Archiv der Kategorie: Texterstellung

Gute Ratgeber schreiben

Neulich las ich von Nina Weber einen sehr interessanten Beitrag über das Schreiben von Ratgebern im Handbuch für Autorinnen und Autoren1, der mich dazu bewog, ein bisschen nachzudenken. Dort schrieb die Autorin über die Dinge, die für das erfolgreiche Verfassen ebenjener Texte nötig seien.

Gerade im Bereich Ratgeber werden regelmäßig von den Verlagen sehr hohe Verkaufszahlen erreicht, da eine sehr hohe Nachfrage besteht. Dies hat zur Folge, dass der Markt einerseits überfüllt ist mit Ratgebern (oft auch mit thematisch ähnlichen) und andererseits ein Ratgeber nicht mehr nur durch das Thema, sondern auch die Umsetzung auffallen muss. Diese schließt dabei gleichzeitig das Layout als auch lebendige Sprache und Wissen um Zielgruppen ein, damit diese richtig adressiert und „abgeholt“ werden können.

Und als wäre das nicht schon eine bachtliche Aufgabe, müssen Sie als Autorin und Sie als Autor natürlich auch Fachfrau und Fachmann auf dem jeweiligen Gebiet sein, über das Sie schreiben wollen. Und ganz nebenbei müssen Sie auch noch die Vorstellungen des Verlages erfüllen und am Ende soll im Idealfall etwas herauskommen, in dem Sie sich selbst wiederfinden.

Die Situation, was Ratgeber anbelangt, ist folgende: Der Markt ist gefüllt; wenn ein Ratgeber dennoch erfolgreich sein soll, dann muss er eine Nische bedienen, diese darf jedoch nicht so spezifisch sein, dass sie ein zu kleines Zielpublikum anspricht. Also schon einmal schwierig genug. Darüber hinaus muss das Layout angepasst und frisch, quasi knackig optimiert sein, was zur Folge hat, dass oft nur ein bestimmter Textrahmen zur Verfügung steht. Das bedeutet, dass Sie nicht immer so viel werden schreiben können, wie Sie wollen, oder aber gerade dann mehr schreiben müssen, wenn Sie das Gefühl haben, dass schon alles gesagt wurde. Weil der Markt umkämpft ist, müssen Sie als Autorin für Ratgeber lernen, mit diesen Unwegsamkeiten umzugehen.

Haben Sie sich also für diesen Weg entschieden, dann werden Sie auf Hindernisse stoßen, die der Markt Ihnen entgegenwirft. Aber das scheint in der Branche üblich, nur darf man sich nicht von den Schwierigkeiten erschlagen lassen. Dazu ist es ratsam, einige Voraussetzungen zu erfüllen. Denn wer anderen Rat geben will, der sollte Rat wissen. Und wer Rat weiß, der weiß oft, wovon er spricht. Um anderen zu helfen, wird es also nicht reichen, selbst ein Laie zu sein und zu hoffen, sich schon irgendwie einarbeiten zu können. Eine Voraussetzung, um erfolgreich Ratgeber zu schreiben, ist, dass sie bereits Expertin und Experte auf einem Gebiet sind, um aus diesem Expertenwissen Text und schließlich Geld zu machen.

Ist diese Grundvoraussetzung erfüllt, dass Sie sich auf einem Gebiet so richtig zu Hause fühlen, dann können Sie beginnen. – Am besten mit der Recherche. Schauen Sie nach, was in Ihrem Wissensgebiet schon geschrieben wurde, schauen Sie, woran sich noch keiner gewagt hat. Und denken Sie so, wie es Nina Weber im oben genannten Artikel vorschlägt: Das, was es schon gibt, das brauchen Sie nicht mehr schreiben – und das, was es noch nicht gibt, das scheint so speziell zu sein, dass sich das Verlegen nicht lohnt. Eine Zwickmühle durch und durch. Der Ausweg: Schauen Sie, was es gibt, und entwickeln Sie eine kreative Idee, einen kreativen Aspekt, der ein bereits vorhandenes Thema aus einer ganz anderen, interessanten Sichtweise aufgreift. Das wird später neben Ihrem Expertenwissen Ihr Hauptverkaufsargument sein (und das ist auch der schwierigste Schritt im Entstehungsprozess Ihres Ratgebers).

Nachdem die Idee steht, eventuell auch schon eine erste Gliederung erstellt wurde, schreiben Sie Ihren Text. Aber schreiben Sie ihn noch nicht in der Herangehensweise, dass Sie die Finalversion erstellen. Schreiben Sie sich Ihren persönlichen Prototypratgeber, wie Sie ihn sich inhaltlich vorstellen, mit allen Kern- und Knackpunkten. Denn wenn dieser Protoratgeber erst einmal steht, dann können Sie richtig loslegen: Exzerpte und Exposés erstellen, Verlage und Agenturen anschreiben; eben all das Mühevolle, das bei der Verlagssuche auftritt. Und wenn Sie dann einen interessierten Verlag oder eine interessierte Agentur gefunden haben, dann warten Sie geduldig ab, mit welchen Ideen und Vorschlägen der Verlag respektive die Agentur an Sie herantritt. Durchdenken Sie die Vorschläge, malen Sie sich Möglichkeiten aus, wie Sie Ihren Protoratgeber an das vorgeschlagene Layout anpassen können, überlegen Sie, wie Sie vorgeschlagene Aspekte einbauen, wie Sie eventuell auch zu komplexe wegfallen lassen können – damit am Ende immer noch Ihr eigenes Buch, Ihr eigener Text stehenbleibt.

Gerade dieses Engagement und diese Flexibilität werden Verlage und Agenturen an Ihnen schätzen – und gerade das wird es auch sein, was sie neben anderen Autorinnen und Autoren auszeichnet. Denn auf dem schnellen Ratgebermarkt gewinnt langfristig nur der, der sich schnell anzupassen weiß und dabei immer individuell bleibt. – Allerdings, eine Hürde gilt es dann noch immer zu überwinden: nämlich den richtigen Ton zu treffen und den Text der jeweiligen Zielgruppe anzupassen (das unterscheidet Ratgeber besonders stark von rein fachinternen, wissenschaftlichen Publikationen).

In der Fachliteratur finden Sie viele Analysen von Zielgruppen und Kaufverhalten. Lesen Sie sich ein, überlegen Sie, wer diejenigen sein werden, die Ihre Ratgeber später einmal kaufen sollen und in ihnen lesen werden. Wie können Sie diese Menschen erreichen? – Haben Sie sich dies überlegt, kommt das hinzu, was das Arbeitsfeld der Ratgeberverfasserin und des Ratgeberverfassers besonders anspruchsvoll macht: nämlich nicht nur Experte zu sein, Kenntnisse um Marktabdeckung und Zielgruppen erlangt zu haben, sondern auch schriftstellerische Fähigkeiten zu besitzen. Denn der eigene Ausdruck muss mindestens ebenso flexibel sein wie die Bereitschaft, sich anzupassen.

Die Kunst, sich in all den Anforderungen nicht zu verlieren, sich zu verwirklichen, am Ende noch immer freudig behaupten zu können, dass der fertige Ratgeber das Besondere ist, was man selbst geschaffen hat und worauf man stolz ist, diese Kunst ist folgende: eine gute Idee haben, gut schreiben können, flexibel sein und diese Flexibilität als eigene Leistung auffassen. Denn nur in Kombination all dieser Merkmale kann ein Ratgeber entstehen, der erfolgreich, frisch und individuell ist. Das ist wesentlich schwieriger, als man eventuell meinen könnte, wenn man die schmalen (und manchmal auch stärkeren) Büchlein in den Regalen stehen sieht.

Und dass viele Ratgeber einen selbst nicht ansprechen, ist nur ein Zeichen der Kunstfertigkeit während ihrer Produktion: Sie sind so durchdacht und hergestellt, dass sie manche Zielgruppen von vornherein ausschließen, um andere umso stärker zu erreichen. Das ist die Technik, einen Ratgeber zu verfassen –, und in die muss man viel Lern- und Schreibarbeit investieren.

(Dieser Artikel entstand während der Anreise nach Mainz zur Minipressen-Messe 2013)

Quellenangabe:
1Nina Weber: Die Kunst, Ratgeber neu zu erfinden. In: Uschtrin, Sandra/Hinrichs, Heribert (Hrsg.): Handbuch für Autorinnen und Autoren. S. 50-66
7. völlig überarbeitete Aufl. München: Uschtrin Verlag,
2010. – ISBN 978-3-932522-14-7


Die Macht der Vagheit, oder: Was passiert eigentlich beim Lesen?

Lassen Sie uns den heutigen Artikel um einen einfachen Satz herum aufbauen:

„Ein hübsches Gesicht lächelte ihnen entgegen.“

Ich bin der Meinung, dass uns der Satz ebenso viel über gutes Schreiben verraten kann, wie ein ganzes Sammelsurium von Schreibtipps. Es braucht lediglich zwei Dinge: ein bisschen Fantasie und einen scharfen Blick. Stellen Sie sich bitte eine beliebige Filmszene vor, für die der obenstehende Satz eine Umschreibung sein könnte. – Und damit ist der Hauptteil der Übung auch schon beendet. Denn ich bin mir sicher, dass jede einzelne Vorstellung sich ein wenig unterscheidet von jeder anderen – und jede im Kern dennoch gleich ist. Der Beispielsatz gibt gewissermaßen den Rahmen für unsere Vorstellung vor. Das heißt, dass Sie wahrscheinlich nicht an blökende Hirsche oder eingemachte Sauerkirschen denken werden, wenn sie von lächelnden Gesichtern lesen. Und dennoch, wie ich schon schrieb, wird keine Vorstellung der anderen völlig gleichen.

Ein hübsches Gesicht …“

Grund dafür ist die Vagheit, welche durch die Wörter im Satz eröffnet wird. Schauen wir da ein bisschen näher hin. Der unbestimmte Artikel „ein“ deutet diese Offenheit schon an, indem er auf ein ganz beliebiges Gesicht verweist. Dann das Adjektiv „hübsch“, das wohl ebenso vage ist wie die Empfindung, die jede und jeder Einzelne mit „wohlschmeckend“ verbindet oder mit „angenehm“. Das Substantiv „Gesicht“ ist nun die Projektionsfläche, auf die in der Vorstellung die Eigenschaften von „hübsch“ übertragen werden. Denn ohne diesen Bezug macht der Satz keinen Sinn; die Merkmale eines „hübschen Mantels“ werden andere sein als die eines „hübschen Gesichtes“. An dieser Stelle eine kurze Unterbrechung.

Es wird ersichtlich, dass unser Beispielsatz, den irgendeine Autorin verfasst haben könnte, Sie, den Leser, unbedingt braucht, um seine Wirkung zu entfalten. Schon die Wortgruppe „ein hübsches Gesicht“ ist so sehr geprägt von den jeweils eigenen Vorstellungen, dass durch sie bei jedem Leser ein etwas anderes Bild entsteht. Zwar hat jede Leserin vor sich denselben Wortlaut, aber das Bild, das im Kopf hervorgerufen wird, ist immer ein anderes. Nicht zuletzt deswegen, da das hübsche Gesicht das einer Frau oder das eines Mannes sein kann.

„Ein hübsches Gesicht lächelte ihnen entgegen.“

Betrachten wir die nächsten Wörter des Beispielsatzes. Es folgen „lächelte“ und „ihnen“. Der Leser, dessen Fantasie, wenn auch unbewusst, schon eifrig daran war, sich „ein hübsches Gesicht“ vorzustellen, muss nun noch weiter arbeiten, um diesen scheinbar so einfachen Satz aufzulösen und verständlich zu machen. Jetzt bedarf es nämlich noch einer Personengruppe, der dieses hübsche Gesicht „entgegenlächelt“. Und diese Personengruppe muss so positioniert sein, dass das Gesicht ihnen überhaupt entgegenlächeln kann. Gleichwohl diese räumliche Anordnung durch den Satz vorgegeben wird, sind die Möglichkeiten, das „ihnen“ zu füllen, wieder schier grenzenlos. Jeder wird sein eigenes „ihnen“ entwerfen. Eventuell ist es bei der einen eine Gruppe von Reisenden, eventuell bei dem anderen eine Kindergartengruppe. Und dass sich jeder ein Lächeln anders vorstellt, besonders wenn es in einem schönen Gesicht anzutreffen sein soll, ist selbstverständlich.

Unser Beispielsatz bietet also sowohl Raum für nahezu unendlich viele Möglichkeiten, was die Ausstaffierung eines „hübschen lächelnden Gesichtes“ anbelangt, als auch für die Vorstellung des „ihnen“, einer beliebigen Gruppe von Menschen (oder vielleicht sogar Tieren?). Schnell durchgerechnet macht das nahezu unendlich × nahezu undendlich, was ungefähr etwas mehr als nahezu unendlich viele Möglichkeiten ergibt, die dieser unscheinbare Satz im Kopf der Leserinnen und Leser hervorrufen kann. (Und ich habe noch gar nicht erwähnt, dass diese Personengruppe und das hübsche lächelnde Gesicht in irgendeiner Situation, einer Szenerie vorgestellt werden müssen, was die Möglichkeiten wahrscheinlich noch einmal potenziert).

Was kann man nun aber daraus lernen, aus diesem einfachen Satz und seiner Vagheit? Drei Dinge, wie mir scheint. Die erste Erkenntnis: Wörter und Sätze sehen zwar meist nur schwarz aus vor einem weißen Untergrund, doch diese Reduktion eröffnet das bunteste Universum im Kopf des Lesers. Im Gegensatz zum Bild und zum Film beschreiben sie eine spezifische Situation (wie unser Beispielsatz), lassen jedoch den Leser entscheiden, was er daraus machen will. Das führt mich direkt zur zweiten Erkenntnis: Wörter und Sätze beziehen den Leser mit ein. Dies ist zum einen eine Interaktion, die den Leser unterhält, nämlich, wenn er seine eigenen Bilder im Kopf entstehen lässt. Zum anderen ist es auch eine Art Macht, die der Autor ausübt. Denn durch Vagheit zwingt er den Leser zum Weiterdenken („Das war die schlimmste Folter, die je ein Mensch erleiden musste“). Dieser Zwang muss freilich nicht immer auf Grausiges abzielen („Die schönste aller himmlischen Melodien klang vom Firmament herab“), doch sie zwingt den Leser, die Lücken mit seinen eigenen Vorstellungen von schönen Melodien und schlimmen Wunden zu füllen. Und abschließend noch die dritte Erkenntnis, die jedoch mehr eine Meta-Erkenntnis darstellt: Wenn man genau hinsieht, dann kann man überall und in fast jedem Text etwas erkennen, das hilft, das eigene Schreiben zu verbessern.

Zusammengefasst: Texte und Wörter stoßen die Türen in die Fantasie der Leser auf, die Autorin „zwingt“ ihre Leser dadurch, sich ihre eigenen Geschichten zu erfinden. Und wenn der Autor weiß, wie so ein harmloser Satz wie unser Beispielsatz funktioniert, so kann man ihn beliebig verändern und anpassen. Wenn nun also die Möglichkeiten schier unbegrenzt sind, sich unser hübsches lächelndes Gesicht vorzustellen, warum dann nicht den Leser darauf hinweisen, dass es in jeder Variante ein „kleines Muttermal“ auf der „linken Wange“ besitzt? Oder dass die Augen „auffällig kalt“ aussahen „wie die einer Toten“?

Der Trick ist, nicht zu viel vorzugeben, sondern nur das zu erwähnen, was Ihre Charaktere, Ihre Szenerie, Ihre Handlung auszeichnet, was sie besonders macht. Den Rest erfindet sich der Leser hinzu – Sie müssen nur das schreiben, was Sie als Autorin und Sie als Autor herausragend macht. Und darauf kommt es schlussendlich an: Lapidares lassen Sie die anderen aufzählen und sich in nutzlosen Details verlieren. Sie bleiben beim Einzigartigen, und einzigartig werden dann auch Ihre Texte.

PS: In wissenschaftlichen Texten ist es ganz gleich. Nur wird die Macht der Vagheit dort in den Augen der Leser zur Ohnmacht des Autors.

(Dieser Artikel entstand während der Anreise nach Mainz zur Minipressen-Messe 2013)


Ausgelassen punkten …

Im Artikel des vorigen Sonntags erwähnte ich an einer Stelle die Auslassungspunkte. Seitdem schwirren mir diese drei Runden im Kopf herum, und die Idee, über diesen Kullerverbund einen separaten Artikel zu schreiben, hat sich hartnäckig festgesetzt. Hiermit gebe ich ihr nach.

Die Auslassungspunkte sind etwas eitel. Man sollte sie daher nicht verwechseln mit ihrer Verwandtschaft, den Satzpunkten. Denn Auslassungspunkte sind ein Satzzeichen und nicht etwa drei. Dazu ein Vergleich:

Faslch
(1) „Ich sah sie und ahnte ..​​.“

Richtig
(2) „Ich sah sie und ahnte …“

Dem kundigen Auge fällt wahrscheinlich schon am Schriftbild auf, dass es Unterschiede zwischen (1) und (2) gibt. Diese entstehen, da es sich bei den Auslassungspunkten nur optisch um drei einzelne Punkte handelt. Eine falsche Verwendung ist daher auch noch später im Druck sichtbar und lenkt die Aufmerksamkeit des Lesers im ungünstigsten Fall weg vom eigentlichen Inhalt.

Word und andere Programme verschleiern die falsche Zeichensetzung allerdings etwas, da sie die Eingabe von drei aufeinanderfolgenden Satzpunkten automatisch korrigieren. Das ist zweifelsohne gut für den Anwender, andererseits aber schlecht fürs Verstehen. Daher fallen die falschen Auslassungspunkte vorrangig immer dort auf, wo keine automatische Korrektur stattfindet: in E‑Mails, in Plain-text-Dateien aber auch in SMS‑ und Chat-Nachrichten.

Nun möchte ich keinesfalls behaupten, dass es einen großen Unterschied macht, ob Sie via WhatsApp die Nachricht „bin in 5min da..​​.“ oder „bin in 5min da…“ erhalten. Aber wenn es um Ihr Buch, um ihren Text geht, dann sollten diese Detail ebenfalls stimmen. Wie setzt man also sein Wissen um die korrekte Anwendung der Auslassungspunkte konkret um, wenn sich auf der Tastatur dafür keine eigene Taste befindet?

Der umständliche Weg führt über das Kopieren und Einfügen vorhandener Auslassungspunkte. Einfacher ist unter Windows hingegen die Eingabe mittels verfügbarer Alt-Codes. Diese ermöglichen es Nutzerinnen und Nutzern, Zeichen zu erzeugen, die nicht als Tasten auf der Tastatur vorhanden sind, eventuell sogar im verwendeten Zeichensatz fehlen. Durch Halten der Alt-Taste und Eingabe einer spezifischen Ziffernkombination auf dem Ziffernblock lassen sich leicht die gewünschten Zeichen hervorrufen.

Für die Auslassungspunkte lautet diese Kombination „Alt + 0133“ (Apple: Alt + .-Taste). Nach Eingabe des Befehls erscheinen die Pünktchen sofort auf dem Monitor. Womit man zumindest schon einmal auf der sicheren Seite wäre, was die Verwendung des richtigen Zeichens betrifft. Doch damit nicht genug, denn in dem Dreigepunkt stecken noch mehr Schwierigkeiten Möglichkeiten.

Falsch
(3) „Wie bitte? Wo soll hier eine Klippe s …?“
(4) „Unterbrich mich nicht immer, wenn ich…“ – „Mach ich doch gar nicht!“

Richtig
(5) „Wie bitte? Wo soll hier eine Klippe s…?“
(6) „Unterbrich mich nicht immer, wenn ich …“ – „Mach ich doch gar nicht!“

Auch hier findet man die Unterschiede wieder im Detail. Allgemein gesprochen, werden die Auslassungspunkte verwendet, um anzuzeigen, dass etwas vom Satz weggelassen wurde. Dabei unterscheidet man, ob es sich beim Weggelassenen um einen Satzteil wie in (6) oder einen Wortteil wie in (5) handelt. Daraus lässt sich folgende einfache Regel ableiten:

Handelt es sich beim Weggelassenen um einen Satzteil, geht den Pünktchen ein Leerzeichen voraus. Handelt es sich um einen Wortteil, entfällt das Leerzeichen. Wird der ursprüngliche Satz nach den Auslassungspunkten nicht fortgesetzt, ersetzen die Auslassungspunkte den Satzpunkt, jedoch nie Ausrufungs- oder Fragezeichen.

Und weil das alles noch nicht verwirrend genug ist, so können die Auslassungspunkte auch zum Anzeigen von Sprechpausen verwendet, also immer dort gesetzt werden, wo weder Satzteil noch Wortteil weggelassen wird. In diesen Fällen werden die Auslassungspunkte eingeschlossen in Leerzeichen:

Falsch
(7) Ich glaube…ich…kann nicht…mehr.

Richtig
(8) Ich glaube … ich … kann nicht … mehr.

Mir ist bewusst, dass das recht viel ist, was man sich zu solch einem relativ selten verwendeten Zeichen merken soll. (Und wahrscheinlich tröstet der Hinweis darauf, dass es noch einiges mehr zu beachten gibt, das hier des Umfangs wegen nicht auch noch erwähnt wird, ebenfalls nur mäßig.) Trotzdem bin ich der Meinung, dass man gerade durch die Kenntnis solcher Feinheiten seine eigenen Texte verbessern kann. Denn wenn man die Kniffe beherrscht, erschließen sich neue Möglichkeiten für das Schreiben. – Oberflächlich betrachtet, macht es keinen großen Unterschied, ob man schreibt:

(9) „Du sollst beim Kreissägen nicht in die Luft schauen! Schau hinunter zu deinen Händen!“ – „Ist ja gut, ich schau ja schon hin …“
oder
(10) „Du sollst beim Kreissägen nicht in die Luft schauen! Schau hinunter zu deinen Händen!“ – „Ist ja gut, ich schau ja schon hin…“

 … nur eben schade um des Gesellen Finger.


[Nahdenken! #4] sic!

Herzlich willkommen zum vierten Beitrag in der Kolumne „Nahdenken!“. Kennen Sie das? Irgendwo im Internet, auf der Suche nach einer Information, begegnet es Ihnen, wie ein Gespenst taucht es unerwartet auf und erschreckt sic!

Grauenvoll, wahrlich. Dabei ist die Funktion dieses kleinen Wörtchens ziemlich unschuldig. Denn häufig anzutreffen in wissenschaftlichen Texten, dient es dort als redaktioneller Hinweis darauf, dass ein Zitat originalgetreu übernommen wurde – besonders dann, wenn dessen Inhalt fraglich ist oder sich ein Fehler im Quellentext eingeschlichen hat. Ein Beispiel anhand einer fiktiven Buchbesprechung:

Mex Mastermann stellt in seinem neuen Buch die Lebensgeschichte von Galileo Galilei dar. Sein Schreibstil ist pointiert, seine Thesen herausfordernd. Bleibt zu hoffen, dass sein Einleitungssatz es auch sein soll. Dort schreibt Mastermann nämlich, dass „Galilei zweifelsohne einer der einflussreichsten Astrologen [sic] Italiens und der gesamten Welt“ gewesen sei.

Da ist Herrn Mastermann wohl ein Schnitzer unterlaufen, auf den uns der Autor des oben stehenden Textes hinweisen möchte; denn natürlich war Galilei wohl eher Astronom denn Astrologe. Indem unser fiktiver Autor also seinen Lesern mitteilt, dass Herr Mastermann einem Fehler erlegen ist, so muss jener sich doch selbst absichern, dass nicht er den Fehler durch gedankenloses Zitieren oder dergleichen verschuldet hat. Also schreibt er korrekterweise ein [sic] mit in das Zitat. – Lassen Sie uns da ein bisschen genauer hinschauen.

Zitate werden im Wortlaut wiedergegeben. Und immer, wenn man etwas daran ändert oder hinzufügt, verweist man darauf mit Anmerkungen, die man in eckige Klammern setzt:

Gierig fraßen sie [die Geier?, Anm. d. Verf.] das frische Cowboyfleisch.
oder
Ich möchte Ihnen in den folgenden 20 000 Wörtern kurz schildern, wie ich eines Tages fortging […] und am Ende feststellen musste, dass ich mein Portemonnaie vergessen hatte. Danke für Ihr Interesse.

Die erste Anmerkung in eckigen Klammern zeigt dem Leser an, dass das, was in den Klammern steht, nicht zum Zitat gehört, sondern von der Verfasserin, der Zitierenden, ergänzt wurde. Die zweiten eckigen Klammern weisen durch Auslassungspunkte darauf hin, dass ein Teil vom Zitat weggelassen wurde. Also kurzum, die eckigen Klammern sagen immer: Hier hat der Autor, der zitiert, etwas mit dem ursprünglichen Zitat gemacht, er hat es auf irgendeine Art bearbeitet.

Kommen wir aber nun zum eigentlichen Thema, zum sic. Sic stammt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie: so. Demnach lässt sich das [sic] oben im Buchbesprechungstext etwa folgendermaßen lesen: „Diese Formulierung findet sich so im Original und stammt nicht von mir, der ich dieses Zitat zitiere“ oder kürzer „So steht es dort“. Daran ist bis jetzt nichts Seltsames oder Unübliches, so wird zitiert. Einen etwas gespenstigen Twist bekommt die Sache allerdings, wenn man auf Verwendungsweisen wie [!] oder [sic!] trifft.

Sicher, es gibt keine Vorschrift, die sagt: „So musst du, und das geht gar nicht!“ Deswegen finden sich in wissenschaftlichen Texten auch alle drei Varianten. Allerdings möchte ich die Frage stellen: Wie soll man [!] oder [sic!] am besten lesen? Oben bereitete das bei [sic] keine Schwierigkeiten, es steht für „So steht es dort“. Wie aber bei [!]? Soll man da im Geiste lesen „Ey!“, „Achtung!“ oder „Is’ so!“? Und bei [sic!] etwa „So steht es dort, wirklich, glaub mir!“? Wohl kaum, denn das erste wirkt aufdringlich, das zweite unglaubwürdig.

Darum wird hier für die Schreibweise [sic] plädiert, denn sie ist schlicht und elegant. Die eckigen Klammern zeigen an, dass auf etwas im Zitat hingewiesen werden soll, und sic präzisiert, dass es im Original genau so geschrieben steht, wie es zitiert wurde. Soweit zur Verwendung in wissenschaftlichen Texten. –

Doch findet sic, wie mir scheint, auch mehr und mehr im alltäglichen Bla-Blub-Schreiben Verwendung. Formulierungen wie „Da bin ich gestern voll besoffen (sic!!!) noch mit dem Auto nach Hause und hab die Karre voll in den Baum geparkt, scheiße!“ verdeutlichen es unzweifelhaft. Woher aber dieser Hang zu jenem ursprünglich redaktionellen Auszeichnungsvermerk? Man ahnt die Katastrophe …

Dass im Slang etwas als „krank“ bezeichnet werden kann, ist bekannt. Es ist dann in etwa „abgefahren“. Auch dass viele Anglizismen im Deutschen verwendet werden, ist nichts Neues. Sachen sind (gefühlt) schon immer „cool“ oder „abgespact“ gewesen (zu: „abspacen“ …) Warum also nicht die phonetische Ähnlichkeit bemühen und das kleine sic zum großen wilden Ausruf „Sick!“ transmutationieren und es der Abgespactheit halber in ursprünglicher Schreibung verwenden? Wirkt ja doch cool irgendwo – und die eckigen Klammern sind sowieso irgendwie komisch und irgendwarum viel zu umständlich auf der Tastatur einzugeben. Und noch paar Ausrufungszeichen extra passen eh immer. „Damit ist es [sic] dann angerichtet, der Salat.

Bis zum nächsten Mal!


Alter Grieche! Aristoteles’ Poetik #2 – Einfallsreich und klar schreiben

Schon einige Zeit ist vergangen, seit der erste Artikel in der Reihe „Alter Grieche!“ erschien. In jüngster Vergangenheit nahmen die Vorstellung des lyrischen Mittwochs und die Hinwendung zum Lyrischen breiten Raum ein. Zeit, auch einmal wieder die älteren Kategorien aufleben zu lassen.

Nun also erneut zum alten Griechen Aristoteles. Immer wieder erstaunlich ist es, dass man bei jedem Aufschlagen seiner Poetik fast sofort die besten Hinweise für gutes Schreiben findet. Natürlich, der Staub muss hier und da ein bisschen beiseite gepustet werden. Ebenso wollen seine Ausführungen, damit sie nützlich sind für modernes Schreiben, ein wenig unserer Zeit angepasst werden. Mit der bereits im ersten Artikel vorgestellten Methode, ein Zitat auszuwählen und ausgehend von diesem die Gedanken frei wandern zu lassen, soll auch heute wieder ein bisschen über stilvolles Schreiben nachgedacht werden. Hier das Zitat:

„Die vollkommene sprachliche Form ist klar und zugleich nicht banal. Die sprachliche Form ist am klarsten, wenn sie aus lauter üblichen Wörtern besteht; aber dann ist sie banal. […] Die sprachliche Form ist erhaben und vermeidet das Gewöhnliche, wenn sie fremdartige Ausdrücke verwendet. […] Doch wenn jemand nur derartige Wörter verwenden wollte, dann wäre das Ergebnis entweder ein Rätsel oder ein Barbarismus.“1

Zum besseren Verständnis ersetze ich die „vollkommene sprachlich Form“ mit „guter Text“. Die „fremdartigen Ausdrücke“ werden zu „ungewöhnlichen Wörtern und Formulierungen“. Zu guter Letzt verwandelt sich der „Barbarismus“ in „Kauderwelsch“. Sodann entnehmen wir dem Zitat, dass die besten Texte diejenigen sind, die mit geistreichen Formulierungen aufwarten, diese jedoch mäßig und bewusst einsetzen und deswegen immer klar und verständlich bleiben.

Die nützlichsten Tipps sind immer die einfachen. Diese Eigenschaft teilen sie mit Einfällen und Rezepten. Denn obwohl das, was Aristoteles dort schreibt, schon fast trivial anmutet, vermisst man doch allzu oft, dass sich Autoren an seine Worte erinnern. Woran liegt das? Nun, ich meine, dass es daran liegt, dass ein guter Rat schnell gegeben, die Durchführung jedoch meist ungleich schwieriger ist. Denn jeder weiß, dass ein verständlicher Text besser ist als ein unverständlicher; nur scheitert es meist an der eigenen Umsetzung. Doch indem wir ein bisschen genauer hinsehen, kann sich das leicht ändern lassen.

Ich habe die Verallgemeinerung „guter Text“ gewählt, weil ich alle Texte einbeziehen möchte. Vor allem geht es mir um die Sach- und Fachtexte, die von Aristoteles’ Hinweisen am meisten profitieren können. Klarheit und Verständlichkeit stehen bei Fachtexten an oberster Stelle. Denn wo wir in der fiktionalen Literatur oft sogar gern ein „Rätsel“ oder manchmal ein bisschen „Kauderwelsch“ haben, da ärgern wir uns in Fachtexten umso mehr darüber. Möglicherweise stellt sich Ihnen hier die Frage: „Wenn aber der Fachtext möglichst klar sein soll, warum soll er dann ‚ungewöhnliche Wörter und Formulierungen‘ enthalten?“

Die Frage ist berechtigt und ich versuche sie mit folgenden Ausführungen zu beantworten. Dazu sollen vier Arten von Fach- und Sachtexten genannt und vorgestellt werden: die Gebrauchsanleitung, der Lexikoneintrag, der wissenschaftliche Aufsatz und der kurzweilige Ratgeber. In der Aufzählung ist schon eine gewollte Hierarchie enthalten, die schrittweise von den bloßen Fakten hin zur Möglichkeit kreativen Schreibens führt. Dokumente aus der Technischen Dokumentation tun gut daran, wenn sie mit möglichst „banalen“ Wörtern und anschaulichen Grafiken das höchste Maß an Klarheit erzielen. Über schlampige Gebrauchsanleitungen hat sich schon jeder einmal geärgert, umso besser, dass in diesen nicht noch versucht wird, das Beschriebene verblümt oder gar metaphorisch auszudrücken! So viel Kunstfertigkeit die Erstellung von Dokumenten der Technischen Dokumentation erfordert, so wenig möchte man vom Stil des Autors in ihnen lesen, sie müssen funktionieren und stimmen, mehr nicht. („Lasten bewegen: Spannen Sie die Pferde vor den Wagen und sagen Sie ‚Hüh!‘“)

Dies ist der eine Fall, den ich von Aristoteles’ Überlegungen also ausschließen möchte. Doch schon bei einem Lexikoneintrag sieht die Sache anders aus. Obwohl oft kurz und auf den Punkt, besteht dort schon eher die Möglichkeit, neben allem Relevanten auch das weitläufig Interessante einzubinden, in Form von geistreichen Vergleichen beispielsweise. („Zwei Pferde können Lasten bis zu x Tonnen bewegen und verbrauchen damit in etwa y Liter Kraftstoff auf 100 Kilometern“ – etwas subtiler vielleicht, je nach Lexikon.) Durch die „ungewöhnliche Formulierung“ des Kraftstoffverbrauches der Pferde wird die Schwerfälligkeit etwas genommen. Davon kann auch der wissenschaftliche Aufsatz profitieren.

Dieser besteht oftmals aus vielen Fachwörtern, die das Verständnis für Laien kompliziert machen. Doch nicht nur Laien haben manchmal Probleme mit Texten, in denen sich Fachtermini häufen. Eine Anekdote: Am Anfang unseres Philosophie-Studiums sagte unser Professor sinngemäß, dass die Angst vieler Menschen vor der Philosophie daher stamme, dass sie meinten, sie nicht zu verstehen. Dabei läge es viel öfter daran, dass lediglich viele Autoren nicht in der Lage wären, sich verständlich auszudrücken. – Denn Verständlichkeit, auch im wissenschaftlichen Bereich, wird nicht nur durch die Häufung von vielen Fachbegriffen hergestellt. Lebhafte Sprache, lebendige Satzkonstruktionen, anschauliche Vergleiche, pointierte Zusammenfassungen etc. erleichtern das Lesen und verankern das vermittelte Wissen genau dort, wo es ankommen soll: nicht nur auf dem Papier, sondern in den Köpfen der Leser. („Daraus lässt sich folgende Überlegung ableiten: Kraft und Energie spielen immer eine entscheidende Rolle. Wir könnten Kraftstoff sparen, wenn wir Pferde statt LKWs nutzten, das ist wahr. Wenn aber die Fohlen während des Pferdwerdens nicht verhungern sollen, ist es notwendig, dass der Futter-Lastkraftwagen stets rechtzeitig ankommt.“)

Diese lockere Sprache schafft Sympathie und verankert den Gedanken durch ein Bild im Kopf des Lesers. Zwar ist die Zielgruppe wissenschaftlicher Aufsätze gerade eine, die eventuell auch weitergelesen hätte, wenn der Text staubtrocken gewesen wäre, aber warum sollte man dies herausfordern? Ein bisschen Esprit und Schwung im Text, die schaden nie (Gebrauchsanleitungen ausdrücklich ausgenommen!) Anders als der wissenschaftliche Artikel tritt der Ratgebertext auf. Er kann am stärksten von Aristoteles’ Empfehlungen profitieren.

Denn im Gegensatz zu den Zielgruppen von Gebrauchsanleitungen und wissenschaftlichen Aufsätzen sollen im Ratgeber speziellere Personenkreise angesprochen werden („Trendyoga jetzt!“, „Lieber gar keine Spatzen und Tauben: Anlage extrem!“, „Die Shopping-Diät“). Diese Leser wollen Infotainment, eine kurzweilige Sprache, Lesespaß und Information. Was schon im Text staubt, wird im Regal noch staubiger. Ratgeber müssen den jeweiligen Zielgruppen angepasst werden: die Wortwahl eher konservativ oder frisch? Ist das Buch mit dem Leser schon beim Du? etc. Jeder Einfall, der den Inhalt einprägsamer, den Satz leichtfüßiger macht, zahlt sich aus. Nie Kauderwelsch im Ratgeber, aber auch nie das Banale: einfallsreiche Antworten in klarer Sprache. („Keine Lust auf Laufen und trotzdem Benzin sparen? Kaufen Sie ein Pferd!, oder sparen Sie sich die Kosten für Ross und Reiter und fahren Sie weiterhin mit dem Auto. Tun Sie einfach, worauf Sie Lust haben – Geld kostet Sie das Leben sowieso immer. Gehen Sie also nicht auch noch zu Fuß, das wusste schon „Big B“, Onkel Benjamin Franklin.“)

Wer auch immer Ihre Leser sind, geben Sie ihnen, was auch Sie erwarten: eine schöne Zeit beim Lesen (und das gilt dann auch wieder für Gebrauchsanleitungen, nämlich genau dann, wenn sie funktionieren). Gruß aus Griechenland, bis bald!

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Buchempfehlung und Quellenangabe:
1Aristoteles: Poetik. S. 71f.
Bibliogr. erg. Ausg. Ditzingen: Reclam,
1994. – ISBN 3-15-007828-8