ich bin doch nicht wirklich ein Hase, oder?“
Nun schien er ebenso irritiert wie sie. „Naja, kein richtiger Hoppel, aber doch mein Hase.“ –
„Mit viel zu kurzen Ohren aber“, hauchte sie verführerisch, „also für Hasenverhältnisse.“
Ihr Lächeln verwandelte sich in ein sinnliches Lachen, dann lag er neben ihr, fuhr ihr zärtlich durch das lockige Haar, welches ebenfalls den Schein der Luna einzufangen schien. Seine Wange schmiegte sich sanft an ihr Gesicht. „Ja, die Aussage lasse ich gelten.“
Danach löschte sie das kleine Lämpchen auf dem feinen Schrank neben ihrem Bette – und leider zog sogleich auch eine Schar dunkler Wolken vor des Mondes hellen Glanz und vertrieb den letzten Lichtrest aus dem Schlafgemach der Liebenden.