Archiv der Kategorie: Nahdenken!

[Nahdenken! #4] sic!

Herzlich willkommen zum vierten Beitrag in der Kolumne „Nahdenken!“. Kennen Sie das? Irgendwo im Internet, auf der Suche nach einer Information, begegnet es Ihnen, wie ein Gespenst taucht es unerwartet auf und erschreckt sic!

Grauenvoll, wahrlich. Dabei ist die Funktion dieses kleinen Wörtchens ziemlich unschuldig. Denn häufig anzutreffen in wissenschaftlichen Texten, dient es dort als redaktioneller Hinweis darauf, dass ein Zitat originalgetreu übernommen wurde – besonders dann, wenn dessen Inhalt fraglich ist oder sich ein Fehler im Quellentext eingeschlichen hat. Ein Beispiel anhand einer fiktiven Buchbesprechung:

Mex Mastermann stellt in seinem neuen Buch die Lebensgeschichte von Galileo Galilei dar. Sein Schreibstil ist pointiert, seine Thesen herausfordernd. Bleibt zu hoffen, dass sein Einleitungssatz es auch sein soll. Dort schreibt Mastermann nämlich, dass „Galilei zweifelsohne einer der einflussreichsten Astrologen [sic] Italiens und der gesamten Welt“ gewesen sei.

Da ist Herrn Mastermann wohl ein Schnitzer unterlaufen, auf den uns der Autor des oben stehenden Textes hinweisen möchte; denn natürlich war Galilei wohl eher Astronom denn Astrologe. Indem unser fiktiver Autor also seinen Lesern mitteilt, dass Herr Mastermann einem Fehler erlegen ist, so muss jener sich doch selbst absichern, dass nicht er den Fehler durch gedankenloses Zitieren oder dergleichen verschuldet hat. Also schreibt er korrekterweise ein [sic] mit in das Zitat. – Lassen Sie uns da ein bisschen genauer hinschauen.

Zitate werden im Wortlaut wiedergegeben. Und immer, wenn man etwas daran ändert oder hinzufügt, verweist man darauf mit Anmerkungen, die man in eckige Klammern setzt:

Gierig fraßen sie [die Geier?, Anm. d. Verf.] das frische Cowboyfleisch.
oder
Ich möchte Ihnen in den folgenden 20 000 Wörtern kurz schildern, wie ich eines Tages fortging […] und am Ende feststellen musste, dass ich mein Portemonnaie vergessen hatte. Danke für Ihr Interesse.

Die erste Anmerkung in eckigen Klammern zeigt dem Leser an, dass das, was in den Klammern steht, nicht zum Zitat gehört, sondern von der Verfasserin, der Zitierenden, ergänzt wurde. Die zweiten eckigen Klammern weisen durch Auslassungspunkte darauf hin, dass ein Teil vom Zitat weggelassen wurde. Also kurzum, die eckigen Klammern sagen immer: Hier hat der Autor, der zitiert, etwas mit dem ursprünglichen Zitat gemacht, er hat es auf irgendeine Art bearbeitet.

Kommen wir aber nun zum eigentlichen Thema, zum sic. Sic stammt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie: so. Demnach lässt sich das [sic] oben im Buchbesprechungstext etwa folgendermaßen lesen: „Diese Formulierung findet sich so im Original und stammt nicht von mir, der ich dieses Zitat zitiere“ oder kürzer „So steht es dort“. Daran ist bis jetzt nichts Seltsames oder Unübliches, so wird zitiert. Einen etwas gespenstigen Twist bekommt die Sache allerdings, wenn man auf Verwendungsweisen wie [!] oder [sic!] trifft.

Sicher, es gibt keine Vorschrift, die sagt: „So musst du, und das geht gar nicht!“ Deswegen finden sich in wissenschaftlichen Texten auch alle drei Varianten. Allerdings möchte ich die Frage stellen: Wie soll man [!] oder [sic!] am besten lesen? Oben bereitete das bei [sic] keine Schwierigkeiten, es steht für „So steht es dort“. Wie aber bei [!]? Soll man da im Geiste lesen „Ey!“, „Achtung!“ oder „Is’ so!“? Und bei [sic!] etwa „So steht es dort, wirklich, glaub mir!“? Wohl kaum, denn das erste wirkt aufdringlich, das zweite unglaubwürdig.

Darum wird hier für die Schreibweise [sic] plädiert, denn sie ist schlicht und elegant. Die eckigen Klammern zeigen an, dass auf etwas im Zitat hingewiesen werden soll, und sic präzisiert, dass es im Original genau so geschrieben steht, wie es zitiert wurde. Soweit zur Verwendung in wissenschaftlichen Texten. –

Doch findet sic, wie mir scheint, auch mehr und mehr im alltäglichen Bla-Blub-Schreiben Verwendung. Formulierungen wie „Da bin ich gestern voll besoffen (sic!!!) noch mit dem Auto nach Hause und hab die Karre voll in den Baum geparkt, scheiße!“ verdeutlichen es unzweifelhaft. Woher aber dieser Hang zu jenem ursprünglich redaktionellen Auszeichnungsvermerk? Man ahnt die Katastrophe …

Dass im Slang etwas als „krank“ bezeichnet werden kann, ist bekannt. Es ist dann in etwa „abgefahren“. Auch dass viele Anglizismen im Deutschen verwendet werden, ist nichts Neues. Sachen sind (gefühlt) schon immer „cool“ oder „abgespact“ gewesen (zu: „abspacen“ …) Warum also nicht die phonetische Ähnlichkeit bemühen und das kleine sic zum großen wilden Ausruf „Sick!“ transmutationieren und es der Abgespactheit halber in ursprünglicher Schreibung verwenden? Wirkt ja doch cool irgendwo – und die eckigen Klammern sind sowieso irgendwie komisch und irgendwarum viel zu umständlich auf der Tastatur einzugeben. Und noch paar Ausrufungszeichen extra passen eh immer. „Damit ist es [sic] dann angerichtet, der Salat.

Bis zum nächsten Mal!


[Nahdenken! #3] Weltbuchtag 2013: Buch, E-Book und Floppy Disk

Welttag des Buches 2013 Logo

Welttag des Buches 2013

Nicht nur, wenn es um die Wurst, auch wenn es ums Buch geht, scheint das Interesse der Menschen ungebremst und allen Entwicklungen zum Trotz nicht niederringbar zu sein. Am 23. April war es wieder soweit: Der Welttag des Buches und des Urheberrechts, kurz der Weltbuchtag, beglückte Bibliophile und Lesefreunde mit vielen Aktionen und unzähligen Artikeln in den Nachrichten, den Zeitungen und auf den Blogs. Auch der textbasis.blog gratuliert da natürlich dem Vielseitigen in ungestümer Euphorie: Juchheirassa! Hurra! Lang soll es leben! Judihui und Holdrio! [An dieser Stelle bitte ich Sie, sich ein effektvolles 3D Feuerwerk vorzustellen – die Einbindung von Pyrotechnik via HTML gestaltete sich schwieriger, als erwartet.]

Die letzte Rakete hat ihre Farben versprüht, das Nachhallen der Explosion wird immer leiser, die letzten Ahhs und Ohhs verfliegen langsam. Und doch möchte ich Sie bitten, noch ein bisschen mit den Gedanken im Himmel zu verweilen. – Denn flogen in den Tag-Clouds, den Wortwölkchen, vergangener Jahre Wörter wie „Seite“, „Papier“ oder „Einband“ um das zentrale Schlagwort „Buch“, so hat sich langsam das ehemals umkreisende Wörtchen „Text“ in die Mitte der Wolke gedrängt. Und um es herum schwirren nun in direkter Nachbarschaft nicht etwa wieder „Seite“, „Papier“ oder „Einband“, sondern „Text“ wird umwirbelt von „Buch“, „E-Book“, „Book-on-Demand“, „Self-Publishing“, „Start-Up“ und vielen anderen. Gerafft also: das Buch ist zum beiläufigen Schlagwort geworden, der medienneutrale Text hat sich im Zentrum positioniert. Das ist keine neue Erkenntnis, die noch nie gesehen wurde, natürlich nicht, denn zu keiner Zeit war jeder Text ein Buch, aber sie verdeutlicht: Das Buch hat es derzeit schwerer, denn Texte werden nicht mehr automatisch zu Büchern, nicht mehr zu Druck-Erzeugnissen.

In der Kolumne Nahdenken! werden die Sachen an den Hörnern geschüttelt, deswegen: Der Text hat das Buch schon lang nicht mehr nötig! Im ersten Nahdenken!-Artikel ging es bereits um das Thema Lesen, der heutige Artikel schließt direkt daran an. Ganz einfach formuliert: Wenn es nur darum gehen würde, dass Texte gelesen werden können, dann müsste nie wieder ein Buch gedruckt werden. Durch Internet, Vernetzung und Online-Bereitstellung, durch E-Book-Reader, Smartphone-Apps und nahezu ortsunabhängigen Datenzugriff könnte jeder Text beinah immer zugänglich gemacht werden. Betrachtet man es so, verwundert es in gewisser Weise, dass überhaupt noch Bücher gedruckt werden, dass es noch Menschen gibt, die ihren Lebensraum mit Gedrucktem in riesigen Bücherregalen verkleinern. – Sie spüren schon, diese Herangehensweise birgt in sich etwas Seltsames. Denn wie die Realität auch ist, so ist sie nun auch wieder nicht – und der Weltbuchtag heißt auch noch immer Weltbuchtag und  nicht Welttexttag.

Woher kommt es also, das Festhalten am Buch? Wären die Menschen Computer, welcher PC würde schon lieber die Floppy einwerfen, als den Download-Button anzuklicken? Wären wir Computer, dann würde es nicht verwundern, wenn das Buch als haptischer Informationsträger schwarzgekleidet zum letzten Gang aufgebrochen wäre. Aber, und das verdeutlich nun die rege Beteiligung am Weltbuchtag gerade wieder eindrucksvoll, das Buch scheint kein Schwarz zu tragen, es scheint in knallbunten Farben durch den Sommer zu spazieren. – Mit dem Online-Banking kann man die Sache nur schwerlich vergleichen. Denn auch da fand eine Auflösung statt, oft muss man nur noch eine kleine Plastikkarte mit Magnetstreifen in einen ebenfalls kleinen Computer schieben und schon ist das Geld weg. Wahrlich möchte ich keinesfalls den Numismatikern zu nahe treten, aber ich könnte mir vorstellen, dass ein Weltmünztag nicht die Begeisterung wie ein Weltbuchtag hervorriefe. Ich denke, dass viele Menschen froh darüber sind, nicht mehr alle Zahlungen mit Bargeld abschließen zu müssen, und auch der vollständigen Ablösung des Münz- und Scheingeldes nicht mit Rage und Ablehnung begegnen würden.

Darum also müsste das Buch eigentlich verschwinden, aber warum tut es das dann doch nicht? Denn obwohl der Mensch den Wegfall des Physischen (wie im Falle des Geldes) nicht immer bedauert, so ist er doch nicht Maschine durch und durch, nur auf effiziente Informationsverarbeitung bedacht. Denn was der KI abgeht, das ist die „Bibliophilhedonie“, weniger schwülstig: der Genuss am Lesen, die Ästhetik der Information, der Lustgewinn durch Unterhaltung. Bei Bildern stellt sich die Frage seltsamerweise nicht, das E-Picture hat das Gemälde nicht abgelöst. Und auch das Buch wird nicht abgelöst werden. Durch E-Books und medienneutrale Texte verliert nämlich nicht das Buch, sondern es gewinnt der Text. Der Text wird zugänglicher und platzsparender, aber das gereicht dem Buche nicht zum Nachteil. Denn E-Book und Buch sind keine Gegner, es sind Formen des Textes. Die eine hat Möglichkeiten, die die andere nicht besitzt. Das Buch in der Hand ist wie Wein statt Wasser. Und das E-Book fährt mit Kraftstoff auf der Überholspur am Pferdekarren vorbei. Wer wollte hier sagen, was besser ist: Wein oder Auto? Die Frage ist falsch! Manchmal muss man schnell ans Ziel, manchmal gibt man sich dem Schönen hin, hier besteht keine Konkurrenz, auch wenn uns die scheinbare Ähnlichkeit zwischen E-Book und Buch das glauben macht.

E-Book bleibt E-Book, und Buch bleibt Buch. Der Weltbuchtag feiert nicht den Sieg des Buches über die elektronischen Möglichkeiten seiner Verbreitung, der Weltbuchtag feiert das Buch als Objekt sinnlicher Lust, er feiert Folgendes: Dass die Menschen sich noch immer die Zeit nehmen, Geld für etwas auszugeben, das ihnen Platz wegnimmt und zu dem sie hingehen müssen. Der Weltbuchtag feiert den Genuss am Lesen, den Spaß am Buch, nicht dessen Vorherrschaft, nicht dessen Zurückgeworfensein. Daran will der Weltbuchtag uns erinnern: Die Zeiten ändern sich, auch die des Buches; die Menschen ändern sich ebenfalls, aber nie des Menschen Freude am Schönen. Denn da punktet das Buch jetzt und wahrscheinlich für immer: Das Buch bleibt die ästhetischere Variante des Lesens, nicht unbedingt immer die nützlichste – aber wann ging es in der Kunst schon ausschließlich um den Nutzen? Das Buch kam etwas spät zu uns, aber, und wer es einmal widerlegen kann, korrigiere mich bitte, das Buch verschwindet erst mit dem letzten Menschen wieder.


[Nahdenken! #2] Kreativ kopiert, verliert

Über rollende Rubel freut man sich, überrollende Rubel dagegen können schnell wehtun. Herzlich willkommen zum zweiten Artikel in der Kolumne „Nahdenken!“

Es geht um das: Geld. Und es geht um das: Schreiben. Beide fügen sich oftmals nicht in die Verbindung, die man sich wünsch, besonders dann nicht, wenn man selbst Autor ist. Man schreibt zwar, aber das liebe Geld will nicht so richtig. Viele Autoren kennen die Situation und es ist vor allem für Erstveröffentlichungen schwierig, den Absatz zu finden, den man sich erhofft. Es ist schwer dahin zu kommen, dass sich die viele Zeit, die man ins Schreiben gesteckt hat, auszahlt. Das kennen viele und daran lässt sich auch nichts ändern. Der Beruf des Schriftstellers ist einer, der Mut erfordert, aber auch einer, der neben allem Mut immer vom Wohlwollen der Leser und oft von der Veröffentlichung bei einem Verlag abhängt. Doch wie kommt man nun verflixt nochmal dahin, dass sich die Mühe und all das Herzblut endlich lohnen?

Eine Antwort – und das ist gerade diejenige, von der ich abraten möchte – ist das kreative Kopieren von Stoffen, Perspektiven und Trends. Kreativ nenne ich es deswegen, da ich fest davon überzeugt bin, dass jedes Kopieren immer vor dem Hintergrund einer eigenen Vorstellung stattfindet. Meint: Ich lese etwas, es gefällt mir und es ist erfolgreich, ich mach es auch so. Prinzipiell ist dagegen natürlich nichts einzuwenden, denn man plagiiert schließlich nicht, sondern man lässt sich lediglich stark inspirieren. Das ist in Ordnung, aber das kann schnell gefährlich werden.

Denn jeder kennt das Gefühl, wenn man ein Buch ermüdet aus der Hand legt, weil man das Gefühl hat, es so ähnlich schon tausendmal gelesen zu haben. Und wenn das passiert, dann kommt es gar nicht erst dazu, dass der Rubel an Fahrt gewinnt, und dann kommt er auch nie bei einem selbst an. Denn der Widerspruch liegt schon in der Überlegung, die hinter einem solchen Vorgehen steckt: Ich mach es wie andere! Aber wenn ich etwas wie jemand anderes mache, so ist das Ergebnis immer: etwas, das ich mache wie jemand anderes. Das klingt blöd, aber es ist so. Das „ich“ bekommt man nicht weg, man wird nie zum Original, man bleibt der, der nachmacht (wie kreativ auch immer).

Betrachtet man das aus finanzieller Perspektive, dann sieht das folgendermaßen aus: Etwas ist gut und neu und erfolgreich – es bringt viel Geld. Das will man natürlich auch. Wenn man es nachmacht, dann kann es immer noch gut sein (und eventuell auch erfolgreich), aber es wird natürlich nicht zu etwas Neuem. Das liegt ja in der Natur der Sache. Nun ist es aber gerade so, dass die bekanntesten Autoren auch diejenigen sind, von denen man gern etwas nachmachen möchte (denn man findet es ja gerade mit vielen anderen Lesern zusammen gut, deswegen wird es ja erst erfolgreich). Verständlich, aber das kann langfristig doch nicht das Ziel sein, wenn man mit ganzem Herzen schreibt! Man will doch nicht nur den Profit, man will doch auch zu einer Schriftstellerin oder zu einem Schriftsteller werden, von dem die anderen abschreiben wollen!

Natürlich wieder einmal leichter gesagt, als getan. Aber ich denke, dass jeder, der sich dem Schreiben verschrieben hat (Entschuldigung!), dies tut, weil es ein innerer Drang ist und nicht, weil man schnell Geld machen will (dies wäre das wünschenswerte Ergebnis, keine Frage). Doch das schnelle Geld als Autor zu verdienen, ist in etwa so wahrscheinlich, wie das schnelle Geld beim Lottospielen einzuheimsen. Mit einem Unterschied, wohlgemerkt! Beim Lotto stehen die Chancen immer gleich schlecht, beim Schreiben kann man seine Chancen beeinflussen. Und ein erster Schritt dazu ist der, dass man dem Leser auf keinem Fall das Gefühl vermittelt, dass er schon tausendmal gelesen hat, was er dort vor sich sieht.

Was heißt das bis hierher? Kreatives Kopieren kann gut und erfolgreich sein, aber es wird nie zu etwas führen, das für viele andere inspirierend wirkt. Drei Gründe, warum das langfristig schlecht ist: man wird unzufrieden mit sich selbst, wenn man nichts Eigenes schafft; man läuft Gefahr den Leser zu langweilen; man wird für andere nie das Vorbild sein, von dem man selbst kreativ kopierte (weil man nichts Neues, nicht Kopierwürdiges schafft). Schlussfolgerung: Immer etwas völlig Neues erfinden! Um Gottes Willen, bloß nicht. Die Schlussfolgerung ist natürlich völliger Mumpitz und keinesfalls, wozu ich als Alternative raten möchte. Denn wenn schon nicht allen gelingt, ein Buch gut kreativ zu kopieren, so gelingt es nur den Allerwenigsten, eines ganz neu und innovativ zu machen. Richtige Schlussfolgerung: an dem orientieren, was es schon gibt. Das klingt jetzt wie ein Widerspruch, ich weiß.

Dennoch liegt darin der erste Schritt, ein Buch zu Scheiben, was der Verleger im Programm haben will und was der Leser bis zum Schluss gierig in der Hand hält. Denn ich meine nicht, man soll sich an dem orientieren, was es schon gibt im Buchhandel, sondern, was es in einem selbst schon gibt. Denn wenn ich schreibe, wofür ich mich interessiere, dann wird es zu etwas, das ich gemacht habe, wie ich es will – und darin liegt schon der ganze Unterschied zu dem Satz weiter oben, wo es hieß: „so ist das Ergebnis immer: etwas, das ich mache wie jemand anderes.“ Nicht das „ich“ muss weg, damit man sich möglichst dem „jemand anderes“ annähert! Das „jemand anderes“ muss weg.

Indem man dieses „jemand anderes“ von sich wegschiebt, sollte man sich aber auch keinesfalls isolieren. Viel zu lesen und vieles gut zu finden (und auch vieles schlecht), ist Grundvoraussetzung jedes Schreibens. Aber der Satz „Ich will wie jemand anderes“, der muss verschwinden. Her muss: „Jetzt will ich!“ – und dann wird in die Tasten gehauen bzw. beginnt man dann, sich sein Buch auszudenken. Inspirieren lassen, natürlich. Kreativ kopieren: bitte nicht.

Denn wenn der Rubel rollen soll, dann darf weder der Verleger das Gefühl haben: „Nichts Eigenes drin, weg damit“ und auch der Leser darf nicht denken: „Schon wieder immer dasselbe!“ Und da der Verlag nicht will, dass der Leser so etwas denkt, wird er es auch selbst merken und eventuell von einer Veröffentlichung absehen. – Daher kommt dann auch der viele Mut, der zum Schreiben nötig ist. Denn man muss sagen: Ich mach das jetzt, wie ich es will, auch wenn zurzeit viele es anders machen; denn ich will das. Come hell or high water! Und glauben Sie mir, wenn Sie es machen, wie Sie es wollen, dann merken das auch Verlag und Leser, dass hier ein Autor das gemacht hat, was er wollte – und nicht, was er kopieren wollte.

Das ist das Geheimnis. Und jetzt braucht es nur noch die ganzen anderen Dinge, die für gutes Schreiben nötig sind: Begabung, Ausdauer, gute Ideen, viel Zeit und Geduld – die Liste könnte noch sehr viel länger werden, aber ich fasse zusammen. Wenn Sie das Geheimnis (was eigentlich gar nicht so geheim ist) erkannt haben, dann braucht es: den Mut der Autorin, den Mut des Autors. Denn ohne den geht gar nichts. Nicht einmal, etwas zu kopieren (besonders dann, wenn es nicht kreativ kopiert wurde) … man weiß ja durch die Medien, wozu das im schlimmsten Fall führen kann und dass das oft mit Rücktritten verbunden ist.

Denn dann wurde man vom Rubel überrollt: Man will ihn, man greift nach ihm, man bekommt ihn, doch dann erwischt er einen, und man liegt da. Man war wer, aber man hat nichts hinterlassen (außer sich selbst auf dem Boden). Um Freund mit dem Rubel zu werden, muss man zuerst Freund mit sich selbst sein. Denn die Freundschaft zum Rubel ist immer eine tückische, die zu sich selbst eine notwendige.


[Nahdenken! #1] Auf Lesenszeit

Willkommen zum ersten Beitrag in der Kolumne „Nahdenken!“. In unregelmäßigen Abständen werden unter diesem Titel kurze und griffige Texte zu diversen Themen veröffentlicht werden. Auf dass sie zur herzlichen Diskussion anregen!

Hin und wieder hört man davon, dass immer weniger gelesen werde und, wenn man gerade einer sehr betrübten, pessimistischen Meinung begegnet, dass dies auch der Grund sei, dass Alles immer und immer schlechter wird. Man meint aus manchen Argumentationen den Kulturpessimisten laut schreien zu hören: „Und ich hatte doch Recht, schon immer!“. Und – ganz ehrlich – ab und an fürchtet man, dass es wahr sei.

Doch die Angst, dass immer weniger gelesen werde, hat verschiedene Hintergründe. Prominentester unter diesen ist die aktuelle Situation des guten alten Buches. Begehr Bibliophiler weltweit und schönste Handreiche für Vokabelverliebte, muss es aufgrund seiner elektronischen Verwandtschaft eventuell schon bald die Aufnahme in die rote Liste aussterbender Medienarten fürchten; und obgleich es nicht Thema dieses Beitrages ist, so hoffe ich, hoffentlich mit Ihnen zusammen hoffend, dass das E-Book nicht die MC des Tonbandes wird (was in Anbetracht der Tatsache, dass sich die LP noch immer großer Beliebtheit erfreut, glücklicherweise nur schwer vorstellbar ist).

Doch selbst wenn, und in diesem „wenn“ steckt viel melancholische Liebe, wenn es eines Tages überraschenderweise soweit sein sollte, dass das Lesen eines Buches im Lieblings-Sessel als nostalgischer Spleen angesehen wird, selbst dann wird mit der Abkehr vom Buch doch nicht die Abkehr vom Lesen erfolgen. Denn gelesen, so die These hier, wird immer und vor allem immer mehr.

Die Frage, die sich bei allen Überlegungen rund um den Rückgang der Lesewilligkeit der breiten Masse anonymer Leser stellt, ist doch die folgende: Was wird denn eigentlich immer weniger gelesen? Die Antwort darauf lautet, etwas abstrakt formuliert: Weniger gelesen werden kann immer nur ein Medium. Der Text als solcher bleibt und wird lediglich umdisponiert in eine neue Hülle.

So passiert es denn auch, dass man den Text, obwohl er doch angeblich immer weniger gelesen wird, immer häufiger überall findet. Plötzlich taucht er nicht nur in Form kleiner Zettelchen im Schulunterricht auf, sondern er huscht in Form von SMS oder E-Mail ungesehen von Mobiltelefon zu Mobiltelefon. Zugegeben, über den Textinhalt lässt sich wohl oft und gut streiten, doch dies beweist ja nur eines: dass er zumindest schon mal da ist, der Text.

Noch nicht lange ist es her, dass WhatsApp zum Marktführer kommunikationsorientierter Apps für Smartphones geworden ist. Tausende Nutzer verfassen im Sekundentakt unüberschaubare Fluten neuer Texte und beim Empfänger wird gelesen, was die Leitungen hergeben. Ebenso verhält es sich mit dem Internet als Informationsquelle par excellence. Denn mal eben was googeln, heißt immer auch, mal eben was lesen.

Egal ob auf dem Weg zum E-Mail-Postfach noch eben der Wetterbericht überflogen wird oder ob man beim Nachschlagen auf Wikipedia unbewusst drei Verlinkungen gefolgt ist und sich plötzlich darüber wundert, warum man nicht schon viel eher einmal nachgeschaut hat, was denn die Zahl im Mehl bedeutet. Viele Nutzer kennen wahrscheinlich das Gefühl, eigentlich gar nicht mehr lesen zu wollen, während sie sich von einem Facebook-Profil zum nächsten hangeln, um nur mal eben noch den aktuellen Status von ihm und die letzte Standortdurchsage von ihr zu lesen.

Nun wird man einwenden wollen, dass es wohl einen Unterschied gibt zwischen Tweets und Twain. Zugegebenermaßen ist dies wahr. Doch worin liegt der Grund, dass immer weniger Leser zu Twain greifen und stattdessen lieber hunderte Tweets lesen, die aneinandergereiht auch ein ganzes Buch ergäben? Der Unterschied liegt im Interesse der Zielgruppe. Da wo Twain immer öfter – natürlicherweise unberechtigt – auf der Seite liegen gelassen wird, da buhlen alle Formen moderner Texte um die Gunst der Massen und werden von einem breiten Publikum mit offenen Augen empfangen.

Schade ist es um das wohlige Gefühl, ein Buch in den Händen zu halten und über typografisch makellos gesetzte Seiten genießend und schwelgend zu wandern und einer schönen Geschichte oder einer interessanten Argumentation zu folgen. Darum ist es wahrlich schade, sollte dieses Gefühl zusammen mit dem Buch aus Papier und Druckfarbe einmal verschwinden. Doch selbst dann kann nicht von einem Rückgang der Lesebereitschaft gesprochen werden. Auch ohne Bücher würden die Menschen lesen – und das mehr mit jedem neuen Tag, quasi auf Lesenszeit.

Die Kunst des Momentes besteht darin, die Lesebereitschaft der Menschen durch Verwendung aktueller Textsorten und Kommunikationsmöglichkeiten zu nutzen. Wo Inhalte immer schneller zugänglich und immer länger gespeichert werden, dort werden Menschen gierig auf sie zugreifen. Man stelle sich vor, man poste eine Geschichte auf Twitter, die auch nur ansatzweise interessanter ist, als ein durchschnittlich langweiliges Leben eines Unbekannten. Man stelle sich vor, per WhatsApp ginge die Nachricht ein, dass auf Facebook endlich wieder ein neues Stück Community-Roman online ist. Man stelle sich vor, wie eine neue unendliche Geschichte in der Cloud entsteht, geschrieben von einem Autorenkollektiv dass jede Zahl und jede Grenze sprengt. Man stelle sich all die noch unausgedachten Ideen vor und all die Augen, die verschlingend lesen und lesen und lesen.