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GEDichTE. Überlegungen zum lyrischen Ich entlang dem Lyrikband Privataufnahme.

Wie ein unscheinbarer Wind durchweht die Frage nach dem lyrischen Ich, nach seiner Verwurzelung im Autor und seinen Händen hin zur Leserschaft, zu Zeiten die Artikel dieses Blogs. Sie haben darüber hier verstreut in einigen Zeilen schon gelesen; jetzt ist es an der Zeit, dem etwas wärmer hinterherzuspüren.

Privataufnahme. Junge deutschsprachige Lyrik. Herausgegeben von Marius Hulpe. Dahlemer Verlagsanstalt 2009.

Seit der Mainzer Minipressen-Messe 2013 steckt ein Gedichtbändchen in meinem Regal, dem ich schon lang überfällig ein paar Worte schulde, hat es sich die Erkundung des lyrischen Ichs in der modernen Lyrik doch gerade zur Herzensangelegenheit gemacht. Nicht theoretisch versucht es, das lyrische Ich zu ergründen, sondern vielmehr zeigt es die Facetten des Ich-Bezuges direkt am Text und seine Möglichkeiten für die zeitgenössische Dichtung. Die Autoren wurden um ihre „persönlichsten (und darum, so das Experiment glücken will, evidentesten) Gedichte“ gebeten, herausgekommen ist eine Sammlung von intimen, gebrochenen, oft deutlichen und mehrdeutigen Texten, denen gemeinsam das Greifen in die Tiefe ist, hinunter zum empfindlichen Grund der Verbindung zwischen Autor, eigener Realität und Gedicht.

Im Vorwort schreibt Marius Hulpe, dass dem Gedicht als Ausweg oft nur noch der Rückzug ins Private übrig geblieben sei: „Tunnel graben unterhalb des Dickichts der medialen Form- und Farbenwirtschaft, in hermetischeren als den öffentlichen Räumen sein Glück zu strapazieren.“ Die Reichweite der Gedichte, der Lyrik im Allgemeinen ist kürzer geworden. Das liegt nicht darin begründet, dass das Gedicht ohnmächtig wäre, aber es befindet sich selbst in einer allumschließenden Ohnmacht, in einem großen weißen Rauschen, in dem die leisen Störsignale der Lyrik ungehört verklingen. Anrennen gegen Soap-Opera, Klatschpresse und Werbung: vergeblich.

Vergeblich deswegen, weil das Gedicht es nicht schaffen will und nicht schaffen darf, seine Verse zur Message zu verdichten, die Crowd mit blöden, ausgehöhlten Phrasen zu erreichen. Damit würde es sich selbst seiner Berechtigung berauben. Allerdings: So ganz passt die Beschreibung nicht, denn bei der Rede über das Gedicht und die Poesie lohnt es mit zu erinnern, dass auch diese nicht aus Liebe und Luft entstehen. Das Gedicht, so autonom es sein mag, ist das Resultat eines künstlerischen Aktes, und dieser Akt bedarf der Agierenden, der Dichterinnen und Dichter. Wohin also in diesem Konflikt zwischen tauber Welt und gewollter Nicht-Anpassung? Wohin als Dichter, wenn der Ruf im Rauschen verebbt, wenn mehr Dezibel bedeuteten, immer dumpfer zu werden? Marius Hulpe nennt den Ausweg zurecht einen Rückzug, eine Rückbesinnung auf dasjenige hinter den Gedichten, auf das Private. Wo etwas keinen Anklang findet, da kann es klingen, wie es will, da darf, ja muss es manchmal dissonant, manchmal naiv ertönen und für Dritte sich mitunter unverständlich oder trivial geben – zumindest wenn es sich um ehrliche Verse handelt.

[…]
du sagst: mond. und ich vergleiche
die monde. ob lüdenscheider mond
ob diedenhofener mond. […]

(S. 31: Adrian Kasnitz: „september in der provinz“. Auszug)

Die größten Worte scheitern an der geringsten Menge, darum sind viele der Gedichte in diesem Band ganz nah an dem, was im Alltag passiert, sie sind die Versuche, licht das Empfinden und die Erinnerungen in Worte zu legen, sie in die horizontale Progression des Verses einzupassen. Sie sind keine Versuche, Kritik auszusparen und angepasst mitzuschwimmen, aber der Kritik wird das Allgemeine genommen, ihr wird ganz deutlich in Abrede gestellt, dass sie auf Massen mit Idealen wirken könnte, denn diese Massen erreicht das Gedicht nicht mehr. Kritik nimmt die Form von Erinnerung, die Erinnerung die Form von Versen an.

ich lehne an der wand
eingegraut ist sie wie das haus wie das viertel
ich lehne an der wand
während an der kreuzung der preßluft-
hammer zuschlägt […]

(S. 64: Adrian Kasnitz. Auszug)

Nicht ohne Grund wird Adrian Kasnitz bereits zum zweiten Mal zitiert, schafft er es doch, das lyrische Ich und seinen Bezug zum Privaten auch für den Leser fassbar zu machen. Die Details, die Motivationen bleiben dem Leser freilich verborgen, das Vorkommen des Wortes „ich“ ist keine Freikarte für Erklärungen, für triste Auslegungen. Allerdings ist Kasnitz’ „ich“ ein besonderes, denn transzendiert es einerseits die Erinnerungen des Autors in die Verse, so transzendiert es gelichzeitig ein Ich, an dem der Leser sich halten, das er in sich selbst hineinlassen kann. Was es da für dieses „ich“ zu finden geben mag, sei dahingestellt. Aber das Aufnehmen des fremden Ichs in den Leser, das setzt das Leser-Ich mit lyrischen Ich in eins, da verschmilzt dann eventuell zu einem Sinn, was große, allgemeine Worte gar nicht mehr zusammenbringen können.

Gerade in den Versen, die Erinnerungen, die Privates zeigen, findet sich erst in einem zweiten Schritt der Reflexion, was allen sogenannten Weinerlichen zu oft abgesprochen wird: die Möglichkeit wieder in die Rezipienten vorzudringen, indem diese in sich selbst vorstoßen. Das passiert nicht, kann nicht ohne Zutun der Leser passieren, aber ohne das passiert im Gedicht ohnehin nicht viel. Wer moderne, intime Lyrik liest wie eine Tageszeitung, wie einen Sachtext, der uns vorlügt, was Sache ist, der scheitert an der Moderne. Eröffnungsverse wie die von Katharina Schultens, in ihrer Naivität wirken sie beinahe trivial, wenn man sie lediglich überfliegt. Doch wie anders kann man sie als Leser erschließen, sie nutzen, wenn man sie als Blaupause für die eigene Vergangenheit verwendet mit den ganz anderen aber dafür ganz eigenen Erinnerungen und Bildern?

ich bin ein gnadenloses kind gewesen
zu gewissen zeiten, ich zupfte an ganz gewissen saiten
mir die finger krumm & blutig; es gab herrliche rupturen
von knoten auf den stimm- & andren bändern. […]

(S. 104: Katharina Schultens: „suppenapostel/in“. Auszug)

Anders, als nur dieses lyrische Ich als Schlüssel zu sich selbst zu nutzen, zeigen die Gedichte in Privataufnahme, dass Privates keineswegs ausschließlich an feste Worte gebunden ist, schon gar nicht an das Wort ich. Denn privat kann eine Erinnerung ebenso sein, wenn sie wie ein Bild aufscheint. Dieses Bild in seiner Neutralität für den Leser verzichtet auf den direkten Bezug zum Subjekt, es ist eine Einweg-Spiegelbrücke, die der Rezipient nicht selbst gebaut hat, an deren Anfang er nur immer sich erkennt, deren anderes Ende er aber als fremdes Bild deutlich vor sich sieht.

Das lyrische Ich tritt zurück hinter die Erinnerung, die Verse bilden kein Ich mehr ab, das man in sich hineinlassen könnte. Moderne, private Lyrik ist nicht egoistisch, nicht narzisstisch, erst recht nicht ignorant allem Großen gegenüber. Sie ist notwendig rückbezogen in einem lauten Raum, in dem lautes Brüllen nur immer mehr Verstimmung hervorruft. Einerseits ist das Ich in der modernen Lyrik also ein leiser Anker, an dem man sich in sich selbst hineinziehen kann, andererseits kann die moderne Lyrik so leise sein, dass sie ganz auf diesen Ich-Anker verzichtet, kein Ich mehr auswirft, rein in der Rückschau abbildet und damit intern aufarbeitet und extern anregt.

der august mit seinem ende
sie legten sich träge in die losen rahmen der fenster
hielten die augen auf
wie um ausschau zu halten
[…]

(S. 56: Anja Kampmann: „ausblick“. Auszug)

Was kann in einem lauten Raum, in dem die kraftvollste Stimme nur noch Noise neben anderen ist, größere Wirkung entfalten als ein schlichtes Bild, das ablenkt von unseren Anstrengungen, doch endlich wieder richtig hören zu können, um uns daran zu erinnern, einmal wieder die Augen zu öffnen. Mögen keine vier Augen je das Gleiche sehen, aber sehen, das können gesunde Augen doch allemal. Manches Mal bedarf das Öffnen dieser Augen jedoch erst den Künstler, der uns Privates, intime Momente des Sehens und der Erinnerung, von sich offenlegt, damit wir uns selbst anstupsen und uns erinnern, die Ohren zu schließen, die Augen zu öffnen und das Private in seinem Nutzen für das Allgemeine ernst zu nehmen.

Damit wir uns neu in uns selbst verorten, Zeichnungen von uns erstellen und diese ausstellen, unser Ich, unsere Bilder den anderen darbieten, damit sie zu eigenen Bildern wie wir zu uns selbst finden können. Das ist weder Emo noch Biedermeier, das ist eine Chance für alle, das kann Dichtung für alle sein, das sind die erwähnten „Tunnel […] unterhalb des Dickichts der medialen Form“, das ist ein Bild für andere von uns selbst für uns, das sind Privataufnahmen – „ein mögliches Medium gesammelter authentischer Gegenwart in Form von Poesie“ (wie die Klappe der Broschur dieses fein gestalteten und editierten Bändchen es nicht treffender hätte sagen können).

Ich vergesse oft, dem Waschbecken morgens
unverzüglich zu trinken zu geben.
weil ich abgelenkt bin.
[…]

(S. 70: Ron Winkler: „Nofretetelle“. Auszug)

Privataufnahme enthält Gedichte folgender Autorinnen und Autoren:

Anke Bastrop, Crauss, Daniela Danz, Carl-Christian Elze, Roman Graf, Alexander Gumz, René Hamann, Marius Hulpe, Anja Kampmann, Adrian Kasnitz, Daniel Ketteler, Björn Kuligk, Norbert Lange, Kerstin Preiwuß, Ulrike A. Sandig, Nathalie Schmid, Katharina Schultens, Florian Voß, Jan Wagner, Christoph Wenzel, Ron Winkler