Archiv der Kategorie: Texterstellung

Ich bin so maiglöcklich! Ein-Wort-Blogparade

Liebe Leserinnen und Leser!

Etwas Ruhe ist hier auf dem Blog eingekehrt und die Gründe dafür sind schnell genannt. Vor allem liegt es daran, dass mich derzeit viele Projekte zeitlich sehr stark einbinden und die TEXTBASIS quasi auf Hochtouren läuft. Daraus folgt dann leider, dass ich den Blog erst einmal für ein Weilchen stilllegen muss. Anfragen per E-Mail oder Telefon erreichen mich natürlich wie gewohnt. Aber nun zum eigentlichen Thema …

Sybille Ebner vom sinn.wort.spiel-Blog veranstaltet derzeit (und nur noch für kurze Zeit, denn ich bin etwas spät dran) eine Blogparade. Schon letztes Jahr im Frühling fand eine solche statt, bei der es Gedichte einzureichen galt. Dieses Jahr ist nun wieder Frühling und auch die Parade kehrt zurück, allerdings mit anderem Thema.

Gesucht wird schlicht nach einem Wort, dem Frühlingswort sozusagen. Die genauen Regeln, finden sich nur einen Netzkatzensprung weit entfernt, nämlich im Originalbeitrag: hier.

Nachdem ich ein bisschen überlegt hatte, entschied ich mich zuerst für „maiglöcklich“. Also in etwa: „Nach diesem schrecklichen Winter trat er nun wieder vor die Tür, die Wiese war herrlich, sie war maiglöcklich und er war es auch.“ Leider hat mir Google verraten, dass nicht nur ich die Idee schon hatte, also schwenkte ich guter Dinge um auf „schneeglöcklich“. Aber auch das gab es schon! Noch mal von vorn, dachte ich, denn alles neu macht der Mai, heißt es zumindest … umständliche Formulierung, hmmm … – da fiel es mir wie Buchstaben aus der Suppe: Hier braucht es ein eigenes Wort – und so wurde mein Kandidat für die Ein-Wort-Blogparade: „neumaiisch“.

Zwar im Schriftbild nicht besonders hübsch, aber doch überraschend leichtgängig auf der Zunge:

Die Sonne kitzelte seine Nase, vorsichtig stand er auf und kleidetet sich an. Er trat zum Fenster, roch frisch gemähtes Gras und hörte die Stimmen vieler Vögel. Alle dunklen Tage und Gedanken waren fort, verschwunden über Nacht wie eine Narbe, die endlich verheilt war. Neumaiisch lag die Landschaft vor ihm – und an der Tür standen seine ausgetretenen Schuhe, ihre Kappen in Richtung Ausgang gerichtet.


Von Fehlern, Arbeitsabläufen und überhöhten Erwartungen

In einem schon etwas weiter zurückliegenden Beitrag („Du kanst misch mal lesen!“) habe ich darüber geschrieben, warum es wichtig ist, seine Texte möglichst fehlerfrei zu verfassen. Ich kam zu dem Schluss, dass gute Rechtschreibung die Höflichkeit ist, mit der Autorinnen und Autoren ihren Lesern begegnen. Das heißt nicht, dass jeder perfekt schreiben können muss (dann wären alle Korrektorate ihrer Arbeit beraubt), das heißt aber, dass jeder zumindest das Gefühl vermitteln sollte, sich bemüht zu haben. An dieser Meinung halte ich nach wie vor fest: Der Fehler gehört zum Text und zum Buch, wie Text und Buch zum Menschen gehören – alles andere wäre auch wirklich gruselig. Davon abgesehen, ist diese menschliche Seite nie eine Freikarte für unflätiges orthografisches Verhalten.

So zumindest die Theorie, die mit der Wirklichkeit nicht immer Hand in Hand geht. Zwar ist es so, dass jede auch nur halbwegs geübte Leserin sofort bemerkt, ob ein Autor sein Handwerk versteht, schlicht aufgrund der Tatsache, dass sie erkennt: Oh, der schreibt echt gut. Andererseits ist es aber keinesfalls die Aufgabe der Autoren, perfekte Texte abzuliefern oder später aufgrund von Fehlerteufelchen verurteilt zu werden. Dieses Dilemma erklärt sich leicht und kann ebenfalls leicht aufgelöst werden.

Zuerst einmal sollten sich alle Bewohner der Wortwelt (Autoren, Leser, Lektorate, Korrektorate et cetera) bewusst sein, dass eine klare Trennung existiert zwischen Textschaffen, Textbearbeitung und Textkonsum. Die Hauptaufgabe des Autors ist das Hervorbringen von Text, das Umwandeln seiner Kreativität (im fiktionalen Bereich) und seines Sachverstands (im nicht fiktionalen Bereich) in Worte. Dies ist der Ausgangspunkt von allem: der rohe Text, das rohe Gemüse, aus dem erst noch ein leckeres Gericht gezaubert werden muss. Dabei wäre es völlig verfehlt, wenn sich Autorinnen und Autoren schon beim Schreiben die Köpfe zermarterten über dieses und jenes Komma oder knifflige grammatische Fragen. Das schränkt nur ein, das verhindert und mindert am Ende das Ergebnis, welches dadurch seinen Zug verliert und im schlimmsten Fall verkopft und angestrengt wirkt. Textschaffende sollen Text schaffen, den Rest übernehmen die anderen in gemeinsamer Textarbeit.

Steht die Rohfassung eines Textes oder eines Kapitels, so ist es natürlich die Aufgabe jedes Autors, zu kontrollieren, zu verbessern und umzuschreiben, bis er selbst mit der Fassung seines Texte zufrieden ist. In diesem Moment kommt die Höflichkeit gegenüber den Leserinnen und Lesern ins Spiel. Und in diesem Moment trennen sich die Guten vom Rest. Denn, blickt man der Tatsache rau ins Auge, so muss man eingestehen, dass ohnehin zu viel Text produziert wird, und nur der überhaupt die Möglichkeit hat, einmal einen größeren Leserkreis zu erreichen, der in der Lage ist, aus seinem Textrohdiamanten ein kleines Schmuckstück zu machen. Doch wie im Bergbau ist es auch beim Texteschreiben: Erst einmal müssen die Ideen abgetragen und an die Oberfläche befördert werden, dann kann die Veredelung beginnen.

Um in der Metapher zu bleiben: Nicht jedes Schmuckstück ist gleich schön und wertvoll. Je nachdem, wie viel Zeit und Arbeit man in seinen Text investieren möchte, gibt es Möglichkeiten, die eigenen Texte in gemeinsamer Arbeit aufzupolieren. Sei es durch eine Textredaktion, die Fakten und Argumente auf Herz und Nieren prüft, ein Lektorat, in dem Stil, Textanlage und Textgestaltung geprüft werden, ein Korrektorat, das sich um Orthografiedämonen kümmert, oder aber durch Testleser aus dem Freundes- und Bekanntenkreis, deren Rückmeldungen, sofern ehrlich und kritisch, überaus bedeutsam sind.

Darum ist es folgendermaßen: Erst der Text, dann das Finish. So einleuchtend diese Aussage klingen mag, so wenig wird sie doch beachtet. Da gibt es Autoren, die nie zu einem Ende kommen, weil sie an sprachlichen Details festhängen. Dann sind da andere, die zu einem Ende kommen, jedoch nicht sehen, dass zwar das letzte Wort geschrieben, der Text aber noch weit am Anfang steht. Nicht zuletzt sind dann noch diejenigen Leser, die alle Fehler vergeben und meinen, es sei doch unwichtig, ob einer gut (recht)schreiben könne oder nicht, es komme auf den Inhalt an (das sind meist die, die es selbst nicht besser können), und dann gibt es noch die Leser, die meinen, jeder Text sei unwürdig, gelesen zu werden, sobald sich ein paar Fehler eingeschlichen haben (das sind meist die, die gern selbst Texte schreiben wollen, denen neben allen Rechtschreibkenntnissen aber der schöpferische Geist fehlt). Das alles sind Gruppen, deren Herangehensweise an Texte antiquiert und einseitig ist.

Denn Autorin oder Autor zu sein, zeichnet sich lange nicht mehr dadurch aus, dass man Text verfasst und ihn dann verlegt (bekommt). Es zeichnet sich dadurch aus, alles zumindest gut zu können, die Abläufe zu kennen und nicht zuletzt, sich selbst als Performer verkaufen zu können, der aus Lesungen Events und aus Texten Erlebnisse macht. Das Internet und allen voran Blogs bieten der neuen Literatur unzählige Möglichkeiten, die von Unzähligen auch genutzt werden. Das hat den ungeheuren liberalen Vorteil, dass jeder und jede Meinung gelesen werden kann; das birgt allerdings auch das Risiko, dass eine Masse minderer Qualität den hochwertigen Beiträgen die Bodenlatten unter den Füßen abträgt.

Je mehr ein Autor im Netz veröffentlicht, umso mehr muss er in sich Textschaffenden, Lektorat und Korrektorat vereinen. Denn gerade Blogtexte leben von ihrer Aktualität, von dem kurzen Weg heraus aus der Word-Datei und hinauf auf den Blog. Umso wichtiger ist es, sich nicht zu verrennen: Erst wird geschrieben, dann wird verbessert, am Ende korrigiert und zum Schluss wird veröffentlicht. Dass diese Netzveröffentlichungen nicht die Qualität von Verlagsveröffentlichungen erreichen, zumindest nur in seltenen Fällen, ist ganz natürlich. Denn wäre jede Autorin nicht nur Autorin, sondern ebenso gute Lektorin und Korrektorin, so bräuchte es am Ende gar keine Lektorate und Korrektorate mehr.

Vor diesem Hintergrund ist also nicht nur den Textschaffenden, sondern auch allen kritischen Augen und kritischen Lesern geraten, die aufgerissenen Augen im Falle von Netzveröffentlichungen einen Spaltbreit zuzudrücken. Denn den Anspruch eines professionell bearbeiteten Textes an einen selbst verfassten und selbst bearbeiteten zu legen, ist vermessen – und unterschwellig die paradoxe Forderung nach Einstampfung der eigenen Profession.

Fazit: Das Bemühen zu spüren, dass sich ein Autor Mühe gegeben hat, auch nicht davor zurückgeschreckt ist, in ein (Online-)Wörterbuch zu schauen und seinen Text zumindest ein Mal am Stück gelesen zu haben, das ist es, was spürbar werden muss. Das ist auch das, wonach selbstveröffentliche Texte streben sollten: zu vermitteln, dass das, was dort steht, genau so dort stehen soll. Dann ist das Kriterium der Höflichkeit auf beiden Seiten des Textes erfüllt, dann kann man guten Beiträgen kleine Schwächen verzeihen und man setzt nicht jeden Autor unter Druck, er müsse selbst alles perfekt beherrschen.
Denn im Leben ist es doch auch so, dass man Menschen schätzt, obwohl sie Fehler haben, dass manche Fehler einige Menschen sogar erst sympathisch machen. Warum sollte uns das bei Texten nicht auch gelingen?

Ist das zu nachgiebig oder immer noch zu hart? Ich würde mich über Ihre Meinung in den Kommentaren freuen.


Wie soll das nur enden? Niemand weiß es …, oder: Der Cliffhänger, Teil 2

Ich begrüße Sie herzlich im neuen Jahr und zurück auf dem textbasis.blog. Um nicht selbst dem zu erliegen, worum es in dieser kurzen Artikelserie geht, folgt heute etwas verspätet der zweite Teil zum Thema Cliffhänger als Stilmittel. Ging es im ersten Teil darum, wie und warum genau der Cliffhänger funktioniert, so wird hier geschaut, an welchen Stellen er überhaupt eingesetzt werden kann. Denn nicht jede Stelle in einem Text ist geeignet, Spannung aufzubauen, indem wichtige Informationen verschwiegen werden.

Der Cliffhänger als Stilmittel besitzt, so schrieb ich im ersten Teil, die Möglichkeit, Gefühle beim Leser hervorzurufen. Im Idealfall vermittelt der Cliffhänger das Gefühl großer Spannung und motiviert zum Weiterlesen, im weniger idealen Fall verärgert er die Leser und enttäuscht sie. Die Kunst ist demnach, den Cliffhänger so einzusetzen, dass er an der jeweiligen Stelle im Text die gewünschte Wirkung hervorruft; und hierfür ist es notwendig, dass man weiß, welche Anforderungen eine Textstelle überhaupt an den Cliffhänger stellt. Aus diesem Grund folgen nun ein paar Überlegungen zu den drei wichtigsten Haupteinsatzgebieten – und ohne lang abzuschweifen beginnen wir dabei mit dem Ende.

Das Ende

Das Textende ist wohl die heikelste Stelle für einen Cliffhänger, denn die Gefahr ist dort am größten, den Leser durch unterlassene Informationen zu verärgern. Das Ende eines fiktionalen Textes bedeutet immer Explosion oder Auflösung. Explosion dann, wenn wie in der Suspense-Literatur üblich ein Geschehen mehr und mehr zugespitzt und verdichtet wird, um am Ende einen großen Knall zu erzeugen. Auflösung bedeutet es dann, wenn der Leser sich mit den Figuren auf eine Reise durch den Text begeben hat, um eine Lösung zu finden und so das Gesamtbild der Handlung zu verstehen. Allein aus dieser groben und einfachen Unterscheidung heraus wird deutlich, dass der Cliffhänger immer auch ein Risiko bedeutet, denn einerseits könnte der große Knall zu einem lahmen Verpuffen werden, andererseits ist es durchaus möglich, dass das Auslassen einer lang gesuchten Information am Ende zu Frustration beim Leser führt.

Wie können Sie also vorgehen, wenn am Ende des Textes ein Cliffhänger stehen soll, der die Leser erfolgreich motiviert, auch die Folgebände zu lesen? Die Antwort ist simpel, die Umsetzung erfordert aber etwas Geschick. Überlegen wir: Der Cliffhänger verschweigt etwas, was der Leser wissen will. Wird etwas verschwiegen, was der Leser wissen will, ist er enttäuscht. Jedoch: Wird etwas verschwiegen, so erzeugt das Spannung. Dennoch gilt: Gleichzeitig Spannung und Enttäuschung hervorzurufen, schließt sich aus und ist unmöglich. Doch das ist nur auf den ersten Blick eine unlösbare Situation! Denn kennt man die Muster, die einem erfolgreichen Cliffhänger zugrunde liegen, kann man genau das erreichen.

Haupthandlung und Nebenhandlung

Um die Auflösung schon vorwegzunehmen: Das Geheimnis ist, den Cliffhänger nicht auf die Haupthandlung zu beziehen, sondern auf die Nebenhandlung. Die Haupthandlung ist das, was Ihre Leser an der Stange hält, was sie umblättern lässt. In einem Seitenmarathon lesen sie sich zum Ende und dort erwarten sie, dass dann auch das Ende steht. Daran sollten Sie keinesfalls herumwerkeln, wenn Sie Ihre Leser auch weiterhin behalten möchten. Die Nebenhandlung allerdings, die ist wie geschaffen für Cliffhänger. Alles, was es dazu bedarf, ist gute Vorbereitung und eine spannende Nebenhandlung an sich. Ich verstehe dabei unter Nebenhandlung all das, was nicht direkt zum Handlungsverlauf gehört, also Charakterbiografien, kleine Abenteuer abseits der Haupthandlung, ein zweiter Handlungsstrang, der parallel zur Haupthandlung verläuft et cetera.

Ein Beispiel: Ein Kommissar ermittelt einen Fall, am Ende löst er ihn. Der Kommissar jedoch soll Protagonist einer Romanreihe sein und auch in weiteren Fällen ermitteln. Um Ihre Leser neugierig zu machen, bietet es sich an, am Ende des Textes einen Cliffhänger einzubauen. Gelingt das, werden die Leser sich mit höherer Wahrscheinlichkeit an Sie als Autorin erinnern, wenn Ihre Folgebände erscheinen. Allerdings kann dieser Cliffhänger nicht so gestaltet sein, dass der zu ermittelnde Fall nicht aufgelöst wird, der Cliffhänger muss also die Nebenhandlung betreffen.
Hierfür können nun verschiedene Muster angewendet werden: Zum Beispiel kann sich der Cliffhänger auf die Biografie des Kommissars beziehen, die selbst Teil der Geschichte ist. Die Leser erfahren gelichzeitig die Auflösung des Falls aber die Geheimnisse, die sich in der Biografie verstecken, werden am Ende nicht verraten, eventuell werden die Geheimnisse sogar effektvoll in den Fokus gerückt. Das schafft Spannung durch die Lesersympathie zum Protagonisten und Befriedigung durch die Auflösung des Falls, dem Abschluss der Haupthandlung. Natürlich funktioniert das in jedem fiktionalen Genre, nicht nur in der Kriminalliteratur.

Eine andere Möglichkeit, den Cliffhänger am Textende einzusetzen ist weniger elegant, aber ebenso zielführend. Wir bleiben beim Kriminalfall: Der Ermittler löst ihn, das Rätsel ist keines mehr. Doch dann! Es huscht eine Person durch die Zeilen, die dem gejagten Bösewicht verdächtig ähnlich ist. Sollte dem Ermittler ein Fehler passiert sein, hat er gar nur einen Doppelgänger gejagt? Das ist der Stoff für weitere Bände und der Leser wird gern wieder mit auf die Reise gehen. Dieses Muster knüpft zwar direkt an die Haupthandlung an, da es jedoch keinen Einfluss mehr auf den Abschluss der Geschichte hat, gehört es zur Nebenhandlung. Deren Aufgabe ist es, die Leser an die eigenen Bücher zu binden. Die Gefahr einer solchen Methode besteht darin, dass man schnell unglaubwürdig wirkt, wenn der Cliffhänger zu abwegig ist. Geschickt eingesetzt, hält er jedoch die Geschichte auch über das Buchende hinaus lebendig.

Geteilte Haupthandlung

Ein ähnliches Vorgehen, das allerdings weitaus größerer Planung im Vorfeld bedarf, ist das Aufteilen der Haupthandlung in Teilhandlungen, die mit jeweils einem bedeutenden Ereignis verbunden sind. Das liest sich abstrakt, ist aber leicht erklärt: Man nehme einen verrückten Killer, der die Polizei an der Nase herumführt. Immer wieder mordet er, immer wieder ist er den Ermittelnden einen Schritt voraus. Sagen wir, dass der Killer am Ende des dritten Bandes gefasst werden soll, so muss ihm die Polizei dreimal auf der Spur sein. Am Ende der beiden ersten Bände wird die bandspezifische Tat aufgeklärt oder verhindert, aber der Killer ist noch auf freiem Fuß. Hier entsteht allein durch die Konzeption der Reihe ein geschmeidiger Cliffhänger, der wohl das Paradebeispiel dafür ist, wie am Ende eines Textes Informationen weggelassen werden können, ohne dass der Leser dadurch verärgert wird. Allerdings ist diese Methode auch diejenige, die am meisten Planung und schriftstellerisches Geschick erfordert, muss doch die Konzeption schon von vornherein über mehrere Bände angelegt werden.

Natürlich gibt es noch unzählige weitere Möglichkeiten, mit dem Cliffhänger Spannung zu erzeugen, aber mit Kenntnis dieser drei sind Sie in der Lage, Ihre Manuskripte so zu gestalten, dass am Ende Spannung und Zufriedenheit gemeinsam auftreten. Diese Muster abzuwandeln oder sich neue auszudenken, funktioniert dann auch viel einfacher, wenn Sie sich dessen bewusst sind, wie und warum genau der Cliffhänger funktioniert. Bis hierhin wurden drei Möglichkeiten vorgestellt: 1) eine spannende Nebenhandlung schaffen, die am Ende offen gelassen wird (etwa über die Protagonistenbiografie); 2) gelöste Teile der Haupthandlung infrage stellen (etwa den Bösewicht wieder auferstehen lassen); 3) die Haupthandlung in Teilhandlungen zerlegen und nur die Lösung der Teilhandlung am Ende vorstellen. Wenn Sie bewusst schreiben und sich an diese Muster erinnern, können Sie leicht Ihre Manuskripte professioneller und komplexer gestalten.

Cliffhänger überall: Kapitelende und Prolog

Abschließend sollen noch zwei weitere Stellen vorgestellt werden, an denen der Einsatz von Cliffhängern sinnvoll ist. Da vieles von dem bereits Gesagten wieder zutrifft, fasse ich mich hier kürzer. Als interessante Stellen für Cliffhänger bieten sich neben dem Ende noch der Prolog und das Kapitelende an. Dabei gilt: Je weiter vorn im Text ein Cliffhänger steht, umso mehr dürfen Sie abweichen von dem, was für den Cliffhänger am Textende gilt. Das bedeutet: Am Kapitelende dürfen Sie Ihre Leser ruhig ein bisschen enttäuschen, dass nicht alle Fragen beantwortet wurden. Denn Ihre Leser wissen ja, dass noch einige Seiten vor ihnen liegen, auf denen sie die Lösung finden werden. Achten Sie dennoch immer darauf, dass das Kapitelende das Ende einer Sinneinheit bleibt. Das heißt: Auch wenn nicht alles aufgelöst wird am Kapitelende, so muss doch eine Entwicklung in der Handlung erkennbar sein, muss der Leser Neues erfahren haben. Sonst wird aus dem Cliffhänger ein Gähner, der dazu führt, dass man nicht weiterlesen möchte.
Eine Besonderheit gilt es fernerhin zu beachten: Wenn Sie mehrere Handlungsstränge anlegen, dann sollten diese gleich spannend sein. Denn ist nur einer wirklich spannend und wird dieser mit einem Cliffhänger am Kapitelende abgeschlossen, so kommt es zu der Situation, dass der Leser möglichst schnell über den zweiten, eventuell langweiligeren Handlungsstrang hinwegliest, nur um die Auflösung des Cliffhängers zu erfahren. Das schafft ein ganz und gar unharmonisches Lese-Erlebnis und sollte tunlichst vermieden werden.

Die größten Freiheiten bei der Gestaltung des Cliffhängers lässt Ihnen der Prolog. Dort ist das oberste Ziel, den Leser in Stimmung zu bringen, möglichst viele Rätsel auf den Weg zu werfen, eventuell auch mit etwas zu locken, das so noch gar nicht zum erwarteten Rest des Buches passt. Spannen Sie hier Ihre Leser auf die Folter, ärgern Sie sie ein wenig damit, dass sie nicht gleich wissen, um was es geht. Denn dann, nach einem solchen Prolog, nach dem man neugierig in der Luft hängt, stürzt man sich erst recht erwartungsvoll in die kommenden Seiten. Dennoch gilt hier natürlich auch, das Maß zu wahren: Schreiben sie den Prolog so wie den Rest ihres Buches, schreiben Sie nicht zu reißerisch und erwähnen Sie nichts, worauf Sie später nicht wieder eingehen. Denn dann fühlt sich der Leser betrogen und ist enttäuscht. Dann wirkt der Cliffhänger am Anfang des Textes wie ein missratener Cliffhänger am Ende: Ihrem Erfolg als Autorin oder Autor entgegen, anstatt Ihre Leser mit der Geschichte zu verschweißen und an Sie zu binden. Ich wünsche stilvolles Abhängen!


Schreiben in der Weihnachtszeit

Es geht in schweren Stiefeln auf den vierten Advent zu und auch wenn der Schnee noch ein bisschen fehlt, schleicht sich die feierlich-hektische Stimmung doch mehr und mehr in den Alltag. Es ist Weihnachten bald – und darum möchte ich allen lieben Menschen, denen ich dieses Jahr real oder im Internet begegnet bin, danken. Dazu gehört ihr, liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer des lyrischen Mittwochs, die ihr euch all meinen Fragen ausgesetzt und dadurch den textbasis.blog bunter gemacht habt. – Dazu gehören natürlich auch alle Freundinnen und Freunde, die ich im Laufe des Jahres kennenlernen durfte und auf deren E-Mails und Nachrichten ich nicht mehr verzichten möchte. – Auch über die engen Bloggrenzen hinaus möchte ich allen Menschen meinen Dank aussprechen, die mich unterstützt haben, und allen, die sich von mir haben helfen lassen. Es ist, was es ist: Ohne euch wäre mir langweilig gewesen dieses Jahr – und glücklich kann ich sagen, dass mir dieses Schicksal gänzlich erspart geblieben ist. Herzlichen Dank dafür und fröhliche Weihnachten!

Doch da es hier auch ein wenig um Schreibtipps gehen soll, will ich den Bogen einmal zurückspannen zum Thema. Schreiben in der Weihnachtszeit mag auf den ersten Blick etwas kurios anmuten, denn gerade an Weihnachten räumen sich doch immer viele andere Dringlichkeiten den Weg frei in den Alltag. Eventuell gehören auch Sie zu den Menschen, die Weihnachten und die Feiertage darauf verzichten, viel zu schreiben, um dann im neuen Jahr, nachdem all die Hektik langsam wieder nachlässt, verstärkt Buchstabenwälder zu schaffen. Die Frage, die ich mir gestellt habe, war die: Wie kann man die stressige Zeit dennoch nutzen, um der Schreiblust nachzuhängen, ohne lange Stunden des Nachdenkens und der Arbeit investieren zu müssen?

Meiner Meinung nach, sollte man sich dazu ganz grundsätzlich an den kürzeren Formaten orientieren – ich spreche in diesem Zusammenhang jedoch nicht von der Lyrik, sondern von den kürzen Prosaformen. Anders, als es oft hier auf dem Blog geschrieben wurde, empfehle ich dieses Mal eine Methode, die ganz und gar abweicht von der genauen Planung des Textinhalts und sich an einem Muster der Vorweihnachtszeit orientiert: der Hektik. Hektik zeichnet sich dadurch aus, dass ein bestimmtes Ziel in weniger als der vorhandenen Zeit zwingend erreicht werden muss. So soll es denn auch beim Schreiben in der Weihnachtszeit sein.

Diese Übung des Weihnachtsschreibens hat thematisch nichts mit Weihnachten zu tun, thematisch sind Sie völlig frei. Ihre körperliche und geistige Verfassung sollte unterdes nicht nur von Hektik geprägt sein, ein bisschen Zeit sollten Sie sich einräumen, sonst funktioniert es nicht; allerdings im Text, da wird es hektisch hergehen! Versuchen Sie doch einfach einmal dieses: Folgen Sie blind den Ideen in Ihrem Kopf, das Erstbeste, das Ihnen lustig, interessant oder absurd erscheint, nehmen sie als Aufhänger für Ihren Text – und danach hauen Sie in die Tasten und Schreiben ohne darüber nachzudenken, warum Sie gerade schreiben oder wo Sie am Ende herauskommen werden. Sobald Ihnen eine neue Idee kommt, ein interessanter Gedanke, den Sie vor Schreibbeginn nicht hatten, hängen Sie ihm schnellstmöglich nach und biegen Ihre Geschichte um ihn herum, sodass immer mehr ein kurzer, sprunghafter Text entsteht, der ganz und gar dem Schreibfluss entsprungen ist. Während des Schreibens denken Sie sich eventuell noch ein Ende aus, das so gar nicht zum Rest des Textes passen will. Dann biegen Sie einmal scharf ab und schreiben auf dieses Ende zu, ohne auch nur einmal die Finger still über der Tastatur zu halten.

Sobald diese kleine Gedankensturmskizze geschrieben ist, verfahren Sie damit, wie Sie möchten; denn nicht das Ziel, sondern der Weg ist, worauf es dabei ankommt. Neben aller Leichtigkeit und Tändelei zielt diese Art des spontanen Schreibens auf ganz essentielle Fähigkeiten ab, die durch sie trainiert werden können: Einerseits üben Sie, schneller zu denken, als Sie schreiben. Das schult die Fähigkeit, einen eigenen Textfluss zu entwickeln und seine Gedanken schnell ausdrücken zu können. Andererseits trainiert es auch das Denken selbst, denn durch das Sprunghafte sind Sie gezwungen, Wendungen zu erdenken und Sackgassen zu verknüpfen, von denen Sie kurz vorher noch nicht einmal wussten, dass sie existierten. Nicht zuletzt kann man bei dieser Art zu schreiben auch üben, korrekt und richtig zu schreiben. Versuchen Sie so viele richtige Kommas zu setzen und so viele rechtschreiblich korrekte Wörter wie möglich zu tippen – nach einer Weile werden Sie feststellen, dass man dadurch effektiv die Qualität seiner Erstversion steigern kann und sich einige Textarbeit im Nachgang erspart. Dennoch: Jegliche durchrutschende Fehler werden rigoros ignoriert und nicht während des Schreibens verbessert! Hier kommt es auf den flüssigen Schreibprozess an, welcher Zweck der Übung ist. Nicht zuletzt soll es einfach nur eine Menge Spaß machen, gedankenlos dreinzuschlagen in die Tasten und und am Ende dort rauszukommen, wo man nicht einmal erahnt hätte hinzugelangen.

Diese kleinen Skizzen lassen sich dann nachträglich auch gut für einen witzvollen Vortrag in kleiner Runde verwenden, um einmal ein bisschen ausgefallene Unterhaltung zu bieten und zu interessanten Gesprächen anzuregen. – Schlussendlich jedoch gehören die Ergebnisse dieser Übung der seltsamen Textgattung an, deren finaler Abgang in den Papierkorb keinen allzu großen Verlust bedeutet, also scheuen Sie sich nicht, die Ergebnisse mit einem Lächeln in den Papierhimmel zu schicken. Diese Übung soll in erster Linie das Schreiben an sich trainieren und die Ideenfindung im kreativen Prozess. Sie soll keine Texte für die Ewigkeit schaffen – die können Sie dann nachher, wenn es wieder ruhiger ist, in aller Ausführlichkeit strukturieren und planen, um sie danach wie von Geisterhand niederzuschreiben.

In diesem Sinne: Hohoho! Allen friedliche Weihnachten und eine schöne Zeit zum Jahresende.


– Lebenslauf eines Gedichts- Einblicke in die Werkstatt & das Lektorat

Vor Kurzem habe ich mit Matthias Engels an einem seiner Gedichte gearbeitet – und als wir zu einem ersten Ergebnis gekommen waren, hatte er die Idee, daraus einen Blogeintrag zu machen. Eine schöne Sache fand ich, und so ist auf dem Dingfest-Blog nun ein Artikel zu lesen, in dem man hineinschnuppern kann, wie die gemeinsame Arbeit an einem Gedicht aussehen könnte. Das Lektorieren eines Gedichtes erfordert von Autor und Lektor viel gegenseitiges Vertrauen; es ehrt mich, dass mir Matthias dieses Vertrauen ausgesprochen hat. Eventuell bereitet Ihnen die Lektüre so viel Freude, wie sie Ihnen auch Inspiration für eigene Textarbeit ist.

DINGFEST

notWie genau entsteht ein Gedicht? Wie verändert es sich während der eigenen Arbeit daran? Und im Lektorat?-diesen Fragen möchte ich einmal am Beispiel eines eigenen Textes nachgehen.

Es handelt sich um ein recht frisches Gedicht, das -wie so oft bei mir- aus ein, zwei einzelnen Formulierungen entstanden war, dann wuchs, dann schrumpfte, neu angereichert wurde und so weiter…. . (Es ist sicher nicht das Gedicht des Jahrhunderts und zählt auch bestimmt nicht zu meinen 10 Besten, aber als Anschauungsobjekt taugt es ganz gut.)

Im Folgenden möchte ich nun einen 1zu1 realen Einblick in die gemeinsame Arbeit von Autor und Lektor an einem solchen Text vermitteln.

Ich hatte also ein (noch titelloses) Gedicht, das bereits zahllose Bearbeitungen erfahren hatte und meines Erachtens relativ fertig war. Es war  über mehrere Wochen im Rohzustand zwischengelagert gewesen und basierte auf der Grundidee, ein weißes Blatt Papier und eine unberührte Schneelandschaft zu überblenden…

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