Archiv der Kategorie: Texterstellung

[Poesie, das ist Musik! #1] Gedichte bewusst schreiben

Liebe Leserinnen und Leser des textbasis.blogs, pünktlich zum Start des lyrischen Mittwochs folgt die neue Artikelreihe „Poesie, das ist Musik!“. Darin soll ein bisschen darüber nachgedacht werden, warum überhaupt noch Gedichte geschrieben werden und werden sollten. Worin liegen die Unterschiede zur Prosa, was sind Stärken und Schwächen eines Gedichtes gegenüber langen Absätzen mit intensiver Grauwirkung? Weiterhin: Was unterscheidet ein gutes von einem schlechten Gedicht und was ist das grundlegende Handwerkszeug, das jede Poetin und jeder Poet braucht, um sich in der Welt der Lyrik wohlzufühlen, ohne bloß ein paarmal mehr die Enter-Taste der Tastatur zu drücken? All dies soll Thema der neuen Artikel sein und ich freue mich, mit Ihnen zusammen ein bisschen die Gedanken kreisen zu lassen um etwas, das vermeintlich nur noch ein stiefmütterliches Dasein am Rande der breiten Lesegesellschaft fristet.

Das Ei sei Ausgangspunkt folgender Metapher. „Prosa: die Schale; Lyrik: das Eigelb. Das Eiweiß? Die Welt!“ Ein paar Worte dazu. Anfang allen Schreibens ist unsere Welt, egal ob für Fachbuch, Dystopie oder Sciene Fiction Mystery. Unterschiedlich ist lediglich der Grad der Distanz zum Gewohnten. Wie Anarchie nur vor einem Netz von Normen sein kann, so kann jedes noch so fantasievolle Buch nur sein vor dem Hintergrund, vor dem es sich fantasievoll abheben will. Das ist so. Das Eiweiß, unser Alltag, wabbelt und wabbelt. Autoren aller Texte, alle Künstler, nutzen dieses Wabbelige, um daraus Nützliches und Schönes zu formen.

Den Alltag in eine Form bringen, die sich unterscheidet vom Tristsein unaufgefangener Vergänglichkeit, das Eiweiß umschließen, ihm eine Form geben, die das Alltägliche unter sich verbirgt und uns makellos wie ein frisches Ei anlacht, das ist die Prosa, das sind Fachtexte und Romane. Anders die Lyrik, die will nicht das große Ganze, die geht in die Details, Ausschnitte des Alltags verdichtet zu einem goldenen Kern. Wo die Prosa mit vielen Worten viel erreicht, da versucht die Lyrik mit wenigen Worten ebenso viel zu erreichen. Und wie sowohl Schale als auch Eigelb zu einem Ei gehören, so sind Prosa und Lyrik keine Konkurrentinnen, lediglich zwei Möglichkeiten, dem Zerfließen des Alltags neue Dimensionen hinzuzufügen: Ihn einzufangen, ihm eine Gestalt zu verleihen, die Prosa. Noch tiefer in ihn vorzudringen, mit dem Wenigen das Intensive hervorzuheben, die Lyrik.

Mehr als diese Metapher möchte ich nicht zum Unterschied zwischen Lyrik und Prosa sagen. Schließlich ist dies keine akademische Diskussion, sondern soll kurzweiliges Nachsinnen bleiben, orientiert an der Praxis des Schreibens. Also: Punkt.

Der Vergleich mit dem Ei hilft, die Herangehensweise von Lyrik und Prosa an die Welt zu unterscheiden, aber für das Schreiben von Gedichten ist das ein wenig hilfreicher Vergleich. Denn warum sollte man überhaupt Gedichte schreiben und nicht alles in „normale“ Texte verpacken? Die Antwort darauf ist schwierig und zu einem Großteil auch geprägt von der persönlichen Vorliebe beim Schreiben. Wenn Sie noch nie den Drang verspürt haben, ein Gedicht zu schreiben und sich mit Prosa-Skizzen und kleinen oder großen Texten so ausdrücken, dass es Ihnen eine Erleichterung ist: Sodann, der Meister bleibt der Zunft stets treu. Wenn Sie jedoch offen sind und Lust haben, Neues zu probieren, eventuell schon ein paarmal selbst versucht haben, Gedichte zu verfassen, dann hat sie der süße Stachel der Lyrik bereits infiziert. Nun ist es daran, sich treiben zu lassen.

Worauf ich hinaus will, Sie haben es selbstverständlich schon herausgelesen, ist die Grundvoraussetzung allen lyrischen Schaffens: der Drang, die Bereitschaft, die Lust, Gedichte zu schreiben. Ohne die geht es nicht, denn sonst kommt am Ende kein Gold und nur Pyrit heraus. Also: Handwerkzeug aller Poeten ist und bleibt der Drang, sich lyrisch ausdrücken zu wollen. Dieses Wollen muss mehr sein als die Überlegung: „Hm, eigentlich könnte ich heute mal ein Gedicht schreiben.“ Denn das kommt dann auch heraus: „Hm, hier wollte wohl jemand heute mal ein Gedicht schreiben.“ … Wenn Sie gestatten und es nicht für Eitelkeit abtun, erlauben Sie mir, kurz über mich selbst zu schreiben. Ich liebe die Lyrik, ich liebe Gedichte. Ich schreibe auch selbst, aber ich schreibe recht wenig. Ich schreibe Gedichte meist dann, wenn mich eine unsichtbare Hand zu drängen scheint, wenn ich das Gefühl habe, eine Idee, einen Gedanke nicht anders als in Gedichtform niederschreiben zu können. Ich würde mir wünschen, mehr dieser „lyrischen Momente“ zu haben, aber ich fordere sie nicht heraus. Ich erzwinge keine schönen Worte, denn schön wird nichts, wenn man es nicht von ganzem Herzen will.

Damit sei genug über mich gesprochen, denn es geht nicht um mich, sondern um die Leidenschaft, Gedichte zu schreiben. In sich gehen, hören, wie man ist, fühlen, wie es sich aus einem herausschreibt, den Stift packen – die Feder rennt dann ganz von allein über das Papier. Und doch: so einfach ist es natürlich nicht immer.

Zwar hat sich die Lyrik mehr und mehr auch einem intuitiven Schreibstil geöffnet, der feste Formen hinter sich lässt, der schon fast an Prosatexte in Gedichtform erinnert, der oft kryptisch und hochkomplex zugleich ist, in dem die Botschaft verschwimmt zu Bildern des Abstrusen, welches selbst die Botschaft zu sein scheint. Aber: das ist natürlich nicht das Ergebnis eines Nichtkönnens, sondern eines Wollens. Viele Gedichte sind verfasst in Reimen, metrisch und strophisch perfekt, inhaltlich der Form angepasst, versoptimiert in Silbenzahl und Vokalhäufigkeit. Diese Stilisierung gehört zur Lyrik, war in der deutschen Literaturgeschichte lange Zeit unhinterfragter Standard und löste sich nur langsam auf zu moderner Dichtkunst, wie wir sie heute kennen. Doch der hohe Stilisierungsgrad ist ein Segen und eine Gefahr. Der Segen: beherrscht man die Kunst, dann entsteht verdichtete Sprache, so intensiv, das kein Prosatext mitziehen kann. Die Gefahr: beherrscht man sie nur halb, entstehen schreckliche Zeilengebilde, die nicht verhüllen können, dass jemand wollte, aber offensichtlich nicht konnte. Das ist das Aus. Ende für das Gedicht.

Andersherum ist es genauso: Verzichtet man auf metrischen Gleichklang, auf strophische Einheit, auf den Wohlklang des Reimes, so liest man oft Gedichte, die platt wirken, die den Charme eines Brotlaibes versprühen, der eine Woche in der Brotdose vergessen wurde. Denn die Vereinfachung bedarf immer des Wissens um das Komplexe. Wer nie von Metrik gehört hat, dem wird das Gefühl für den Rhythmus freier metrischer Gestaltung fehlen. Wer nie gereimt hat, der kennt den Grad der Freiheit nicht, auf den Reim zu verzichten. Um etwas wegzulassen, muss man etwas weglassen können.

Ich selbst schätze die moderne Lyrik, ich liebe die Grenzenlosigkeit des Abstrusen, die Provokation des Schneidenden, den pulp im traditionsreichen Kleid. Dennoch sollten auch moderne Poetinnen und Poeten nicht die alten Wurzeln der Lyrik vergessen, welche die deutsche Literatur bekannt, berühmt gemacht haben. Denn nur weil man heute selten Gedichte liest, die in ihrer Konstruktion einem Gryphius’schen Glashaus entsprechen und doch voller Leben sind, so heißt das nicht, dass diese Lyrik nicht mehr geschrieben werden könnte. Aber die Verführung des Einfachen, des Schnellen verleitet zum Hinwerfen von Worten, die nur nachträglich deklariert werden als Gedicht und nicht aus sich selbst herausstrahlen.

Keinesfalls soll, bei allem Gequäkel, der Eindruck entstehen, dass nur der ein Gedicht schreiben sollte, der ein Poetik-Studium hinter sich hat. Das wäre vermessen und kleingeistig (und das Ergebnis dann eventuell auch nicht besser). Es soll aber heißen: Gedichte schreiben, auch wenn sie kurz sind, ist ebenso kompliziert, wie Romane zu schreiben, die über viele, viele Seiten spannend oder interessant sein sollen. Deswegen diese Artikelreihe. Ich wünschte mir, dass sie ein paar basics, um in der Sprache unserer Zeit zu bleiben, vermittelt, die Ihnen helfen, noch bessere und noch bewusster Ihre Gedichte zu schreiben. Und aus diesem Grund werden sich kommende Artikel der Reihe „Poesie, das ist Musik!“ mit den grundlegenden Themen Metrik, Reim, Kadenz, Strophenform und Stilmittel beschäftigen. Nicht als Lehrstoff sollen sie wirken, sondern als interessanter Lesestoff. Leicht, musikalisch, so wie Ihre Gedichte. Bis zum nächsten Mal – und bleiben Sie lyrisch!


Lektorat: Chancen und Vorteile

Liebe Autorinnen, liebe Autoren,

auf dem textbasis.blog versuche ich, für Sie interessante Artikel zu den Themen Textbearbeitung und Texterstellung zu veröffentlichen. Überdies soll die Reihe „Der lyrische Mittwoch“ Ergebnisse kreativen Schreibens vorstellen und den Blick hinter die Buchstaben und auf die Verfasserinnen und Verfasser freigeben. – Es wäre schön, wenn Sie auf diesen Seiten Inspiration und Motivation fänden, um mit Begeisterung an Ihren eigenen Texten zu feilen. Denn der Weg zu einem wirklich guten Text ist lang und beschwerlich, kostet viel Willenskraft und Lernbereitschaft – doch niemand hat gesagt, dass Sie diesen Weg immer allein gehen müssen.

Die Vorteile eines lektorierten Textes

Oft ist es schwierig, die nötige Distanz zu den eigenen Texten herzustellen, und eines kann kein (Schreib)Training je ändern: Es ist und bleibt Ihr Text; Sie werden ihn nie mit gänzlich fremden Augen lesen können. – An diesem Punkt hilft ein externes Lektorat sehr oft, um Ihren Text nüchtern zu betrachten und gegebenenfalls zu verbessern und aufzuarbeiten. Ein lektorierter Text besitzt wesentlich bessere Chancen verlegt zu werden, da er stilistisch und orthografisch optimiert und den Ansprüchen der Verlage angepasst wurde.

Die Zusammenarbeit mit einem Lektor bietet darüber hinaus einen weiteren Vorteil: Sie profitieren von seinen Branchenkontakten und die Wahrscheinlichkeit, einen passenden Verlag für Ihr Manuskript zu finden, ist deutlich höher. Unverlangt eingesandte Manuskripte liegen bei den Verlagen oft sehr lange, bis sie gesichtet werden (aufgrund der Masse täglicher Zusendungen). Die Empfehlung eines Lektors, der Ihr Manuskript mit all seinen Stärken kennt, verkürzt diese Wartezeit in vielen Fällen erheblich.

Manuskripte einsenden

Ich würde mich freuen, Ihr Manuskript zu lesen und Ihnen bei der Verlagssuche zu helfen, gleich ob Sie einen Fachtext, Gedichte oder einen Roman verfasst haben.

Dazu senden Sie mir bitte die ersten 30 Seiten Ihres Manuskriptes sowie eine Textzusammenfassung (oder Ihr Exposé) an die unten genannte E-Mail-Adresse. Nach Eingang des Manuskriptauszuges nehme ich Kontakt zu Ihnen auf. Danach prüfe ich, ob ein Lektorat Ihres Textes ratsam erscheint oder ob er eventuell schon verlags‑ und druckfertig aufgearbeitet ist. Nach Abschluss dieser Überprüfung melde ich mich erneut bei Ihnen und wir besprechen gemeinsam das weitere Vorgehen. Mit Zusendung Ihres Manuskriptauszuges gehen Sie selbstverständlich keinerlei Verpflichtungen ein,

Bitte senden Sie Ihre Manuskriptauszüge per E-Mail oder über den Postweg an mich. Die Kontaktdaten für alle Zusendungen finden Sie hier.

Ich freue mich auf Ihre Texte und eine vertrauensvolle und fruchtbare Zusammenarbeit.

Mit freundlichen Grüßen
Sebastian Schmidt


Von pfeifenden Schweinen und überlaufenden Fässern

Haben Sie schon einmal von Eheringen aus Gummi gehört? Oder von einer Urkunde auf Küchenkrepp? Hoffentlich nicht – und damit auch diese Woche wieder herzlich willkommen zum Blog am Sonntag.

Es ist nicht sonderlich schwer, sich die genannten Dinge vorzustellen, aber aus gutem Grund sind Gold und Urkundenpapier verbreiteter und geeigneter als Gummi und Krepp. Besitzt etwas Wert, so muss in vielen Fällen auch die Verarbeitung diesen Wert unterstreichen. Das kann man sich bei materiellen Sachen leicht vorstellen, aber auch bei Dingen, die uns nicht als greifbarer Gegenstand vorliegen, gilt dieses Prinzip. Ein Beispiel ist in meinen Augen der Text, welcher edler und wirksamer wird, je weniger er auf Redewendungen und allzu gebräuchliche Fügungen zurückgreift und stattdessen einmaliges Sprachmaterial verwendet. Im heutigen Artikel soll dies an einem Beispiel demonstriert werden; der Beispieltext dazu steht etwas weiter unten.

Um Texte hinsichtlich des Einsatzes von Redewendungen zu verbessern, sind im Wesentlichen drei Schritte nötig. 1. Das Auflisten der Redewendungen, 2. Die Unterscheidung zwischen Figurenrede und Erzählerrede, 3. Das Ersetzen unpassender Redewendungen durch Umformulieren. Dabei möchte ich schon an dieser Stelle herausstellen, dass nicht jedes Vorkommen von Redewendungen ein stilistischer Mangel ist und richtig eingesetzt, sogar ein sehr kunstvolles Gestaltungsmittel sein kann.

Bevor wir uns der Ausführung der drei genannten Punkte widmen, eine letzte Vorbemerkung, warum ich es überhaupt für gewinnbringend halte, dass man in Texten auf ein Übermaß an Redewendungen verzichtet. Dies hat damit zu tun, dass jede Autorin und jeder Autor die Sprache liebt und sie als Werkzeug für seine Kreationen nutzt. Soll ein Text bewundernswert und gut sein, so reicht es oft nicht, auf das schon Vorhandene zurückzugreifen. Denn dies wirkt auf den Leser oft so, als habe man gerade keine Einfälle gehabt oder so: „als fehlten einem die Worte“. Der Einsatz von Redewendungen muss dabei keinesfalls gleich zu schlechten Büchern führen, aber er zeigt zumindest, dass beim Schreiber auf sprachlicher Ebene noch Potenzial zur Verbesserung besteht – und dies ist nicht der schönste Eindruck, den man dem Leser vermitteln möchte, lenkt er doch ab von der eigentlichen Handlung oder dem eigentlichen Inhalt des Buches.

Führen wir also nun die drei genannten Schritte aus. Ich fasse dabei gleich Schritt 1 und 2 zusammen, indem ich zu jeder Redewendung dazuschreibe, ob sie der Figurenrede („die Figur spricht oder denkt“) oder der Erzählerrede („der Erzähler spricht oder denkt“) zuzuschreiben ist. Hier der Beispieltext:

Karl-August stolzierte die Straße entlang und bemerkte keinen Deut, wie er einen Schritt vor den anderen setzte. „Ich glaub mein Schwein pfeift“, dachte er, „ich kann nicht fassen, dass ich mit Sack und Pack rausgeschmissen wurde; das bringt das Fass echt zum Überlaufen.“ Dabei lief gerade alles wie geschmiert und das ständige Haareraufen hatte auch aufgehört. „Ich muss den Stier bei den Hörnern packen, sonst heißt es bald wieder: Pantoffelkino und Papierkrieg“, sagte er zu sich selbst, zähneknirschend, inständig hoffend auf die schnelle Mark.

Schritt 1 und 2: Redewendungen erfassen und zuordnen

  • „stolzierte … entlang“ (Erzählerrede)
  • „keinen Deut“ (Erzählerrede)
  • „einen Schritt vor den anderen setzte“ (Erzählerrede)
  • „Ich glaub mein Schwein pfeift“ (Figurenrede)
  • „Ich kann nicht fassen“ (Figurenrede)
  • „mit Sack und Pack“ (Figurenrede)
  • „rausgeschmissen“ (Figurenrede)
  • „bringt das Fass echt zum Überlaufen“ (Figurenrede)
  • „lief gerade alles wie geschmiert“ (Erzählerrede)
  • „Haareraufen“ (Erzählerrede)
  • „den Stier bei den Hörnern packen“ (Figurenrede)
  • „Pantoffelkino und Papierkrieg“ (Figurenrede)
  • „hoffend auf die schnelle Mark“ (Erzählerrede)

Es ist deutlich erkennbar, dass der Text, absichtlich, mit vielen Redewendungen und Redensarten gefüllt ist. Nicht alle von den aufgeführten sind störend oder unnötig. Doch wie kann man herausfinden, an welcher Stelle man lieber ausbessern sollte? Das ist schwierig und hängt oftmals vom eigenen Stil und vom Stil des Textes ab. Dennoch kann man sich mit einer einfachen Regel aushelfen: Der Erzähler spricht im Normalfall etwas nüchterner als die Figuren. (Ausnahmen von dieser Regel finden sich oft dann, wenn der Erzähler ein Ich-Erzähler ist oder wenn, wie beispielsweise bei Terry Pratchett oft, der Erzähler selbst eine wichtige Figur mit eigenem Charakter ist).

Lassen wir jedoch diese Sonderfälle hier unbeachtet. Ziel ist es ja auch keinesfalls, das künstlerische Schaffen zu limitieren, sondern lediglich den eigenen Stil etwas zu verbessern. Die Idee zu diesem Artikel bekam ich, als ich die Parabel „Das Seil“ von Stefan aus dem Siepen las. Ein Wortkünstler durch und durch, ein Stimmungszauberer, der mit wenigen Worten lebendige und starke Eindrücke vermittelt. Und dennoch kommen in der Figurenrede seiner Personen oft Redewendungen vor. Wie passt das zusammen? Ganz einfach, denn Unvermögen ist es nicht, sondern der bewusste Einsatz von Sprache. Die Hauptpersonen in „Das Seil“ sind Bauern und den harten, einfachen Ton ihrer Sprache fängt aus dem Siepen dadurch ein, dass er bewusst auf einfache Formulierungen zurückgreift, welche den Charakter der sprechenden Personen unterstreichen. Ganz anders der Erzähler, der weiß mit Worten aufzuwarten, die beim Lesen vor Freude lächeln lassen. Das heißt also: In der Figurenrede sind Redewendungen ein durchaus effektives Mittel, wenn sie den Charakter der Person unterstreichen – und das bedeutet, dass man vor allem bei der Erzählerrede ansetzen muss, will man den Stil heben.

Schritt 3: Umformulieren (mit Erklärung)

  • „stolzierte … entlang“ (Erzählerrede) zu „ging … entlang“ (nüchterner, klarer)
  • „keinen Deut“ (Erzählerrede) zu „nicht“ (weniger umgangssprachlich, weniger derb)
  • „einen Schritt vor den anderen setzte“ (Erzählerrede) zu „wie finstere und erleuchtete Fenster langsam an ihm vorbeizogen“ (Perspektivenwechsel, Stimmungsaufbau, sonst zu platt)
  • „Ich glaub mein Schwein pfeift“ (Figurenrede) zu „Potztausend“ oder härter: „Verdammt!“ (ansonsten unschönes Bild, zu bunt für einen Gedanken)
  • „Ich kann nicht fassen (belassen, wenig auffällig und überdies unterstreicht es die „Sprache“ der Hauptperson)
  • „mit Sack und Pack“ (Figurenrede) zu „eiskalt“ (Reim „Sack – Pack“ wirkt unschön, viele andere Varianten möglich, aber „eiskalt“ unterstreicht die Sprache der Hauptperson gut)
  • „rausgeschmissen“ (Figurenrede) (belassen, in diesem Fall typische Sprache der Hauptperson)
  • „bringt das Fass echt zum Überlaufen“ (Figurenrede) zu „damit schwappt nun endgültig das Wasser über den Fassrand“ (kreative, sinngleiche Umformulierung, um das Langweilige der originalen Redewendung zu tilgen)
  • „lief gerade alles wie geschmiert“ (Erzählerrede) zu „war es auf der Arbeit gerade ruhiger geworden“ (distanziertere Ausdrucksweise, auch um den Erzähler vom Sprachstils der Hauptperson abzugrenzen)
  • „Haareraufen“ (Erzählerrede) zu „ewige Streit“ (nüchterner, dem Erzähler angemessener, „Haareraufen“ könnte eventuell die Hauptperson in der Figurenrede verwenden)
  • „den Stier bei den Hörnern packen“ (Figurenrede) zu „endlich mal was hinbekommen“ (ausgeleierte und bildlich unpassende Metapher durch emotionale Figurenrede ersetzen, welche Rückschlüsse auf deren Gefühlsleben zulässt)
  • „Pantoffelkino und Papierkrieg“ (Figurenrede) (belassen, drückt Wortwitz und Kreativität der Hauptperson aus, verleiht ihr einen Anflug von Sympathie durch humoristische Darstellung der zukünftigen Situation)
  • „hoffend auf die schnelle Mark“ (Erzählerrede) (belassen, wirkt als Pointe des Erzählers, der das Geschehen aus seiner Sicht kommentiert und bewusst die Stilebene der Hauptfigur aufgreift. Könnte umformuliert werden, verleiht dem Text in der ursprünglichen Form aber einen eigenen, ungezwungen Klang.)

Für jede Veränderung gibt es natürlich Alternativen, ich möchte hier auch nur Vorschläge zur Verbesserung aufzeigen und keinesfalls Normen vorgeben; diese würden kreatives Schreiben nur einengen. Dennoch hoffe ich, demonstriert zu haben, wie man auf langweilige Standardformulierungen verzichten und seinen Text durch wenige Umformulierungen stärker und eigenständiger machen kann. Setzen wir zum Schluss also die vorgeschlagenen Ersetzungen in den Beispieltext ein. Hier beide Versionen im Vergleich:

Original:

Karl-August stolzierte die Straße entlang und bemerkte keinen Deut, wie er einen Schritt vor den anderen setzte. „Ich glaub mein Schwein pfeift“, dachte er, „ich kann nicht fassen, dass ich mit Sack und Pack rausgeschmissen wurde; das bringt das Fass echt zum Überlaufen.“ Dabei lief gerade alles wie geschmiert und das ständige Haareraufen hatte auch aufgehört. „Ich muss den Stier bei den Hörnern packen, sonst heißt es bald wieder: Pantoffelkino und Papierkrieg“, sagte er zu sich selbst, zähneknirschend, inständig hoffend auf die schnelle Mark.

Umformuliert:

Karl‑August ging die Straße entlang und bemerkte nicht, wie finstere und erleuchtete Fenster langsam an ihm vorbeizogen. „Potztausend“, dachte er, „ich kann nicht fassen, dass ich eiskalt rausgeschmissen wurde; damit schwappt nun endgültig das Wasser über den Fassrand!“ Dabei war es auf der Arbeit gerade ruhiger geworden und der ewige Streit hatte auch aufgehört. „Ich muss endlich mal was hinbekommen, sonst heißt es bald wieder: Pantoffelkino und Papierkrieg“, sagte er zu sich selbst, zähneknirschend, inständig hoffend auf die schnelle Mark.

Wie Karl‑August auf die Mark, so hoffe ich, dass Ihnen dieses kleine Beispiel Lust macht, Ihre eigenen Texte noch weiter zu perfektionieren und durch gekonnten und kreativen Sprachgebrauch lebendigere, unverwechselbare Texte zu schreiben, die neu erfinden, wo andere einfach nur in den Topf des Immergleichen langen. Denn durch unsere alltägliche Sprache greifen wir oft unbemerkt hinein in diesen Topf, aber da Ihre Bücher nicht alltäglich, sondern besonders sein sollen, muss man anpacken und feste Formulierungen aufbrechen zu schöner und einfallsreicher Sprache. Einen Ehering aus Gummi will man seiner Geliebten oder seinem Geliebten schließlich auch nicht unbedingt schenken.


Mit dem 52×1 zum ersten Buch

Im Vergleich zu Kilogramm oder Meter ist die Einheit Buch ganz anders. Man kann zwar zählen 1 Buch, 2 Bücher und so fort, genau wie bei den Maß‑ und Gewichtsangaben auch, aber irgendwie gibt es schon einen Unterschied. Im Artikel dieser Woche soll es jedoch nicht darum gehen, zu zeigen, was genau die Eigenschaften eines Buches sein müssen, damit wir es Buch nennen (denn das bereitet uns im Alltag kaum Probleme). Vielmehr nämlich ist das, was viele vom Schreiben abhält, die Frage: was genau und wie viel muss ich denn eigentlich tun, damit am Ende ein Buch herauskommt?

Dass niemand Angst vor einem Meter hat, weil er aus 1000 Millimetern besteht, verwundert kaum. Aber dass manche Bücher 1000 Seiten haben, das ist für viele, die überlegen ihr erstes Buch zu schreiben, oft etwas abschreckend. Denn 1000 Seiten Text schreiben sich nicht an einem Tag und die meisten Menschen trauen sich nicht zu, soviel zu schreiben (vor allem dann nicht, wenn sie keine geborenen Viel- und Gernschreiber sind). Daraus entsteht dann womöglich eine Art Angst, die sich vom Umfang eines Buches herleitet: Das schaffe ich nie!

Diese Angst ist unbegründet und entsteht einerseits dadurch, dass man sich vom Buchumfang abschrecken lässt („So viel kann ich gar nicht schreiben!“), und zweitens dadurch, dass man sich das Schreiben eines Buches falsch vorstellt („Das würde mir gar nicht alles einfallen!“). Diese beiden Angstursachen lassen sich dabei leicht beseitigen und ich gebe im Folgenden ein paar Tipps, wie sich jeder selbst diese Schreibangst nehmen kann.

(Hinter allen folgenden Ratschlägen steht immer die eine, grundlegende Regel: Man muss Spaß am Schreiben haben. Wenn das nicht der Fall ist, dann ist alles andere vergebens.)

Widmen wir uns zuerst der Angst vor den fehlenden Ideen, die ganz eng mit den falschen Vorstellungen vom Schreibprozess selbst verknüpft ist. Eine Idee, um die man das Buch herum schreiben will, die braucht es freilich am Anfang immer. Sonst würde man ja gar nicht erst anfangen. Wenn Sie jedoch Ihre Idee haben, um die ein Buch entstehen soll, dann kann es auch sogleich losgehen. – Aber nicht mit dem (Buch)Schreiben!

Denn das ist (ganz gleich, ob es sich um ein Fachbuch oder einen Roman handelt) der Fehler, der möglicherweise viel zu oft passiert: Man schreibt einfach drauflos und wundert sich dann, dass einem auf dem Weg die Ideen ausgehen, dass das Buch nicht den gewünschten Umfang hat, oder dass man eigentlich nur einen guten Anfang, ein gutes Ende aber einen schnarchlangweiligen Mittelteil zu Papier gebracht hat. Denn solche Meister gibt es nur wenige, die während des Schreibens ihre Bücher erfinden (und dann heißt das auch noch nicht, dass am Ende ein gutes Buch herauskommt).

Den meisten Textschaffenden wird es ähnlich gehen: Ein Buch schreiben, das ist mehr, als wild in die Tasten zu hämmern. Texte schreiben bedeutet: Wissen, worüber man schreibt. Dieses Wissen kann sich dabei je nach Buch ganz unterschiedlich zusammensetzen. Eingehende Recherche bei Fachbüchern ist immer ein guter Beginn, eine Auflistung aller wichtigen Themen schon fast der Startschuss. Ähnlich ist es auch bei Romanen. Auch dort kann in bestimmten Genres eine eigehende Recherche notwendig sein (historischer Roman etc.)

Gehen wir an dieser Stelle davon aus, dass die Recherche erledigt ist und man sich wohlfühlt in dem Thema, über das man schreiben möchte – auch dann sollte man noch nicht mit dem Schreiben selbst beginnen. Denn obwohl die Grundlage schon eine sehr gute ist, so fehlt dem Buch doch noch sein eigentliches Skelett. Dieses zusammenzukitten ist von den wichtigen Vorarbeiten die notwendige. Denn eine Idee ist noch kein Buch. Die Idee muss ausgeführt werden, sie muss zu etwas werden, das länger hält als die Dauer eines Geistesblitzes. Hier liegt nun auch der Dreh- und Angelpunkt aller guten Bücher: Die Idee muss zu einem Text werden.

Das genaue Vorgehen lässt sich nicht beschreiben, wie dieser Schritt bewerkstelligt werden kann. Hier muss jeder seinen eigenen Stil finden. Jedoch ist es immer wichtig, dass man sich über den Anfang und das Ende hinaus überlegt: was passiert eigentlich genau in der Mitte des Buches? Um diese Frage dreht sich dann alle weitere Beschäftigung. Man muss Personen erfinden, ihnen eine Biografie verpassen, man braucht Handlungsmotive, man benötigt Handlungsstränge. Eben all das, was der Schriftsteller erfinden muss, damit er sein Buch schreiben kann.

Je genauer man bei der Planung seines Buches vorgeht, desto mehr bildet sich schon vor dem ersten Wort des eigentlichen Textes die Geschichte im Kopf heraus. Je mehr man Handlungsskizzen, Charakterskizzen und –motive entwirft, umso mehr spinnt sich von ganz allein eine Geschichte im Kopf zurecht. Das beste Buch schreibt man demnach, wenn man vor dem eigentlichen Niederschreiben schon grob (und im Idealfall: genau) weiß, was ein paar Kapitel später passieren wird und warum das wichtig ist für den Mittelteil des Buches. Denn so erzeugt man auch über viele Seiten hinweg Spannung (man muss wissen, was man spannend macht und wie und wo man die Spannung auflöst).

An dieser Stelle haben Sie noch kaum etwas vom Haupttext Ihres Buches notiert, aber Sie sind ausgerüstet mit allem, was Sie brauchen, um sich später beim Schreiben wohlzufühlen: Sie wissen Bescheid (Recherche) und sie haben ihrer Idee Leben eingehaucht (Buchkonzeption und Skizzen). Sind Sie an dieser Stelle angekommen, werden Sie merken, dass die zweite oben genannte Angstursache (die vielen Seiten, die es noch zu schreiben gilt) schon weit in den Hintergrund gerückt ist. Denn nun wissen Sie, was sie alles auf diese vielen leeren Seiten schreiben können. Aber dennoch: Es steht noch nichts da, was mal ein Buch werden könnte, und Sie haben schon viele, viele Stunden an der Ausgestaltung Ihrer Idee verbracht. Jetzt heißt es: letzte Vorbereitungen treffen, sich selbst motivieren und dann wird losgelegt.

Der letzte Schritt, bevor es an die Schreibarbeit geht, ist das Organisieren der Handlung in Kapitel. Sie wissen, was Sie alles behandeln wollen, Sie wissen, was alles vorkommen muss, und Sie wissen, wodurch Ihre Spannung erzeugt wird. Diese Textknochen fügen Sie jetzt zu einem Textskelett. Entwerfen Sie die ersten 10 bis 20 Kapitel Ihres Buches, notieren Sie sich, was darin geschehen soll. Und fertig ist Ihre eigene Buchvorlage, der Sie im letzten Schritt nun „bloß“ noch Leben einhauchen müssen. Es spielt übrigens keine Rolle, wenn Sie nicht alle Kapitel des Buches durchplanen, lassen Sie sich Spielräume für Eingebungen während des Schreibens. Aber orientieren Sie sich immer an Ihren Skizzen, auch wenn Sie die Kapitel später noch einmal umarbeiten.

Und jetzt der Clou: Sie haben die Idee und diese zu einem Konzept gemacht. Aus dem Konzept sind die (noch leeren) Kapitel entstanden. Sagen wir, Sie gliedern Ihr Buch in 52 Kapitel. Und bevor Sie mit Schreiben anfangen, lösen wir noch kurz eine Rechenaufgabe (nicht zufällig entsprechen die 52 Kapitel den 52 Wochen des Jahres). Ihr Ziel ist eine spannende Geschichte mit dem Umfang von 400 Taschenbuchseiten. 400 Seiten ÷ 52 Wochen = ca. 8 Seiten in der Woche. Die weitere Rechnung könnte man sich schenken, aber sie tut gut: 8 Seiten ÷ 7 Tage = etwas mehr als 1 Seite pro Tag.

Lassen Sie uns darüber kurz nachdenken: Sie haben die Idee und Sie wissen, worüber Sie schreiben wollen, und Sie haben Ihre Kapitel und Sie wissen, dass Sie, wenn Sie jeden Tag etwas mehr als eine Seite schreiben, innerhalb eines Jahres Ihr erstes Buch fertiggestellt haben. Da Sie gern schreiben und weil für Sie eine Seite Text am Tag keine Herausforderung ist und weil Sie wissen, was Sie auf diese eine Seite schreiben wollen (aufgrund Ihrer gründlichen Vorarbeiten) – deswegen wissen Sie auch, dass Sie es schaffen, Ihr Buch zu schreiben und keine Angst haben müssen, dass Ihnen nichts mehr einfällt oder dass Sie der Umfang überwältigt.

Um sich noch weiter zu motivieren, rechnen Sie so: Schaffen Sie ca. 3 Seiten an einem Tag, dann haben Sie binnen eines Jahres Ihren 1000 Seiten-Wälzer (wofür natürlich auch genug Stoff da sein muss!). Oder so: Mit 5 Seiten am Tag, haben sie Ihre 400 Taschenbuchseiten in 80 Tagen fertig. Oder rechnen Sie so, wie es Sie motiviert. Wenn Sie die magische Einheit, 1 Jahr, in Ihre Berechnungen einbringen, dann kommen Sie für fast alle Bücher immer zu demselben Ergebnis: Das schaffe ich!

Es sei zum Schluss dieses Eintrags noch angemerkt, dass es in diesem Artikel darum ging, ein Buch in einem Jahr zu schreiben. Die Ideenfindung und Konzeption sind da nicht mit eingerechnet. Aber wenn Sie am Tag etwa 3 Seiten schreiben, dann haben Sie noch 6 Monate, um Ihr Buch zu planen. Erliegen Sie dabei bitte nicht der Illusion, dass eine gute Planung auch zu einem sicheren Erfolg führt. Denn der Erfolg bestimmt sich durch viele zufällige Faktoren am Buchmarkt. Dennoch können Sie Ihre Chancen erhöhen, je besser Ihre Idee ist und umso gründlicher Ihre Vorarbeiten sind.

Denken Sie aber auch daran, dass 100 Autoren aus einer Buchskizze 100 verschieden gute Bücher machen können. Sie müssen zu den besten dieser 100 gehören. Also lassen Sie all Ihr Sprachgefühl und Ihre Kreativität in Ihre Sätze fließen, nachdem Sie festgestellt haben, dass Ihr Buch schon in greifbarer Nähe (1 Jahr!) ist. Denn das ist die zweite Seite des Autorenhandwerks, neben dem Erfinden und Planen des Inhalts: das Schreiben (und das geht umso besser, wenn Sie sich nicht immer Gedanken machen müssen, was Sie schreiben, sondern nur noch: wie Sie es am besten zu Papier bringen).

In diesem Sinne: Wir lesen uns – spätestens in einem Jahr!


[Nahdenken! #2] Kreativ kopiert, verliert

Über rollende Rubel freut man sich, überrollende Rubel dagegen können schnell wehtun. Herzlich willkommen zum zweiten Artikel in der Kolumne „Nahdenken!“

Es geht um das: Geld. Und es geht um das: Schreiben. Beide fügen sich oftmals nicht in die Verbindung, die man sich wünsch, besonders dann nicht, wenn man selbst Autor ist. Man schreibt zwar, aber das liebe Geld will nicht so richtig. Viele Autoren kennen die Situation und es ist vor allem für Erstveröffentlichungen schwierig, den Absatz zu finden, den man sich erhofft. Es ist schwer dahin zu kommen, dass sich die viele Zeit, die man ins Schreiben gesteckt hat, auszahlt. Das kennen viele und daran lässt sich auch nichts ändern. Der Beruf des Schriftstellers ist einer, der Mut erfordert, aber auch einer, der neben allem Mut immer vom Wohlwollen der Leser und oft von der Veröffentlichung bei einem Verlag abhängt. Doch wie kommt man nun verflixt nochmal dahin, dass sich die Mühe und all das Herzblut endlich lohnen?

Eine Antwort – und das ist gerade diejenige, von der ich abraten möchte – ist das kreative Kopieren von Stoffen, Perspektiven und Trends. Kreativ nenne ich es deswegen, da ich fest davon überzeugt bin, dass jedes Kopieren immer vor dem Hintergrund einer eigenen Vorstellung stattfindet. Meint: Ich lese etwas, es gefällt mir und es ist erfolgreich, ich mach es auch so. Prinzipiell ist dagegen natürlich nichts einzuwenden, denn man plagiiert schließlich nicht, sondern man lässt sich lediglich stark inspirieren. Das ist in Ordnung, aber das kann schnell gefährlich werden.

Denn jeder kennt das Gefühl, wenn man ein Buch ermüdet aus der Hand legt, weil man das Gefühl hat, es so ähnlich schon tausendmal gelesen zu haben. Und wenn das passiert, dann kommt es gar nicht erst dazu, dass der Rubel an Fahrt gewinnt, und dann kommt er auch nie bei einem selbst an. Denn der Widerspruch liegt schon in der Überlegung, die hinter einem solchen Vorgehen steckt: Ich mach es wie andere! Aber wenn ich etwas wie jemand anderes mache, so ist das Ergebnis immer: etwas, das ich mache wie jemand anderes. Das klingt blöd, aber es ist so. Das „ich“ bekommt man nicht weg, man wird nie zum Original, man bleibt der, der nachmacht (wie kreativ auch immer).

Betrachtet man das aus finanzieller Perspektive, dann sieht das folgendermaßen aus: Etwas ist gut und neu und erfolgreich – es bringt viel Geld. Das will man natürlich auch. Wenn man es nachmacht, dann kann es immer noch gut sein (und eventuell auch erfolgreich), aber es wird natürlich nicht zu etwas Neuem. Das liegt ja in der Natur der Sache. Nun ist es aber gerade so, dass die bekanntesten Autoren auch diejenigen sind, von denen man gern etwas nachmachen möchte (denn man findet es ja gerade mit vielen anderen Lesern zusammen gut, deswegen wird es ja erst erfolgreich). Verständlich, aber das kann langfristig doch nicht das Ziel sein, wenn man mit ganzem Herzen schreibt! Man will doch nicht nur den Profit, man will doch auch zu einer Schriftstellerin oder zu einem Schriftsteller werden, von dem die anderen abschreiben wollen!

Natürlich wieder einmal leichter gesagt, als getan. Aber ich denke, dass jeder, der sich dem Schreiben verschrieben hat (Entschuldigung!), dies tut, weil es ein innerer Drang ist und nicht, weil man schnell Geld machen will (dies wäre das wünschenswerte Ergebnis, keine Frage). Doch das schnelle Geld als Autor zu verdienen, ist in etwa so wahrscheinlich, wie das schnelle Geld beim Lottospielen einzuheimsen. Mit einem Unterschied, wohlgemerkt! Beim Lotto stehen die Chancen immer gleich schlecht, beim Schreiben kann man seine Chancen beeinflussen. Und ein erster Schritt dazu ist der, dass man dem Leser auf keinem Fall das Gefühl vermittelt, dass er schon tausendmal gelesen hat, was er dort vor sich sieht.

Was heißt das bis hierher? Kreatives Kopieren kann gut und erfolgreich sein, aber es wird nie zu etwas führen, das für viele andere inspirierend wirkt. Drei Gründe, warum das langfristig schlecht ist: man wird unzufrieden mit sich selbst, wenn man nichts Eigenes schafft; man läuft Gefahr den Leser zu langweilen; man wird für andere nie das Vorbild sein, von dem man selbst kreativ kopierte (weil man nichts Neues, nicht Kopierwürdiges schafft). Schlussfolgerung: Immer etwas völlig Neues erfinden! Um Gottes Willen, bloß nicht. Die Schlussfolgerung ist natürlich völliger Mumpitz und keinesfalls, wozu ich als Alternative raten möchte. Denn wenn schon nicht allen gelingt, ein Buch gut kreativ zu kopieren, so gelingt es nur den Allerwenigsten, eines ganz neu und innovativ zu machen. Richtige Schlussfolgerung: an dem orientieren, was es schon gibt. Das klingt jetzt wie ein Widerspruch, ich weiß.

Dennoch liegt darin der erste Schritt, ein Buch zu Scheiben, was der Verleger im Programm haben will und was der Leser bis zum Schluss gierig in der Hand hält. Denn ich meine nicht, man soll sich an dem orientieren, was es schon gibt im Buchhandel, sondern, was es in einem selbst schon gibt. Denn wenn ich schreibe, wofür ich mich interessiere, dann wird es zu etwas, das ich gemacht habe, wie ich es will – und darin liegt schon der ganze Unterschied zu dem Satz weiter oben, wo es hieß: „so ist das Ergebnis immer: etwas, das ich mache wie jemand anderes.“ Nicht das „ich“ muss weg, damit man sich möglichst dem „jemand anderes“ annähert! Das „jemand anderes“ muss weg.

Indem man dieses „jemand anderes“ von sich wegschiebt, sollte man sich aber auch keinesfalls isolieren. Viel zu lesen und vieles gut zu finden (und auch vieles schlecht), ist Grundvoraussetzung jedes Schreibens. Aber der Satz „Ich will wie jemand anderes“, der muss verschwinden. Her muss: „Jetzt will ich!“ – und dann wird in die Tasten gehauen bzw. beginnt man dann, sich sein Buch auszudenken. Inspirieren lassen, natürlich. Kreativ kopieren: bitte nicht.

Denn wenn der Rubel rollen soll, dann darf weder der Verleger das Gefühl haben: „Nichts Eigenes drin, weg damit“ und auch der Leser darf nicht denken: „Schon wieder immer dasselbe!“ Und da der Verlag nicht will, dass der Leser so etwas denkt, wird er es auch selbst merken und eventuell von einer Veröffentlichung absehen. – Daher kommt dann auch der viele Mut, der zum Schreiben nötig ist. Denn man muss sagen: Ich mach das jetzt, wie ich es will, auch wenn zurzeit viele es anders machen; denn ich will das. Come hell or high water! Und glauben Sie mir, wenn Sie es machen, wie Sie es wollen, dann merken das auch Verlag und Leser, dass hier ein Autor das gemacht hat, was er wollte – und nicht, was er kopieren wollte.

Das ist das Geheimnis. Und jetzt braucht es nur noch die ganzen anderen Dinge, die für gutes Schreiben nötig sind: Begabung, Ausdauer, gute Ideen, viel Zeit und Geduld – die Liste könnte noch sehr viel länger werden, aber ich fasse zusammen. Wenn Sie das Geheimnis (was eigentlich gar nicht so geheim ist) erkannt haben, dann braucht es: den Mut der Autorin, den Mut des Autors. Denn ohne den geht gar nichts. Nicht einmal, etwas zu kopieren (besonders dann, wenn es nicht kreativ kopiert wurde) … man weiß ja durch die Medien, wozu das im schlimmsten Fall führen kann und dass das oft mit Rücktritten verbunden ist.

Denn dann wurde man vom Rubel überrollt: Man will ihn, man greift nach ihm, man bekommt ihn, doch dann erwischt er einen, und man liegt da. Man war wer, aber man hat nichts hinterlassen (außer sich selbst auf dem Boden). Um Freund mit dem Rubel zu werden, muss man zuerst Freund mit sich selbst sein. Denn die Freundschaft zum Rubel ist immer eine tückische, die zu sich selbst eine notwendige.