Archiv der Kategorie: Poesie – das ist Musik!

GEDichTE. Überlegungen zum lyrischen Ich entlang dem Lyrikband Privataufnahme.

Wie ein unscheinbarer Wind durchweht die Frage nach dem lyrischen Ich, nach seiner Verwurzelung im Autor und seinen Händen hin zur Leserschaft, zu Zeiten die Artikel dieses Blogs. Sie haben darüber hier verstreut in einigen Zeilen schon gelesen; jetzt ist es an der Zeit, dem etwas wärmer hinterherzuspüren.

Privataufnahme. Junge deutschsprachige Lyrik. Herausgegeben von Marius Hulpe. Dahlemer Verlagsanstalt 2009.

Seit der Mainzer Minipressen-Messe 2013 steckt ein Gedichtbändchen in meinem Regal, dem ich schon lang überfällig ein paar Worte schulde, hat es sich die Erkundung des lyrischen Ichs in der modernen Lyrik doch gerade zur Herzensangelegenheit gemacht. Nicht theoretisch versucht es, das lyrische Ich zu ergründen, sondern vielmehr zeigt es die Facetten des Ich-Bezuges direkt am Text und seine Möglichkeiten für die zeitgenössische Dichtung. Die Autoren wurden um ihre „persönlichsten (und darum, so das Experiment glücken will, evidentesten) Gedichte“ gebeten, herausgekommen ist eine Sammlung von intimen, gebrochenen, oft deutlichen und mehrdeutigen Texten, denen gemeinsam das Greifen in die Tiefe ist, hinunter zum empfindlichen Grund der Verbindung zwischen Autor, eigener Realität und Gedicht.

Im Vorwort schreibt Marius Hulpe, dass dem Gedicht als Ausweg oft nur noch der Rückzug ins Private übrig geblieben sei: „Tunnel graben unterhalb des Dickichts der medialen Form- und Farbenwirtschaft, in hermetischeren als den öffentlichen Räumen sein Glück zu strapazieren.“ Die Reichweite der Gedichte, der Lyrik im Allgemeinen ist kürzer geworden. Das liegt nicht darin begründet, dass das Gedicht ohnmächtig wäre, aber es befindet sich selbst in einer allumschließenden Ohnmacht, in einem großen weißen Rauschen, in dem die leisen Störsignale der Lyrik ungehört verklingen. Anrennen gegen Soap-Opera, Klatschpresse und Werbung: vergeblich.

Vergeblich deswegen, weil das Gedicht es nicht schaffen will und nicht schaffen darf, seine Verse zur Message zu verdichten, die Crowd mit blöden, ausgehöhlten Phrasen zu erreichen. Damit würde es sich selbst seiner Berechtigung berauben. Allerdings: So ganz passt die Beschreibung nicht, denn bei der Rede über das Gedicht und die Poesie lohnt es mit zu erinnern, dass auch diese nicht aus Liebe und Luft entstehen. Das Gedicht, so autonom es sein mag, ist das Resultat eines künstlerischen Aktes, und dieser Akt bedarf der Agierenden, der Dichterinnen und Dichter. Wohin also in diesem Konflikt zwischen tauber Welt und gewollter Nicht-Anpassung? Wohin als Dichter, wenn der Ruf im Rauschen verebbt, wenn mehr Dezibel bedeuteten, immer dumpfer zu werden? Marius Hulpe nennt den Ausweg zurecht einen Rückzug, eine Rückbesinnung auf dasjenige hinter den Gedichten, auf das Private. Wo etwas keinen Anklang findet, da kann es klingen, wie es will, da darf, ja muss es manchmal dissonant, manchmal naiv ertönen und für Dritte sich mitunter unverständlich oder trivial geben – zumindest wenn es sich um ehrliche Verse handelt.

[…]
du sagst: mond. und ich vergleiche
die monde. ob lüdenscheider mond
ob diedenhofener mond. […]

(S. 31: Adrian Kasnitz: „september in der provinz“. Auszug)

Die größten Worte scheitern an der geringsten Menge, darum sind viele der Gedichte in diesem Band ganz nah an dem, was im Alltag passiert, sie sind die Versuche, licht das Empfinden und die Erinnerungen in Worte zu legen, sie in die horizontale Progression des Verses einzupassen. Sie sind keine Versuche, Kritik auszusparen und angepasst mitzuschwimmen, aber der Kritik wird das Allgemeine genommen, ihr wird ganz deutlich in Abrede gestellt, dass sie auf Massen mit Idealen wirken könnte, denn diese Massen erreicht das Gedicht nicht mehr. Kritik nimmt die Form von Erinnerung, die Erinnerung die Form von Versen an.

ich lehne an der wand
eingegraut ist sie wie das haus wie das viertel
ich lehne an der wand
während an der kreuzung der preßluft-
hammer zuschlägt […]

(S. 64: Adrian Kasnitz. Auszug)

Nicht ohne Grund wird Adrian Kasnitz bereits zum zweiten Mal zitiert, schafft er es doch, das lyrische Ich und seinen Bezug zum Privaten auch für den Leser fassbar zu machen. Die Details, die Motivationen bleiben dem Leser freilich verborgen, das Vorkommen des Wortes „ich“ ist keine Freikarte für Erklärungen, für triste Auslegungen. Allerdings ist Kasnitz’ „ich“ ein besonderes, denn transzendiert es einerseits die Erinnerungen des Autors in die Verse, so transzendiert es gelichzeitig ein Ich, an dem der Leser sich halten, das er in sich selbst hineinlassen kann. Was es da für dieses „ich“ zu finden geben mag, sei dahingestellt. Aber das Aufnehmen des fremden Ichs in den Leser, das setzt das Leser-Ich mit lyrischen Ich in eins, da verschmilzt dann eventuell zu einem Sinn, was große, allgemeine Worte gar nicht mehr zusammenbringen können.

Gerade in den Versen, die Erinnerungen, die Privates zeigen, findet sich erst in einem zweiten Schritt der Reflexion, was allen sogenannten Weinerlichen zu oft abgesprochen wird: die Möglichkeit wieder in die Rezipienten vorzudringen, indem diese in sich selbst vorstoßen. Das passiert nicht, kann nicht ohne Zutun der Leser passieren, aber ohne das passiert im Gedicht ohnehin nicht viel. Wer moderne, intime Lyrik liest wie eine Tageszeitung, wie einen Sachtext, der uns vorlügt, was Sache ist, der scheitert an der Moderne. Eröffnungsverse wie die von Katharina Schultens, in ihrer Naivität wirken sie beinahe trivial, wenn man sie lediglich überfliegt. Doch wie anders kann man sie als Leser erschließen, sie nutzen, wenn man sie als Blaupause für die eigene Vergangenheit verwendet mit den ganz anderen aber dafür ganz eigenen Erinnerungen und Bildern?

ich bin ein gnadenloses kind gewesen
zu gewissen zeiten, ich zupfte an ganz gewissen saiten
mir die finger krumm & blutig; es gab herrliche rupturen
von knoten auf den stimm- & andren bändern. […]

(S. 104: Katharina Schultens: „suppenapostel/in“. Auszug)

Anders, als nur dieses lyrische Ich als Schlüssel zu sich selbst zu nutzen, zeigen die Gedichte in Privataufnahme, dass Privates keineswegs ausschließlich an feste Worte gebunden ist, schon gar nicht an das Wort ich. Denn privat kann eine Erinnerung ebenso sein, wenn sie wie ein Bild aufscheint. Dieses Bild in seiner Neutralität für den Leser verzichtet auf den direkten Bezug zum Subjekt, es ist eine Einweg-Spiegelbrücke, die der Rezipient nicht selbst gebaut hat, an deren Anfang er nur immer sich erkennt, deren anderes Ende er aber als fremdes Bild deutlich vor sich sieht.

Das lyrische Ich tritt zurück hinter die Erinnerung, die Verse bilden kein Ich mehr ab, das man in sich hineinlassen könnte. Moderne, private Lyrik ist nicht egoistisch, nicht narzisstisch, erst recht nicht ignorant allem Großen gegenüber. Sie ist notwendig rückbezogen in einem lauten Raum, in dem lautes Brüllen nur immer mehr Verstimmung hervorruft. Einerseits ist das Ich in der modernen Lyrik also ein leiser Anker, an dem man sich in sich selbst hineinziehen kann, andererseits kann die moderne Lyrik so leise sein, dass sie ganz auf diesen Ich-Anker verzichtet, kein Ich mehr auswirft, rein in der Rückschau abbildet und damit intern aufarbeitet und extern anregt.

der august mit seinem ende
sie legten sich träge in die losen rahmen der fenster
hielten die augen auf
wie um ausschau zu halten
[…]

(S. 56: Anja Kampmann: „ausblick“. Auszug)

Was kann in einem lauten Raum, in dem die kraftvollste Stimme nur noch Noise neben anderen ist, größere Wirkung entfalten als ein schlichtes Bild, das ablenkt von unseren Anstrengungen, doch endlich wieder richtig hören zu können, um uns daran zu erinnern, einmal wieder die Augen zu öffnen. Mögen keine vier Augen je das Gleiche sehen, aber sehen, das können gesunde Augen doch allemal. Manches Mal bedarf das Öffnen dieser Augen jedoch erst den Künstler, der uns Privates, intime Momente des Sehens und der Erinnerung, von sich offenlegt, damit wir uns selbst anstupsen und uns erinnern, die Ohren zu schließen, die Augen zu öffnen und das Private in seinem Nutzen für das Allgemeine ernst zu nehmen.

Damit wir uns neu in uns selbst verorten, Zeichnungen von uns erstellen und diese ausstellen, unser Ich, unsere Bilder den anderen darbieten, damit sie zu eigenen Bildern wie wir zu uns selbst finden können. Das ist weder Emo noch Biedermeier, das ist eine Chance für alle, das kann Dichtung für alle sein, das sind die erwähnten „Tunnel […] unterhalb des Dickichts der medialen Form“, das ist ein Bild für andere von uns selbst für uns, das sind Privataufnahmen – „ein mögliches Medium gesammelter authentischer Gegenwart in Form von Poesie“ (wie die Klappe der Broschur dieses fein gestalteten und editierten Bändchen es nicht treffender hätte sagen können).

Ich vergesse oft, dem Waschbecken morgens
unverzüglich zu trinken zu geben.
weil ich abgelenkt bin.
[…]

(S. 70: Ron Winkler: „Nofretetelle“. Auszug)

Privataufnahme enthält Gedichte folgender Autorinnen und Autoren:

Anke Bastrop, Crauss, Daniela Danz, Carl-Christian Elze, Roman Graf, Alexander Gumz, René Hamann, Marius Hulpe, Anja Kampmann, Adrian Kasnitz, Daniel Ketteler, Björn Kuligk, Norbert Lange, Kerstin Preiwuß, Ulrike A. Sandig, Nathalie Schmid, Katharina Schultens, Florian Voß, Jan Wagner, Christoph Wenzel, Ron Winkler

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– Laborarbeit: Gemeinschaftsdichtung mit Sebastian Schmidt-

Inzwischen ist es einige Wochen her, dass Autor, Dichter und Buchhändler Matthias Engels und ich ein Lyrikexperiment gewagt haben. Detailliert beschreibt Matthias Engels im Originalbeitrag auf seinem Dingfest-Blog das Vorgehen. Hier sei zusammengefasst nur erwähnt, dass wir gemeinsam ein Ausgangsgedicht verfasst haben; dieses wurde danach jeweils abwechselnd von einem von uns zu einer neuen Version umgearbeitet, um die aufgetrennten Verse des Ausgangsgedichtes zu verschmelzen. Diese neuen Versionen ihrerseits wurden wiederum der Bearbeitung des jeweils anderen unterzogen und so weiter. Mit viel Fingerspitzengefühl hat Matthias Engels schließlich die so gewonnen Versionen in eine visuelle Form überführt, in der die einzelnen Verse ineinander aufgehen.Füge hier deine Gedanken hinzu… (optional)

DINGFEST

Vor einiger Zeit lud mich der Lektor und außerordentlich begabte Poet Sebastian Schmidt, den einige schon als Betreiber des textbasis-blogs und eventuell aus verschiedenen Beiträgen hier auf -dingfest-  kennen, zu einem ganz besonderen Projekt ein: Auf der von uns beiden sehr geschätzten Plattform edupad.ch wollte er versuchen, aus gemeinsam mit mir spontan erdachtem lyrischen Material, Texte zu entwickeln. Die Idee: am Ende Ergebnisse zu haben, die zu gleichen Teilen ihm und mir verpflichtet wären und die Grenzen des einzeln dichtenden Autoren-Ichs zu überwinden. -Wie gingen wir vor?

Zunächst brauchten wir Material und einigten uns auf einen Text, der abwechselnd aus einer Zeile von mir und einer Zeile von Sebastian bestehen sollte. Edupad ermöglicht es, simultan und zeitgleich zu arbeiten – sprich: Sebastian sah, was ich schrieb und antwortete seinerseits mit einer Zeile, die ich las und mit einer von mir ergänzte. Jeder vom Einzelnen angedachte Sinnzusammenhang und weiterer Verlauf…

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[Poesie, das ist Musik! #3] Gedichte mit „Herzblut“ schreiben? Ein Plä­do­yer für bewusste Wortwahl im Gedicht.

Aktualisierung: Eine Replik von Matthias Engels auf diesen Beitrag finden Sie hier. Vielen Dank! —

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Sahnetorte mit Senf, braunen Zwiebeln und gebratener Leber klingt nicht nach kulinarischem Hochgenuss. Im Gegenteil, das wäre wahrscheinlich so eine Süßspeise, welche die Wahl des Desserts vereinfachte, indem sie sich selbst als Kandidatin ausschließt. Wer isst denn auch so was? Dass Torte, Innereien und gebratenes Senfgemüse nicht die Kombination eingehen, welche Sauerkirschen in Guss, Schokoraspel und Sahne ergeben, ist kaum der Erwähnung wert. Wenn es hieße „Schwarzwälder oder Deftige Lebersahne?“, wäre die Entscheidung vermutlich einfach.

Nehmen wir uns eine französische Köchin, eine Beherrscherin aller feinen Kochkünste. Geben wir ihr eine angemessene Reputation und ein bisschen Experimentierfreudigkeit. Eines Nachts überrascht sie ein Traum von Zwiebeln, Senf, Leber – und Sahnetorte. Dieser Traum verfolgt sie; unter Aufwendung aller Kenntnisse kreiert sie in Wochen harter, fast fiebriger Arbeit – endlich! – die eingangs erwähnte süß-senfige Tortenspeise. „Ein Aufwärtshaken der Kulinarik“, titelt bald schon wohlwollend eine führende Gourmet-Zeitschrift. Experiment geglückt, „Torte revolutioniert“. –
Anders Herr Franzen, der aus Versehen die Reste vom Mittag auf die verkannte Sahnetorte verteilt und sie – in Ermangelung von Alternativen – trotzdem seinen Gästen zum Kaffee vorsetzt. Die genauen Umstände und der Ausgang dieser Episode sind unbekannt, jedoch erzählt man sich, dass Herr Franzen seither keine Gäste mehr empfangen habe …

Wenn das sogenannte Storytelling im Marketing funktioniert, dann kann eine kleine Geschichte zur Verdeutlichung theoretischer Überlegungen nur angemessen sein. Denn natürlich geht es hier nicht um Torte, Leber, und Kochen. Es geht um Wollen, und es geht um Können beim Schreiben. Anlass für den Eintrag dieser Woche waren für mich Gedanken von Matthias Engels aus der vierzehnten Folge des lyrischen Mittwochs. Dort ging es unter anderem darum, ob die Verwendung bestimmter Wörter im Gedicht das Gedicht selbst disqualifiziere und die Verfasserin und den Verfasser als Lieschen und Lilo Müller abstemple. Welche Überlegung steckt hinter dieser Frage? Nehmen wir uns ein paar erfundene Beispielverse her:

Inkasso-Mann, du hast jetzt schon
zwei Mal geklingelt. Hast mir alles genommen,
mir schmerzt mein Herz! Alles was du mir gelassen hast
sind meine vier Wände und mein Gasherd.
Ich merke es ganz deutlich:
Das Leben besteht nicht nur aus Liebe und Herzblut.

Oder etwa:

Lieber Heinz,
Die Liebe ist wie ein Traum,
Sie ist ein gar seltsam’ Ding,
Das du nicht richtig fassen kannst.
Deswegen findest du im Nebenraum
Ein Paar neue Handschuhe und einen
Gummidichtungsring.
Alles Gute zum Geburtstag, lieber Heinz,
Wünscht dein Tantchen Griselinde.

Über die Qualität der Verse soll hier nicht gesprochen werden. Achten wir ein bisschen auf die Wortwahl. Im ersten Gedicht – ich nenne diese Zeilengebilde der Einfachheit halber so – ist sie trist, einfallslos, geprägt von ausgenudelten Redensarten („Herzblut“, „vier Wände“, „mir schmerzt mein Herz“ …). Das zweite Gedicht hat durchaus komische Aspekte, eignet sich eventuell auf einer kleinen Familienfeier zum beschwipsten Vortrag. Aber auch hier wieder: „Liebe“, „gar seltsam’ Ding“, „Traum“ – literarisches Einerlei, ungesalzen. Zu Recht tragen diese Zeilen den Stempel „© Lieschen & Lilo Müller“.

Nun ist es so, dass es nicht gerade einfach ist, gute Gedichte zu schreiben. Aber ebenfalls ist es so, dass dieser Umstand nur wenige Hobbydichterinnen und Hobbydichter abhält, in die Tasten zu hauen. Und das sollen sie auch herzlich gern tun! Ich bin der Meinung, dass auch das schlechteste Gedicht für die Verfasserin oder den Verfasser der wichtigste Text sein kann. Ich bin froh, dass jeder schreiben kann, worauf er Lust hat, und ebenfalls die Möglichkeit besitzt, es ungehindert im Netz zu veröffentlichen. Das ist aber ein ganz anderes Thema, das eventuell noch einmal in einer Folge der „Nahdenken“-Kolumne aufgegriffen werden wird. Worum es mir hier geht: Dieser hindernisfreie Zugang zur Internetveröffentlichung und die Masse von Geschenkbuchlyrik, wie sie Matthias Engels nannte, führen zu einer verschobenen Wahrnehmung der Dichtkunst.

Für viele ist das Gedicht noch immer etwas Feierliches, Gereimtes, etwas Ehernes. Und vor allem: etwas, das sich nie verändert hat im Vergleich zu den vereinzelten Versfragmenten, die man noch aus der Schulzeit in Erinnerung hat – „Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde! …“. Das moderne Gedicht ist nicht in den Köpfen der Masse angekommen, weil es nicht wahrgenommen wurde und wird. Manchmal traut man sich eventuell gar nicht zu sagen, dass man selbst Gedichte schreibe, zu sagen, dass man eine Dichterin sei. „Dann reim’ mal was; und kannst du mir für Onkel Egoberts Geburtstag nicht was ganz Kleines dichten?“. Dann also lieber gleich schweigen; die Vorstellungen der Masse vom Gedicht sind festgefahren und durch engstirnige Schulbildung falsch konditioniert worden. Und das führt dann dazu, dass Gedichte wie die beiden oben ad hoc hingeworfenen, Einzug ins Netz finden – mit bestem Gewissen auf Seiten der Verfasser. Ein Teufelskreis.

Es dominiert also ein falsches Bild der Lyrik und in den Köpfen eine falsche Vorstellung von ihr. Und gerade diese Erwartungen, diese alten und festgefahrenen, gilt es nicht zu erfüllen. Denn wenn man eines seiner mit viel Kreativität geschaffenen, oft überarbeiteten, Gedichte vorträgt und zur Antwort bekommt: „Hmm … schön … Ich schreib ja auch, klingt auch fast wie deins, soll ich mal vorlesen? Ich reim’ aber mehr“, dann kratzt das am Selbstverständnis. Man sieht schon den müllerschen Stempel herniedersausen. Darum gibt es Tendenzen in der modernen Lyrik sich abzugrenzen, die eigenen Fähigkeiten nicht in den Fresstrog zu werfen, sich gar nicht erst diesen Vergleichen stellen zu müssen. Dies geschieht auf vielfältige Weise, kann beginnen bei eigenwilliger Orthografie und Interpunktion, fortgeführt werden über komplizierte, kaum zu enträtselnde Bilder, und enden eventuell in hermetischer Verschlossenheit. Hauptsache, es wird deutlich: Das Gedicht ist nicht wie die Rede von Tante Griselinde auf Heinz’ Geburtstag.

Folgen dieses Vorgehens sind, dass das eigene Können in Ansehen gehalten wird, unweigerlich aber auch, dass diese Verse nicht mehr die Vorstellungen der breiten Masse treffen, weil diese ja gerade die altbackenen Ideen vertritt. Das führt zu einer Art Abkapselung, einer Elitenbildung: Denn wer nicht die Erwartungen vieler erfüllt, der schreibt für eine kleine Gruppe, eventuell nur mehr für sich.

Vor dem Hintergrund der hier angestellten Überlegungen ist es also notwendig, dass die moderne Lyrik sagt: „So nicht, wer mich nicht will, der kann mich mal – getrost ignorieren.“ Und für dieses notwendige Abgrenzen braucht es Ideen (ein hohes Maß an Sprachgefühl, das jede Lyrik notwendigerweise braucht, setze ich unhinterfragt voraus) und vor allem das, was ich „bewusstes Schreiben“ nenne. Bewusstes Schreiben ist immer kreatives Schreiben, jedoch reflektierter. Heißt: Ich weiß, warum ich etwas so schreibe, wie ich es schreibe, und: ich weiß, wie ich es eventuell auch anders schreiben könnte.

Nun sind wir also bei unserem Bild vom Anfang dieses Beitrags angekommen: Herr Franzen hat es falsch gemacht, weil er nicht anders konnte, als die verdorbene Torte anzubieten, ihm fehlten die Alternativen. Unsere Spitzenköchin hingegen hat sich bewusst die Zutaten herausgepickt, hat bewusst ihr Traumrezept umgesetzt, auf das Ziel hingearbeitet, es nicht nur irgendwie erreicht. Und darin verbirgt sich auch meine eigene Überzeugung, was die Wortwahl beim Schreiben moderner Lyrik anbelangt.

Ich halte es ebenfalls für notwendig, sich abzugrenzen von der Geschenkbuchlyrik, um die Qualität moderner Dichtung aufrechtzuerhalten. Gerne mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln. Was ich jedoch nicht für notwendig halte, ist die Verteufelung einer klaren Sprache, von einfachen Bildern, ehrlicher, unaufgeregter Beschreibung. Warum nicht die Wörter Herz, Schmerz, Liebe, Traum, Seele et cetera im Gedicht verwenden? Wenn man sie bewusst platziert, dann ist dagegen nichts einzuwenden. Die Angst, sich selbst abzustempeln, kann nur dort aufkommen, wo man annimmt, sich zwanghaft rechtfertigen zu müssen, unter Überwachung zu stehen. Aber beim Schreiben solche Gedanken zu hegen, befördert keine guten Ergebnisse. Es befördert ein Schreiben nach den Erwartungen einer Gruppe Auserwählter. Gutes Schreiben hingegen ist frei – aber immer bewusst.

Dann wird beispielsweise aus dem „Gasherd“ im ersten Gedicht oben ein „Herd“ und aus den „vier Wänden“ eine „Hütte“. Der „Inkasso-Mann“, gut, der wird im Original zu „Zeus“. Und die Verse aus Goethes „Prometheus“, die werden unvergesslich und bleiben dabei erdig-ehrlich. Hier wurden Wörterfolgen zu verdichteten Wortfolgen.

[…]
Müßt mir meine Erde
Doch lassen stehn,
Und meine Hütte, die du nicht gebaut,
Und meinen Herd,
Um dessen Gluth
Du mich beneidest.
[…]

Es kommt demnach gar nicht darauf an, ob man eine Leber-Sahnetorte bäckt oder nicht, ob man Worte wie Liebe, Schmerz und so fort schreibt oder nicht. Worauf es ankommt ist zu wissen, dass man Worte verwendet, die vorbelastet sind durch die Verse aller Lieschens und Lilos. Und wenn man sich dessen bewusst ist, dann kann man entscheiden, ob man sie trotz allem verwenden möchte und ob sie wirklich nötig sind. Denn dann weiß man ja, gleich unserer Spitzenköchin, was man damit anrichtet.


[Poesie, das ist Musik! #2] Mit den Reimen nicht geizen – oder doch?

Was ich mag, ist der Blogeintrag am Sonntag! — Nicht alles, was sich reimt, gewinnt auch. Herzlich willkommen zum zweiten Artikel der neuen Reihe. Zwei Fragen heute: Sollte man reimen? Und wie macht man es richtig?

Was ich nicht möchte, ist eine bloße Auflistung aller möglichen Reimarten mit dazugehörigen Beispielen. Getreu dem Motto des ersten Artikels „Gedichte bewusst schreiben“ ist es mir wichtiger, dem Reim ein bisschen auf den Zahn zu fühlen. Denn so schlecht kann er nicht sein, der Reim, nur allzu häufig wird er schlecht eingesetzt.

Was man sich in etwa unter einem Reim vorstellt, brauche ich nicht mit vielen Worten erklären. Für diesen Artikel und für die bewusste Anwendung beim Schreiben reicht es, wenn man sich Reime vorstellt als ähnlich klingende Wörter und Wortfolgen. Man könnte schon hier sehr tief ins Detail gehen, aber ich möchte keine wissenschaftliche Betrachtung anbieten, sondern ein paar Schreibtipps geben. Reim also: Kopf – Zopf, sehen – gehen, Fleischklops – Rollmops, dein Herz – mein Schmerz etc.

Durch den Reim bekommt die Sprache einen besonderen Klang. Gereimte Worte fallen auf, aber sie machen einen Text nicht automatisch besser. Das liegt daran, dass Reimen keine Kunst ist – nur gutes Reimen ist eine Kunst. Denn ein paar ähnlich tönende Wörter findet jeder: „Ich hatte ein Gespräch mit dem Boss im fünften Stock,/ darauf hatte ich gar keinen Bock,/ der merkte bestimmt: Meine Finger sind ganz spröde,/ das finde ich jetzt ganz blöde!“ Bitte, bitte!, so nicht. Das Ergebnis ist kein Gedicht (auch wenn sich ein paar Wörter reimen), es ist Dilettantismus; und dabei wäre das Ungereimte so harmlos gewesen: „Heute hatte ich ein Gespräch mit dem Chef im fünften Stock. Ich hatte keine Lust, aber das Schlimmste war, dass er bestimmt meine spröden Finger bemerkt hat.

Das heißt also: Wenn Sie Ihr Gedicht mit Reimen ein bisschen aufpeppen wollen, dann  nutzen Sie den Reim sparsam und kreativ, unterstreichen Sie mit ihm, was Sie sagen wollen. Niemand zwingt Sie zum Reimen, nutzen Sie diese Freiheit! Ein gelungenes Beispiel:

Hunderte Menschen seh ich flitzen,
sich winden, sich zwängen durch die Gassen,
die engen, an ihren Fingern erkenn ich goldene Ringe,
sehe, wie sie im Mittagslicht funkeln, wie sie sagen:
„Jetzt in den Massen, doch daheim wieder zu zweit.“ –
In Ihren Augen ein flüchtiges Sonnenstrahlblitzen,
ich zwinge mich zur Ruhe — bald bin auch ich zu zweit.

Hier die Version, die ich nicht empfehle:

Hunderte Menschen seh ich flitzen,
mit goldenen Ringen, die an den Fingern blitzen.
Die Menschen zwängen sich durch die Gassen,
auch meine Geliebte ist mit in den Massen.
Bald sind wir beide verheiratet und zu zweit,
Ich bin dazu schon so lange bereit!

Worin liegt nun aber der Unterschied und warum wirkt die zweite Version einfältig und uninspiriert? Dafür gibt es viele Gründe, einer davon ist in diesem Fall jedoch der ungeschickte Einsatz des Reimes. Das zweite Gedicht schreit dem Leser entgegen: „Schau mich an, ich reime mich, bin ich nicht geil?“ Es scheint, als hätte der Verfasser uns fragen wollen: „Ist das nicht schön, dass ich reimen kann?“ Antwort: „Nein.“ – Denn dass sich die letzten Wörter im Vers reimen, ist gar nichts, das bekommt jeder irgendwann hin. Aber das Schöne, das liegt oft im Subtilen. Ein Flüstern ist oft intensiver als ein Schreien. Das ist im Gedicht nicht anders. Fassen wir zusammen: Im zweiten Gedicht besteht die „Kunstfertigkeit“ des Autors offenbar darin, dass er die letzten Wörter jeder Zeile reimt (flitzen – blitzen, Gassen – Massen, zu zweit – bereit). Doch sein Reimen ist weder kreativ, noch unterstreicht es den Text. Das Reimen scheint lediglich Augenwischerei, um uns vorzugaukeln, dass es sich um ein Gedicht handele.

Blicken wir deshalb noch einmal zum ersten Gedicht. Zur Verdeutlichung führe ich auf, was und wo dort gereimt wurde (reimende Wörter fett hervorgehoben):

Hunderte Menschen seh ich flitzen,
sich winden, sich zwängen durch die Gassen,
die engen, an ihren Fingern seh ich goldene Ringe,
sehe, wie sie im Mittagslicht funkeln, wie sie sagen:
„Jetzt in den Massen, doch daheim wieder zu zweit.“ –
In Ihren Augen ein flüchtiges Sonnenstrahlblitzen,
ich zwinge mich zur Ruhe — bald bin auch ich zu zweit.

Wir haben also:

  • flitzen – winden
  • zwängen – engen
  • Gassen – Massen
  • Ringe – zwinge
  • zu zweit – zu zweit

Die Reime ziehen sich sanft durch das Gedicht, sie schreien nicht, sie versuchen zu gleiten. Bei flitzen – winden spricht man von einem unreinen Reim, einer Assonanz. Dort reimen sich nur die Vokale i – e in beiden Wörtern. Das schnelle Bewegen der Menschen („Hunderte Menschen seh ich flitzen) und ihre Verrenkungen („sich winden, sich zwängen“) werden durch die Assonanz näher zusammengezogen.

Anders bei zwängen – engen. Hier sind die Wortsilben zwar im Schriftbild nicht, dafür aber klanglich ähnlich. Zudem wird das Zwängen durch den schnell folgenden Reim im nächsten Vers hervorgehoben („sich zwängen durch die Gassen,/ die engen …“).

Dass sich ein Reim nicht immer am Ende des Verses aufdrängen muss, zeigt ebenfalls das Beispiel von Ringe – zwinge. Der Mann sieht seine Geliebte in den Massen („In Ihren Augen ein flüchtiges Sonnenstrahlblitzen“), er denkt an die bevorstehende Hochzeit („bald bin auch ich zu zweit“), an die Eheringe, die seine und die Finger seiner Frau zieren werden („an ihren Fingern seh ich goldene Ringe“). Der Gedanke an die Ringe beruhigt ihn (ich zwinge mich zur Ruhe —“). Diese Verbindung schleicht sich über den Reim subtil in den Text ein.
Ebenso verhält es sich mit Gassen – Massen: Der schreiende Reim am Versende der zweiten Gedichtversion wurde in den Text verlegt, um dort zu klingen.

Der Klang spielt dann bei zu zweit – zu zweit ebenfalls die entscheidende Rolle. Denn auch Wörter, die identisch sind, hinterlassen eine besondere Akustik im Kopf. Indem bewusst nicht gereimt wird zu zweit – bereit, wie im zweiten Gedicht, wird der Wunsch nach der Zweisamkeit durch die Wiederholung der gleichen Wörter viel intensiver zum Ausdruck gebracht.

Mit diesen wenigen Beispielen hoffe ich gezeigt zu haben, dass man mit Reimen viel mehr anstellen kann, als sie ans Ende jedes Verses zu zwingen. Dort nämlich kann sie jeder hinpflanzen. Kunstvoll und galant wird ein Gedicht aber erst, wenn man Worte bewusst einsetzt, sie in die eigenen Texte einwebt, mit ihnen sein Gedicht malt. Dem Leser ein Bild zeigen, ihn aber nicht anschreien. Zugegeben, es ist möglich, dass der Leser nicht jeden Reim, nicht alles Kunstvolle Ihres Textes sofort erkennt (vor allem wenn es sehr subtil eingewoben wurde; haben Sie es beim ersten Lesen bemerkt: flitzenSonnenstrahlblitzen?). Aber was er ganz sicher erkennt, ist Folgendes: „Hier hat jemand etwas Besonderes mit der Sprache gemacht, nicht nur ein paar Wörter aneinander gereimt, hier hat jemand ein Gedicht geschrieben.“

Der Reim ist also nicht nur Zwang und er ist nicht nur Schmuck, der Reim ist ein sprachliches Mittel, das sie bewusst und kunstvoll einsetzen sollten, um Ihre Texte noch weiter zu verbessern. Gerade heute, wo der Reim oft etwas altmodisch wirkt, ist es an Ihnen, ihn kunstvoll anzuwenden. Denn ihm gar keine Beachtung zu schenken, würde nur bedeuten, sich selbst eine Möglichkeit zu rauben, einfallsreiche Texte zu schreiben. In diesem Sinne: Experimentieren Sie, reimen Sie, aber tun Sie es mit Stil. Schaffen Sie das Besondere, das Ihre Texte einzigartig macht.


[Poesie, das ist Musik! #1] Gedichte bewusst schreiben

Liebe Leserinnen und Leser des textbasis.blogs, pünktlich zum Start des lyrischen Mittwochs folgt die neue Artikelreihe „Poesie, das ist Musik!“. Darin soll ein bisschen darüber nachgedacht werden, warum überhaupt noch Gedichte geschrieben werden und werden sollten. Worin liegen die Unterschiede zur Prosa, was sind Stärken und Schwächen eines Gedichtes gegenüber langen Absätzen mit intensiver Grauwirkung? Weiterhin: Was unterscheidet ein gutes von einem schlechten Gedicht und was ist das grundlegende Handwerkszeug, das jede Poetin und jeder Poet braucht, um sich in der Welt der Lyrik wohlzufühlen, ohne bloß ein paarmal mehr die Enter-Taste der Tastatur zu drücken? All dies soll Thema der neuen Artikel sein und ich freue mich, mit Ihnen zusammen ein bisschen die Gedanken kreisen zu lassen um etwas, das vermeintlich nur noch ein stiefmütterliches Dasein am Rande der breiten Lesegesellschaft fristet.

Das Ei sei Ausgangspunkt folgender Metapher. „Prosa: die Schale; Lyrik: das Eigelb. Das Eiweiß? Die Welt!“ Ein paar Worte dazu. Anfang allen Schreibens ist unsere Welt, egal ob für Fachbuch, Dystopie oder Sciene Fiction Mystery. Unterschiedlich ist lediglich der Grad der Distanz zum Gewohnten. Wie Anarchie nur vor einem Netz von Normen sein kann, so kann jedes noch so fantasievolle Buch nur sein vor dem Hintergrund, vor dem es sich fantasievoll abheben will. Das ist so. Das Eiweiß, unser Alltag, wabbelt und wabbelt. Autoren aller Texte, alle Künstler, nutzen dieses Wabbelige, um daraus Nützliches und Schönes zu formen.

Den Alltag in eine Form bringen, die sich unterscheidet vom Tristsein unaufgefangener Vergänglichkeit, das Eiweiß umschließen, ihm eine Form geben, die das Alltägliche unter sich verbirgt und uns makellos wie ein frisches Ei anlacht, das ist die Prosa, das sind Fachtexte und Romane. Anders die Lyrik, die will nicht das große Ganze, die geht in die Details, Ausschnitte des Alltags verdichtet zu einem goldenen Kern. Wo die Prosa mit vielen Worten viel erreicht, da versucht die Lyrik mit wenigen Worten ebenso viel zu erreichen. Und wie sowohl Schale als auch Eigelb zu einem Ei gehören, so sind Prosa und Lyrik keine Konkurrentinnen, lediglich zwei Möglichkeiten, dem Zerfließen des Alltags neue Dimensionen hinzuzufügen: Ihn einzufangen, ihm eine Gestalt zu verleihen, die Prosa. Noch tiefer in ihn vorzudringen, mit dem Wenigen das Intensive hervorzuheben, die Lyrik.

Mehr als diese Metapher möchte ich nicht zum Unterschied zwischen Lyrik und Prosa sagen. Schließlich ist dies keine akademische Diskussion, sondern soll kurzweiliges Nachsinnen bleiben, orientiert an der Praxis des Schreibens. Also: Punkt.

Der Vergleich mit dem Ei hilft, die Herangehensweise von Lyrik und Prosa an die Welt zu unterscheiden, aber für das Schreiben von Gedichten ist das ein wenig hilfreicher Vergleich. Denn warum sollte man überhaupt Gedichte schreiben und nicht alles in „normale“ Texte verpacken? Die Antwort darauf ist schwierig und zu einem Großteil auch geprägt von der persönlichen Vorliebe beim Schreiben. Wenn Sie noch nie den Drang verspürt haben, ein Gedicht zu schreiben und sich mit Prosa-Skizzen und kleinen oder großen Texten so ausdrücken, dass es Ihnen eine Erleichterung ist: Sodann, der Meister bleibt der Zunft stets treu. Wenn Sie jedoch offen sind und Lust haben, Neues zu probieren, eventuell schon ein paarmal selbst versucht haben, Gedichte zu verfassen, dann hat sie der süße Stachel der Lyrik bereits infiziert. Nun ist es daran, sich treiben zu lassen.

Worauf ich hinaus will, Sie haben es selbstverständlich schon herausgelesen, ist die Grundvoraussetzung allen lyrischen Schaffens: der Drang, die Bereitschaft, die Lust, Gedichte zu schreiben. Ohne die geht es nicht, denn sonst kommt am Ende kein Gold und nur Pyrit heraus. Also: Handwerkzeug aller Poeten ist und bleibt der Drang, sich lyrisch ausdrücken zu wollen. Dieses Wollen muss mehr sein als die Überlegung: „Hm, eigentlich könnte ich heute mal ein Gedicht schreiben.“ Denn das kommt dann auch heraus: „Hm, hier wollte wohl jemand heute mal ein Gedicht schreiben.“ … Wenn Sie gestatten und es nicht für Eitelkeit abtun, erlauben Sie mir, kurz über mich selbst zu schreiben. Ich liebe die Lyrik, ich liebe Gedichte. Ich schreibe auch selbst, aber ich schreibe recht wenig. Ich schreibe Gedichte meist dann, wenn mich eine unsichtbare Hand zu drängen scheint, wenn ich das Gefühl habe, eine Idee, einen Gedanke nicht anders als in Gedichtform niederschreiben zu können. Ich würde mir wünschen, mehr dieser „lyrischen Momente“ zu haben, aber ich fordere sie nicht heraus. Ich erzwinge keine schönen Worte, denn schön wird nichts, wenn man es nicht von ganzem Herzen will.

Damit sei genug über mich gesprochen, denn es geht nicht um mich, sondern um die Leidenschaft, Gedichte zu schreiben. In sich gehen, hören, wie man ist, fühlen, wie es sich aus einem herausschreibt, den Stift packen – die Feder rennt dann ganz von allein über das Papier. Und doch: so einfach ist es natürlich nicht immer.

Zwar hat sich die Lyrik mehr und mehr auch einem intuitiven Schreibstil geöffnet, der feste Formen hinter sich lässt, der schon fast an Prosatexte in Gedichtform erinnert, der oft kryptisch und hochkomplex zugleich ist, in dem die Botschaft verschwimmt zu Bildern des Abstrusen, welches selbst die Botschaft zu sein scheint. Aber: das ist natürlich nicht das Ergebnis eines Nichtkönnens, sondern eines Wollens. Viele Gedichte sind verfasst in Reimen, metrisch und strophisch perfekt, inhaltlich der Form angepasst, versoptimiert in Silbenzahl und Vokalhäufigkeit. Diese Stilisierung gehört zur Lyrik, war in der deutschen Literaturgeschichte lange Zeit unhinterfragter Standard und löste sich nur langsam auf zu moderner Dichtkunst, wie wir sie heute kennen. Doch der hohe Stilisierungsgrad ist ein Segen und eine Gefahr. Der Segen: beherrscht man die Kunst, dann entsteht verdichtete Sprache, so intensiv, das kein Prosatext mitziehen kann. Die Gefahr: beherrscht man sie nur halb, entstehen schreckliche Zeilengebilde, die nicht verhüllen können, dass jemand wollte, aber offensichtlich nicht konnte. Das ist das Aus. Ende für das Gedicht.

Andersherum ist es genauso: Verzichtet man auf metrischen Gleichklang, auf strophische Einheit, auf den Wohlklang des Reimes, so liest man oft Gedichte, die platt wirken, die den Charme eines Brotlaibes versprühen, der eine Woche in der Brotdose vergessen wurde. Denn die Vereinfachung bedarf immer des Wissens um das Komplexe. Wer nie von Metrik gehört hat, dem wird das Gefühl für den Rhythmus freier metrischer Gestaltung fehlen. Wer nie gereimt hat, der kennt den Grad der Freiheit nicht, auf den Reim zu verzichten. Um etwas wegzulassen, muss man etwas weglassen können.

Ich selbst schätze die moderne Lyrik, ich liebe die Grenzenlosigkeit des Abstrusen, die Provokation des Schneidenden, den pulp im traditionsreichen Kleid. Dennoch sollten auch moderne Poetinnen und Poeten nicht die alten Wurzeln der Lyrik vergessen, welche die deutsche Literatur bekannt, berühmt gemacht haben. Denn nur weil man heute selten Gedichte liest, die in ihrer Konstruktion einem Gryphius’schen Glashaus entsprechen und doch voller Leben sind, so heißt das nicht, dass diese Lyrik nicht mehr geschrieben werden könnte. Aber die Verführung des Einfachen, des Schnellen verleitet zum Hinwerfen von Worten, die nur nachträglich deklariert werden als Gedicht und nicht aus sich selbst herausstrahlen.

Keinesfalls soll, bei allem Gequäkel, der Eindruck entstehen, dass nur der ein Gedicht schreiben sollte, der ein Poetik-Studium hinter sich hat. Das wäre vermessen und kleingeistig (und das Ergebnis dann eventuell auch nicht besser). Es soll aber heißen: Gedichte schreiben, auch wenn sie kurz sind, ist ebenso kompliziert, wie Romane zu schreiben, die über viele, viele Seiten spannend oder interessant sein sollen. Deswegen diese Artikelreihe. Ich wünschte mir, dass sie ein paar basics, um in der Sprache unserer Zeit zu bleiben, vermittelt, die Ihnen helfen, noch bessere und noch bewusster Ihre Gedichte zu schreiben. Und aus diesem Grund werden sich kommende Artikel der Reihe „Poesie, das ist Musik!“ mit den grundlegenden Themen Metrik, Reim, Kadenz, Strophenform und Stilmittel beschäftigen. Nicht als Lehrstoff sollen sie wirken, sondern als interessanter Lesestoff. Leicht, musikalisch, so wie Ihre Gedichte. Bis zum nächsten Mal – und bleiben Sie lyrisch!